„Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt“

Trauerfeier für eine Frau, die ihr Leben lang versucht hat, nach dem Gebot der Nächstenliebe zu leben.

"Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt": Ein gelbrotes Herz wird von zwei erhobenen Händen umschlossen

Die Nächstenliebe fasst das ganze Gesetz zusammen (Bild: Alexas_Fotos – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauernde, Sie sind hier versammelt, weil Frau Y. im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir denken gemeinsam an ihr Leben, wir begleiten einander auf dem Weg des Abschieds, und wir besinnen uns angesichts des Todes auf Worte Gottes, die trösten und zum Leben helfen.

Wir beten mit Psalm 71, einem alten Lied der Bibel:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

2 Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir!

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

18 Verlass mich nicht, … wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Liebe Trauergemeinde,

wenn ein Mensch stirbt, dann blicken wir zurück auf sein Leben. Wir tun es nicht mit den Augen Gottes, der den großen Überblick hat und uns besser kennt, als wir uns selber kennen, sondern mit dem Blick von Menschen, die das Leben eines anderen sozusagen auf gleicher Augenhöhe für einen gewissen Zeitraum geteilt haben. Da gibt es Begegnungen und Erfahrungen, die uns nicht unberührt lassen, da gibt es tiefgreifende Prägungen und Verflechtungen, ohne die unser Leben nicht so wäre, wie es geworden ist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Viele Jahre musste Frau Y. allein für ihre Familie sorgen und darum auch arbeiten gehen. Sie hat mehrere Berufe gelernt und weitere Tätigkeiten ausgeübt. Aber in ihrer Freizeit pflegte sie auch Freundschaften, Hobbies und andere Interessen.

Nun blicken wir zurück auf ihr Leben. Wir führen uns vor Augen, was sie denen bedeutet hat, die ihr begegnet sind. Wir fragen uns, wovon ihr Leben erfüllt war, wie viel Glück ihr geschenkt war, wie viel Enttäuschung sie ertragen musste, was sie meistern konnte und wobei ihr das nicht gelungen ist. Die letzte Bilanz über ihr Leben ziehen nicht wir, sondern Gott, zu dem ihr Leben im Tode zurückkehrt.

Wonach fragt uns Gott, wenn wir in der Ewigkeit vor ihn treten? In der Bibel heißt es, dass Jesus Christus selbst der Richter im Weltgericht sein wird – ein barmherziger Richter, der unsere Herzen kennt, besser als wir selbst uns kennen. Er fragt uns danach, was wir in diesem Leben mit der Liebe angefangen haben, die wir geschenkt bekommen haben. Das ist das Entscheidende, was von uns bleibt, wenn wir sterben: die Liebe, die wir empfangen und weitergeben. Der Apostel Paulus fasst diese Wahrheit in seinem Brief an die Galater einmal so zusammen (Galater 5, 14):

Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

Sie haben mir erzählt, in welcher Weise Frau Y. zeitlebens bemüht war, diesem Ziel gerecht zu werden. Oft bedeutet es Verzicht und Opfer, sich für andere einzusetzen und nicht in erster Linie an sich selbst zu denken. Auf der anderen Seite ist ein Leben nur durch Liebe ein wirklich erfülltes Leben.

Zugleich weiß und versteht Gott, der Vater Jesu Christi, wie unvollkommen wir darin sind, die Nächstenliebe zu leben. Es geht in der Liebe nicht um Perfektion, sondern um schlichte Menschlichkeit. Wir dürfen barmherzig sein mit uns selbst und mit anderen; und wenn wir einander etwas schuldig geblieben sind, dürfen wir um Vergebung bitten, und Gott nimmt die Last von unserer Seele.

Wenn ein Mensch stirbt, der uns geprägt und eine entscheidende Rolle gespielt hat in unserem Leben, dann ist wichtig, was man Trauerarbeit nennt: sowohl die Erinnerung an das, was wir einander verdanken, als auch die Bewältigung dessen, was belastend war. Der Dank verbindet uns mit der Verstorbenen und weckt in uns zugleich neue Kräfte, um uns dem Leben jetzt neu zuwenden zu können. Zu spüren, was belastend war, und loszulassen, was nicht mehr zu ändern ist, kann ebenfalls dabei helfen, das eigene Leben zu meistern und durch die Trauer hindurch sich auch wieder seines Lebens freuen zu können.

Dem Gott, der unsere Wege kennt und auch die Wege der Verstorbenen überblickt, vertrauen wir Frau Y. in ihrem Tode an. Wir gehen zum Grab und geleiten ihre Urne zur letzten irdischen Ruhestätte. Lasst uns gehen im Frieden Gottes. Amen.

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