„Wer Gott sucht, dem wird das Herz aufleben“

Das Herz wird uns aufleben, wenn wir spüren, dass Gott schon lange auf der Suche nach uns gewesen ist. Gott kommt uns entgegen, wenn wir vor ihm unser Herz ausschütten. Manchmal wollen Menschen uns einreden, dass Gott hart und grausam sei. Nein, Gott ist einer, der uns liebt, der barmherzig ist, der uns hört und uns nicht vergisst.

Ein mit bunten Streifen verziertes Herz als Lesezeichen in einer Bibel

Ein Herz als Lesezeichen in einer Bibel (Foto: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 5. Sonntag der Passionszeit, Sonntag Judika, den 17. März 1991, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich im Gottesdienst am 5 Sonntag der Passionszeit in unserer Klinik-Kapelle! Heute soll es in der Predigt um einen Psalm Davids gehen – um den Psalm 69, der von mancherlei Bedrängnissen handelt, die einen Menschen umtreiben können. David bringt alles vor Gott und gibt uns ein Beispiel, wie wir beten können.

Zu Beginn des Gottesdienstes lasst uns ein Lied singen, das auch ein Gebet in der Not ist – 282, 1-5:

1) Wenn wir in höchsten Nöten sein und wissen nicht, wo aus noch ein, und finden weder Hilf noch Rat, ob wir gleich sorgen früh und spat,

2) so ist dies unser Trost allein, dass wir zusammen insgemein sich anrufen, o treuer Gott, um Rettung aus der Angst und Not

3) und heben unser Aug und Herz zu dir in wahrer Reu und Schmerz und flehen um Begnadigung und aller Strafen Linderung,

4) die du verheißest gnädiglich allen, die darum bitten dich im Namen deins Sohns Jesus Christ, der unser Heil und Fürsprech ist.

5) Drum kommen wir, o Herre Gott, und klagen dir all unsre Not, weil wir jetzt stehn verlassen gar in großer Trübsal und Gefahr.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Im Brief an die Hebräer 5 hören wir von Jesus:

7 Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tod erretten konnte; und er ist auch erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr Jesus Christus, Du bist Gottes Sohn, in Dir hat Gott selbst Gestalt angenommen. Und doch warst Du in Deinem irdischen Leben ein Mensch wie wir, in Deiner Freude und Deiner Sehnsucht, und auch in Deiner Bedrängnis, in Deinen Schmerzen, Du bist uns gleich geworden in allem, was uns Menschen begegnet, und Du verstehst auch, was manche Menschen leiden müssen. Schenke uns etwas von dem Vertrauen, das Du zu Deinem Vater im Himmel gehabt hast. Das erbitten wir von dir, Jesus Christus, unser Herr. „Amen.“

Wir hören nun eine Geschichte aus dem Alten Testament. Sie handelt von dem ersten König Israels, mit Namen Saul, der von Schwermut geplagt war. Damals wusste man noch nichts über seelische Krankheiten, sondern man dachte, dass ein böser Geist über ihn kam. Wir hören in der Geschichte auch, wie ein junger Mann durch seine Musik dem König Saul immer wieder helfen konnte, dass es besser mit ihm wurde. Der junge Mann war David, der später selber König von Israel wurde. Die Geschichte steht im 1. Buch Samuel 16, 14-23:

14 Der Geist des HERRN aber wich von Saul, und ein böser Geist vom HERRN ängstigte ihn.

15 Da sprachen die Großen Sauls zu ihm: Siehe, ein böser Geist von Gott ängstigt dich.

16 Unser Herr befehle nun seinen Knechten, die vor ihm stehen, dass sie einen Mann suchen, der auf der Harfe gut spielen kann, damit er mit seiner Hand darauf spiele, wenn der böse Geist Gottes über dich kommt, und es besser mit dir werde.

17 Da sprach Saul zu seinen Leuten: Seht euch um nach einem Mann, der des Saitenspiel kundig ist, und bringt ihn zu mir.

18 Da antwortete einer der jungen Männer und sprach: Ich habe gesehen einen Sohn Isais, des Bethlehemiters, der ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der HERR ist mit ihm.

19 Da sandte Saul Boten zu Isai und ließ ihm sagen: Sende zu mir deinen Sohn David, der bei den Schafen ist.

20 Da nahm Isai einen Esel und Brot und einen Schlauch Wein und ein Ziegenböcklein und sandte es Saul durch seinen Sohn David.

21 So kam David zu Saul und diente vor ihm. Und Saul gewann ihn sehr lieb, und er wurde sein Waffenträger.

22 Und Saul sandte zu Isai und ließ ihm sagen: Lass David mir dienen, denn er hat Gnade gefunden vor meinen Augen.

23 Sooft nun der böse Geist von Gott über Saul kam, nahm David die Harfe und spielte darauf mit seiner Hand. So wurde es Saul leichter, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir wissen bis heute, dass Lieder uns helfen können, auf andere Gedanken zu kommen, dass Musik uns erfreuen kann. Eine Harfe haben wir hier nicht, aber unsere Orgel, und Herr Vogel spielt uns ein Lied von Gott, der uns schon immer geliebt hat und uns jeden Tag seine Kraft schenkt – Lied 276, 1+5+9:

1) Geht hin, ihr gläubigen Gedanken, ins weite Feld der Ewigkeit, erhebt euch über alle Schranken der alten und der neuen Zeit; erwägt, dass Gott die Liebe sei, die ewig alt und ewig neu!

5) Wie wohl ist mir, wenn mein Gemüte hinauf zu dieser Quelle steigt, von welcher sich ein Strom der Güte zu mir durch alle Zeiten neigt, dass jeder Tag sein Zeugnis gibt: Gott hat mich je und je geliebt!

9) Wenn in dem Kampfe schwerer Leiden der Seele Mut und Kraft gebricht, so salbest du mein Haupt mit Freuden, so tröstet mich dein Angesicht; da spür ich deines Geistes Kraft, die in der Schwachheit alles schafft.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Zur Predigt hören wir einen Psalm aus der Bibel, den Psalm 69. Wir haben vorhin gehört, wie David seinem König Saul solche Psalmen vorsang, damit er seine Schwermut überwand und es ihm innerlich leichter wurde. Vielleicht hat David dem Saul auch diesen Psalm vorgesungen. Oder David hat ihn später gedichtet, in der Zeit, als Saul dann plötzlich so krank wurde, dass er sogar David zu verfolgen begann. Vielleicht hat David diesen Psalm auch noch später gebetet, als er schon selber der König von Israel geworden war und manche schwere Zeit durchzustehen hatte:

1 (Ein Psalm) VON DAVID, VORZUSINGEN, NACH DER WEISE „LILIEN“.

2 Gott, hilf mir! / Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.

3 Ich versinke in tiefem Schlamm, / wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, / und die Flut will mich ersäufen.

4 Ich habe mich müde geschrien, / mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, / weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.

5 Die mich ohne Grund hassen, / sind mehr, als ich Haare auf dem Haupte habe. Die mir zu Unrecht feind sind und mich verderben wollen, sind mächtig. / Ich soll zurückgeben, was ich nicht geraubt habe.

6 Gott, du kennst meine Torheit, / und meine Schuld ist dir nicht verborgen.

7 Lass an mir nicht zuschanden werden, / die deiner harren, Herr, HERR Zebaoth! Lass an mir nicht schamrot werden, / die dich suchen, Gott Israels!

8 Denn um deinetwillen trage ich Schmach, / mein Angesicht ist voller Schande.

9 Ich bin fremd geworden meinen Brüdern / und unbekannt den Kindern meiner Mutter;

10 denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, / und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.

11 Ich weine bitterlich und faste, / und man spottet meiner dazu.

12 Ich habe einen Sack angezogen, / aber sie treiben ihren Spott mit mir.

13 Die im Tor sitzen, schwatzen von mir, / und beim Zechen singt man von mir.

14 Ich aber bete zu dir, HERR, zur Zeit der Gnade; / Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.

15 Errette mich aus dem Schlamm, / dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, / und aus den tiefen Wassern;

16 dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge / und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe.

17 Erhöre mich, HERR, denn deine Güte ist tröstlich; / wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit

18 und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, / denn mir ist angst; erhöre mich eilends.

19 Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie, / erlöse mich um meiner Feinde willen.

20 Du kennst meine Schmach, meine Schande und Scham; / meine Widersacher sind dir alle vor Augen.

21 Die Schmach bricht mir mein Herz / und macht mich krank. Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand, / und auf Tröster, aber ich finde keine.

22 Sie geben mir Galle zu essen / und Essig zu trinken für meinen Durst.

30 Ich aber bin elend und voller Schmerzen. / Gott, deine Hilfe schütze mich!

31 Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied / und will hoch ehren mit Dank.

32 Das wird dem HERRN besser gefallen / als ein Stier, der Hörner und Klauen hat.

33 Die Elenden sehen es und freuen sich, / und die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben.

34 Denn der HERR hört die Armen / und verachtet seinen Gefangenen nicht.

35 Es lobe ihn Himmel und Erde, / die Meere mit allem, was sich darin regt.

Liebe Gemeinde!

Ein Gebet haben wir als Predigttext gehört, ein langes Gebet, einen Psalm aus der Bibel. So ein Psalm kann uns auch beten helfen. Vielleicht finden wir uns wieder mit dem, was wir selbst erlebt haben, in dem einen oder anderen Wort dieses Psalms.

Als Überschrift steht über diesem Psalm: „Von David, vorzusingen, nach der Weise »Lilien«“. David war der große König Israels, von dem berichtet wird, dass er auch gut Musik machen und dichten konnte. Deshalb hat man ihm zugetraut, dass er wohl auch viele der Psalmen gedichtet haben könnte.

Nehmen wir einfach an, er habe auch diesen Psalm gebetet und gesungen. Wann er ihn gebetet hat, wissen wir nicht. Ob er seine eigene Not darin beschreibt, wissen wir auch nicht. Aber mit den Psalmen ist das ja so: Sie schildern, was in vielen Menschen vorgeht, die in einer ähnlichen Lebenslage sind. Deshalb können sie ja auch uns noch helfen, vor Gott auszudrücken, was uns heute bewegt.

„Gott, hilf mir!“ so fängt David sein Gebet an. Ein einfaches „Gott, hilf mir!“ So könnte jeder von uns schon gebetet haben. Gott wird angerufen, weil Hilfe nötig ist. Und weil man von ihm Hilfe erwartet. Und warum ist Hilfe nötig? Der Psalmbeter hat einen dringenden Grund: „Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.“ Ihm ist, als müsse er ertrinken, als schaue er gerade noch mit dem Kopf aus dem Wasser, als sei er schon fast verloren. Und er fährt fort: „Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.“

Manche Menschen kennen ähnliche Erfahrungen. Sich fühlen, als hätte man keinen Boden mehr unter den Füßen, als müsse man im Schlamm oder im tiefen Wasser versinken, als werde man von einer Flut überrollt – damit muss nicht nur das tatsächliche Wasser und der tatsächliche Schlamm gemeint sein, sondern es gibt Gefühle von Angst oder Traurigkeit, in denen man versinken kann, Fluten von Schmerz und Verzweiflung, die Menschen in den Tod treiben können.

Und auch das kennen manche Menschen: „Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser.“ Wie lange muss David noch beten, wie lange muss er sich noch heiser schreien? „Meine Augen sind trübe geworden“, sagt er sogar, „weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“ Wie vielen Menschen wird es nicht genau so schwer, geduldig zu sein und zu warten, bis endlich Hilfe da ist!

Und dann spricht David etwas aus, was uns vielleicht übertrieben vorkommt. Er fühlt sich von aller Welt verfolgt und gehasst. „Die mich ohne Grund hassen, sind mehr, als ich Haare auf dem Haupte habe“, das nennt er als Grund für seine Qualen. „Die mir zu Unrecht feind sind und mich verderben wollen, sind mächtig.“ Er fühlt sich ungerecht behandelt und zugleich zu schwach, um sich gegen seine Verfolger zu wehren. Und er erwähnt auch einen konkreten Vorwurf, der ihm – zu Unrecht – gemacht wird: „Ich soll zurückgeben, was ich nicht geraubt habe.“

Es gab Zeiten, in denen David wirklich viele Menschen gegen sich gehabt hat. Als David an den Hof des Königs Sauls gekommen und beim Volk immer angesehener geworden war, wurde Saul eifersüchtig auf ihn und verfolgte ihn mit all seinen Soldaten. Allerdings, ganz allein war David damals nicht. Der Sohn Sauls, Jonathan, war sein Freund und hielt zu ihm. Und David fand noch andere Freunde, die ihm halfen, sich gegen Saul zu verteidigen. Trotzdem ist sein Gefühl gut zu verstehen. Wir denken ja manchmal schon aus kleineren Anlässen heraus: Alle Welt ist gegen mich! Man kann zu niemandem Vertrauen haben?

Und dann ist es so, als ob David merkt: Nein, ich kann nicht nur die anderen anklagen. Er fällt ins andere Extrem und klagt sich selber an. Peinlich ist ihm alles, was er getan hat, er fühlt sich so schuldig, er fühlt sich wie ein törichter, wie ein unverständiger Mensch und spricht das vor Gott aus: „Gott, du kennst meine Torheit, und meine Schuld ist dir nicht verborgen.“

Seine Schuld macht ihm doppelt Sorgen, weil er denkt: Ich bin kein gutes Vorbild für andere, die auch an Gott glauben wollen. Deshalb bittet er Gott: „Lass an mir nicht zuschanden werden, die deiner harren, Herr, HERR Zebaoth! Lass an mir nicht schamrot werden, die dich suchen, Gott Israels!”

Hinzu kommt, dass man ihm wohl auch noch wegen seiner Frömmigkeit zusätzliche Vorwürfe macht. „Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande. Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter; denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen.“ David spricht aus, was viele Menschen erfahren müssen, dass – aus welchen Gründen auch immer – seine Geschwister, seine Verwandten, seine Familie, sich von ihm abwenden, und er allein zurechtkommen muss.

Im Psalm Davids kommt zu all dem noch hinzu, dass er sich von allen beobachtet fühlt. Er nimmt an, dass alle Welt über ihn redet, dass man ihn verspottet. Man versteht seine Gefühle nicht, er fühlt sich vollkommen verlassen. „Ich weine bitterlich und faste, und man spottet meiner dazu. Ich habe einen Sack angezogen, aber sie treiben ihren Spott mit mir. Die im Tor sitzen, schwatzen von mir, und beim Zechen singt man von mir.“

Was soll David nun machen? Was soll einer machen, der wie er hin- und hergerissen ist zwischen allem, was ihn umtreibt, der von niemandem verstanden wird, der sich den anderen Menschen irgendwie ausgeliefert fühlt, der aber auch unter seinen eigenen Schuldgefühlen leidet?

David weiß, was er tun kann. Er bringt ja all diese Dinge im Gebet vor Gott. Und er spricht jetzt Gott direkt an und schreit um Hilfe: „Ich aber bete zu dir, HERR, zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.“ David geht einfach davon aus, dass es nach all den schlimmen Dingen, die er erfahren hat, auch wieder eine Zeit der Gnade geben wird. Er vertraut darauf: Gott denkt noch an ihn, Gott verlässt ihn nicht. Jetzt ist die Zeit der Gnade, denkt David. Jetzt will er endlich wieder spüren, dass Gott ihm hilft.

Und so bittet er noch einmal: „Errette mich aus dem Schlamm, dass ich nicht versinke, dass ich errettet werde vor denen, die mich hassen, und aus den tiefen Wassern; dass mich die Flut nicht ersäufe und die Tiefe nicht verschlinge und das Loch des Brunnens sich nicht über mir schließe. Erhöre mich, HERR, denn deine Güte ist tröstlich; wende dich zu mir nach deiner großen Barmherzigkeit und verbirg dein Angesicht nicht vor deinem Knechte, denn mir ist angst; erhöre mich eilends.“

David hört gar nicht so schnell auf, zu bitten und zu klagen. Vielleicht können wir daraus Mut schöpfen, dass wir auch nicht so schnell aufgeben und resignieren, wenn wir Grund zum Klagen haben. Noch einmal schüttet David sein Herz aus vor Gott und bittet um Erlösung, weil seine Feinde ihn so sehr bedrängen und weil er keine Aussicht auf Hilfe durch Menschen hat: „Nahe dich zu meiner Seele und erlöse sie, erlöse mich um meiner Feinde willen. Du kennst meine Schmach, meine Schande und Scham; meine Widersacher sind dir alle vor Augen. Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine.“

Eine Bemerkung macht er noch, die einfach so, wie sie dasteht, schwer zu verstehen ist: „Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Ich weiß wirklich nicht, welche Erfahrungen David damit gemacht hat. Ich denke aber daran, dass manche Menschen sich so sehr bedrängt fühlen von ihren Mitmenschen, dass sie meinen, man wolle sie vergiften, man wolle ihnen etwas Schlechtes zu essen oder zu trinken geben. Und ich denke daran, dass man tausend Jahre nach David einem Mann wirklich Essig zu trinken gegeben hat: nämlich Jesus, als er am Kreuz sterben musste und Durst hatte.

Was David in seinem Psalm beschreibt, das haben also nicht nur namenlos gebliebene Menschen in allen Zeiten immer wieder erlebt. Auch Gott selber hat es in der Gestalt seines Sohnes Jesus Christus erleiden müssen, was David hier beklagt – bis dahin, dass man ihm Galle und Essig zu kosten gibt.

Auch andere Dinge hat Jesus spüren müssen, die David vorher geschildert hat, z. B. dass seine Familie überhaupt nicht verstanden hat, warum Jesus durchs Land wandern musste als ein Prediger und Heiler – und warum er für Gott alles andere aufgeben musste.

Alles in allem kann David jedem Menschen aus dem Herzen sprechen, der von sich sagen kann: „Ich aber bin elend und voller Schmerzen.“ Und trotz allem bleibt David dabei: er will nicht verzweifeln, er vertraut auf Gottes Hilfe: „Gott, deine Hilfe schütze mich!“

Und das Wunderbare ist: David erfährt wirklich Hilfe von Gott. Es wird gar nicht beschrieben, wie ihm geholfen wird. Anscheinend spürt er auf einmal, dass er doch nicht allein ist, dass Gott doch bei ihm ist. Vielleicht wird ihm bewusst, dass er nicht nur Feinde hat, sondern dass Gott ihm auch Freunde schenkt. Vielleicht merkt er, dass er sich nicht schämen muss, wenn es ihm schlecht geht, sondern dass er ruhig seine Klage aussprechen darf. Vielleicht kann er es getrost annehmen, dass seine Schuld ihm von Gott vergeben ist. Auch von Jesus am Kreuz wissen wir ja, dass er am Schluss sagen konnte (Lukas 23, 46):

Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.

In tiefster Not können wir uns Gott anvertrauen, und die Verzweiflung wird von uns genommen werden.

Und weil David die Hilfe Gottes spürt, kann er am Ende seines Psalms Gott loben: „Ich will den Namen Gottes loben mit einem Lied und will hoch ehren mit Dank. Das wird dem HERRN besser gefallen als ein Stier, der Hörner und Klauen hat.“ Mit Liedern und Dankgebeten will er Gott für seine Hilfe danken, nicht mit irgendwelchen Tieropfern, die damals üblich waren. David will damit wohl auch sagen: Wir brauchen nichts für Gott zu tun, um uns seine Hilfe zu verdienen, er hilft uns einfach so, weil er uns lieb hat, und Gott erwartet nichts von uns, außer dass wir ihm dankbar sind.

Und ich denke, wenn wir spüren, dass uns geholfen wird, sind wir von selber froh und dankbar. Das spricht auch David in seinem Psalm aus: „Die Elenden sehen es und freuen sich, und die Gott suchen, denen wird das Herz aufleben… Es lobe ihn Himmel und Erde, die Meere mit allem, was sich darin regt.“

Das Herz wird uns aufleben, wenn wir Gott suchen und spüren, dass Gott schon lange auf der Suche nach uns gewesen ist. Gott kommt uns entgegen, wenn wir unsere ganze Not vor ihn bringen, wenn wir vor ihm unser Herz ausschütten. Er liebt uns ja von Urzeiten her und will nicht, dass wir verloren gehen.

Es fällt uns manchmal schwer, das zu glauben, weil Menschen uns manchmal einreden wollen, dass Gott hart und grausam sei. Nein, Gott ist einer, der uns liebt, der barmherzig ist, der uns hört und uns nicht vergisst. Wenn wir in tiefster Not uns an Gott klammern – so wie Jesus am Kreuz – dann werden wir nicht für immer in der Verzweiflung versinken. Wenn wir auf der Suche nach Gott bleiben, so wie David, dann wird auch unser Herz aufleben. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen ein Lied des Vertrauens zu Gott, 283, 1-4:

1) Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir, führt mich durch alle Straßen, da ich sonst irrte sehr. Er reicht mir seine Hand; den Abend und den Morgen tut er mich wohl versorgen, wo ich auch sei im Land.

2) Wenn sich der Menschen Hulde und Wohltat all verkehrt, so findt sich Gott gar balde, sein Macht und Gnad bewährt. Er hilft aus aller Not, errett‘ von Sünd und Schanden, von Ketten und von Banden, und wenns auch wär der Tod.

3) Auf ihn will ich vertrauen in meiner schweren Zeit; es kann mich nicht gereuen, er wendet alles Leid. Ihm sei es heimgestellt; mein Leib, mein Seel, mein Leben sei Gott dem Herrn ergeben, er schaffs, wies ihm gefällt.

4) Es tut ihm nichts gefallen, denn was mir nützlich ist. Er meints gut mit uns allen, schenkt uns den Herren Christ, sein‘ eingebornen Sohn; durch ihn er uns bescheret, was Leib und Seelernähret. Lobt ihn ins Himmels Thron.

Herr Jesus Christus, du hast gesagt: Solange ihr in der Welt seid, habt ihr Angst. Du willst nicht die Kraftmenschen, die keine Angst kennen. Du hast selbst gesagt: Mir ist angst. Aber dann bist du den Weg gegangen, vor dem dir angst und bange war. Du hast dich und alle deine Angst dem Vater in die Hände gelegt, der dich führte. So hilf uns, dass wir uns nicht zusammenreißen müssen

gegen jede Angst, sondern dass wir sie spüren können und uns mit unserer Angst zusammen dir anvertrauen können. Gib du uns Frieden. Gib uns Kraft für unseren Weg, Gelassenheit in aller Unruhe, festen Grund unter den Füßen und ein Ziel, dein Ziel, vor Augen. Du hast gesagt: Das sage ich euch zum Trost, ich habe die Welt überwunden. Ja, du bist stärker als all unsere Angst, du lässt uns nicht verloren gehen. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 59, 1-4:

1) Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du für uns gestorben bist und hast uns durch dein teures Blut gemacht vor Gott gerecht und gut,

2) und bitten dich, wahr Mensch und Gott, durch dein heilig fünf Wunden rot: Erlös uns von dem ewgen Tod und tröst uns in der letzten Not.

3) Behüt uns auch vor Sünd und Schand und reich uns dein allmächtig Hand, dass wir im Kreuz geduldig sein, uns trösten deiner schweren Pein

4) und schöpfen draus die Zuversicht, dass du uns werdst verlassen nicht, sondern ganz treulich bei uns stehn, dass wir durchs Kreuz ins Leben gehn.

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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