„Er starb alt und satt an Tagen“

Trauerfeier für einen Mann, der ein glückliches und erfülltes Leben geführt hat und alt und lebenssatt sterben konnte, obwohl er im Sowjetstaat auch schweres Leid hatte erfahren müssen.

"Er starb alt und satt an Tagen": Ein alter Mann sitzt auf einer Bank und schaut in die Weite einer ebenen Landschaft

Ein alter Mann schaut in die Weite (Bild: MabelAmber – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier zusammengekommen, um von Herrn D. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist. Traurig und doch dankbar denken wir an sein Leben zurück: ein langes erfülltes Leben.

Lasst uns zu Gott beten mit Worten aus dem Psalm 25:

1 Nach dir, HERR, verlanget mich.

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.

3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret; aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.

4 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

12 Wer ist der Mann, der den HERRN fürchtet? Er wird ihm den Weg weisen, den er wählen soll.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

19 Sieh, wie meiner Feinde so viel sind und zu Unrecht mich hassen.

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

21 Unschuld und Redlichkeit mögen mich behüten; denn ich harre auf dich.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 7 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Trauergemeinde!

In seinem langen Leben hat Herr D. viel erlebt und durchgemacht. Er selber hat aufgeschrieben, was ihm an seinem Lebenslauf wichtig war, und ich greife gern auf seine Erinnerungen zurück.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Obwohl Herr D. gezwungen war, auf sowjetischer Seite gegen die deutsche Wehrmacht zu kämpfen, stand er nach dem Krieg wie jeder Volksdeutsche im Verdacht, ein Verräter zu sein. Noch in der letzten Zeit seines Lebens quälten ihn im Dämmerschlaf Erinnerungen an die furchtbarste Zeit seines Lebens; er murmelte „KGB“ und „NKWD“ und war nur mit Mühe zu beruhigen, dass es diese Organisationen nicht mehr gibt und sie ihm nichts mehr tun können. Damals verurteilte man ihn zu zehn Jahren „spezieller Auswanderung“, wie man die Zwangsarbeit im Arbeitslager umschrieb.

Letztes Jahr ist Herr D. schwer krank geworden, und in der letzten Woche wusste er, dass seine Kräfte am Ende waren. Er wollte der Natur ihren Lauf lassen, sein Leben loslassen. Angst vor dem Sterben hatte er nicht, aber er wusste, dass seine Frau sich um ihn ängstigte. Das solle sie nicht, meinte er, es war sein letztes Anliegen, seine Lieben noch auf dem Sterbebett zu trösten und im Frieden Abschied nehmen zu können.

Von einem der drei Stammväter des Volkes Israel heißt es im 1. Buch Mose – Genesis 35, 28-29:

Und Isaak wurde hundertundachtzig Jahre alt, verschied und starb und wurde versammelt zu seinen Vätern, alt und lebenssatt. Und seine Söhne Esau und Jakob begruben ihn.

Wir wissen nicht, ob die Altersangaben für die Frühzeit der biblischen Geschichte ganz genau waren. Aber wir dürfen annehmen, dass Isaak damals genau wie Herr D. heute ein außerordentlich hohes gesegnetes Alter erreicht hatte. Und von ihm sagt der biblische Erzähler: „Er starb alt und lebenssatt“. Wörtlich steht da im hebräischen Urtext: „alt und satt an Tagen“.

Satt sind wir, wenn wir genug gegessen haben, satt an Tagen, lebens-satt sind wir, wenn wir genug erlebt haben, wenn uns genug Tage geschenkt waren, die wir mit Leben erfüllen konnten und an denen uns Gott mit seiner Liebe beschenken konnte.

Es war genug, das hat Herr D. uns vermittelt in den letzten Tagen seines Lebens, er konnte sein Leben loslassen als ein zufriedener Mensch, obwohl es in diesem Leben auch Zeiten schrecklicher Ängste und Schmerzen gab. Er konnte alles aus Gottes Hand nehmen, war vor allem dankbar für das Glück, das er in seiner Ehe und in seiner großen Familie erfahren durfte. Im Vertrauen auf Gott dürfen nun auch wir Herrn D. loslassen, in Trauer und Dankbarkeit; Gott nimmt ihn in seinem Tode mit Ehren an. Amen.

Wir singen das Lied 391:

1. Jesu, geh voran auf der Lebensbahn! Und wir wollen nicht verweilen, dir getreulich nachzueilen; führ uns an der Hand bis ins Vaterland.

2. Soll‘s uns hart ergehn, lass uns feste stehn und auch in den schwersten Tagen niemals über Lasten klagen; denn durch Trübsal hier geht der Weg zu dir.

3. Rühret eigner Schmerz irgend unser Herz, kümmert uns ein fremdes Leiden, o so gib Geduld zu beiden; richte unsern Sinn auf das Ende hin.

4. Ordne unsern Gang, Jesu, lebenslang. Führst du uns durch rauhe Wege, gib uns auch die nöt‘ge Pflege; tu uns nach dem Lauf deine Türe auf.

Barmherziger Gott, nimm Herrn D. gnädig auf in dein himmlisches Reich, nachdem er alt und lebenssatt gestorben ist.

Wir danken dir für alles Gute, das seiner Familie und allen, die ihm nahestanden, mit seinem Leben geschenkt war. Wir danken dir, dass er bewahrt wurde in den schweren Zeiten seines Lebens und dass ihm und seiner Frau so viele glückliche Jahre geschenkt waren. Sei seinen Angehörigen und Freunden nahe in ihrer Trauer und lass niemanden allein dastehen, der Hilfe braucht oder ein offenes Ohr, damit er sein Herz ausschütten kann. Hilf uns, füreinander da zu sein und schenke uns neuen Mut zum Leben. Amen.

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