Gnadenpower

Der wahre Teufel will uns einreden, unser Leben sei nichts wert und Gottes Liebe gebe es in Wirklichkeit gar nicht. Ist der Teufel für mich nur ein Sinnbild für böse Mächte? Ja, das stimmt – fast. Das „nur“ stimmt nicht. Denn böse Mächte haben uns tatsächlich im Griff, wenn wir uns nicht dem starken Gott anvertrauen, der uns Gnade schenkt.

Eine bunt gestaltete Felsenlandschaft mit frommen Aussagen zur Gnadenpower wie "Gott ist Liebe" und in einem Herz: "Sag Jesus, ich bin ein Sünder, komm in mein Herz!"

Gott ist Liebe – durch Jesus zerstört er die Werke des Teufels (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Invokavit, 26. Februar 2012, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße Sie und Euch alle herzlich mit dem Wort aus 1. Johannes 3, 8:

Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.

Wie werden wir frei von bösen Mächten? Wie erfahren wir Gottes Gnade mitten im gewöhnlichen Alltag oder im niederdrückenden Leid? Das ist heute das Thema im Gottesdienst.

Lied 347:

1) Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

5) Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

6) Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wer ist glücklich in dieser Welt? Jesus sagt dazu (Matthäus 5):

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

11 Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Was uns belastet, fremdes Unrecht, eigene Schuld, unverdientes Schicksal, gemischte Gefühle, tiefe Trauer – all das bringen wir vor Gott mit Worten aus Psalm 22, die auch Jesus vertraut waren:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

Wir rufen zu dir, Gott: Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Fern scheint Gott manchmal zu sein, unerreichbar für unsere Gebete, unsere Klagen. Und dann kommen Momente, da öffnet sich unser Herz für neuen Trost. So ist es auch im 22. Psalm:

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

24 Rühmet den Herrn…

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, leben wir oder werden wir gelebt? Wir wollen die Kontrolle behalten über unser Leben, aber oft fühlen wir uns getrieben, in engen Grenzen festgesetzt. Wir wollen unser Glück erreichen, genießen, festhalten – und doch zerrinnt uns zwischen den Fingern, was nicht festzuhalten ist. Und manchmal konfrontierst du uns mit einer Härte des Lebens, die wir unerträglich finden, und wir begreifen deine Wege nicht. Oft stehen wir ratlos da, mit unserem kleinen Glauben, mit unseren offenen Fragen. Wir bitten dich um deine Nähe, ferner Gott, du Antwort auf unsere Fragen, du Trost in unserer Verzweiflung. Wir bitten dich, dass wir dir vertrauen können im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus 2. Korinther 6, 1-10. Das ist auch der Text zur heutigen Predigt:

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 381, 1-4: Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, erinnern Sie sich an das Eingangswort, das Frau Jung vorhin vorgelesen hat? „Jesus ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören.“ Ein eigenartiges Wort, denn wer glaubt heute noch an den Teufel? Es gibt eine Art, an den Teufel zu glauben, die scheint mir wirklich überholt zu sein. Den Teufel als eine Märchenfigur mit Hörnern und Pferdefuß, den Teufel als Herrscher einer Hölle, in der böse Menschen im Feuer gequält werden, den Teufel als einen bösen Dämon, den man mit Beschwörungsformeln aus besessenen Menschen austreiben kann, den sollte man vergessen. Denn wer sich den Teufel so ausmalt, der übersieht den wahren Teufel, der überall in unserer Welt sein Unwesen treibt. Der wahre Teufel ist die Stimme in uns, die uns einreden möchte, unser Leben sei nichts wert und Gott und seine Liebe gebe es in Wirklichkeit gar nicht. Der wahre Teufel ist der Zwang, unter dem wir stehen, wenn wir einer Sucht erliegen oder einer bösen Angewohnheit nicht Herr werden können. Martin Luther fühlte sich vom Teufel verfolgt, indem er immer wieder daran zweifelte, vor Gott wirklich Vergebung finden zu können. Wenn ich so vom Teufel rede, könnte mancher meinen: der Pfarrer glaubt ja gar nicht an den Teufel, der Teufel ist für ihn ja nur ein Sinnbild für böse Mächte. Ja, das stimmt – fast. Das „nur“ stimmt nicht. Denn es gibt böse Mächte, die uns fest im Griff haben, wenn wir uns nicht einer stärkeren, guten Macht anvertrauen.

Von dieser stärkeren, guten Macht spricht Paulus in unserem heutigen Predigttext. Von einem Gott, der gut ist, der uns Gnade schenkt. Als wir vorgestern im Nordstadtverein vor der Renovierung des Nordstadtzentrums zu einer kleinen Feier eingeladen waren, hat eine afrikanische Sängerin ein mitreißendes Lied gesungen und am Schluss alle aufgefordert mitzusingen. Es war ein Lied von Gott, und der Refrain hieß: „Er ist gut! Er ist gut!“ Beeindruckend war das, in einer eigentlich ganz weltlichen Veranstaltung ein solches Glaubenszeugnis für Gott zu hören, von einer Frau, die auch in der Gießener Nordstadt wohnt. Von diesem Gott, der gut ist, redet auch Paulus.

1 Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

Paulus spricht zu uns als Mitarbeiter Gottes. Er geht davon aus, dass wir etwas von Gott geschenkt bekommen: Gnade. Gnade ist Liebe, die man einfach so kriegt ohne eine Vorleistung. Wir sind Gott wichtig, er ist da, er ist sogar für uns da, er hört zu, auch wenn es sich manchmal nicht so anfühlt.

Hier steht meine ganze Predigt schon auf Messers Schneide. Hat Paulus denn überhaupt Recht? Hat Gott uns wirklich etwas zu verschenken? Gibt es ihn überhaupt? Was ist mit all denen, die an seine Liebe glauben möchten, aber es nicht können, weil sie sich überlastet fühlen, überrollt von den Tausend Problemen des Alltags oder von einem einzigen grausamen Schicksalsschlag?

Diesen Einwänden möchte ich nicht mit moralischem Zeigefinger begegnen. Wer Gnade nicht als Geschenk erfährt, kann sie nicht herbeizwingen, wer nicht auf Gott vertrauen kann, kann nicht auf Kommando glauben. Ich kann nur sagen: Gott versteht das. Gott ist den verzweifelten Seelen näher als den selbstgerechten; den verzweifelten Vater eines kranken Kindes hat Jesus zum Beispiel sehr gut verstanden, als der sagte: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“

Wer nicht glauben kann, aber sich danach sehnt, glauben zu können, dem ist Gott nahe.

Aber wie kann Paulus zu etwas ermahnen, das doch nicht von der eigenen Leistungsfähigkeit abhängt? Gottes Gnade empfangen – aber nicht vergeblich. Besser ist es, den Satz aus dem Griechischen etwas anders zu übersetzen. Das Wort „ermahnen“ trifft die ursprüngliche Bedeutung nämlich nicht genau. In dem, was Paulus meint, schwingt vor allem auch ein „Ermutigen“ und „Trösten“ mit. „Wir machen euch Mut, euch auf Gott zu verlassen, weil er euch liebt, einfach so.“ Und: „Ihr dürft Trost darin finden, dass sich durch Gottes Liebe wirklich etwas ändert in eurem Leben – lasst eure leeren Hände von Gott füllen, dann bleiben sie nicht leer, sondern werden immer wieder neu gefüllt durch ihn, auch wenn ihr selber euch immer wieder leer fühlt.“

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.«

Dieses Wort stammte aus der Zeit, als die Juden verschleppt, vertrieben, verbannt worden waren, 70 Jahre lang, an den Flüssen Babylons. Die Heilige Stadt Jerusalem lag in Schutt und Asche, auch der Tempel Gottes. In dieser schlimmen Zeit hatten Propheten den Mut, ihren Landsleuten Gnade und Rettung zu verkünden. Und sie behielten Recht: Der Perserkönig Kyros warf die Weltgeschichte über den Haufen und erlaubte den Juden die Rückkehr in ihr Heimatland.

Auf diesem Beispiel aus der Vergangenheit baut der Apostel Paulus seine jetzige Ermahnung und Ermutigung auf. Denn in seinen Augen gibt es Gnade erst recht in der Gegenwart:

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Paulus meint: Seit Jesus, seit seinem Tod am Kreuz, ist jederzeit Zeit der Gnade. Hier und jetzt ist Gottes Liebe für jeden da. Und wie sich das konkret im Leben auswirken kann, das macht Paulus deutlich, indem er von sich und seinen Mitarbeitern erzählt:

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde.

Was meint Paulus hier? Er will sicher nicht allen Menschen nach dem Mund reden, nur um keinen Anstoß zu erregen. Aber er will von seiner christlichen Freiheit auch nicht ohne Rücksicht auf Verluste jeden möglichen Gebrauch machen. Er schreibt ja an die Gemeinde in Korinth, in der es sehr freie Christen gab, die dachten, ein Christ darf alles. Egal, was du tust, Jesus liebt dich. Tu alles, was der Geist dir eingibt, ganz gleich, was die Leute denken. Dagegen sagt Paulus: Sicher sind wir freie Menschen. Wenn Gott uns lieb hat, sind wir frei von Sünde, von äußeren Bindungen, von inneren Zwängen. Aber wir sind nicht frei von Verantwortung. Freiheit heißt: frei sein zur Liebe, frei sein zum Dienst. Gegenüber der Freizügigkeit der Korinther betont also Paulus: Wir wollen nicht unnötig Anstoß erregen, niemand soll über die Liebe Gottes lästern, nur weil sich Gottes Bodenpersonal schlecht benimmt.

Wie wichtig es auch heute ist, dass Menschen, die ein verantwortungsvolles Amt ausüben, ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen, haben wir am Beispiel des Bundespräsidenten erlebt. Ich denke nicht, dass damit die Forderung nach einem perfekten Menschen ohne jeden Fehler gemeint ist, sondern um ein Gespür dafür, was man verantworten kann und was nicht, und welches Verhalten sich mit einem bestimmten Amt nun wirklich nicht verträgt.

Sehr konkret stellt Paulus dann dar, wie er sich die Verantwortung eines Christen vorstellt. Er und seine Mitarbeiter wissen sich von Gott beschenkt, darum antworten sie mit ihrem ganzen Leben auf Gottes Liebe:

4 Sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes.

Gottes Gnade kann uns in allem begegnen, was uns widerfährt, was uns herausfordert. In allem können wir getragen und bewahrt sein und uns bewähren. Viele Situationen zählt Paulus auf, in denen das geschieht:

In großer Geduld.

Geduld haben zu müssen, kann eine harte Bewährungsprobe sein, wenn wir krank oder machtlos sind und etwas beim besten Willen nicht ändern können.

In Trübsalen.

Paulus redet Trauer und Enttäuschungen nicht weg, er verdrängt sie nicht. Trost von Gott erfährt er, indem er sie aushält und durchsteht.

In Nöten.

Auch wenn mir Probleme über den Kopf wachsen, bin ich nicht von Gott verlassen. Ich kann um Hilfe bitten!

In Ängsten.

Manche meinen, wer auf Gott vertraut, darf keine Angst haben. Paulus sagt: Doch, gerade der Vertrauende steht zu seiner Angst. Nur so wird man mit Angst fertig. Indem man sie offen ausspricht. Indem man Mut gewinnt. Indem ein seelisch Kranker akzeptiert, dass bestimmte Ängste zu seiner Krankheit gehören. Manche Ängste können auch überwunden oder wenigstens besser ertragen werden, durch therapeutische oder seelsorgerliche Gespräche.

5 In Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen.

Das waren die schrecklichsten Erfahrungen des Paulus und seiner Mitarbeiter in den Christenverfolgungen, damals im Römischen Reich. Die Älteren unter uns erinnern sich, in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurden auch in Deutschland standhafte Christen geschlagen, eingesperrt und verfolgt. Auch heute noch leiden Christen in vielen Ländern unter der Verfolgung durch fanatische Gläubige anderer Religionen. Aber das alles ist in den Augen des Paulus kein Todesstoß für Gottes Gnade und den Glauben. Wahrer Glaube bewährt sich gerade in Verfolgung.

In Mühen.

Auch die Sorgen eines alltäglichen Lebens spricht Paulus an. Arbeit kann zur Last werden, durch übermäßige körperliche, geistige oder nervliche Beanspruchung, durch Zeitdruck, schlechtes Betriebsklima oder die Sorge, ob man den Anforderungen genügt und den Arbeitsplatz behält. Manchmal spricht sich jemand bei mir über solche Belastungen aus, um Wege zu suchen, damit er unter der Last der Anforderungen nicht zerbricht.

Im Wachen.

Ungelöste oder unlösbare Probleme können uns bis in den Schlaf verfolgen, Sorgen um Angehörige uns den Schlaf rauben. Oder unerträgliche Schmerzen. Wo ist Gottes Gnade in solchen Nächten? Wir dürfen beten wie Jesus: „Mein Gott, ich rufe des Nachts zu dir, doch finde ich keine Ruhe. Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Im Fasten.

Fasten muss man zwangsweise in Hungerzeiten, wie sie einige von Ihnen noch aus der Nachkriegszeit kennen. Meine Mutter hat mir erzählt, wie Hunger quälen kann, und sie hat nie vergessen hat, wie kostbar das tägliche Brot ist.

Fasten kann allerdings auch bewusster Verzicht auf Nahrung oder Annehmlichkeiten sein, um sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben. Damit wendet sich Paulus weg von Dingen, die einem einfach widerfahren. Wer Gottes Gnade annehmen kann, bei dem wirkt sie sich auf verschiedene Weise in der eigenen Lebenshaltung aus. Auch dafür nennt Paulus weitere Beispiele:

6 In Lauterkeit.

Ein Mensch mit lauterer Gesinnung ist ehrlich und wahrhaftig, frei von Hintergedanken. Auf den kann man sich verlassen.

In Erkenntnis.

Wer von Gottes Gnade lebt, muss nicht seinen Verstand und seine Neugier an der Kirchentür abgeben. Er bemüht sich um Erkenntnis – in unterschiedlicher Form. Der Verstand erforscht Tatsachen und Ursachen. Die emotionale Intelligenz dient der Lebensbewältigung im alltäglichen Miteinander. Und Glaubenserkenntnis will Gewissheit über letzte Dinge: wie erfülle ich mein Leben mit Sinn – diese Gewissheit wird mir dadurch geschenkt, dass ich es Gott glaube: ich bin ihm recht, weil er mich liebt.

In Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist.

Indem Paulus in seiner Aufzählung den Heiligen Geist nennt, wo von Langmut und Güte die Rede ist, betont er: Niemand kann von sich aus selbstlos sein. Nur Gott ist von sich aus gut. Wenn wir Geduld mit jemandem haben und Güte ausstrahlen, können wir das nur tun, weil Gott uns dazu fähig macht. Sein Geist wirkt durch uns.

In ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes.

Der heilige Geist stellt etwas mit uns an. Er wirkt so, dass wir echte Liebe spüren, dass wir Wahrheit erkennen, dass wir Kraft erfahren. Und dann auch wieder Liebe geben, wahrhaftig sein und andere stärken können.

Mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Gott stellt uns auch Waffen zur Verfügung. Aber keine Vernichtungswaffen. Gott ist gerecht, er spricht uns gerecht und spannt uns ein in den Einsatz für Gerechtigkeit.

Gerechtigkeit als Waffe in der Rechten ist eine Angriffswaffe – gegen das Unrecht, das in der Welt geschieht. Gerechtigkeit als Waffe in der Linken ist eine Verteidigungswaffe – gegen ungerechtfertigte Angriffe auf uns selbst.

Wozu brauchen wir solche Waffen? Weil wir auch als Christen in den Widersprüchen dieser Welt leben. Wieder nennt Paulus Beispiele und beharrt darauf, dass Gottes Gnade stark genug ist, um unser Leben bestehen zu können.

8 In Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten.

Wenn man uns ehrt und lobt, ist das schön. Doch manchmal wird, wer eben noch mit Ehre und Lob überschüttet wurde, schon bald wieder fallengelassen. Paulus sieht beides als Bewährungsprobe an, sowohl wenn man gut als auch wenn man schlecht über uns redet. Wichtig ist in allem die Demut: sich weder zu groß noch zu klein machen. Man kann verletzt sein durch üble Nachrede, muss aber auch selbstkritisch prüfen, wo man möglicherweise Anlass dazu gegeben hat. Man kann sich freuen über Lob, darf sich aber nicht davon abhängig machen.

Als Verführer und doch wahrhaftig,

9 als die Unbekannten, und doch bekannt.

Wer Mission betreibt, wer für eine religiöse Botschaft wirbt, steht häufig im Verdacht, unbeweisbare Behauptungen aufzustellen, Aberglauben zu verkünden und die Leute zu betrügen. Das kann man manchmal beim besten Willen nicht verhindern. Trotzdem muss man sich selber immer wieder prüfen: Glaube ich selber an das, was ich verkünde? Dann, und nur dann bin ich wahrhaftig. Dann kann ich zwar immer noch verkannt werden, aber wer für Wahrheit aufgeschlossen ist, wird mir zumindest zuhören.

Abschließend redet Paulus im Geiste der Seligpreisungen Jesu:

Als die Sterbenden und siehe, wir leben.

Leben, wahres Leben, gibt es gerade dort, wo wir mit Problemen und Leid und sogar mit dem Sterben konfrontiert werden – und lernen, wie kostbar das Leben ist. Wir alle sind Sterbende, Menschen auf dem Weg zum Tode – und zugleich leben wir, weil wir unser Leben als kostbares Geschenk empfangen.

Als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet.

Züchtigen ist ein altes Wort – lieber gebrauchen wir heute das Wort „disziplinieren“, gute Grenzen setzen. Harte Grenzen, an die er stößt, nimmt Paulus nicht als Anlass, um an Gottes Güte zu zweifeln, sondern als Anstoß dafür, sich noch intensiver auf Gottes Liebe zu besinnen.

10 Als die Traurigen, aber allezeit fröhlich.

Auch Jesus hat Trauernde selig gepriesen, nicht weil er Trauer nicht ernst nimmt, sondern weil er ihnen Trost zuspricht (Matthäus 5, 4):

Sie sollen getröstet werden.

Trost ist nicht der Versuch, die Trauer abzuschwächen oder das, was weh tut, ungeschehen zu machen. Trost erfahren wir dann, wenn wir nicht allein sind mit dem, was wir durchmachen, und wenn wir wissen, dass wir in der Liebe Gottes niemals verlorengehen, nicht in Verzweiflung und auch nicht im Tod (weiter mit 2. Korinther 6).

Als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Die beiden Schlusssätze nehmen Jesu erste Seligpreisung auf: Selig sind die geistlich Armen – selig, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Wer arm ist und aus Gottes Gnade lebt, kann trotz seiner Armut schenken. Einer, der äußerlich nichts vorzuweisen hat, kann trotzdem mit Recht beten (Psalm 23, 1):

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!

Als Jesus, der Sohn Gottes, von den Soldaten des Pilatus gefoltert wird und am Kreuz stirbt, macht Gott selbst dieses Kunststück vor: Er macht uns reich, indem er arm wird. Er schenkt uns Leben, indem er stirbt. Wir Menschen mögen es schwer finden, an Gott zu glauben; Gott steht auch dann an unserer Seite. Er nimmt ja den Tod eines Gottlosen, eines Verfluchten, auf sich, und schenkt so auch uns Frieden. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 382, 1-3: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr

Guter Gott, segne unsere Pläne und unsere Taten. Und wo wir versagen und scheitern, da schenke uns Vergebung und den Mut, neu zu beginnen. Lass uns nicht zerbrechen an Enttäuschungen und Rückschlägen. Lass uns dazu stehen, was wir nach bestem Wissen und Gewissen als richtig erkennen. Segne die Projekte, für die unsere Gemeinde sich einsetzt, hier in der Stadt und draußen in der Welt.

In unsere Fürbitte schließen wir heute drei Verstorbene ein: … . Herr, du hast diese drei, die von dir und vielen nahestehenden Menschen geliebt wurden, ihr kostbares Leben geschenkt; nun hast du sie herausgerufen aus diesem Leben, hast sie gerufen bei ihrem Namen und sie aufgenommen in deinem Himmel. In deiner Liebe bleiben sie geborgen und aufbewahrt. Begleite auch die, die um sie trauern, und schenke ihnen die Kraft, das Schwere durchzustehen und mit Hoffnung nach vorn zu schauen. Amen. In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Abkündigungen
Lied 612: Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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