Klinikseelsorge und Kirchengemeinde

Wie erlebe ich in meinem Arbeitsfeld den gemeindlichen, übergemeindlichen Zusammenhang?

Ein Jahresbericht zur Klinikseelsorge für den zuständigen Oberkirchenrat sollte ein besonderes Augenmerk auf die Frage richten, wie ich, Pfarrer Helmut Schütz, als Klinikseelsorger in einem übergemeindlichen Dienst mit dem Gegenüber oder auch dem Zusammenspiel zwischen der Kirche als örtliche Kirchengemeinde und als Klinikgemeinde umgehe.

Die Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey (früher Landesnervenklinik genannt)

Die Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey (früher Landesnervenklinik genannt)

Inhalt

Vorbemerkung

1 Die Klinik als „Heimatgemeinde“ von Patienten

2 Probleme von psychisch Kranken in „normalen“ Ortsgemeinden

2.1 Seelsorgerlich ausgerichtete Gruppen und Kreise in Gemeinden

2.2 „Fallen“ für psychisch Kranke im Gemeindegottesdienst

2.3 Wein als „Stolperstein“ für Alkoholkranke beim Abendmahl

3 Erfahrungen mit Kasualien in der Wechselwirkung zwischen Ortsgemeinde und Klinikseelsorge

4 Zur Zusammenarbeit mit kirchlichen Gruppen und Mitarbeitern im Dekanat Alzey

4.1 Die Einbettung der Klinikseelsorger innerhalb der kirchlichen Gremien – Dekanatskonferenz, -synode, Chorleitertreffen

4.2 Erfahrungen bei von mir durchgeführten Seminaren und Veranstaltungen außerhalb der Klinik

4.3 Ehrenamtliche Mitarbeit von Gemeindegliedern aus dem Dekanat in der Klinik

5 Mein persönlicher Standort als Nicht-Gemeindepfarrer und einfaches Gemeindeglied

Vorbemerkung

Helmut Siegel hat in der „Zeitschrift für Gottesdienst und Predigt“ (Heft 3, 1993, S. 19) gefragt: „Was bitte, ist »die Gemeinde«?“ Eingedenk dessen, dass schon die Fragestellung, die für unseren diesjährigen Jahresbericht vorgeschlagen wurde, eben diesen Begriff enthält, der in seiner Bedeutung gar nicht (mehr) eindeutig zu definieren ist, werde ich auch in meinem Bericht immer wieder hin- und herwandern zwischen verschiedenen Vorstellungen und Begriffen von „Gemeinde“ als Ortsgemeinde oder als Gottesdienstversammlung oder als Gemeinschaft im Namen Jesu Christi. Ich habe einfach alles niedergeschrieben an mir bedeutsam erscheinenden Erfahrungen, die in irgendeinem Sinn meinen Klinik-Arbeitsbereich in Richtung auf Ortsgemeinde(n) hin überschreiten.

1 Die Klinik als „Heimatgemeinde“ von Patienten

Kommt ein Patient in die Klinik, so stammt er – wenn er evangelisch ist – aus einer „Heimatgemeinde“ in dem Sinne, dass er irgendwo Mitglied einer evangelischen Parochie ist. In manchen Fällen hat er sich dort auch der Gemeinde verbunden gefühlt, ist vom Pfarrer betreut worden und hat an Gemeindeveranstaltungen teilgenommen. (Selten werde ich von einem Gemeindepfarrer oder einer Frauenhilfsvorsitzenden informiert: „Eins unserer Gemeindeglieder ist bei Ihnen in der Klinik, würde Sie bitte mal hingehen?“) In den meisten Fällen jedoch hat nie ein ausgeprägter Kontakt zur sog. „Heimatgemeinde“ bestanden, sei es aus Desinteresse an der Kirche, sei es auch aus einer Scheu heraus, sich mit seiner psychischen Erkrankung vor anderen Menschen zu zeigen. Gelegentlich werden auch ausdrücklich negative Erfahrungen mit Pfarrern oder kirchlichen Gruppen berichtet, z. B. dass übereinander getratscht wird oder dass aus bestimmten Gründen Amtshandlungen verweigert werden.

Im Sinne einer Parochie sind die Patienten in einer Klinik keine „Gemeinde“ für sich. Sie stammen aus unterschiedlichsten Kirchengemeinden, z. T. gehören sie anderen Konfessionen oder religiösen Gemeinschaften oder gar keiner Kirche (mehr) an. Im Sinne von christlicher Gemeinschaft findet in der Klinik jedoch überall da „Gemeinde“ statt, wo zwei oder drei oder auch mehr Personen „im Namen Jesu miteinander versammelt sind“, z. B. in Seelsorgegesprächen, in der Beichte, im Singkreis oder Bibelgesprächskreis, in Gottesdienst und Abendmahl in der Kapelle, in Stationsandachten oder in kirchlichen Nachmittagskaffeeveranstaltungen für Langzeitpatienten. Manche Menschen, die der Kirche entfremdet waren, finden in diesen Kontakten zu anderen Christen erstmalig wieder einen Zugang zu dem, was der Glaube für ihr Leben bedeuten kann, manche erleben z. B. die Gemeinschaft im Bibel- oder Singkreis oder im Gottesdienst in der Klinikkapelle so sehr als eigentliche „Heimatgemeinde“, dass sie sogar nach ihrer Entlassung als Gäste sporadisch oder regelmäßig an diesen Veranstaltungen teilnehmen.

Für Langzeitpatienten, die nicht mehr „enthospitalisiert“ werden, also in kein Rehabilitationsprogramm und kein Konzept des „Betreuten Wohnens“ hineinpassen, die also ihr Leben lang in der Klinik wohnen müssen, ist die Klinik ohnehin „Heimat“ im Sinne des Gefühls: „hier bin ich zu Hause“. Offiziell gehören sie zwar zur Kirchengemeinde Alzey (soweit sie hier ihren Hauptwohnsitz haben), und sie dürfen dort z. B. auch den Kirchenvorstand mitwählen, aber an Veranstaltungen im Martin-Luther-Haus oder in der Nikolaikirche nimmt kaum jemand teil.

Damit eine solche Anstaltsgemeinde kein Ghetto wird, undurchlässig für Begegnungen mit anderen Teilen der diese Klinik einbettenden Parochie oder auch mit Menschen aus anderen Kirchengemeinden, feiert bei uns einmal im Jahr, am Himmelfahrtstag, die Kirchengemeinde Alzey ihren Hauptgottesdienst bei uns oben auf dem Klinikgelände; und die Kirchen- und Posaunenchöre der umliegenden Gemeinden unterstützen uns regelmäßig, einmal im Monat, bei der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste. Auch am „Tag der Psychiatrie“, der jedes Jahr im Juni auf dem Klinikgelände als ein großes Sommerfest gefeiert und immer mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Klinikkapelle eröffnet wird, finden Begegnungen zwischen Patienten und Gemeindegliedern aus umliegenden Kirchengemeinden statt.

2 Probleme von psychisch Kranken in „normalen“ Ortsgemeinden

Wird ein Patient entlassen, so wünscht er sich manchmal, dass ich einen ersten Kontakt herstellen möchte zum Gemeindepfarrer der Ortsgemeinde, wo der Patient wohnt. Die Schwellenangst, sich einer örtlichen Kirchengemeinde anzuschließen, ist oft sehr groß, und es hilft manchmal einem Patienten, wenn man den Kollegen angerufen und ihm signalisiert hat, dass da ein Mensch aus der Klinik zurück nach Hause kommt, der vielleicht dankbar wäre, wenn der Pfarrer von sich aus auf ihn zukäme.

2.1 Seelsorgerlich ausgerichtete Gruppen und Kreise in Gemeinden

Leider fehlen in vielen Gemeinden Gruppen oder Kreise, die psychisch Kranken ein Stückchen Heimat bieten könnten – wo sie angenommen werden, wie sie sind, mit ihren Beeinträchtigungen, mit ihrer Zurückhaltung, mit ihrer Angst, und wo sie vielleicht sogar die Möglichkeit haben, sich mit ihren Problemen einzubringen. Ein Bibelgesprächskreis wie bei uns in der Klinik, in dem sich die Teilnehmer sehr rasch öffnen und genug Vertrauen aufbringen, um auch über persönliche Dinge zu reden, ist auf Gemeindeverhältnisse nicht so leicht zu übertragen. Die räumliche Nähe innerhalb einer Ortsgemeinde kann eine vertrauensvolle Nähe geradezu verhindern; man öffnet sich nicht gern mit geheimsten Nöten und Problemen dem Nachbarn, den man vielleicht am nächsten Tag beim Metzger begegnen wird; man weiß leider oft auch nicht genau, ob die Vertraulichkeit über das, was man in einer kirchlichen Gruppe äußert, wirklich gewahrt bleibt. Andererseits: sollte es nicht Aufgabe jeder kirchlichen Gemeinschaft sein, sei es einer Klinikgemeinde, sei es einer Ortsgemeinde, gerade den Menschen Heimat anzubieten, die Kontaktschwierigkeiten haben, unter Depressionen oder anderen psychischen Krankheiten leiden?

2.2 „Fallen“ für psychisch Kranke im Gemeindegottesdienst

Auch der Gemeindegottesdienst in einer normalen Ortsgemeinde kann für psychische Kranke manche „Fallen“ enthalten, ich erinnere mich z. B. an eine Osternachtfeier, die mit einer über halbstündigen Dunkelheit begann, was einer mir bekannten Borderline-Patientin dermaßen Angst machte, dass sie fast aus der Kirche geflüchtet wäre. Auch der Austausch des Friedensgrußes vor dem Abendmahl – sich die Hand geben oder einem Nachbarn etwas zusprechen, stellt für viele psychisch kranke Menschen eine Überforderung dar.

Andererseits empfinde ich die übliche liturgische Gewohnheit, einen Gottesdienst gleich mit Lied und Votum zu beginnen, ohne eine persönlich gefärbte Begrüßung an den Anfang zu setzen, als nicht sehr einladend für eine Begegnung mit diesem Gott, mit dieser Gemeinschaft von Menschen – so als ob man sich erst eine Fremdsprache aneignen müsste, die Fremdsprache liturgischer Abläufe, um wirklich dazugehören zu können. (Konfirmandenunterricht wäre dann so ein Fremdsprachenkurs, aus dem die meisten allerdings mit dem Bewusstsein herauskommen: „Diese Sprache begreife ich nie, und ich möchte sie gar nicht erlernen“.)

Bei Vertretungsgottesdiensten in umliegenden Gemeinde spüre ich immer wieder, dass ich positive Resonanz gerade dann erfahre, wenn ich im Grunde genauso predige wie in der Klinik: indem ich versuche, auf die Gefühle und Bilder einzugehen, die ein Bibeltext in der Seele der Menschen wachruft, indem ich historisch-kritische und politische Fragen zwar im Hintergrund oder am Rande mit anklingen, aber nicht zum Hauptthema einer Predigt werden lasse, indem ich mich von dem Hauptanliegen leiten lasse, religiösen Druck möglichst abbauen zu helfen und zu einem kindlichen Vertrauen zu Gott einzuladen, von dem her man sich erst in einer vernünftigen Weise erwachsen und verantwortlich verhalten kann. Oft kam es nach solchen Gottesdiensten auch zu Gesprächen über die Klinik, über meine Arbeit; einmal wurde ich z. B. auf einen Patienten angesprochen, den eine Gottesdienstbesucherin kannte, und ich erfuhr, wie dieser Mann in seiner Jugend von seinen Eltern misshandelt wurde.

Und wie ist es mit der Vielzahl von Schuldbekenntnissen und Beichtgebeten in Gottesdiensten, gerade in der Passionszeit, die das lobenswerte Ziel haben, Menschen zur Einsicht in ihre Verantwortung zu bewegen, die sie sich manchmal nicht genügend bewusst machen? Mir wird mehr und mehr bewusst, dass psychisch kranke Menschen mit neurotischen Schuldgefühlen solche Gebete häufig dazu benutzen, ihre Schuldgefühle zu nähren, aber eben damit gerade ihrer eigenen Verantwortung ausweichen, da sie sich das Vorurteil bestätigen: „Ich bin sowieso nichts wert, ich kann mich eh nicht ändern, also brauche ich auch nichts anders zu machen.“

Im Karfreitagsgottesdienst war es mir in diesem Jahr daher unmöglich, in unserem Klinikgottesdienst einfach die übliche Beichtfrage nach der persönlichen Schuld der Gemeindemitglieder zu stellen. Zwei Tage zuvor im Bibelkreis war nämlich Thema gewesen, wie man neurotische Schuldgefühle und das Gefühl echter Verantwortung für begangene Schuld unterscheiden kann. Und es war deutlich geworden, dass psychisch kranke Menschen häufig geradezu ihr Schuldgefühl brauchen, um andere Gefühle zu vermeiden, die viel mehr schmerzen. Auf die Frage an eine Patientin, was denn wäre, wenn sie gar nicht unrein und schmutzig wäre, wenn sie selber gar nicht schuld daran wäre, dass ihr Vater sie schon als Kind ständig missbraucht habe, meinte sie, das wäre schlimmer, als wenn sie unrein und böse wäre, denn dann wäre ja das, was ihr Vater ihr angetan hätte, noch böser und unentschuldbar gewesen; und sich das einzugestehen, täte noch viel mehr weh, als sich selber schuldig zu fühlen.

Im Karfreitagsgottesdienst versuchte ich daraufhin, ein alternatives Beichtgebet vor dem Abendmahl zu formulieren, das die Belastung durch eigene und fremde Schuld, die Belastung durch ein Schuldig-Geworden-Sein und die Belastung durch ein unschuldiges Leiden gleichermaßen berücksichtigt:

Christus teilt sein Leben aus,
ist da für Schuldige und Unschuldige,
teilt unser Los und teilt mit uns seinen Leib und seine Seele.
Stellvertretend für alle, die schuldig wurden,
trägt er eine furchtbare Strafe,
wie nicht der Gott im Himmel,
sondern wie nur grausame Menschen sie ausdenken können.
Er ist in seinem Leiden nahe allen, die unschuldig leiden,
die sich gestraft fühlen, ohne schuldig zu sein.

Ich frage euch nun:
Wollt ihr zu Füßen des Kreuzes Jesu alles niederlegen,
was euch an Schuld belastet, an eigener oder fremder Schuld?
Wollt ihr um Vergebung bitten für das,
was an eurem Tun nicht gut, sondern böse war?
So sprecht – laut oder in eurem Herzen -: Ja, mit Gottes Hilfe!

Gott hört eurer Bekenntnis, und ich spreche euch im Auftrag Jesu
die Vergebung eurer Schuld zu.

Und wenn ihr leidet unter Schuldgefühlen,
die nicht von eurer eigenen Schuld herkommen,
so sage ich euch: Gott will nicht,
dass ihr euch euer Leben lang beschmutzt fühlt durch fremde Schuld.
Ihr seid rein!
Und er wird euch führen und euch Hilfe senden,
um aushalten zu können zu fühlen, was euch wirklich angetan wurde.

Gott, schenke uns mit deinem Abendmahl die Gewissheit,
dass du uns liebhast,
dass du uns festhältst,
dass du uns niemals allein lassen wirst.
Stärke uns für unsere Wege, die wir vor uns haben. Amen.

2.3 Wein als „Stolperstein“ für Alkoholkranke beim Abendmahl

Intensive Kontakte mit der Gemeinde als Parochie konnte ich im vergangenen Jahr auch dadurch aufnehmen, dass ich als Kommissionsmitglied am „Kirchlichen Besuchsdienst“ im Dekanat Ingelheim teilnahm. Ich will in diesem Zusammenhang nur auf einen Punkt näher eingehen, den ich sehr wichtig finde.

Zufällig hielten sich gerade zu dieser Zeit zwei Mitglieder der von unserer Kommission besuchten Gemeinde auf der Entgiftungsstation unserer Klinik auf. Einer von ihnen sagte mir am Montag nach dem Besuchsdienstwochenende: „Man wird ja überall zum Alkoholtrinken verführt, selbst in der Kirche…“. Ein drittes Mitglied der Gemeinde, ich kenne den Mann als seit langem trockenen Alkoholiker, vertraute mir am Rande der Visitation an, dass er schon lange nicht mehr in seiner Heimatgemeinde zum Abendmahl gehe, weil es dort keine Möglichkeit für alkoholabhängige Gottesdienstbesucher gibt, sich ohne Bloßstellung am Abendmahl zu beteiligen. Viele Alkoholiker gehen offenbar nur deshalb nicht zum Abendmahl, weil sie die Öffentlichkeit der Kirche nicht für den geeigneten Ort halten, sich zu ihrer Abhängigkeit zu bekennen, andererseits aber auch nicht durch den Schluck Wein unter einen Suchtdruck geraten wollen.

Dabei gibt es in der Gemeinde, die wir besuchten, sogar seit einiger Zeit ohnehin eine gemischte Form des Kelchempfangs beim Abendmahl: wer zur rechten Seite des Altars geht, bekommt den Einzelkelch, auf der linken Seite gibt es den Gemeinschaftskelch; für die Kinder, die zum Abendmahl gehen, ist Traubensaft vorhanden. Wäre es nicht denkbar, z. B. in den Einzelkelchen generell Traubensaft anzubieten und nur im Gemeinschaftskelch Wein, um dieses Problem zu lösen? Oder wenigstens gelegentlich einen Abendmahlsgottesdienst nur mit Traubensaft anzubieten?

In der Klinik bieten wir ja beim Abendmahl nur Traubensaft an, was bisher von niemandem als Problem empfunden wurde. Wir sprechen vom „Becher“, vom „Kelch“, vom „Gewächs des Weinstocks“, und wir verwenden guten Traubensaft direkt vom Winzer, da wir ja in Rheinhessen direkt an der Quelle nicht nur des alkohol-vergorenen Rebensaftes sitzen. Hier Wein auszuschenken, würde jeder als unverantwortlich empfinden, da ja viele Patienten keinen Alkohol trinken dürfen, nicht nur Alkoholiker, sondern auch solche, die bestimmte Medikamente einnehmen müssen.

Wenn ich gelegentlich gemeinsam mit einer Patientin als einfacher Gottesdienstbesucher am Gemeindegottesdienst in ihrer Ortsgemeinde teilnehme, kann ich hautnah miterleben, wie es einer trockenen Alkoholikerin ergeht, die jeden Schluck Alkohol vermeiden muss, aber beim Abendmahl vor der Alternative steht, entweder nicht hinzugehen, oder sich zu offenbaren als eine, die den Kelch, ohne zu trinken, weitergehen lässt. Das hält sie nur aus, wenn ich sie nach vorn begleite und aus Solidarität auch nicht aus dem Kelch trinke. Selbst wenn im Gemeindebrief ein Abendmahl ohne Alkohol angekündigt wird, wirkt es verunsichernd, wenn dann im Gottesdienst in liturgischen Texten doch vom „Wein“ die Rede ist und nicht noch einmal ausdrücklich zum Abendmahl mit Traubensaft eingeladen wird.

3 Erfahrungen mit Kasualien in der Wechselwirkung zwischen Ortsgemeinde und Klinikseelsorge

Stirbt ein Langzeitpatient, wird die Beerdigung meist in der (früheren) „Heimatgemeinde“ durch den „Heimatpfarrer“ durchgeführt, dort wo die Angehörigen des Patienten wohnen. Nur wenn keine Angehörigen vorhanden sind (oder wenn die Angehörigen für die Beerdigung nicht aufkommen können oder wollen) und das Sozialamt die Beerdigung bezahlen muss, werden die Patienten vom Klinikpfarrer auf einem ausdrücklich für LNK-Patienten vorgesehenen Teil des Alzeyer Friedhofs bestattet. Das sind in der Regel Beerdigungen mit sehr kleiner Besucherzahl. Wie würde man beschreiben wollen, welche Gemeinschaft von Menschen die „Heimatgemeinde“ dieser fast vergessenen Patienten darstellt? Rückschlüsse kann man ziehen, wenn man sich anschaut, wer da zum Abschiednehmen kommt: manchmal nur zwei oder drei Personen, vielleicht ein entfernter Verwandter, vielleicht welche vom Pflegepersonal (die z. T. sogar in der Freizeit kommen!), vielleicht ein Arzt, der noch zwei, drei Patienten mitbringt. Das sind die Menschen, die Kontakt hatten zu diesem Menschen, und in diesen Kontakten hat sich für ihn auch „Gemeinde“ abgespielt – wenn überhaupt.

In einem Fall erlebte ich hautnah mit, wie problematisch sich manchmal der Kontakt von Angehörigen eines Patienten zur „Heimatgemeinde“ bzw. zur Kirche überhaupt ausnimmt. Als sich Herr S., ein Mann Anfang der Dreißig, auf grausame Weise das Leben genommen hatte, nachdem ich am selben Morgen noch mit ihm auf der Station gesprochen hatte, und ich in unserer Tageszeitung die Todesanzeige las, schrieb ich seinen Angehörigen einen Beileidsbrief. Daraufhin wurde ich angerufen, und im Gespräch stellte sich heraus, dass die Angehörigen, obwohl der Tote evangelisch gewesen war, trotzdem einen freireligiösen Grabredner von weither mit der Beerdigung beauftragt hatten. Man hatte offenbar Angst gehabt, der „Heimatpfarrer“ werde die Beerdigung eines „Selbstmörders“ nicht übernehmen (man hatte ihn nicht einmal angefragt). Die Angehörigen hatten im übrigen gar nicht gewusst, dass der Patient in der Klinik seit über zwei Jahren Kontakt mit mir als dem dortigen Klinikpfarrer gehabt hatte. Ich erklärte mich auf die Bitte der Angehörigen hin dazu bereit, an der Beerdigung teilzunehmen und aus meiner Sicht als Seelsorger des Patienten ein paar Worte zu sprechen. Nachher stellte sich heraus, dass ohne diesen meinen Beitrag bei der Beerdigung kein einziges Wort gefallen wäre, das in irgendeiner Weise einen Bezug zur Krankheit und zur besonderen Lebensproblematik dieses Menschen gehabt hätte. Der Grabredner wollte mir in einem telefonischen Anruf am Vorabend der Beerdigung am liebsten sogar untersagen, überhaupt zu erwähnen, dass der Patient seelisch krank gewesen war und sich selbst das Leben genommen habe; das entsprach Gottseidank nicht der Ansicht der Angehörigen, die einen Trost in der Trauer und in der Auseinandersetzung mit der Verzweiflung des Toten suchten, statt sich mit einem Trost durch bloße Verdrängung des Schrecklichen abzufinden.

Umgekehrt: Wenn ich vertretungsweise Kasualien in umliegenden Ortsgemeinden übernehme, ist es überraschend oft vorgekommen, dass ich zuvor bereits in irgendeiner Form Kontakt mit der betreffenden Familie gehabt hatte, sei es, dass Mitarbeiter der Klinik bei einer Trauung oder einer Beerdigung anwesend waren, sei es dass ich jemanden beerdigen musste, den ich zuvor bereits im Krankenhaus auf einer meiner Stationen besucht hatte. In diesen Fällen kann ich meine Vorerfahrungen mit diesen Menschen nutzen, um mich gut auf die jeweilige Kasual-Situation einzustellen.

Zweimal kam es vor, dass Krankenschwestern mich ansprachen, ob ich sie in ihrer Heimatgemeinde kirchlich trauen könnte, wahrscheinlich einfach aus dem Grund, weil sie zum Pfarrer ihrer Ortsgemeinde viel weniger Kontakt hatten als zu mir.

Bei einer kirchlichen Trauung war die junge Ehefrau zufällig die Nichte eines unserer Langzeitpatienten, und ich erfuhr, dass diese Frau ihren Onkel noch nie kennengelernt geschweige denn besucht hatte; der Bruder des Patienten (der sehr liebebedürftig und anhänglich ist, wie ich aus unseren Gottesdiensten weiß, an denen er regelmäßig teilnimmt) hatte offensichtlich den Rest seiner Familie systematisch von diesem behinderten Verwandten ferngehalten. So behutsam und taktvoll wie nötig, aber auch hoffentlich so deutlich wie möglich, bemühte ich mich, im Traugespräch nebenbei die jungen Leute zu ermutigen, diesen Onkel doch wirklich einmal aufzusuchen, und in der Trauansprache darauf hinzuweisen, dass in der Gemeinde Jesu Christi Gesunde wie Behinderte ein Recht darauf haben, dazuzugehören.

4 Zur Zusammenarbeit mit kirchlichen Gruppen und Mitarbeitern im Dekanat

4.1 Die Einbettung der Klinikseelsorger innerhalb der kirchlichen Gremien – Pfarrerkonferenz, Dekanatssynode, Chorleitertreffen

An unserer Dekanatskonferenz bzw. -synode nehme ich gern teil. Dekanin und Synodalpräses haben eine vertrauensvolle Atmosphäre ohne persönlich verletzende Ausfälligkeiten entstehen lassen.

Was das Verhältnis von Gemeindepfarrern und übergemeindlichen Pfarrern angeht – in unserem Dekanat sind das nur wir Klinikseelsorger – gab es bisher kaum Konflikte. Vielleicht liegt das daran, dass es bei uns selbstverständlich ist, dass wir „Übergemeindlichen“ uns genau wie alle anderen Pfarrer an den Konferenzen und auch an besonderen Zusatzaufgaben beteiligen (von der neuen Synode wurde ich beispielsweise zum Dekanatsbeauftragten für die Öffentlichkeitsarbeit gewählt). Wir Psychiatriepfarrer zehren außerdem offenbar von dem „Psychiatrie-Bonus“, d. h. man sagt uns immer: „Sie haben ja wirklich eine schwere Aufgabe“, und gesteht uns daher zu, mehr Abende frei zu haben als sie selber und das Privatleben mehr vom Beruf trennen zu können. (Ein wenig ungerecht ist das schon gegenüber den Pfarrern, die einfach „nur“ im Akutkrankenhaus oder im Altenheim arbeiten oder eine andere übergemeindliche Aufgabe übernommen haben, aber für uns ist es natürlich gut, uns nicht dauernd für irgendetwas rechtfertigen zu müssen.) Und wenn einmal ein Kollege etwas, was ich sage, als zu sehr von „Psycho“ geprägt abtut, dann hat das eher etwas mit dem persönlichen Konflikt mit diesem Kollegen zu tun, und nur am Rande mit dem institutionellen Gefälle von Gemeindepfarrer zu Klinikseelsorger.

Mit den Chorleitern der Kirchen- und Posaunenchöre der Umgebung wurde vereinbart, dass ich als Klinikseelsorger die Betreuung der einmal im Monat am Samstagabend von den Chören gestalteten Flurandachten auf allen sieben Stationen des DRK-Krankenhauses übernehme und mich bemühe, siebenmal in knapper Form den Patienten eine Art „Wort zum Sonntag“ zu vermitteln.

4.2 Erfahrungen bei von mir durchgeführten Seminaren und Veranstaltungen außerhalb der Klinik

Gern denke ich an eine Reihe von Veranstaltungen zurück, die ich in Zusammenarbeit mit Gemeindepfarrern und Beauftragten für Frauenhilfe oder Seniorenarbeit in unserem Dekanat durchgeführt habe. Ich konnte in Vorbereitungsabenden für einen Besuchsdienst, in Frauenhilfsnachmittagen, in Bibelabenden, in einem Theologischen Gesprächskreis Gesichtspunkte in die alltägliche Arbeit der Kirchengemeinden einbringen, die ich in meiner alltäglichen Arbeit mit Patienten gewonnen hatte. Inhaltlich waren diese Veranstaltungen von Themenkreisen geprägt wie: „Was ist Depression?“ – „Umgang mit Alkoholikern“ – „Die Aufgaben der Klinikseelsorge“ – „Wie hält man es aus, täglich das Elend psychischer Krankheit mitanzusehen?“

In einer Gemeinde wurde ich von evangelikal geprägten Jugendlichen eingeladen, in einem Bibelabend im Zusammenhang des „Jahres mit der Bibel“ Rede und Antwort zu stehen; und es gelang, die Gegensätze zwischen fundamentalistischer und historisch-kritischer Bibelauslegung als Randproblem stehenzulassen und stattdessen lieber die innere Dynamik und das Sinn- und Bildhafte des Textes („Der Weg nach Emmaus““) zu uns sprechen zu lassen, so ähnlich wie ich es vom Klinik-Bibelgesprächskreis gewohnt bin. Nach einem anderen Bibelabend im Zusammenhang mit der Dekanatsbibelwoche wurde ich von einer Teilnehmerin um Auskunft gebeten, wie ich an ihrer Stelle mit einem psychisch kranken Menschen umgehen würde, der ihr an ihrer Arbeitsstelle Sorgen bereitet.

4.3 Ehrenamtliche Mitarbeit von Gemeindegliedern aus dem Dekanat in der Klinik

In Einzelfällen erwuchs aus solchen Veranstaltungen eine weitergehende Zusammenarbeit. So wurde ich gelegentlich von Mitgliedern einer Frauenhilfsgruppe darauf aufmerksam gemacht: Da ist jemand aus unserer Gemeinde bei Ihnen in der Klinik, würden Sie da mal hingehen? Und wenn die Frau wieder nach Hause kommt, betreuen wir sie gern, nur geben Sie uns doch bitte noch ein paar Tipps, wie wir gut mit ihr umgehen können!

Eine andere Frauenhilfsgruppe hatte gemeinsam mit meinem Vorgänger gelegentlich Kaffeenachmittage auf einer gerontopsychiatrischen Station gestaltet. Die Mitarbeiter auf den Stationen sahen diese Art von kirchlicher Arbeit allerdings mit gemischten Gefühlen – denn die Patienten hatten dann zur Abendbrotzeit keinen Hunger, wohl aber später am Abend oder in der Nacht, was den Stationsablauf ein wenig durcheinanderbrachte. Von der Frauenhilfe selbst hörte ich, dass die Frauen, die diese Nachmittage mitgestaltet hatten, danach immer einige schlaflose Nächte durchmachen mussten, weil sie dieses Erlebnis – ein ganzer Tagesraum voller hilfloser alter Menschen in ihrem Elend – so sehr mitgenommen hatte. Daraus schloss ich: Eigentlich ist mit solchen Veranstaltungen keinem gedient – weder den Patienten samt Pflegekräften in der Klinik noch den Frauenhilfsfrauen. Daraufhin wagte ich es, um eine andere Art von ehrenamtlicher Hilfe zu bitten: Ob es nicht möglich sei, dass einige der Frauen gelegentlich einmal ihre Teilnahme an einem Sonntagsgottesdienst in die Klinik verlegen könnten und dabei einen oder zwei Patienten aus der Gerontopsychiatrie zum Gottesdienst abholen könnten. Dafür besteht ein echter Bedarf, denn viele der alten Patienten können nur in Begleitung den Gottesdienst besuchen. Das hat dann auch ein Vierteljahr lang geklappt. Zwei ältere Frauenhilfsmitglieder holten alle paar Wochen je eine Patientin von einer der Stationen im Haus Alsenztal zum Gottesdienst ab. Leider waren die beiden Frauen selber gesundheitlich so sehr belastet, dass sie mit ihrem Dienst bald wieder aufhören mussten. Von anderen Teilnehmern an besagter Veranstaltung hörte ich später hintenherum, dass man verletzt gewesen sei, dass ich ihren Dienst der vergangenen Jahre so wenig gewürdigt hätte. Sie wollten sich nicht gern von mir die Art vorschreiben lassen, wie ihre Hilfe auszusehen habe. An dieser Stelle muss ich wohl in Zukunft einfühlsamer auf die Ängste eingehen, die die Menschen in den Gemeinden mit psychischer Krankheit verbinden, behutsamer auch mit der Art umgehen, in der Gemeindekreise seit eh und je ihre Hilfe organisieren.

In einem anderen Bereich besteht schon seit Jahren eine gute Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Helferinnen aus umliegenden Gemeinden, nämlich im Langzeitbereich, in dem mein Kollege Schüßler als Hauptansprechpartner arbeitet. Hier brauche ich nicht ausführlicher zu werden, sondern verweise auf die Studie meines Kollegen vom vergangenen Jahr zum Thema „Schizophrene Langzeitpatienten“.

Wenn ein Landfrauenverein in ähnlicher Weise einmal im Jahr eine Gruppe von Patienten aus dem Langzeit- und Geronto-Bereich mit einem Bus abholt und ihnen einen geselligen Nachmittag gestaltet, dann ist auch das eine runde Sache, die seit mittlerweile zehn Jahren praktiziert wird und die sowohl den Helferinnen als auch den Patienten Freude macht.

Die Zusammenarbeit mit den Landfrauen bescherte übrigens nebenbei auch weitere Kontakte über die Klinik hinaus: so wurde ich einmal eingeladen, einige Seminarstunden im Rahmen einer Dorfhelferinnenausbildung der Landfrauen abzuhalten, und zwar zum Thema „Umgang mit Krankheit – Alter – Tod“.

Eine weitere besonders enge Zusammenarbeit besteht zwischen einer Lektorin unseres Dekanates, die sich oft unsicher fühlt, wenn sie in einer „normalen“ Kirchengemeinde einen Gottesdienst halten soll, die sich aber jedesmal freut, wenn sie bei uns in der Klinik, in einer sehr familiären Atmosphäre – wenn man es einmal gewohnt ist, den Patienten zu begegnen – eine Gottesdienstvertretung übernehmen kann. Wie mir Patienten berichten, ist die Abwechslung zwischen dem Predigt- und Gottesdienst-Stil von uns Pfarrern und der Art, wie diese Lektorin den Gottesdienst hält, eine sinnvolle Form, möglichst vielen Patienten in ihrer Eigenart gerecht zu werden.

Als einmal ein anderer junger Prädikant bei uns Gottesdienst hielt und er mir seine Predigt vorher zur Durchsicht gab, musste ich ihn allerdings darauf hinweisen, dass manche seiner Ausführungen unsere Klinik-Gottesdienstgemeinde wohl überfordern würden – gar nicht so sehr von den geistigen Voraussetzungen her, sondern mehr von den psychischen. Er setzte seinen Predigt-Schwerpunkt gewöhnlich darin, die Gemeinde aufzurütteln und zum christlichen Handeln aufzurufen. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass es gerade bei uns in der Klinik noch viel stärker als woanders darauf ankomme, das Christsein nicht ursächlich am Handeln, sondern am Vertrauen und am Angenommensein festzumachen, gerade wenn man zeitweise oder auf Dauer nicht dazu in der Lage ist, große Leistungen zu vollbringen. Der junge Mann, mit dem ich bereits vorher während einer Vakanzvertretung in seiner Ortsgemeinde gern zusammengearbeitet hatte, nahm mir meine Kritik nicht übel; er arbeitete seine Predigt noch einmal um, und die Patienten merkten ihm an, dass er sich bemühte, persönlich auf sie einzugehen. (In diesem Zusammenhang fällt mir ein, wie der katholische Bischof Lehmann im vergangenen Jahr im Zusammenhang einer Visitation in unserer Kapelle u. a. auch zu den Patienten sprach; d. h. er sprach im Grunde nicht zu den Patienten, sondern über die Not der Patienten zu einer nicht anwesenden weiteren Öffentlichkeit, und das führte dazu, dass eine sehr sensible, geistig beeinträchtigte gut katholische Frau seit diesem Zeitpunkt nicht mehr zum katholischen, sondern nur noch zum evangelischen Gottesdienst kam.)

Eine weitere ehrenamtliche Mitarbeiterin habe ich dadurch gewonnen, dass ich eine Ex-Patientin, die in Alzey wohnt, auch nach ihrer Klinikentlassung seit über einem Jahr intensiv betreut habe. Inzwischen liest sie bei Andachten Texte vor, tröstet auch einmal auf ihre eigene Art eine ältere Dame oder ermutigt einen älteren Herrn zum Mitmachen. Außerdem gibt sie mir Rückmeldungen über bestimmte Reaktionen von Patienten, die ich als vortragender und Gitarre-spielender Akteur bei einer Andacht leicht übersehen könnte.

5 Mein persönlicher Standort als Nicht-Gemeindepfarrer und einfaches Gemeindeglied

Ich persönlich bin seit vier Jahren ein ganz normales Mitglied meiner Kirchengemeinde – und ich genieße die Distanz zur Parochie, wie sie sonst auch jedes Gemeindemitglied hat. Ich brauche nicht in die Kirche zu gehen, wenn ich keinen Dienst habe, gehe aber auch gern einfach als Teilnehmer in den Gottesdienst, weil ich immer wieder selber geistlich auftanken möchte, fahre auch einmal im Dekanat herum, um einen anderen Pfarrer oder Lektor zu hören als an meinem eigenen Ort.

Als ich noch Gemeindepfarrer war, fühlte ich mich oft wie ein PR-Manager der Kirche, der dafür sorgen soll, dass möglichst viele Leute in die Kirche kommen. Ohne es zu wollen, machte ich mir selbst und anderen ein schlechtes Gewissen, wenn „der Laden nicht richtig lief“. Kein Wunder, dass die meisten distanzierten Kirchenmitglieder mir so oft mit der Entschuldigung kamen: „Ich gehe ja nicht oft in die Kirche, aber ich bin trotzdem Christ.“ Heute kann ich diese Leute viel besser verstehen. Im Blick auf die Alzeyer Kirchengemeinde fühle ich mich auch als ein relativ distanziertes Gemeindemitglied. Ich gehe nur zu Veranstaltungen, wenn ich es wirklich möchte, ich ziehe mich zurück und schlafe auch einmal sonntags aus, wenn ich selber keinen Dienst habe. Viele evangelische Kirchenmitglieder besuchen nach ihrer Konfirmation selten die Kirche, nehmen aber dennoch, wenn es um religiöse, ökologische, soziale Fragen geht, einen durchaus christlich-fragenden Standpunkt ein. Sie setzen sich allerdings vielleicht mehr in Umweltschutzgruppen und Sportvereinen ein, als dass sie kirchliche Gruppen unterstützen. Früher sah ich solche Menschen als fast schon verlorene Randsiedler der Gemeinde an; heute beginne ich, ihr Verhalten als normal zu betrachten.

Gemeinde als Ortsgemeinde wird wohl wirklich mehr und mehr eine Fiktion, die dem Ortspfarrer und seinen „Schäfchen“ Druck macht, es sei denn, es gelingt, dass innerhalb dieser Parochie kleine Gruppierungen entstehen, in denen echte Gemeinschaft gelebt wird, in denen Menschen wirklich so eine Art geistliche Heimat finden. Gemeinde ist aber auch dort, wo sich z. B. Jugendliche in einem Projekt des Religionsunterrichts über die Unterschiede des Christentums zu anderen Religionen Gedanken machen oder wo Erwachsene für eine klar begrenzte Zeit an einem Seminar teilnehmen und sich dann auch wieder zurückziehen können, wo Mitarbeiter einen begrenzten Auftrag wahrnehmen und nicht die Angst haben müssen, dass sie nur den kleinen Finger reichen und man nimmt ihre ganze Hand. Gemeinde ist auf dem Alzeyer Roßmarkt, wenn die Umweltgruppe des Dekanats zu Gedanken über die Erhaltung der Schöpfung anregt, und sie ist eben auch da, wo in der Klinik das Wort und die Liebe Gottes für ein paar Menschen zur Ermutigung und Lebenshilfe wird.

Kirche kann nur (über-)leben als einladende, nicht als nötigende Kirche.

Alzey, den 30. April 1993

Helmut Schütz

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