Brauchen wir Jesus?

Seit Jesus gelebt hat, ist es nicht mehr nötig, Gott zu Gefallen zu leben. Wenn ich Gott meine Wut sage, ihm meine Angst, meine Langeweile klage, vielleicht finde ich dadurch zu einem echteren, tieferen Gebet. Ich nehme mich, meine Gefühle ernst, ich nehme Gott ernst. Ich spüre mehr und mehr, dass auch Gott mich ernst nimmt.

Portrait von Helmut Schütz als Vikar 1978

Vikar Helmut Schütz im Jahr 1978

#predigtGottesdienst mit der Prüfungspredigt von Vikar Helmut Schütz zum Zweiten Theologischen Examen am 12. März 1978 in der Stadtkirche Friedberg/Hessen
Orgelvorspiel
Eingangslied EKG 236, 1-3 (EG 329):

1. Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte, bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit’, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen.

2. Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die bisher’ge Treue, die du, o Gott, mir lebenslang bewiesen täglich neue. In mein Gedächtnis schreib ich an: Der Herr hat Großes mir getan, bis hierher mir geholfen.

3. Hilf fernerweit, mein treuster Hort, hilf mir zu allen Stunden. Hilf mir an all und jedem Ort, hilf mir durch Jesu Wunden. Damit sag ich bis in den Tod: Durch Christi Blut hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.

In Namen des Vaters und des Sohnes, und des heiligen Geistes. Amen.

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten…, dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott. (Psalm 43, 3-4)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei den Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Herr, unser Gott! Wenn wir ins Gespräch mit dir eintreten und unsere Schuld bekennen, machen wir uns bewusst, dass wir auf Vergebung angewiesen sind. Wir bekennen dir die Versuche, uns dir angenehm zu machen, indem wir uns schwächer, hilfloser, demütiger darstellen, als wir sind. Wir bekennen, dass wir oft Gelegenheiten versäumt haben, Verantwortung zu übernehmen, statt sie auf andere abzuschieben. Wir bekennen, das wir zu wenig auf deine Zusagen vertrauen, durch die du uns Mut zum Leben schenken willst, und dass wir stattdessen oft in Resignation steckenbleiben.

Gott, sei mir Sünder gnädig! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns.“

Wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsere Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. (1. Johannes 2, 1-2)

Lobsinget Gott, erhebet seinen Namen! „Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Herr Jesus Christus! Wir haben uns in deinem Namen versammelt, um zu singen, zu beten, Ruhe zu finden, über dein Wort nachzudenken, zu hören, ob uns der Gottesdienst etwas sagen kann. Wir bringen unterschiedliche Erfahrungen mit, manches, was uns dankbar macht, anderes, wovon wir enttäuscht sind. Jeder von uns ist anders gestimmt, hat andere Gedanken, Gefühle, Erwartungen und Wünsche. Herr, hilf uns allen zu finden, was wir brauchen. Führe uns zu einer Gemeinschaft zusammen und befreie uns zum dankbaren Handeln durch die bedingungslose Zuwendung, die wir von dir erfahren. Amen.

Schriftlesung: Johannes 8, 1-11

1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Und frühmorgens kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie.

3 Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer brachten eine Frau zu ihm, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte

4 und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden.

5 Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?

6 Das sagten sie aber, ihn zu versuchen, damit sie ihn verklagen könnten. Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.

7 Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.

8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.

9 Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst; und Jesus blieb allein mit der Frau, die in der Mitte stand.

10 Jesus aber richtete sich auf und fragte sie: Wo sind sie, Frau? Hat dich niemand verdammt?

11 Sie antwortete: Niemand, Herr. Und Jesus sprach: So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr.

Glaubensbekenntnis
Hauptlied EKG 288, 1-2 (EG 398):

1. In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserm Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn!

Wir hören den Predigttext des heutigen Sonntags, der in Hebräer 7, 24-27 steht:

24 [Jesus] hat, weil er ewig bleibt, ein unvergängliches Priestertum.

25 Daher kann er auch für immer selig machen, die durch ihn zu Gott kommen; denn er lebt für immer und bittet für sie.

26 Denn einen solchen Hohenpriester mussten wir auch haben, der heilig, unschuldig, unbefleckt, von den Sündern geschieden und höher ist als der Himmel.

27 Er hat es nicht nötig, wie jene Hohenpriester, täglich zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen und dann für die des Volkes; denn das hat er ein für allemal getan, als er sich selbst opferte.

Herr Jesus Christus, lass uns deine Nähe in unserem Leben erfahren; lass uns verstehen, was deine Nähe für uns bedeuten kann. Amen.

Liebe Gemeinde!

Vielleicht ist Ihnen die folgende Geschichte von Bertolt Brecht bekannt: „Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: ‚Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir diese Frage fallen lassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott‛.“

Im Predigttext ist auch vom „brauchen“ die Rede. Es heißt da, wir mussten Jesus haben, um zu Gott zu kommen, Jesus, den sündlosen Hohenpriester, der ewig über den Himmeln wohnt. Er rettet uns. Er tritt für uns ein. Brauchen wir ihn? Würde sich unser Verhalten ändern, oder hat es sich geändert, dadurch, dass es ihn gibt? Brauchen wir Jesus hier auf der Erde?

Einige Konfirmanden haben Bilder gemalt, auf denen Jesus mit Gott, dem Vater, über den Wolken bei den Toten wohnt, weit, weit weg von uns Lebenden auf der Erde. So weit weg scheint mir auch der Jesus zu sein, den der Hebräerbrief in unserem Predigttext beschreibt.

Der Schreiber des Hebräerbriefs ist ein Theologe, ein Denker. Er drückt in Begriffen aus, was ihm an Jesus wichtig ist, in Begriffen, die einer uns fremden Welt angehören. Würde er von Jesus erzählen, wie es die Geschichtenerzähler des Neuen Testaments in den Evangelien tun, dann fiele es Ihnen und mir gewiss leichter, ihn zu verstehen.

Ich möchte uns Geschichten in Erinnerung rufen, die erzählen, was geschieht, wenn Jesus für Menschen eintritt, wenn Menschen Jesus brauchen. Eine solche Geschichte haben wir vorhin als Schriftlesung gehört, die Erzählung von der Ehebrecherin. Jesus verurteilt sie nicht wie die Männer, die sich über sie entrüsten. Er verabschiedet sich von ihr mit der Mahnung, in Zukunft nicht mehr zu sündigen. Er traut ihr zu, dass sie ihr Verhalten ändern kann. Er nimmt sie als Person ernst, die Entscheidungen fällen kann. Sie kann Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

Eine andere Geschichte erzählt Lukas. Sie handelt von Zachäus, der für die römische Besatzungsmacht Steuern eintreibt und sich dabei kräftig bereichert (Lukas 19, 1-10). Jesus kehrt einmal bei Zachäus als Gast ein. Die Entrüstung der Leute ist groß: „Bei einem sündigen Menschen. ist er eingekehrt!“ Zachäus fühlt sich dabei wohl, dass Jesus ihn wichtig nimmt und akzeptiert. Jesus traut ihm offensichtlich mehr zu als Betrügerei. Er fasst einen Entschluss. Er fühlt sich auf einmal stark genug, verantwortlich zu handeln. Er sagt zu Jesus (Lukas 19, 8):

8 Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück!

Die Ehebrecherin und der Zöllner, beide brauchen Jesus. Denn sonst wird ihnen nichts geschenkt, nicht einmal ein Wort der Anerkennung. Niemand sonst traut ihnen etwas zu. Jesus entrüstet sich nicht über ihr bisheriges Verhalten. Er spricht sie auf ihre Fähigkeit an, Verantwortung für ihr zukünftiges Verhalten zu übernehmen.

Um leben zu können, sind wir auf Anerkennung angewiesen. Erfahrungen, wie sie der Zöllner und die Ehebrecherin mit Jesus machen, kennen wir vielleicht aus dem Zusammenleben mit Menschen, die uns lieben. Einer, der mich liebt, traut mir zu, mein Verhalten aus freien Stücken zu ändern, wenn ich ihn enttäuscht habe. Er liebt mich, ohne Vorleistungen oder Gegenleistungen zu erwarten. Doch oft erfahren wir im Umgang mit Menschen etwas anderes: sie senden Botschaften aus: ich erkenne dich an, wenn du bestimmte Bedingungen erfüllst. Ich nehme dich ernst, wenn du dich so verhältst, wie man es von einem anständigen Menschen erwarten kann, wenn du dich erst um deinen Haushalt und die Familie kümmerst und dann erst um dich selbst, wenn du vernünftig denkst und redest, wenn du in der Schule gut bist, wenn du ein braves Kind bist, wenn du als Arbeiter nicht zu hohe Ansprüche stellst, wenn du als Patient keine Schwierigkeiten machst. Wir können uns bemühen, diese Bedingungen zu erfüllen, uns den Erwartungen der anderen beugen; unsere eigenen Wünsche hintanstellen, den anderen zu Gefallen leben – doch sind wir dabei zufrieden? Hat der andere überhaupt etwas davon, dass wir vor ihm verbergen, wie wir wirklich sind? Wenn wir diese Bedingungen aber nicht erfüllen wollen, gibt es nicht Anerkennung, sondern Vorwürfe und Konflikte. Oder wir werden nicht mehr für voll genommen.

Ich besuchte eine alte Frau im Krankenhaus, die ein Leben lang gewohnt gewesen war, anerkannt zu werden, für gute Leistungen in der Schule, für ihre aufopfernde Arbeit in der Familie. Bis zuletzt noch hat sie für die Enkel gesorgt, nun wird sie dazu nicht mehr in der Lage sein. Sie schämt sich, ihre Blase nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Sie fühlt sich gedemütigt, da sie nachts angebunden wird, da sie immer aufstehen will und nicht darf. „Ich werde nicht mehr ernstgenommen“, klagt sie. „Ich höre die Witze, die die Pfleger über mich machen, ich merke, dass sie mich wie ein Kind behandeln. Da will ich nicht mehr lange weiterleben.“

Auch Gott ist dieser Frau ferngerückt. Sie erlebt ihn wie die Menschen, die Bedingungen stellen, wenn sie anerkannt werden will. „Man ist ja dazu erzogen worden, an Gott zu glauben. Man muss ja einen Glauben haben, dann hilft der liebe Gott vielleicht einem auch.“ Aber sie kann keinen Glauben mehr zu diesem Gott aufbringen. Sie ist enttäuscht. „Wie kann der liebe Gott einen so alt werden lassen, wenn er einem nicht mehr den Verstand lässt?“

In unserem Predigttext werden auch Menschen erwähnt, die meinen, dass Gott den Menschen sagt: ich erkenne dich an, wenn du bestimmte Leistungen vollbringst, wenn du mir zu Gefallen lebst. Es sind die Hohenpriester, deren Lebensaufgabe es ist, täglich Gott Opfer darzubringen, damit er mit den sündigen Menschen versöhnt wird.

Jesus ist ein Hoherpriester anderer Art. Er will keine Anstrengungen, die man sich und anderen abzwingt, um Gott zu gefallen, ob das damals Opfer waren oder heute die Bemühung zu glauben, weil man doch etwas glauben muss. So etwas bringt uns Gott nicht näher. Solche Leistungen machen uns entweder hochmütig, wenn wir es besser machen als andere, oder sie machen mutlos, wenn wir versagen oder sich kein Erfolg zeigt. Jesus macht damit Schluss. Seine Botschaft lautet einfach: ich nehme dich ernst, und ich wünsche mir, dass du mich ernst nimmst. Du bist wichtig an deinem Platz, in deinem Lebensbereich, deine Gefühle, deine Wünsche sind wichtig. Du kannst in meiner Nähe geborgen sein. Ich traue dir zu, dass du verantwortlich mit dir umgehst. Ich traue dir auch zu, dass du andere ebenso ernst nimmst wie dich selbst.

Jesus war der erste, der diese Art der Nähe zu Gott vollkommen erfahren hat. Es wird überliefert, dass er bei seiner Taufe die Stimme Gottes gehört hat: An dir habe ich Wohlgefallen. Es wird überliefert, dass er die Botschaft weitergegeben hat: Das Reich Gottes ist nahe, tut Buße, frei übersetzt: Gott nimmt euch bedingungslos ernst, er traut euch verantwortliches Handeln zu. Es wird überliefert, dass Jesus kein Übermensch war. Verantwortung zu übernehmen, fiel ihm nicht immer leicht. Als er sich wehrlos gefangennehmen ließ, weil er seinen Feinden nicht mit Gewalt, sondern mit Liebe begegnen wollte, hatte er Angst. Als er am Kreuz starb, starb er nicht den Tod eines Helden, sondern schrie Gott seinen Zorn und seine Verzweiflung ins Gesicht: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!? Doch er hatte den Mut gefunden, aus Liebe lieber selber zu leiden als andere leiden zu lassen. Denn er wusste sich in der Nähe Gottes geborgen, mit seiner Angst, mit seinem Zorn, in seiner Verzweiflung.

Seit Jesus gelebt hat, ist es nicht mehr nötig, Gott zu Gefallen zu leben. Gott verlangt nicht, dass wir ihm gegenüber unsere wahren Gefühle verbergen. Wenn ich wie die Frau, von der ich erzählt habe, im Krankenhaus liege, wenn ich von Gott enttäuscht bin, dann kann ich Gott sagen, wie zornig ich auf ihn bin, oder wie traurig ich bin. Ich kann zu meinen Gefühlen stehen, kann Verantwortung für sie übernehmen. Wenn ich Gott meine Wut sage, ihm meine Angst, meine Langeweile klage, vielleicht finde ich dadurch zu einem echteren, tieferen Gebet. Ich nehme mich, meine Gefühle ernst, ich nehme Gott ernst. Ich spüre mehr und mehr, dass auch Gott mich ernst nimmt. Ich finde vielleicht auch in einer so schweren Lebenslage noch eigene Wege, ein Stück Verantwortung für mich zu übernehmen. Ich kann bewusst Abschied nehmen von Fähigkeiten, die ich früher hatte. Ich kann mit meinen begrenzteren Möglichkeiten sinnvoll umzugehen versuchen. Ich kann mich in Geduld einüben. Ich kann mir schöne Tage in Erinnerung rufen. Ich kann einem anderen Menschen etwas sagen, ein liebes Wort, oder auch ein Wort der Klärung, wenn ich Zorn gegen ihn empfinde. Auch wenn wir nicht in einer so außergewöhnlichen Lage sind wie die kranke Frau, können wir einen brauchen, der uns Mut macht, verantwortlich zu unseren Gefühlen zu stehen und auch die Gefühle anderer ernstzunehmen.

Ich erinnere mich daran, wie ich früher manchmal in der Schulklasse zum Außenseiter geworden bin. Als die Beatles ihre ersten Schallplatten herausbrachten, war ich in der Klasse der einzige, der – damals – nichts damit anfangen konnte. In Sport war ich nicht gut, ich raufte mich nicht gern. Andere zogen mich damit oft auf, sie wollten mich wohl aus der Reserve locken, weil ich so langweilig auf sie wirkte. Doch sie sagten nicht, was sie von mir erwarteten, sie zeigten mir nur, dass sie mich nicht ernst nahmen. Ich wiederum sagte auch nicht, dass ich Angst vor ihnen hatte. Ich sagte nicht, was ich mir von ihnen wünschte. Ich dachte mir: die sind alle doof. Ich versuchte, sie mit Verachtung zu strafen. Das reizte die anderen natürlich noch mehr, vor allem, weil meine Versuche, mich zu wehren, sehr unbeholfen waren. Diese Kämpfe hörten erst auf, als wir uns auf einer Klassenfahrt dann mal gesagt haben, wie wir uns fühlten bei diesen bösen Spiel. Und was wir für Interessen hatten, und was wir uns voneinander wünschten. Ich weiß nicht mehr, wer den Anfang gemacht hat, jedenfalls nahmen die anderen mich und ich die anderen plötzlich ernst. Wir trauten einander auf einmal zu, uns zu ändern.

Gewiss kennen Sie ähnliche Situationen. Vielleicht scheint gar kein Ausweg möglich zu sein, vielleicht erscheint es zu schwer, sich selbst oder anderen zuzutrauen, dass man sich auch einmal anders verhalten kann. Ich habe aber erfahren, dass jeder von uns wichtig genug ist, um es immer wieder zu wagen. Vielleicht lassen Sie sich auch darauf ein. Wir sind wichtig genug, so verstehe ich unseren Predigttext, wenn es dort heißt: Jesus lebt allezeit, um für uns einzutreten. Wir können uns immer wieder vor Augen halten, was er der Ehebrecherin, dem Zöllner und uns sagt: Ich nehme dich ernst, ich traue dir zu, dass du Verantwortung für dein Verhalten übernehmen kannst. Dann kann das geschehen, was eine der Konfirmandinnen in einem Bild so ausgedrückt hat: im Verhalten der Menschen kommt Gott uns ganz nahe und wird er für uns sichtbar. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Predigtlied EKG 250, 1+6+13 (EG 351):

1. Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich; sooft ich ruf und bete, weicht alles hinter sich. Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

6. Nichts, nichts kann mich verdammen, nichts nimmt mir meinen Mut: Die Höll und ihre Flammen löscht meines Heilands Blut. Kein Urteil mich erschrecket, kein Unheil mich betrübt, weil mich mit Flügeln decket mein Heiland, der mich liebt.

13. Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein, ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein. Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ; das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.

Herr Jesus Christus, du machst uns Mut, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen – dass wir für uns sorgen und uns nicht durch die Belastungen des Alltags die Gesundheit oder das Familienleben zerstören lassen; – dass wir für uns sorgen und uns mit unseren starken und schwachen Seiten annehmen und wichtig nehmen und wissen, dass wir auch für andere Menschen wichtig sein können, indem wir ihnen etwas von uns geben. Herr, hilf uns, auch anderen Menschen Mut zu machen, verantwortlich mit sich selbst und anderen umzugehen, – dass wir z. B. Außenseitern sagen, was uns an ihnen stört und was wir uns von ihnen wünschen, statt ihnen das Gefühl zu geben, sie seien nichts wert; – dass wir z. B. kranken Menschen helfen, mit ihrer Krankheit und den Folgen fertigzuwerden; – dass wir z. B. entlassenen Strafgefangenen den Neubeginn nicht durch unser Misstrauen erschweren; – dass wir z. . Menschen, die anders sind als wir, nicht mit Vorurteilen, sondern mit Fragen gegenübertreten. Herr, wir danken dir, dass du uns nahe bist und dass wir für dich wichtig sind.

In unsere Fürbitte schließen wir ein…

Vaterunser und Segen
Orgelnachspiel

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