Tanztheatergottesdienst „IDentität“

In der ersten Szene stellen wir tänzerisch dar, wie ein Mensch sich selbst wahrnimmt und sich als Teil einer Gruppe wiederfindet. In der zweiten fragen wir nach den Stimmen, die in mir sprechen. Wer oder was leitet mich in meinem Handeln, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen? Abschließend geht es um die Erfahrung, gegen den Strom zu schwimmen.

Tanztheater erste Szene

Die Jungen Akteure Gießen gestalten zum dritten Mal einen Gottesdienst in der Pauluskirche mit

direkt-predigtGottesdienst mit den „Jungen Akteuren Gießen“ und einer Tanztheaterpredigt von Pfarrer Helmut Schütz am Sonntag Septuagesimae, 24. Januar 2016, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Herzlich willkommen in der Pauluskirche zu einem Gottesdienst mit der Tanztheatergruppe „Junge Akteure Gießen“, die seit mehreren Jahren regelmäßig unseren Gemeindesaal für ihre Proben nutzt und inzwischen von Marie Neumann koordiniert wird. Zwei Mal bereits haben sie uns mit Szenen und Tänzen zu den Themen „Schönheit“ und „Traumwandler“ erfreut und zum Nachdenken angeregt.

Heute tun sie dasselbe mit drei Szenen aus ihrem letztjährigen Projekt unter dem Thema „IDentität“. In Kurzfassung: Es geht um die Frage: „Wer bin ich? Und wenn ja, wie viele?“, wie es einmal der Philosoph Richard David Precht mit einem Buchtitel formulierte.

Die Gründung der „Jungen Akteure Gießen“ geht übrigens auf eine Initiative der Evangelischen Jugend und des Dekanatsjugendreferenten Hans-Jürgen Hoerder zurück, der heute Nachmittag um 17 Uhr in der Petruskirche in seinen Ruhestand verabschiedet wird. Da tritt die Tanztheatergruppe noch ein zweites Mal am heutigen Tag in einem Gottesdienst auf.

Wir singen das Lied 585, in dem es um die Frage geht, wer wir eigentlich sind:
Ich rede, wenn ich schweigen sollte
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Als Mose von Gott den Auftrag hört, die Israeliten aus Ägypten zu befreien, da zweifelt Mose an sich selber, er weiß nicht recht, wer er ist (2. Buch Mose – Exodus 3):

11 Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

12 Er sprach: Ich will mit dir sein.

So sieht eine erste Antwort der Bibel auf die Frage: „Wer bin ich?“ aus, eine Antwort von Gott selbst. Wo wir Gott an unserer Seite wissen, da können wir wissen, wer wir sind. Aber Mose gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Er fragt: „Und wer bist du? Mit was für einem Gott habe ich es zu tun? Wie ist dein Name?“

14 Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

So umschreibt Gott selbst seinen eigenen unaussprechlichen Namen: „Ich werde sein“. Man kann ihn auch anders übersetzen: „Ich bin, der ich bin.“ „Ich bin für euch da.“ „Ich geschehe immer wieder neu.“ „Ihr erfahrt mich, indem ich euch befreie.“ Nur Gott kennt seinen eigenen Namen, weil es ein Name ist, den wir Menschen nicht beschwören können, nicht beschwören sollen. Es ist ein Name, dem gegenüber wir unsere eigene individuelle Identität selber finden dürfen, in Freiheit und mit der Erfahrung, von diesem Gegenüber geliebt zu sein.

Kommt, lasst uns diesen Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Nicht nur Mose, auch König Salomo trat später Gott mit der Frage „Wer bin ich?“ gegenüber, als er ihm ein Gotteshaus, einen Tempel bauen wollte (2. Chronik 2):

3 Siehe, ich will dem Namen des HERRN, meines Gottes, ein Haus bauen, das ihm geheiligt werde…

4 Und das Haus, das ich bauen will, soll groß sein; denn unser Gott ist größer als alle Götter.

5 Aber wer vermag es, ihm ein Haus zu bauen? Denn der Himmel und aller Himmel Himmel können ihn nicht fassen. Wer bin ich denn, dass ich ihm ein Haus baue, es sei denn, um vor ihm zu opfern?

Gott, vor dir fragen wir uns: „Wer bin ich?“ In deiner Kirche kommen wir zusammen, nicht weil wir denken, du würdest hier wohnen, sondern weil wir hier einen Ort haben, um uns auf dich zu besinnen, auf das, was du uns schenkst mit unserem Leben, mit deiner Liebe, und wie wir dir darauf antworten können mit unserem Opfer, mit Taten der Dankbarkeit. Wir rufen zu dir und bitten dich um deine Barmherzigkeit mit dem, was wir sind und wie wir sind:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten den Psalm 8, im Gesangbuch Nummer 705. Antworten Sie mir bitte mit den eingerückten Versen:

2 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

3 Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen.

4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:

8 Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,

9 die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.

10 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, du begegnest uns mit Respekt und Hochachtung. Du stattest uns aus mit aufrechtem Gang, mit Freiheit und Liebe. Doch dabei weißt du, wie zerrissen wir uns oft fühlen, innerlich gefangen und nach außen hin – in hilflosem Selbstschutz – eher gleichgültig, verschlossen oder gar hartherzig als voller Liebe zu denen, die uns brauchen. Auf die Frage: „Wer bin ich?“ schenke uns Antworten, die uns selbstbewusst sein lassen – und zugleich offen für andere. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Ich lese eine Geschichte aus dem 1. Buch Mose – Genesis 27, 18-19.21-35.38, in der zwei Brüder von ihrem blinden alten Vater gefragt werden: „Wer bist du?“ Die Frage ist wichtig, weil nur einer der beiden Zwillingsbrüder, nämlich der wenige Minuten ältere Esau, nach altem Stammesrecht das Erbe des Vaters Isaaks erhalten kann, in diesem Fall verbunden mit dem Segen Gottes. Aber der jüngere Bruder Jakob findet sich damit nicht ab. Er will nicht einfach der Jüngere sein und damit den Kürzeren ziehen.

18 Und er ging hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Er antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn?

19 Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn; ich habe getan, wie du mir gesagt hast. Komm nun, setze dich und iss von meinem Wildbret, auf dass mich deine Seele segne.

21 Da sprach Isaak zu Jakob: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du mein Sohn Esau bist oder nicht.

22 So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind Esaus Hände.

23 Und er erkannte ihn nicht; denn seine Hände waren rauh wie Esaus, seines Bruders, Hände. Und er segnete ihn

24 und sprach: Bist du mein Sohn Esau? Er antwortete: Ja, ich bin’s.

25 Da sprach er: So bringe mir her, mein Sohn, zu essen von deinem Wildbret, dass dich meine Seele segne. Da brachte er’s ihm, und er aß; und er trug ihm auch Wein hinein, und er trank.

26 Und Isaak, sein Vater, sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn!

27 Er trat hinzu und küsste ihn. Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn und sprach: Siehe, der Geruch meines Sohnes ist wie der Geruch des Feldes, das der HERR gesegnet hat.

28 Gott gebe dir vom Tau des Himmels und von der Fettigkeit der Erde und Korn und Wein die Fülle.

29 Völker sollen dir dienen, und Stämme sollen dir zu Füßen fallen. Sei ein Herr über deine Brüder, und deiner Mutter Söhne sollen dir zu Füßen fallen. Verflucht sei, wer dir flucht; gesegnet sei, wer dich segnet!

30 Als nun Isaak den Segen über Jakob vollendet hatte und Jakob kaum hinausgegangen war von seinem Vater Isaak, da kam Esau, sein Bruder, von seiner Jagd

31 und machte auch ein Essen und trug’s hinein zu seinem Vater und sprach zu ihm: Richte dich auf, mein Vater, und iss von dem Wildbret deines Sohnes, dass mich deine Seele segne.

32 Da antwortete ihm Isaak, sein Vater: Wer bist du? Er sprach: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn.

33 Da entsetzte sich Isaak über die Maßen sehr und sprach: Wer? Wo ist denn der Jäger, der mir gebracht hat, und ich habe von allem gegessen, ehe du kamst, und hab ihn gesegnet? Er wird auch gesegnet bleiben.

34 Als Esau diese Worte seines Vaters hörte, schrie er laut und wurde über die Maßen sehr betrübt und sprach zu seinem Vater: Segne mich auch, mein Vater!

35 Er aber sprach: Dein Bruder ist gekommen mit List und hat deinen Segen weggenommen.

38 Esau sprach zu seinem Vater: Hast du denn nur einen Segen, mein Vater? Segne mich auch, mein Vater! Und er erhob seine Stimme und weinte.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Tanztheater erste SzeneNun kommen wir zur Predigt, zu der die „Jungen Akteure“ zwei Tanzchoreographien und eine Schauspielszene beisteuern. Aber damit Sie wissen, was die Paulusgemeinde mit diesen Studentinnen und Studenten zu tun hat und wie das Projekt „IDentität“ entstanden ist, lasse ich vorher ein Mitglied der Gruppe zu Wort kommen, die das Stück im Paulus-Gemeindesaal entwickelt und geprobt haben.

Sophia Seitz: Vorstellung der „Jungen Akteure“ und des Projekts „IDentität“

Wir singen das Lied 302:

1. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

2. Wohl dem, der einzig schauet nach Jakobs Gott und Heil! Wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt; sein Herz und ganzes Wesen bleibt ewig unbetrübt.

5. Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl; und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

8. Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm; der Herr allein ist König, ich eine welke Blum. Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist’s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, zur Predigt hingeführt wurden wir mit einem Lied, in dem wir Jakobs Gott und Heil besungen haben, und durch die Geschichte von Jakob, der seinen Bruder durch einen Identitätsschwindel um den Segen des Vaters betrügt. Das gibt es also nicht erst heute im Internet, das gab es schon in der Bibel: Identitätsdiebstahl.

Getreu dem Motto, dass Gott auch auf krummen Linien gerade schreiben kann, ist das am Ende sogar durchaus im Sinne Gottes, dass Jakob als der Jüngere den Segen auch behält, denn Gott findet nicht alle menschlichen Gesetze, wie zum Beispiel, dass immer der Ältere, die Attraktivere, der Stärkere sich durchsetzen muss, einfach so in Ordnung.

Jakob bleibt gesegnet, was allerdings nicht bedeutet, dass er gleich das Erbe seines Vaters Isaak antreten darf. Nein, zunächst einmal muss er auf die Flucht gehen vor seinem Bruder, der sich für den Betrug an ihm rächen will. In der Fremde muss Jakob sich selber noch einmal ganz neu finden. Erst über 20 Jahre später begegnet er seinem Bruder neu und kann sich mit ihm versöhnen. Da er inzwischen selber Eigentum erworben hat, braucht er materiell das Erbe des Vaters eigentlich gar nicht mehr. Und in einem geistlichen Sinn ringt Jakob am Fluss Jabbok mit Gott noch einmal ganz bewusst um seinen Segen; am Ende wird er gesegnet mit dem Namen „Israel“, Gottesstreiter, und er darf sich mit Fug und Recht Stammvater des Gottesvolkes nennen.

Mit einem Identitätsbetrug und einer sich daraus ergebenden Identitätsfindung auf Umwegen fängt also das Volk Israel an zu existieren.

Tanztheater erste SzeneDas führt mich zur ersten Tanztheaterszene der „Jungen Akteure“; in ihr stellen sie dar, wie einzelne Menschen immer auch Teil eines Ganzen sind und als einzelne aus diesem Ganzen hervorgehen.

In der ersten Szene stellen wir tänzerisch dar, wie ein Mensch sich selbst wahrnimmt, sich als Teil einer Gruppe wiederfindet und beginnt, gemeinsam mit den anderen zu agieren. Zusammen erschaffen sie ein großes Ganzes, aus welchem sich jeder neu entfaltet. Dabei zeigen die Tänzer Ihre individuelle Seite , die aber auch von ihren Mitmenschen geprägt ist.

Hauptchoreo: „Einzelne Menschen als Teil eines Ganzen“

Tanztheater erste SzeneKehren wir zurück zu dem, was ich von Israel, von dem Volk Gottes, erzählt habe. Wir Christen könnten nun anfangen zu fragen: Und wo bleiben wir? Wer sind wir im Gegenüber zu Israel? vielleicht in Rivalität zu dem alten Gottesvolk? oder in einer Gemeinschaft mit den Juden?

Viele Jahrhunderte lang fühlten sich Christen quasi wie der jüngere Bruder Jakob als rechtmäßige Erben des Gottesvolkes und hielten den älteren Bruder, in diesem Fall das Volk Israel, für enterbt. Inzwischen ist uns Christen klar geworden: Es war nie im Sinne von Jesus oder des Apostels Paulus, die Juden zu enterben. Aber durch Jesus, den Messias der Juden, oder, wie er auf Griechisch heißt, den Christus, den Gesalbten Gottes, durch ihn sind wir hinzugekommen zum Volk Gottes, zu den von dem Einen Gott geliebten Menschen.

Und es war der Apostel Paulus, der auf die Frage „Wer bin ich als Christ?“ eine Antwort gegeben hat, in der er diejenigen, die durch Jesus auf Gott vertrauen, mit einem menschlichen Leib vergleicht. „Wer bin ich?“ Antwort: Ein Teil der Gemeinde Jesu, ein Glied am Leib Christi.

Hören wir aus dem Paulusbrief 1. Korinther 12, 12-27:

12 Denn wie der Leib einer ist und doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl sie viele sind, doch ein Leib sind: so auch Christus.

13 Denn wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.

14 Denn auch der Leib ist nicht ein Glied, sondern viele.

15 Wenn aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte er deshalb nicht Glied des Leibes sein?

16 Und wenn das Ohr spräche: Ich bin kein Auge, darum bin ich nicht Glied des Leibes, sollte es deshalb nicht Glied des Leibes sein?

17 Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? Wenn er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch?

18 Nun aber hat Gott die Glieder eingesetzt, ein jedes von ihnen im Leib, so wie er gewollt hat.

19 Wenn aber alle Glieder ein Glied wären, wo bliebe der Leib?

20 Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer.

21 Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht.

22 Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten;

23 und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand;

24 denn die anständigen brauchen’s nicht. Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben,

25 damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen.

26 Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.

27 Ihr aber seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied.

So beschreibt Paulus die vielen einzelnen Christen als Glieder einer Gemeinschaft, die nicht vollständig wäre, wenn ein individuelles Stück in ihr fehlen würde. Jede und jeder einzelne prägt das Ganze auf seine Art unverwechselbar mit.

Tanztheater zweite SzeneWeiter geht es mit der Frage nach unserer Identität, indem sich die Theatergruppe damit auseinandersetzt, dass wir Menschen nicht nur innerhalb einer Gruppe verschieden sind, sondern auch in uns selber uneinig und zerrissen sein können. Die Frage des Philosophen Richard David Precht „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ ist also durchaus ernst gemeint.
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„Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Ein Spruch den man vom Hörensagen kennt. Wir aber möchten konkretisieren, wenn schon viele, wer sind dann die Stimmen, die da in mir sprechen. Wer oder was leitet mich in meinem Handeln, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen? Eine spannende Frage, mit der sich die folgende Szene auseinandersetzt.

Tanztheater zweite Szene

Ein jeder und eine jede kennt die Situation, dass man ihm / ihr eine Frage stellt, und es folgt Stille. Meist ist dies der Moment, in dem in unserem Kopf zwei unterschiedliche Stimmen zu uns sprechen. Zwei Stimmen, die unterschiedliche Teile unserer Persönlichkeit ausmachen und wahrscheinlich zwei sich voneinander unterscheidende Antworten geben würden.

Tanztheater zweite Szene

Da mag es in mir eine Stimme geben, die meine vernünftige Seite darstellt, und natürlich eine Stimme, die mehr oder weniger ihre Gegenspielerin darstellt, die an Freiheit, den kreativen Blödsinn und das Leben appelliert.

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Eine jeder und eine jede hat sein oder ihr Inneres Team, mit mehr oder weniger erhörten Stimmen und jeder von uns kann selbst entscheiden, welche Stimmen in uns in den Vordergrund und welche in den Hintergrund treten.

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Nur fest steht: Sie gehören alle zu uns, sind Teil unserer Persönlichkeit und machen uns in unserem Handeln zu den vielfältigen und manchmal zwiegespaltenen Persönlichkeiten, die wir nun mal sind.

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Schauspielszene: „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“

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In der Bibel gibt es eine berühmte Stelle, in der der Apostel Paulus von seiner eigenen inneren Zerrissenheit redet. Er ist davon überzeugt, dass das Gesetz, die Tora, die Wegweisung des Gottes Israels gut ist. Aber er selber fühlt sich unfähig, nach der Tora zu leben, gefangen in dem, was er Sünde nennt, dem Abgespaltensein von Gott, von seiner Liebe, von jeglichem Vertrauen. Hören wir Paulus im Originalton nach seinem Brief an die Römer 7, 15.18-25:

15 Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich.

18 Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht.

19 Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.

20 Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt.

21 So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt.

22 Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen.

23 Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist.

24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?

25 Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Gemüt dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.

Die Klage des Paulus über seine Zerrissenheit zwischen dem Willen zum Guten und dem Zwang, Böses zu tun, oder sogar böse zu sein, indem man besser sein will als andere, endet völlig unvermittelt mit einem Lob Gottes. „Wer wird mich erlösen aus meinem Todesleib?“, das können wir auch so hören: Wer bin ich, wenn ich nicht eigenen inneren Abhängigkeiten oder sogenannten Sachzwängen folgen will, durch die ich mich in Unrecht und unmenschliches Verhalten verstricke? Die Antwort des Paulus lautet: Wer Jesus als seinen Herrn annimmt, der kann auf Vergebung vertrauen, der kann auf Gott vertrauen und sich so aus Sünde lösen und Gottes Wegweisung folgen.

Mit dieser Antwort auf innere Zerrissenheit bahnt Paulus den Weg, dass wir uns in entscheidenden Situationen dann auch tatsächlich entscheiden: Wir können uns entscheiden gegen lebensfeindliche Teile der eigenen Identität, Lebensmuster, die ihren früheren Zweck längst nicht mehr erfüllen, verhärtete Strukturen in der eigenen Seele, die uns daran hindern, wirklich zu leben. Und wir können uns entscheiden für das Wagnis, neue Schritte zu tun, vielleicht ganz kleine Schritte, aber Schritte auf einem guten, lebensfreundlichen Weg. Manchmal, nicht immer, führt ein solcher Weg dann auch in eine gewisse Einsamkeit, wenn andere mit Unverständnis reagieren. Davon handelt die dritte Szene der Theatergruppe unter dem Stichwort „Gegen den Strom“.

Tanztheater dritte Szene - sieben Frauen und 1 Mann gehen in einer Reihe auf den Betrachter zu - was sich dann aber ändert

Das Streben nach der Antwort auf die Frage, wer man ist, hat auch immer etwas damit zu tun, wer man nicht ist – und zu welchem Zeitpunkten man sich aktiv für oder gegen etwas entschiedet. Die Erfahrung, einen wichtigen Teil eines Kollektivs darzustellen, kann genauso identitätsfindend sein, wie gegen den Strom zu schwimmen, kein Mitläufer mehr zu sein. Es ist schwierig, aber wer die Kombination wagt, weiß, was einen erwartet: Eine gefestigte Identität, Selbstverantwortung und die Freiheit.

Schlusschorus: „Gegen den Strom“

Tanztheater dritte SzeneNach dieser Szene beende ich die Predigt mit einem Gedicht von Dietrich Bonhoeffer, das mir gleich in den Sinn kam, als ich das Thema des Gottesdienstes hörte. Er war ja wahrlich einer, der als Mitglied des Widerstands im Nazi-Deutschland gegen den Strom schwamm. Sein Gedicht „Wer bin ich?“ schrieb er im Sommer 1944, als er im Militärgefängnis Berlin-Tegel inhaftiert war:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
Wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich?
Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich,
Dein bin ich, o Gott.

Tanztheater dritte Szene

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 584:

Meine engen Grenzen
Fürbitten – Gebetsstille – Vater unser

Tanztheater dritte SzeneWorauf ich in diesem Gottesdienst bisher überhaupt nicht eingegangen bin, das sind die vielen „Ich-bin“-Worte Jesu, in denen er darüber Auskunft gibt, wer er ist, das heißt, wie er für die Menschen in aller Welt und auch für uns da ist. Am Schluss singen wir davon wenigstens noch ein Lied, das Lied 602:

Du hast gesagt: »Ich bin der Weg«
Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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