Streiten um des Friedens willen

Friede heißt für Jesus nicht: über ungelöste Konflikte eine Friedenssoße zu gießen, heißt nicht, ungerecht behandelte Menschen zu beschwichtigen, be-schwich-tigen, also schwach zu machen, der Stärke ihrer Gegenwehr zu berauben. Friede heißt, Konflikte aufzudecken und zu überlegen, wie man sie entweder überwinden oder mit ihnen leben kann.

Streiten um des Friedens willen: Drei Figuren sind dargestellt, die mittlere versucht, zwei Streithähne miteinander zu versöhnen; im Hintergrund Straßenbahn und städtische Häuserzeile

Ein Streitschlichter kann vom Streiten zum Frieden verhelfen (Bild: mary1826 – pixabay.com)

Bittgottesdienst für den Frieden in der Welt am Friedenssonntag, 9. November 1980, in Heuchelheim, Reichelsheim und Staden

Liturgie nach dem Vorschlag von Beauftragten des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR und der Evangelischen Kirche in Deutschland

Lieder: 185, 1+2+4 / 436, 11 (3x) / 131, 2-4 / 166, 1-3 / 105, 7-8 / 152,1 / 139 (7x) / 185, 6

Liebe Gemeinde!

Was sollen wir über den Frieden eigentlich noch nachdenken? Wir sind froh, dass wir in unserem Land seit 35 Jahren keinen Krieg erlebt haben – viele sagen: dank der Waffen, die uns schützen, manche sagen: trotz der Waffen, die angehäuft wurden. Wenn wir an die Krisen denken, die die Welt erschüttern, dann hoffen wir ängstlich, uns werde nie eine Krise so ergreifen, dass wir in einen Krieg hineingezogen werden könnten. Aber für den Frieden etwas tun? Können wir das eigentlich? Sind dafür nicht unsre Politiker zuständig?

Warum möchten wir nicht gern über den Frieden nachdenken? Reden über den Frieden anhören – ja! Frieden wünschen statt Krieg – ja! Aber mit anderen über den Frieden reden – was bringt‘s denn? Warum möchten wir nicht so gerne über konkrete Schritte zum Frieden miteinander nachdenken?

Vielleicht, weil die Erfahrung zeigt, dass das Reden über den Frieden paradoxerweise oft zum unfriedlichen Reden wird. Der Streit über die richtigen Schritte zum Frieden entzweit die Menschen. Wie leicht ist einer zu einem Sicherheitsrisiko abgestempelt oder zu einem, der Illusionen nachhängt.

Ist es aber darum auch richtig, das Gespräch über Schritte zum Frieden lieber gleich zu vemeiden?Ich möchte dazu einige Sätze von Jesus vorlesen, als Text zu dieser Predigt, Sätze , die nicht einfach zu verstehen sind (Matthäus 10 – GNB):

34 Glaubt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu bringen. Nein, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Streit.

36 Die nächsten Verwandten werden zu Feinden werden.

„Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen.“ Dieser Satz Jesu steht so allein da im Neuen Testament, dass man es immer schwer hatte, ihn zu verstehen. Dieser Satz kam gar nicht bedeuten, dass für Jesus der Friede nichts wert wäre, denn an allen anderen Stellen, an denen Jesus vom Frieden spricht, ist er für ihn wünschenswert, ja vielleicht am wichtigsten von allem, was man sich wünschen kann. Im gleichen 10. Kapitel des Matthäusevangeliums beauftragt Jesus seine Jünger, sie sollten als umherziehende Wanderprediger den Leuten in den Dörfern mit dem Gruß begegnen: „Friede sei mit euch!“

Aber der Satz Jesu „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern Streit“ – man kann auch noch härter übersetzen: „sondern das Schwert“ – dieser Satz zeigt, dass Jesus unter Frieden vielleicht etwas anderes versteht, als wir es manchmal tun. Für Jesus ist es nicht Ungewöhnliches, dass ein Gespräch über den Frieden zur Auseinandersetzung, zum Streit führt.

Denn Friede heißt für ihn nicht: über ungelöste Konflikte eine Friedenssoße zu gießen, heißt nicht, ungerecht behandelte Menschen zu beschwichtigen, be-schwich-tigen, also schwach zu machen, der Stärke ihrer Gegenwehr zu berauben. Friede heißt, Konflikte aufzudecken und zu überlegen, wie man sie entweder überwinden oder mit ihnen leben kann.

Vielen schmeckt dieser Satz Jesu nicht, weil sie Streit immer für etwas Schlechtes halten. Aber wenn wir uns das wirklich einmal zutrauen – vielleicht erwächst aus einem Streit doch einmal ein viel besseres Verstehen, vielleicht auch der Entschluss zu einem echten Schritt zum Frieden – viel eher, als würden wir ängstlich oder resigniert der Auseinandersetzung mit dem Andersdenkenden ausweichen.

Deshalb werde ich weiter nach Möglichkeiten suchen, dass wir in der Gemeinde hier und da in einer Gruppe Friedenserziehung an uns selbst leisten. Vielleicht sagt mir einmal jemand von Ihnen, ob er an solchen Gesprächen in einer kleinen Gruppe interessiert wäre. Ich bin möglicherweise selbst noch zu ängstlich im Herangehen an diese Fragen. Ich weiß selbst auch nicht genau, was dabei herauskommen könnte. Ich weiß nur, dass wir als Gemeinde Jesu Christi hier eine Verantwortung haben, und dass hier ein Gebiet ist, um das wir uns gern drücken.

Sich zusammensetzen mit Andersdenkenden, sich ernsthaft einlassen auf Argumente von Andersdenkenden – das wäre schon ein erster Schritt zum Frieden in unserem überschaubaren Lebensbereich. Ich will etwas konkreter werden. Irgendjemand hat einmal gesagt: „Wenn man vom Frieden redet, halten einen manche schon für einen Kommunisten.“ Was steckt hinter diesem Satz?

Da steckt Angst dahinter. Wer vom Frieden redet, der könne nur blind sein gegenüber der Stärke und den feindlichen Absichten des Gegners – das wird unterstellt. Vergessen wird, dass auch in der Anhäufung von Waffen auf der eigenen Seite große Gefahren liegen und dass Angst auch auf der gegnerischen Seite zu finden ist. Doch noch etwas wird in diesem Satz deutlich. Ein Kommunist, das ist einer, mit dem muss man gar nicht mehr reden. Es gibt fast nichts Schlimmeres, als mit einem Kommunisten gleichgesetzt zu werden. Geschmeichelt muss man sich noch fühlen, wenn gesagt wird, man gebe anscheinend gutgläubig solchen Ideologien zu viel Raum.

Es ist eine Sache, wenn ich in einem Gespräch feststelle, mit dem kann ich nicht reden. Er will mich missverstehen, er sieht nachweislich die Wirklichkeit falsch, er möchte mich nur mit Tricks für seine Sache einnehmen.

Eine andere Sache ist, wenn allein schon das Etikett, das wir einem anderen anhängen, zu der Auffassung führt: es hat gar keinen Zweck, erst ein Gespräch anzufangen. Der ist sowieso ein Linker, oder auch umgekehrt: der ist sowieso ein Kapitalist usw.

Jesus hat nicht einen faulen Frieden gesucht, indem er nur zu denen gegangen ist, mit denen man sich nach der Meinung der Mehrheit einlassen durfte. Er hat dem habgierigen Zöllner Zachäus weitergeholfen; er hat auch Zeloten unter seinen Jüngern gehabt, Angehörige der Untergrundbewegung gegen die Römer. Ihm war die Gemeinschaft mit den Außenseitern der Gesellschaft wichtiger als ein fauler Friede, der nur einen Teil der Menschen umfasst, und wenn es auch die Mehrheit ist.

Jesus selbst erfuhr, was das zur Folge hatte: er bekam Streit mit denen, die Einfluss hatten; ja seine eigene Familie verstand ihn zunächst nicht. Er erlitt die Folgen des Unfriedens am Kreuz, statt den Unfrieden durch Gewalt zu vergrößern. So sah sein Sieg aus, so errang er für uns Frieden mit Gott. Wir haben Frieden mit Gott. Wir brauchen nicht ängstlich zu sein. Wir sind herausgefordert, für den Frieden unter den Menschen zu arbeiten. Das fängt damit an, dass wir darüber reden. Amen.

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