Verdiente Gnade

Jeder bekommt, was er verdient hat, so scheint ein Psalm dem evangelischen Grundverständnis von Gnade und Barmherzigkeit zu widersprechen. Und doch liegt darin kein Widerspruch, wenn man sich von Jesus erklären lässt, was Barmherzigkeit ist.

Verdiente Gnade: Ein Elliptisches Bronze-Medaillon an einem Rosenkranz mit der Inschrift "Divine Mercy" = "Göttliche Gnade" und dem segnenden Christus

Was ist unter der göttlichen Gnade zu verstehen? (Bild: Darte – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau B., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Ein langes Leben ging zu Ende, ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Freude und Leid. Viele der ihr vertrauten Menschen sind bereits gestorben, manche können heute nicht hier sein, wenige haben an ihrem Lebensweg bis zum Schluss Anteil genommen. Wir sind hier, um Frau B. die letzte Ehre zu erweisen. Wir tun dies, indem wir nach Gott fragen und zu ihm beten, dem die höchste Ehre gebührt.

Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 62:

6 Sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung.

7 Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz, dass ich nicht fallen werde.

8 Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott.

9 Hoffet auf ihn allezeit, liebe Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus; Gott ist unsre Zuversicht.

10 Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, soviel ihrer sind.

11 Verlasst euch nicht auf Gewalt…; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.

12 Eines hat Gott geredet, ein Zweifaches habe ich gehört: Gott allein ist mächtig,

13 und du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er‘s verdient hat.

Liebe Gemeinde, noch im deutschen Kaiserreich, wurde die nun Verstorbene geboren – an diese Zeit kann sich keiner der hier Anwesenden aus eigener Anschauung erinnern.

Erinnerungen an viele Fügungen im Leben der Verstorbenen

Ein Segen war es, dass Sie sich bis zuletzt für Frau B. verantwortlich gefühlt haben. Es ist nicht selbstverständlich, dass die Gebote der Bibel gelten, in denen die erwachsenen Kinder an ihre Sorgepflicht für die alt gewordenen Eltern gemahnt werden. Als Krankenhauspfarrer konnte ich nur zu häufig feststellen, wie viele von den alten Menschen, deren geistige Fähigkeiten abnahmen, gar keinen Besuch von ihrer Familie mehr bekamen. Dieses Schicksal der Vereinsamung blieb der alten Frau B. erspart, denn Sie, die junge Frau B., taten einfach, was eine Tochter – oder ein Sohn – als selbstverständliche Pflicht anzusehen hätte.

Wenn ein Mensch stirbt, dann denken wir nach über die großen Lebensrätsel, zu denen der Tod gehört:

Wir fragen uns, ob und inwiefern das Leben dieses Menschen erfüllt war.

Wir fragen uns, ob und wie dieses Leben noch Zukunft hat.

Wir fragen uns auch, ob wir als diejenigen, die zurückbleiben, diesem Menschen gerecht geworden sind oder ob wir etwas versäumt haben.

Die letzte Frage können wir vielleicht noch am ehesten beantworten, denn wir wissen, in welcher Weise wir die Verbundenheit zu einem Menschen, dem wir nahestanden und dem wir uns verpflichtet fühlten, ausgedrückt haben.

Was doch versäumt wurde, ist nicht mehr zu ändern; es tut weh, sich klarzumachen, dass manche Wunden, die Menschen einander zufügen, auf dieser Erde nicht geheilt werden, dass man sich so machtlos fühlt gegenüber unbarmherzigen Lebenseinstellungen.

Wichtig ist, dass wir unser Herz nicht durch Bitterkeit gefangennehmen lassen, sondern dass wir dankbar auf das blicken, was dieser Frau und uns geschenkt war: an Liebe, die wir erfahren und schenken durften, an Prägungen und Begegnungen, die uns halfen, so zu werden und zu leben, wie wir es heute tun, an Bewahrung und Bewährung.

Bewahrung und Bewährung – aus der Sicht der Bibel ist es Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es wieder zurückkehrt. Er ist es, der uns immer wieder Bewahrung schenkt, am Leid vorbei oder durch das Leid hindurch, er ist es auch, der uns Herausforderungen auferlegt, in denen wir uns zu bewähren haben.

Und wenn unser Leben einmal zu Ende ist, wird Gott es sein, der ein letztes Wort über dieses Leben spricht. Dann wird sich klar und offen zeigen, dass nichts, was wir auf Erden tun, sei es gut oder böse, ohne Folgen ist, und dass nichts, was wir hier erleiden, dem Vater im Himmel gleichgültig ist. Liebe erfüllt unser Leben, Liebe, die uns geschenkt ist, Liebe, die wir weitergeben. Wenn davon wenig oder nichts da sein sollte, dann und nur dann sind wir arm dran. Wenn wir lieben konnten und können, dann sind wir reich – auch über den Tod hinaus.

Vorhin haben wir den Vers gebetet (Psalm 62, 13):

Du, Herr, bist gnädig; denn du vergiltst einem jeden, wie er‘s verdient hat.

Das klingt widersprüchlich: Was gilt denn nun – die Gnade oder das Prinzip der Vergeltung?

Ich glaube, es gilt beides.

Wenn wir nur zu erwarten hätten, was wir verdienen, dann wären wir verloren. Denn so gute Menschen sind wir nicht, immer nur liebevoll, immer nur auf das Wohl der anderen bedacht. Wir sind Menschen, die immer wieder Vergebung brauchen, und Gott ist ein Gott, der immer wieder bereit ist, uns zu vergeben.

Und das ist, glaube ich, das einzige, was Gott wirklich von uns erwartet: Menschen zu sein, die nicht perfekt sind, aber sich vergeben lassen können. Menschen, die mit anderen nicht perfekten Menschen zusammenleben und auch mit ihnen barmherzig sind. Jesus sagt einmal (frei nach Matthäus 7, 12):

Habt doch ein Herz und behandelt die anderen Menschen so, wie ihr auch behandelt werden möchtet!

Und ein anderes Mal sagt er (frei nach Matthäus 25, 35-40):

Stellt euch vor, ich war im Krankenhaus und ihr habt mich besucht! Ich brauchte Unterstützung, und ihr habt mich versorgt!

Und die, denen er das sagt, wundern sich.

Wann haben wir das für dich getan?

Da sagt Jesus:

Wenn ihr für irgendjemand, der es nötig hat, so etwas tut, dann ist es gerade so, als ob ihr es für mich tut.

Das ist auch in Psalm 62, 13 gemeint:

Du vergiltst einem jedem, wie er‘s verdient hat.

Wer barmherzig ist, dem ist auch Gott barmherzig; wer Barmherzigkeit annimmt, ist auch fähig, als barmherziger Mensch zu leben – als einer, der selber in sich ruht und eine Wohltat für andere Menschen ist.

Das Leben von Frau B. ist zu Ende gegangen, indem sie zum Schluss sehr stark auf andere Menschen angewiesen war. Sie hat sowohl durch familiäre und freundschaftliche Nähe als auch durch professionelle Hilfe in ihrem letzten Lebensabschnitt Getragensein und Geborgenheit erfahren. Dankbar können wir sie nun loslassen, denn wir können auf Erden nichts mehr für sie tun.

Wir vertrauen sie dem Vater im Himmel an. In welcher Form wir nach dem Tode noch Zukunft haben, wissen wir nicht. Aber unsere Phantasie kann sich großartige Bilder vom Leben im Himmel ausmalen – dass die alte Frau dort wieder jung wird wie ein Adler, wie es Psalm 103, 5 sagt, dass ihr Geist wieder klar und froh wird und dass sie die schönen Lieder der Engel hören oder sogar mitsingen kann. So nehmen wir getrost Abschied von Frau B. Amen.

Barmherziger Gott, nimm Frau B. gnädig auf in dein himmlisches Reich. Du überblickst das Ganze ihres Lebens und bist der einzige, der ihr gerecht werden kann als ein gnädiger und gerechter Richter. Was unser Herz beschwert, was ungelöst geblieben ist an Problemen und Konflikten, alle diese Sorgen werfen wir auf dich. Was wir einander schuldig geblieben sind, dafür bitten wir um Vergebung, es soll uns nicht belasten. Womit wir einander reich gemacht haben in diesem Leben, dafür lass uns dankbar sein.

Hilf uns, dass wir durch leidvolle Erfahrungen unser Herz nicht bitter werden lassen, sondern lass uns im Geist der Liebe miteinander umgehen, mit der du uns begegnest und die du auch uns Menschen zumutest. Amen.

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