Er war kein Engel, aber er wird einer sein

Trauerfeier für einen jungen Mann, der sich in einer Verzweiflungstat das Leben genommen hat. Was hat ihn dazu getrieben? Wie gehen seine Angehörigen und Freunde damit um? Auf welche Weise wird Gott ihm begegnen?

Er war kein Engel, aber er wird einer sein: Ein Relief mit Jesus, der einen Jungen in seine Arme schließt

Jesus würde X. in seine Arme schließen (Bild: Myriams-Fotos – pixabay.com)

Liebe Angehörige, Freunde und Bekannte von X.!

Wir nehmen Abschied von X. Wie tun wir das?

Erstens: Wir erinnern uns an ihn, versuchen ihm gerecht zu werden, spielen zum Beispiel Lieder, die ihm gefallen haben.

Zweitens: Wir denken über uns nach, über das, was wir empfinden in diesen Tagen, worüber wir grübeln, was uns aufwühlt, nicht zur Ruhe kommen lässt.

Wie damit umgehen, wie weiterleben mit den Bildern dieser Tage, mit diesem Verlust, mit dieser Trauer, dieser Angst, diesen Schuldgefühlen, diesem Zorn, dieser Machtlosigkeit?

Drittens: Wir hören Worte der Bibel, Worte von Gott. Diese Beerdigung ist ein Gottesdienst, wir feiern ihn im Namen des Gottes, der alle Menschen liebt wie ein guter Vater, der unser Bruder wurde in Jesus, der uns nahe ist mit der Kraft seiner Liebe, gerade dann, wenn wir am Ende sind. Amen.

Liebe Trauergemeinde!

X. ist oft gegangen, vor Problemen weggelaufen – doch er ließ sich auch wieder zurückholen, versuchte, neu anzufangen.

Jetzt ist er ganz gegangen, unfassbar, tot. Die harte Wahrheit ist: Sein letzter, endgültiger Schritt kann nicht ungeschehen gemacht werden. Darum sind wir traurig. Darum fühlen wir uns machtlos. Aufgewühlt sind wir, weil wir am liebsten ändern würden, was nicht zu ändern ist; und wir wissen auch nicht, was man hätte anders machen sollen.

Doch etwas bleibt von X. auch hier. Die Liebe, die uns verbindet oder einmal verbunden hat, die bleibt erhalten, über den Tod eines Menschen hinweg.

Da sind Erinnerungen an schwere Zeiten, aber auch an Spaß und Freude, die man mit ihm haben konnte. Da gab es sehr verwickelte Beziehungen, in denen es nicht immer leicht war, und doch hat man zusammengehalten. Normal ist es auch, dass man eine Zeitlang zusammen ist, und dann wieder eigene Wege geht. Nun sind alle diese Beziehungen abgerissen. Es gibt viele, denen er fehlen wird. Denn er fand schnell Kontakt und hatte viele, die ihm immer wieder halfen, ließ sich aber wohl auch ausnutzen.

X. schleppte Verletzungen und Enttäuschungen mit sich herum. Aus Angst, dass man ihm noch mehr weh tun könnte, wenn er nicht auf der Hut war, wagte er es wohl nie ganz, sich so zu zeigen, wie er wirklich war. Hätte er seine Intelligenz voll eingesetzt, sich wirklich eingelassen auf Schule oder Arbeit oder langfristige Beziehungen – das wäre ein Risiko gewesen. Ein möglicher Fehlschlag hätte ihn unerwartet treffen können. Stattdessen provozierte er lieber von sich aus das Scheitern, und alles blieb – scheinbar – unter Kontrolle. Eine tod-sichere Methode, um keine Überraschungen zu erleben, aber auch – um unglücklich zu bleiben.

X. schien es nicht glauben zu können, dass irgendjemand ihn wirklich so liebte, wie er war. Er legte es drauf an, sich mit außergewöhnlichen Aktionen in den Mittelpunkt zu stellen, wenn auch kaum mit Erfolg. Er wollte wohl lieber negativ auffallen als gar nicht und traute nicht seinen Chancen, mit positiven Leistungen Eindruck zu machen. Er schien zu fragen: Akzeptiert ihr mich auch, wenn ich mich so unmöglich verhalte?

Wer war dieser X.? Man konnte sich über ihn aufregen, und man konnte ihn mögen. Er hat viele gute Vorsätze nicht durchgehalten, und doch immer wieder neue Hoffnung geschöpft. Er war sicher kein Engel in vielem, was er tat, aber er bleibt trotzdem ein liebenswerter Mensch.

„Er war kein Engel, aber er wird einer sein“, dieser Satz fiel mir ein, als wir diese Feier zusammen besprachen. Dabei dachte ich an etwas, was Jesus einmal gesagt hat (Markus 12, 25):

Wenn [die Menschen] von den Toten auferstehen werden, so … sind [sie] wie die Engel im Himmel.

Jesus wollte sagen: Dieses Leben ist nicht alles. Da gibt es noch mehr. Aber was noch kommt, können wir uns nicht wirklich vorstellen. Wir werden Engel sein – nein, nicht mit Flügeln, nicht Halleluja-singend – sondern Engel sind ein Bild für eine andere Art Leben, erfüllt von Liebe, nahe bei Gott, nicht einfach ins Unendliche verlängert, was wir hier schon kennen, weder ewiges Leiden noch endlose Langeweile. Engel werden wir sein – auch X. wird es sein, ist es schon, wer weiß. Er ist aufgehoben in Gottes Liebe, die ihn nicht loslässt. Engel werden wir sein, weil nur das von uns bewahrt bleibt, was wir an Liebe bekommen, ersehnt und gegeben haben, und weil alles andere vergeben ist und nicht mehr zählt.

Und in diesem Zusammenhang können wir auch sagen: Diese Verzweiflungstat war der letzte große Mist, den X. gebaut hat, er hat vielen damit wehgetan, und es ist in Ordnung, an diesem Punkt auf ihn zornig zu sein und nicht bei anderen dafür eine Schuld zu suchen. Ich stelle mir vor, auch Gott wird zu X. sagen: „Das war schlimm, das war falsch. Egal, was die Welt dir antut, mit dieser Reaktion tust du gerade den Menschen weh, die dir nichts Böses wollten.“ Und zugleich wird Gott zu X. sagen: „Dir ist vergeben, willkommen im Himmel, ich hatte dich schon immer lieb.“

Es ist eine tröstliche Vorstellung, in dieser Welt getragen zu sein von schützenden Mächten, umgeben zu sein vom Himmel eines liebenden Gottes. In Gottes Augen sind wir wertvolle Menschen; und wir fallen nicht aus seiner Hand, ganz gleich, was wir tun. Kein Mensch, der sich nach Liebe sehnt, geht verloren, selbst wenn er dem Leben auf dieser Erde, das manchmal so hart ist, nicht gewachsen ist.

So viel zu X. Ich wollte nicht seinen ganzen Lebenslauf hier ausbreiten, sondern nur einiges andeuten, was für die Erinnerung wesentlich ist.

Und nun zu uns. Wir leben mit den Erinnerungen und mit Bildern, die uns belasten. Mit Gefühlen, die uns nicht zur Ruhe kommen lassen. Jeder trauert auf seine Weise, jeder hat seinen eigenen Weg zu gehen, und es ist wichtig, dabei nicht allein zu bleiben.

Wir sind traurig. Was hätte noch alles sein können. Jetzt ist es einfach abgebrochen. Traurig, dass er einfach für immer weggegangen ist, traurig, dass man ihm nicht einmal mehr etwas sagen kann.

Vielleicht sind wir auch voll Angst – was wird mit uns werden, wohin mit dem Aufruhr in meiner Seele?

Versteckt mag auch Zorn und hilflose Wut da sein. Vielleicht Wut auf Menschen, die verletzen, enttäuschen, ihre Verantwortung nicht wahrnehmen. Vielleicht Zorn auf Gott, der nicht eingreift. Das war ja in der Kirche immer verboten – gegen Gott durfte man ja nichts sagen, Zorn auf Gott war verboten. Zu Unrecht! Denn Gott hält es aus, wenn man ihn anklagt. Wenn er da ist – und ich glaube fest daran – dann kriegt er sowieso alles mit, was wir empfinden. Dann ist es gut, zu unseren Gefühlen zu stehen.

Und unseren Zorn brauchen wir – um zu spüren, wo etwas zu weit geht, wo unsere Grenzen überschritten werden, wo es Zeit ist, etwas zu ändern: vielleicht Hilfe zu suchen oder jemandem die Meinung zu sagen oder auch eine bereits zerstörte Beziehung zu beenden.

Quälend sind auch die Gedanken, die im Kreise laufen – was wäre gewesen, wenn…

Am schwersten auszuhalten ist das Gefühl der Machtlosigkeit, nichts tun zu können, nichts ändern zu können, nichts ungeschehen machen zu können. Dieses Gefühl kann so überwältigend sein, dass man es – unbewusst, zum Selbstschutz – lieber verdrängt und anderes in den Vordergrund schiebt: sich selber schuldig fühlt oder woanders Schuldige sucht. Aber das ändert nichts, das hilft niemandem. Wo wirklich Schuld ist, schenkt Gott Vergebung. Vergebung hilft, die Seele zu entlasten und zu erkennen, für was und wen man verantwortlich ist. Aber wo Machtlosigkeit ist, kann man nur um die Kraft bitten, auszuhalten, was man nicht ändern kann und nicht hätte ändern können.

Eines vor allem können wir niemals ändern: Die Einstellung eines anderen Menschen, wenn er es nicht will. Über seine Entscheidungen sind wir nicht Herr. Es war X., der seine letzte Tat getan hat, niemand außer ihm ist letztlich dafür verantwortlich. Es tut weh, es ist traurig, dass er aus dem Vielen, das ihn in die Verzweiflung getrieben hat, keinen anderen Ausweg gesehen hat. Aber niemand konnte ihn davon abhalten, weil er niemanden so tief in seine Seele hat hineinblicken lassen, weil er sich keinem Menschen mit seiner Verzweiflung anvertrauen konnte.

Wir können nur für uns daraus die Lehre ziehen, dass wir uns jetzt nicht verschließen mit dem, was bei uns in Aufruhr ist. Wir sind nicht so gebaut, dass wir mit allem allein fertig werden, was uns belastet und was weh tut.

Wir müssen manchmal unser Herz ausschütten können. Dazu sind Freunde da, die Familie, die Jugendgruppe oder auch ein Seelsorger. Und nicht zuletzt Gott. Er hört unsere Gebete, auch wenn wir sie nur denken.

Die Bibel sagt (1. Petrus 5, 7):

Alle eure Sorge werft auf [Gott]; denn er sorgt für euch.

Das will ich nun tun, und zwar mit alten Worten der Bibel, aus dem Psalm 31. In manchem können wir uns vielleicht wiederfinden.

Die Israeliten damals hatten eine Art, Gefühle auszudrücken, von der wir uns durchaus noch heute etwas abkucken können (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart – Verse 10 und 23 nach Luther 1984 – Vers 25 in eigener Übertragung):

2 Herr, ich suche Zuflucht bei dir. Lass mich doch niemals scheitern; rette mich in deiner Gerechtigkeit!

3 Wende dein Ohr mir zu, [hilf] mir bald! Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet.

5 Du bist meine Zuflucht.

6 In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.

8 Du hast mein Elend angesehn, du bist mit meiner Not vertraut.

10 Herr, sei mir gnädig, denn mir ist angst; mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib.

15 Ich vertraue dir, ich sage: «Du bist mein Gott.»

16 In deiner Hand liegt mein Geschick.

18 Herr, lass mich nicht scheitern, denn ich rufe zu dir.

23 Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie.

25 Lasst euch trösten, ihr alle, die ihr für Hilfe offen seid.

EG 533: Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Barmherziger Gott, wir vertrauen dir X. an, wir versuchen loszulassen, obwohl uns unendlich viel daran hindert. Trauern heißt: erinnern, danken, um Vergebung bitten, loslassen. Hilf uns, diesen Weg bewusst zu gehen.

Wir werfen auf dich, was uns belastet. Gib, dass die schrecklichen Bilder aufhören, uns zu verfolgen. Nimm von uns die quälenden Gedanken, was wir hätten anders machen können. Befreie uns vom Grübeln und vom bohrenden Kreisen um uns selbst.

Es ist schwer genug, auszuhalten, was nicht zu ändern ist: Dass wir traurig sind über X.s Tod. Dass wir nicht die Macht hatten, ihn zu verhindern.

Auf dem langen Weg der Trauer begleite du uns, Gott, mit deinem Trost, mit der Gewissheit, dass du uns liebst und dass auch X. in deiner Liebe gut aufgehoben ist. Schenke uns auch Menschen, denen wir uns anvertrauen können, wenn wir sie brauchen.

Und hilf uns, nach vorn zu schauen und den eigenen Weg zu gehen. Dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen für uns selbst und für die, die uns anvertraut sind. Amen.

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