„Wenn der Herr es will…“

Wohin führt die Tür, die sich zum Neuen Jahr öffnet? Nur, „wenn der Herr es will“, werden wir leben, können unsere Pläne gelingen. Aber welche Pläne sollen gelingen, was will Gott wirklich von uns? Geschäfte machen – ist das der Zweck unseres Lebens, auch wenn wir dabei auf Kosten anderer Gewinne machen?

Freistehende Tür im Theaterpark Gießen

Wohin führt die Tür, die sich zum Neuen Jahr öffnet?

Gottesdienst am Altjahrsabend 1979 um 18.00 Uhr in Reichelsheim
Lied 429 1-5: Nun lasst uns gehn und treten
Lied 45, 1-3: Der du die Zeit in Händen hast Predigt
Lied 45, 4-6: Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist
Lied 347, 8: Treib unsern Willen, dein Wort zu erfüllen
Lesung: Lukas 12, 35-40

35 Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen

36 und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun.

37 Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.

38 Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet’s so: selig sind sie.

39 Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein Haus einbrechen.

40 Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr’s nicht meint.

Gott bewahre uns alle in seiner Gnade. Amen.

Den Predigttext zum Altjahresabend und zum Beginn eines neuen Jahres lese ich aus dem Brief des Jakobus 4, 13-17 (GNB):

Nun aber zu euch, die ihr sagt: »Heute oder morgen werden wir in die und die Stadt reisen! Dort werden wir ein Jahr lang Geschäfte machen und viel Geld verdienen.« Woher wisst ihr denn, was morgen sein wird? Was ist euer Leben? Es gleicht einem leichten Nebel, der vom Boden aufsteigt und sich sogleich wieder auflöst. Sagt lieber: »Wenn der Herr es will, werden wir noch leben und dies oder jenes tun.« Ihr seid jetzt stolz und überheblich; aber ein solcher Stolz ist verwerflich. Wer weiß, was er zu tun hat, und tut es nicht, der macht sich schuldig.

Amen.

Liebe Gemeinde!

Am Ende eines alten Jahres nimmt man sich manches vor. Wir setzen uns Ziele, oder es sind uns Ziele vorgegeben – und wir schmieden Pläne, um diese Ziele zu erreichen. Z. B.: ein Schüler möchte alles daran setzen, um doch noch ein gutes Abschlusszeugnis zu erhalten, denn sonst sieht es mit dem Arbeitsplatz schlecht aus. Oder eine Familie plant, auf ihren Urlaub zu verzichten, um sich den größeren Wagen leisten zu können. Oder einer will bei der Arbeit noch etwas mehr zulegen, um beruflich weiterzukommen. Oder umgekehrt: im kommenden Jahr soll meine Familie nicht mehr zu kurz kommen, also muss ich Zeit gewinnen – nur wo und wie?

Wir kennen wohl alle den Spruch: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Das meiste, was man sich vornimmt, ist bald vergessen. Mancher rasch dahingesagte Vorsatz verhindert vielleicht auch das tiefere Nachdenken über das, was wir tun oder lassen sollten.

In der Zeit „zwischen den Jahren“, die ruhiger ist als die Vorweihnachtszeit und manchem eine Pause lässt, bevor die Arbeit wieder neu beginnt, sind wir zu solchem Nachdenken bereiter als sonst. Am Altjahresabend, bevor bei manchen der Silvestertrubel, bei anderen eine stille Zeit einkehrt – da lassen wir gern noch einmal das vergehende Jahr an uns vorüberziehen.

Was sind unsere Fragen? Was hat uns das Jahr gebracht? Was haben wir in diesem Jahr von den uns gesteckten Zielen erreicht? Was wurde uns geschenkt? Was wurde uns genommen? Welche Sorgen haben uns bedrückt? Welches Glück hat uns erfüllt?

Jeder hat seine eigenen Fragen und seine eigenen Erfahrungen. In unserer Familie brachte dieses Jahr einen Todesfall, und es brachte die Freude über die Geburt unseres zweiten Sohnes. Beruflich und privat ist mein Weg seit diesem Jahr mit dem Weg der Kirchengemeinden Reichelsheim und Heuchelheim verbunden, dazu will ich auch zwei Dinge sagen: ich bin froh über vieles, was wir in diesem Jahr gemeinsam in unseren Gemeinden aufgebaut haben; ich bin gleichzeitig etwas besorgt über die eigene Arbeitsbelastung, die uns oft zu wenig Schlaf und Erholung und dem persönlichen und dem Familienleben sehr wenig Raum lässt. Jeder wird an dieser Stelle auch an das denken, was ihm selbst in diesem Jahr mehr oder weniger gut gelungen ist – und an den Preis, den er dafür gezahlt hat.

Nun steht das neue Jahr vor der Tür. Was sollen, was können wir uns vornehmen? Erlauben Sie, dass ich wieder von mir spreche. Ich weiß viele Dinge, die ich im nächsten Jahr tun möchte. Die Jugendarbeit weiter aufbauen, vielleicht doch noch eine Seniorengruppe ins Leben rufen, mit einer Vorbereitungsgruppe Gottesdienste in anderer Gestalt vorbereiten, mit der katholischen Gemeinde zusammen eine ökumenische Gebetswoche veranstalten. Eine weitere Podiumsdiskussion schwebt mir vor. Den Konfirmandenunterricht möchte ich interessanter gestalten, mit der Ordnung der Pfarramtsakten möchte ich endlich zu einem gewissen Abschluss kommen, und ich möchte wieder mehr Besuche, auch von Haus zu Haus, machen.

Ja… und auf der anderen Seite sehe ich, dass ich meine Arbeitszeit eher einschränken müsste, als sie noch weiter auszudehnen. Denn was hilft alles, was ich aufbaue oder anrege, wenn ich meine Gesundheit gefährde oder wenn ich persönlich so unter Druck und seelischer Anspannung stehe, dass meine Arbeit unter Gereiztheit oder Oberflächlichkeit leidet?

Ich sehe also: alles werde ich nicht tun können, was ich gern tun möchte. Oder ich muss an anderer Stelle Zeit gewinnen. Vielleicht den Mut finden, auch einmal etwas Angefangenes nicht weiterzuführen. Auf die Gefahr hin, dass gesagt wird: er hat eben doch zu viel auf einmal angefangen. Das konnte ja nicht gut gehen.

Da ich es aber selbst auch schade fände, wenn z. B. das Kirchenblättchen oder die Altennachmittage wieder aufhören würden, werde ich außerdem hartnäckig auch immer wieder fragen, wer unter Ihnen – weiterhin oder neu – bereit ist, diese oder jene Aufgabe in der Gemeinde zu übernehmen. Denn nicht ich als Pfarrer bin die Kirche, sondern wir alle gemeinsam.

Der letzte Satz aus unserem Predigttext: „Wer weiß, was er zu tun hat, und es unterlässt, der macht sich schuldig“ – dieser Satz gilt für jeden einzelnen in unserer Gemeinde und für uns alle gemeinsam. Wenn viele nur ein bisschen tun, wenn viele nur ein Stück echter Eigenverantwortung übernehmen, braucht die Arbeitsbelastung einiger weniger nicht zu groß zu werden.

Ich habe nun viel von mir und meinen Plänen gesprochen, ich möchte nun noch näher auf unseren Predigttext eingehen. Jakobus möchte uns beim Nachdenken über das vor uns liegende Jahr helfen. Er fragt uns: „Wisst ihr überhaupt, was morgen sein wird? Was ist denn euer Leben? Es gleicht einem leichten Nebel, der aufsteigt und sich gleich wieder auflöst.“ Jakobus möchte uns von dem selbstherrlichen Stolz befreien, dass es ohne uns nicht ginge, dass wir Anspruch hätten auf Dankbarkeit für das, was wir leisten. Auch wer sich viel vornimmt und viel davon ausführt, wer sich sehr stark einsetzt, auch der kann sich irren, kann Fehler machen, oder seine Pläne können völlig durchkreuzt werden. Vielleicht nimmt er gar nicht mehr wahr, was er wirklich zu tun hätte.

Gemeindeglieder erzählten mir einmal von ihrem Pfarrer, er mache keine Hausbesuche. Nicht einmal zu einem Sterbenden wäre er gekommen. Ich fragte, ob sie das auch ihrem Pfarrer persönlich gesagt hätten, dass sie das nicht gut fänden. Nein, das hätten sie nicht getan. Denn sie sähen ja auch, wie viele andere Dinge der Pfarrer noch zu tun hätte.

Diese Haltung finde ich nicht richtig. Wenn wir meinen, ein anderer handelt nicht richtig, oder er sollte unserer Meinung nach etwas Bestimmtes tun, oder wenn wir nur eine Anfrage an sein Verhalten haben, dann sollten wir das auch ihm persönlich sagen und nicht nur im Gespräch über ihn. Jeder freut sich natürlich auch über ein Lob, aber von niemandem können wir erwarten, dass er alles richtig macht – dann sollten wir ihn aber auch mit seinen Fehlern annehmen, uns nicht enttäuscht von ihm abwenden, sondern ihn selbst darauf ansprechen und die Sache klären. Wenn wir ihn auf etwas aufmerksam machen, was uns an seinem Tun und Reden nicht gefallen hat, tragen wir dazu bei, dass der andere vielleicht etwas besser erkennt, was er zu tun hat. Ob er dann unseren Erwartungen gerecht werden kann, das muss er selbst entscheiden. Vielleicht hat er ja doch recht mit seinem Verhalten und wir können sogar umgekehrt etwas von ihm lernen.

Ich denke also: Jakobus will uns nicht das Leben mies machen, wenn er sagt: Das Leben gleicht einem leichten Nebel. Er will uns aber bewusst machen, dass wir keinen Grund haben, stolz auf das zu sein, was wir aus unserer Kraft zustande bringen. Ohne die anderen würde uns mancher Fehler gar nicht bewusst, und ohne Gott hätten wir keine Stunde Lebenszeit zur Verfügung.

Jakobus verwirft auch nicht jedes Planen, wohl aber ein Planen, das nur an sich denkt. In seiner Gemeinde sieht er Menschen, die in einer besonderen Gefahr stehen, nämlich immer mehr Christen, die Handel treiben und fast nur noch an ihren Gewinn denken. „Manche sagen: Heute oder morgen werden wir in die Stadt reisen. Dort werden wir für ein Jahr Geschäfte machen und viel Geld verdienen.“ Besonders ihnen legt Jakobus die Mahnung ans Herz: „Sagt lieber: Wenn der Herr es will, dann werden wir leben und dieses oder jenes tun.“ Das „Wenn der Herr es will“ können wir also nicht nur so verstehen, dass es von Gott abhängt, ob wir leben werden. Nein, wir sollen uns auch Gedanken darüber machen, was er von uns will. Geschäfte machen, Geld verdienen – ist das der Zweck unseres Lebens, auch wenn wir dabei auf Kosten anderer Gewinne machen? Der zeitliche und finanzielle Einsatz bis ins letzte für eine Verbesserung des eigenen Lebensstandards, für den Hausbau, für ein neues, größeres Auto, für alles, was man „haben“ kann, um uns das Leben angenehmer zu machen – geht er nicht manchmal auf Kosten der Zeit für Familie und Kinder, auf Kosten auch der Zeit und des Geldes, die man für soziale, gesellschaftliche und kirchliche Aufgaben aufwenden kann? Was wir sind, bestimmt sich nicht durch das, was wir haben oder kaufen können, sondern durch das, was wir sind, ob wir nun viel besitzen oder wenig, was wir sind, ganz unabhängig davon, wie gut es uns geht: lieblose oder liebende Menschen, gleichgültige oder verantwortungsbewusste Menschen, Menschen, die nur Zeit für sich haben und für das, wodurch sie sich auffressen lassen, oder Menschen, die einfach da sind, wenn sie gebraucht werden, auch wenn sie sich dafür Zeit nehmen müssen.

Dass wir so oder so sind, das haben wir nicht in unserer Hand. Wir stehen mit leeren Händen da. Wir sind von uns aus eher lieblos und gleichgültig, und wenn wir etwas Gutes tun, beschleicht uns sehr leicht ein falscher Stolz. Mit einem Wort: wir verbringen unsere Tage in Schuld. Was wir sind, das ist dagegen ein Geschenk Gottes. „Wenn der Herr es will, werden wir leben und dies oder jenes tun.“ Wir werden leben! Wir werden ein menschliches, verantwortliches Leben führen, das diesen Namen verdient, das wirklich erfülltes Leben ist. Was wir sind, das beruht allein auf den Gaben, die uns Gott schenkt: Hoffnung, Glaube, Verantwortungsgefühl, Einsatzfreude, Mut, Geduld, Durchhaltevermögen, Liebe. Ein Tag ohne diese Gaben ist, als wäre er nicht gelebt worden, daher bitten wir um sie für das vor uns liegende Jahr: „Und diese Gaben, Herr, allein lass Wert und Maß der Tage sein, die wir in Schuld verbringen. Nach ihnen sei die Zeit gezählt; was wir versäumt, was wir gefehlt, darf nicht mehr vor dich dringen.“ Amen.

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