Draußen vor dem Tor

Zum Gedenken an Werner Schmauch (1905-1964).

Treblin-Heinrich

Pfarrer Heinrich Treblin

Das Jahr 1985 sollte nicht vorübergehen, ohne dass wir auch in der „Jungen Kirche“ eines Mannes gedacht haben, der in diesem Jahre 80 Jahre alt geworden wäre, wenn er sich nicht frühzeitig in dem Dienst verzehrt hätte, den er als seine Lebensaufgabe begriff. Professor Dr. Werner Schmauch, Schüler des Breslauer Neutestamentlers Ernst Lohmeyer, in der Hitlerzeit in seiner Heimat Schlesien Pastor der Bekennenden Kirche und Ausbilder der illegalen jungen Theologen, im polnisch gewordenen Schlesien Mitglied der nunmehrigen Kirchenleitung, des Bruderrates, und Betreuer der verstörten, verarmten und schließlich ausgetriebenen deutschen Restgemeinden, in der DDR danach als Universitätslehrer in Berlin und Greifswald brüderlicher Freund und Berater seiner Studenten und darüber hinaus – schließlich als Mitbegründer und Vizepräsident der Prager Christlichen Friedenskonferenz – auf unzähligen Reisen über die Grenzen nach Ost und West während des damaligen Kalten Krieges Rufer zum Frieden in der Nachfolge des Friedensstifters Jesus Christus, hat uns ein Vermächtnis hinterlassen, das auch gerade in der heutigen Situation wegweisend sein könnte. (Die wichtigsten Schriften von Werner Schmauch sind zugänglich in der bei H. Reich, Hamburg, erschienenen „Ev. Zeitstimme“ Nr. 20: „Koexistenz? Proexistenz!“, jetzt im Eulenhofverlag Hardebek erhältlich. Daraus alle Zitate.)

Proexistenz – die Botschaft der Bergpredigt

Die 2. Barmer These, die er unzählige Male vor und nach 1945 ausgelegt hat, erkennen wir unschwer in der für ihn charakteristischen Formulierung von 1957 wieder: „Aus der selbstherrlichen Existenz befreit zur Proexistenz für den Anderen, für Erde und Welt“ existiert „die Jüngergemeinde nur im Vollzug dieses Gehorsams, in der Proexistenz, in der Überwindung der Welt durch Hingabe an sie.“ In Vorträgen, Schriften und Zeitungsartikeln hat er diese Botschaft von Jesu Einladung zur Proexistenz als die eigentliche Mitte und Absicht der Bergpredigt und der paulinischen wie Johanneischen Schriften Christen und Nichtchristen eingeschärft und vorgelebt. Unbeeindruckt von westlichen wie östlichen Ideologien, aber auch ohne Berührungsängste im Umgang mit Konservativen, Liberalen und Marxisten hat er Reich-Gottes-Erwartung mit Weltverantwortung verbunden: „So ist die Bergpredigt in Zuspruch und Anspruch nichts anderes als das Evangelium vom kommenden Reich in seiner Konkretisierung auf das menschliche Dasein vor dem Ende der Welt.“ Allen Versuchen, die Bergpredigt mit ihren Forderungen „abzuschwächen, in ihrer Verbindlichkeit anzuzweifeln oder umzudeuten“, ihre Geltung nur für ein postmortales Jenseits oder eine rein religiöse Innerlichkeit der Gesinnung ohne konkrete Auswirkungen im Diesseits einzuschränken, ist er leidenschaftlich entgegengetreten: „Eine Gesinnungsethik verkennt das Wesentliche der Bergpredigt, ebenso wenig bietet die Bergpredigt bloße Ratschläge für Christen höherer Ordnung und ist selbst kein bloßer Sündenspiegel. Es ist im Sinne des Matthäus kaum daran zu deuteln, daß die Lehre der Bergpredigt getan werden will.“ Freilich nicht aus eigener Kraft und zur Erlangung des eigenen Heils; weder kann sich ein frommer Egoismus auf sie berufen noch ein illusionärer Weltverbesserungsaktivismus.

Das neue Gebot der Feindesliebe lässt sich der Welt in ihrer Sündengebundenheit auch nicht als allgemeinverbindliches Gesetz aufnötigen. Das Tun der Worte Jesu ist vielmehr stets „Wunder des kommenden Himmelreiches, das nahe herbeigekommen ist“. Ganz klar sagt Schmauch: „Man kann nicht mit ihr (der Bergpredigt) die Welt regieren, aber Er (der eschatologische Freudenbote Jesus von Nazareth) regiert mir ihr, indem er durch sie Menschen in seine Nachfolge ruft.“

Die Jüngergemeinde als Kirche für die Welt

Dieses Wunder vollzieht sich, wo Gott Menschen durch sein Wort als „eschatologische Jüngergemeinde“, als lebendige, sich zu ihrem Herrn bekennende und mit ihm sich für die Welt verantwortlich wissende Gemeinde von Brüdern (wie Schmauch die ecclesia im Gegensatz zur „Scheinkirche“ in immer neuen Worten definiert) versammelt. Ähnlich wie Bonhoeffer hat auch Schmauch betont, dass Kirche Jesu Christi nur dann ihren Namen zu Recht trägt, wenn sie wie ihr Herr, dessen Leib sie ist, „Kirche für die Welt“ ist. So hat er auch als akademischer Lehrer nie Theologie als abstrakt-selbstgenügsame Wissenschaft im Elfenbeinturm getrieben, sondern stets in lebendigem Bezug zu den großen und kleinen Fragen des politischen Alltags, in dem er und seine Hörer lebten. Und er ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass solche Zuwendung zur Welt stets als metanoia, als Umkehr und Abkehr von dem, was die Welt als Weg zum Heil und zum Frieden anzusehen pflegt, zu geschehen hat. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, mit manchen Bonhoeffer-Interpreten die Freiheit eines Christenmenschen als Freiheit zu beliebigem Tun und nach den in der Welt geltenden Regeln gewaltsamer Selbstsicherung im politischen Raum zu verstehen. Wohl ermöglicht „die im Evangelium angebotene Freiheit der Selbsthingabe an alle Menschen es dem Christen, mit allen Menschen zusammenzuarbeiten, die aus Erwägungen der Vernunft und mit politischen Mitteln nach dem Frieden streben“. Aber in dieser Zusammenarbeit werden Christen gerade ihre besondere Berufung nicht verleugnen, sondern als heilsames Zeugnis von der „besseren Gerechtigkeit“ Gottes sichtbar werden lassen, auch wo dies zum Konflikt mit den herrschenden Mächten und zu politischer und volkskirchlicher Verdächtigung führen sollte. Sie werden „ihre politische Verantwortung für den Frieden nur so wahrnehmen können, wie es der Art und Weise des Friedenstiftens, die ihnen ihr Herr aufgetragen hat, entspricht“. Sie werden sich, um glaubwürdig zu bleiben, „nicht auch nur den Anschein geben dürfen, dass sie für eine Front so optieren, dass darüber der Weg zu dem Bruder auf der anderen Seite versperrt werden würde“. Da die Christen die Möglichkeit haben, auf alle Selbstsicherung zu verzichten,… werden sie auch heute bei den erstarrten Fronten … immer wieder den Politikern raten, den ersten Schritt zur Verständigung zu tun, ohne auf die Initiative oder die Zustimmung der Beteiligten zu warten“.

Der prophetische Dienst der Gemeinde

Schmauch spricht hier – im Anschluss an 1. Kor. 14 – vom „prophetischen“ Dienst der Gemeinde. Christliche Prophetie „ist keine Scnwärmerei. Sie ist auch keine Vorhersage von in dunkler Zukunft liegenden Ereignissen“. „Das prophetische Reden enthüllt nicht in erster Linie, was Gott getan hat bzw. tun wird, sondern was von Menschen aus zu tun ist.“ Es sind nicht die Geheimnisse Gottes, die die Prophetie aufdeckt, sondern die ganz konkrete Lage des Menschen und das in ihr notwendige Handeln. Es geht darin also nicht um die Fakten der Heilsgeschichte, auch nicht um das religiöse Verhältnis zu Gott, sondern um das ganzheitliche Zeugnis der Gemeinde in der Welt. „In der ihr aufgetragenen und gemeinsam geübten Prophetie tritt die Gemeinde als Gemeinde, und zwar als mündige Gemeinde, in Erscheinung und schließlich als eine Gemeinde, in deren gottesdienstlicher Versammlung die Ausgrenzung des Sakralen gegenüber dem Profanen überwunden ist und die ganze Weite menschlichen Daseins gerade auch in der gemeinsamen Bemühung um aktuelle Fragen neben der Liturgie ihren Platz hat.“

Weder der Glaube noch die Liebe vermögen freilich, „direkte und spezielle Weisungen“ für jede sich verändernde konkrete Lage zu geben. Darum bedient sich das prophetische Reden – im Gegensatz zum „Zungenreden“ – des Nous, der Ratio, des „klare Gedanken in verständlicher Form hervorbringenden Verstandes“, der im Hin und Her der Argumente im brüderlichen Gespräch kritisch prüft, was die Liebe jeweils zu tun gebietet. Solches „vernünftige“ Prüfen geschieht allerdings „nach Analogie des Glaubens“ (wie Schmauch nach Röm. 12, 6 bemerkt). Es sind „keinesfalls ‚Ermessensentscheidungen‘, die mit derselben Gültigkeit auch anders ausfallen könnten“, die Christen im politischen Bereich fällen, Für Christen bleibt die Entscheidung darüber, was jeweils „vernünftig“, „verantwortungsbewusst“ und „Recht“ ist, gebunden an die von Gott in der Proexistenz Jesu Christi für alle Menschen getroffenen Grundentscheidung. Christen trachten „zuerst nach dem Reich Gottes“. Sooft sie mit Nichtchristen zusammen um Frieden und Wohlergehen der Menschen bemüht sind, bleibt dies ihre erste Sorge, wissen sie doch, dass erst dann, wenn das Reich Gottes von allen anerkannt und Gottes Wille von allen getan wird, wirklich Friede einkehren kann. Weil Gott selbst diesen Tag herbeiführen kann, klagen sie nicht über die böse, blinde Weit, sondern bitten Gott in Solidarität mit allen Menschen um Vergebung unserer Schuld und Erkenntnis des wahren Weges zum Frieden für alle.

Draußen vor dem Tor

Eben weil es nicht in der Macht der Welt liegt, selber Frieden zu schaffen und auf die gottlos-lieblosen Praktiken gewaltsamer Selbstsicherung zu verzichten, darum bedarf die Welt des glaubwürdigen Zeugnisses der Gemeinde Jesu. Dieses Zeugnis wird aber nur eine Gemeinde zu geben vermögen, die ihrem Herrn auf seinem Wege zu folgen bereit ist. Es ist der Weg hinaus aus den trügerischen Festungen menschlicher Selbstsicherung und aus den Palästen vergänglichen Wohlstandes, der Weg zu den von der Gesellschaft der Besitzenden an den Rand Gedrängten, Ausgebeuteten und Ausgestoßenen und zu den als „Feinde“, von denen man sich bedroht fühlt, Bekämpften, den Jesus gegangen ist. Weil er sich ihnen in brüderliche Liebe zuwandte, ward er selbst ausgestoßen aus der Gesellschaft der Frommen und Starken. Es musste erst Ostern und Pfingsten werden, bis die Jünger erkannten, dass das Kreuz keine Niederlage, sondern der Sieg der Proexistenz Gottes und Jesu war, und bis auch sie diesen Weg – nicht klagend, sondern freudig und siegesgewiss – zu gehen gewürdigt wurden, als glaubwürdige Zeugen des kommenden Gottesreiches.

Es ist der Ton dieser „eschatologischen Freude“, der das ganze Werk Werner Schmauchs kennzeichnet. Schon mitten im Kirchenkampf während der Hitlerzeit konnte er in seiner vor der 12. altpreußischen Bekenntnissynode in Breslau 1943 gehaltenen Predigt über Hebr. 13 es „eine ganz besonders gnädige Führung unseres Gottes“ nennen, dass Gott „angefangen hat, uns die Sicherungen und Sicherheiten unseres Kirchentums zu zerschlagen! Staatskirche, Volkskirche, Pastorenkirche brechen zusammen, und wir werden ausgewiesen aus dem Lager – zu ihm draußen vor dem Tor. Dort draußen vor dem Tor ist der eigentliche Ort der Gemeinde,“ Und nach der Austreibung aus Schlesien 1947 vermag er – ohne Bitterkeit und Revanchegelüste zu sagen: „Was für ein Segen ist unserer Evangelischen Kirche von Schlesien erwachsen, die ostwärts der Oder/Neiße inmitten der totalen Katastrophe ohne finanzielle Hilfe des Staates, ohne staatliche Privilegien, ja, zum Teil ohne öffentlichen Rechtsschutz hat ihres Glaubens leben dürfen.“ Er hatte erfahren, dass eine Kirche, die den Schutz des Staates zur Sicherung ihrer Existenz begehrt, die Freiheit verliert, diesem das ärgerliche Wort vom Kreuz auszurichten; er hatte zugleich erfahren, wie „eine bekennende Gemeinde, klein an Zahl, diffamiert, ohne öffentliche Anerkennung, geschweige denn mit staatlicher Unterstützung, ohne Lebensraum ohnmächtig ist, doch so wirkend, dass auch ein Hitler darüber nicht zur Ruhe gekommen ist“, als vollmächtige Zeugin ihres Herrn gehört wurde. Unermüdlich rief er die Christen in der DDR auf, die neue Chance einer Freiheit von heillosen Bindungen in einer „Umkehr nach vorn“ wahrzunehmen und darüber zu wachen, „dass die Kirche mit nichts anderem regiert als mit dem machtlosen und gleichzeitig vollmächtigen Wort ihres Herrn“. Ist doch die Kirche als Jüngergemeinde Jesu die „einzige Größe in der Welt“, die „es sich leisten kann, um ihres Auftrages willen sich ständig und überall selbst zu opfern, ohne darum fürchten zu müssen, dass ihre Existenz dadurch gefährdet wird … in einer durch nichts zu zerstörenden Gewissheit durch den, der bei ihr ist alle Tage bis an der Weit Ende“.

Diese innere Freiheit, erwachsen aus der Gewissheit des kommenden Gottesreiches, könnte auch uns heutigen Christen helfen, inmitten einer aus Angst vor den Ausgestoßenen, Ausgebeuteten und ihrer Rache hochgerüsteten und zum Holocaust an diesen „Feinden“ entschlossenen Gesellschaft solidarisch mit diesen „geringsten Brüdern“ Christi zu werden und dabei zu riskieren, dass man uns hinausweist aus dem Lager der „guten Gesellschaft“ und der mit ihr verbündeten Kirchen. Lassen wir uns von Werner Schmauch sagen: „Dort draußen vor dem Tor ist der eigentliche Ort der Gemeinde Jesu Christi.“

Pfarrer i. R. H. Treblin, Alzey

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen 12/85, S. 666-669

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