„Der Mensch geht auf wie eine Blume…“

Hiob will von Gott nur in Ruhe gelassen werden, aber Gott gibt ihm - Recht!

Nicht Hiob muss zu Gott umkehren. Gott „wendete sein Geschick“, das heißt, Gott kehrt um, so dass Hiob umkehren kann. Gott ändert seine Haltung zu Hiob. Gott wird wieder der, den Hiob kannte. Der nicht nur ins Gericht mit ihm geht. Der ihn lieb hat.

Drei Frauen strecken ihre Arme zur Seite und nach oben aus und freuen sich der Welt - hinter ihnen ist eine große Sonne zu sehen

Das Hiob-Buch endet damit, dass Hiob drei wunderschöne Töchter bekommt (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr, 11. November 2012, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum Taufgottesdienst in der Pauluskirche begrüße ich alle herzlich mit dem Bibelwort zur Woche aus 2. Korinther 6, 2:

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Besonders herzlich heißen wir … mit ihrer Familie willkommen, die in diesem Gottesdienst getauft wird.

Lied 289, 1+3+4:

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

3. Wie sich ein Mann erbarmet ob seiner jungen Kindlein klein, so tut der Herr uns Armen, wenn wir ihn kindlich fürchten rein. Er kennt das arm Gemächte und weiß, wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub: der Wind nur drüber wehet, so ist es nimmer da, also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.

4. Die Gottesgnad alleine steht fest und bleibt in Ewigkeit bei seiner lieben G’meine, die steht in seiner Furcht bereit, die seinen Bund behalten. Er herrscht im Himmelreich. Ihr starken Engel, waltet seins Lobs und dient zugleich dem großen Herrn zu Ehren und treibt sein heiligs Wort! Mein Seel soll auch vermehren sein Lob an allem Ort.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Psalm 103:

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir sind wie Staub, zu Erde oder Asche wird unser Leib einmal zerfallen. Doch wir blühen wie Blumen auf dieser Erde, uns ist kostbare Zeit geschenkt, um unser Leben zu gestalten, zu genießen, mit anderen zu teilen, um für sie da zu sein.

Nicht immer gelingt uns das, so dankbar zu leben. Oft schauen wir nicht auf das Gute, das wir erfahren, sondern nur auf das, was fehlt, was blöd ist, was uns ärgert. Hilf uns, Gott, dass wir nicht vergessen, was du uns Gutes getan hast. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gerecht und barmherzig bist du, Gott, du bist Liebe, du bist Freiheit, dein Name lautet: Ich bin da, ich bin für euch da! Lass uns das nicht vergessen, auch wenn schwere Zeiten kommen, auch wenn Menschen dich verspotten oder uns auslachen, weil wir an dich glauben. Und wenn wir uns schwach und allein fühlen, dann sei du mit deiner Kraft bei uns. Darum bitten wir dich, Jesus Christus, unser Herr. „Amen.“

Die Schriftlesung hören wir heute erst nach der Taufe. Sie wird uns dann direkt zur Predigt hinführen. Jetzt hören wir, bevor wir das Lied vor der Taufe singen, bereits den Taufspruch für …, die wir heute taufen wollen. Er steht im Psalm 23, 4:

Ich [fürchte] kein Unglück, denn du bist bei mir.

Lied 612: Fürchte dich nicht

Liebe Tauffamilie, liebe Gemeinde!

Zur evangelischen Kirche hat eure Familie schon gehört, als ihr noch in Russland und in Kasachstan gelebt habt. Du bist aber hier in Deutschland geboren und es ist dir wichtig, hier getauft zu werden, wo ihr jetzt lebt und wo ihr auch dazu gehört, hier in Deutschland, hier in Gießen, hier in der Paulusgemeinde.

Als Taufspruch hast du dir einen kurzen Spruch aus einem Psalm ausgesucht, den schon viele Konfirmanden auswendig gelernt haben: „Ich fürchte kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Ich weiß nicht, ob du eher ein ängstlicher Mensch bist oder eher mutig und immer voll Power. Vielleicht ja sogar beides, mal so und mal so. Manchmal lassen wir uns von überhaupt nichts aus der Ruhe bringen. Aber manchmal können wir schon auch Angst bekommen, wenn wir in Gefahr geraten, wenn eine Prüfung zu schwer ist oder wenn miese Menschen einen mobben. Dann ist es gut, sich daran zu erinnern, dass wir nie allein sind. Gott ist immer bei uns, und meistens schenkt Gott uns außerdem noch Menschen, die für uns da sind, Eltern, Paten, Freundinnen und andere mehr. Wer du jemanden hast, dem du alles sagen kannst und der zu dir hält, egal was kommt, dann kannst du wirklich alles durchstehen und jede Furcht überwinden. So einer kann auch Gott für dich sein; er hört nämlich alle Gebete und ist immer für dich da.

Vor deiner Taufe bekennen wir nun gemeinsam unseren christlichen Glauben:

Glaubensbekenntnis und Taufe
Lied 209: Ich möcht‘, dass einer mit mir geht

Wir hören den Text zur Predigt am heutigen Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr aus dem Buch Hiob 14, 1-6:

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, das scheint ein typischer Text für den November zu sein, für trübe Sonntage, für die Zeit des Nachdenkens über den Tod und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. Die Zeit zwischen Geburt und Tod ist nur kurz und wird mit einer Blume oder gar einem Schatten verglichen. Und wenn Gott diesen Menschen dann anschaut, zieht er einen gleich vor Gericht, weil es ja nun wirklich keinen einzigen unter ihnen mit wirklich reiner, weißer Weste gibt! Eigentümlich ist am Ende der Wunsch des Hiob an den Gott, der festgelegt hat, wie lange jeder auf dieser Erde leben darf oder durchhalten muss, je nachdem, wie man es betrachtet. Er hat nur den Wunsch: Schau weg von mir, kuck mich nicht so böse an, lass mich in Ruhe, Gott!

Das klingt ungewöhnlich für ein Buch des Glaubens wie die Bibel, in der Menschen normalerweise von Gott mehr erwarten, als von ihm in Ruhe gelassen zu werden. Im letzten Teil unseres Abschnittes scheint Hiob dann doch noch die Kurve zu einem weiteren Wunsch an Gott zu kriegen: er hofft, dass ein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. Aber wenn wir in den Urtext schauen, merken wir, dass hier der Übersetzer Martin Luther etwas in den Text hineingelesen hat, was nicht so drinsteht: Wörtlich steht da nämlich, das hat die Elberfelder Übersetzung genauer erfasst als Luther (Elberfelder Bibel revidierte Fassung 1993 © 1994 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal), in Hiob 14, 6:

Blicke weg von ihm, so dass er Ruhe hat, damit er wie ein Tagelöhner seinen Tag genießen kann!

Es geht also tatsächlich nicht darum, dass Hiob sich vielleicht auf den Tag seiner Auferstehung freuen würde oder darauf, dass Gott sein Schicksal irgendwann zum Guten wenden könnte, das würde zum Bild des Tagelöhners gar nicht passen. Ein Tagelöhner war ja einer, der keine feste Anstellung hatte, sondern von der Hand in den Mund leben musste; er wurde, wenn er Glück hatte, immer nur für den jeweiligen Tag eingestellt und bekam anschließend sein Geld cash auf die Hand. Ein Tagelöhner freut sich also definitionsgemäß nicht auf irgendetwas in der Zukunft, sondern er lebt ganz im Heute, im Hier und Jetzt, er genießt das, was er für seine Arbeit an genau diesem Tag bekommt.

Ungewöhnlich modern erscheint eine solche Haltung; wir können uns fragen: verträgt sich die Auffassung dieses Hiob überhaupt mit unserem christlichen Glauben, mit unserer Hoffnung auf Gott, mit unserem Gottvertrauen, mit unseren Vorstellungen von einer Auferstehung der Toten?

Hören wir den Text noch einmal Vers für Vers:

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe.

Wie ein moderner Mensch beklagt Hiob als zentrales Problem des Menschen seine Unruhe. Die Sehnsucht des Menschen, satt zu werden, genug zu haben, kennt er, aber er sagt nicht wie der Beter des Psalms 23, dass es ihm an nichts fehlen wird:

1 Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Nein, er spricht sehr paradox davon, dass er etwas satt hat, etwas Unangenehmes, nämlich Unruhe. Mit Unruhe ist er gesättigt, das steht wörtlich im hebräischen Urtext. Davon hat er genug, dass er hin- und hergerissen ist, dass seine Seele nicht zur Ruhe kommt, dass ihn nicht einmal Gott in Ruhe lässt.

Weiter heißt es in Hiob 14:

2 [Er] geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Kaum blüht der Mensch wie eine Blume, schon verwelkt er, so empfindet Hiob das Leben der Menschen. Er selber hat es erfahren, alle seine Kinder sind ihm genommen worden, all seinen Besitz hat er verloren, eine scheußliche Krankheit, Lepra, hat er bekommen.

Mich erinnert das Bild der verwelkenden Blume allerdings nicht nur an Menschen, die allzu früh sterben wie zum Beispiel so viele Juden im Dritten Reich, nicht nur an Menschen wie Hiob, die viel erleiden müssen. Ich denke auch daran, dass wir alle, jeder auf seine Weise, so schön sind wie eine Blume; aber es gibt so viele, die sich trotzdem hässlich finden und meinen, sie müssten schöner sein. Und dabei vergessen sie, sich an ihrem kurzen, kostbaren Leben zu erfreuen.

Und dann malt Hiob uns das Leben vor Augen, als sei es nur ein Schatten, der vor dem Licht flieht und nicht bestehen kann. Es gibt Zeiten, in denen erscheint uns das Leben so unwirklich und flüchtig wie ein Schatten; wir müssen bedenken, hier spricht ein Hiob, der sich von Gott selber geschlagen und verraten und verkauft vorkommt; er wagt nicht mehr, an Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu glauben, obwohl er immer wieder an Gott appelliert und ihn anklagt, weil er dem Hiob so übel mitgespielt hat. Wenn ich Menschen begegne, die glauben, dass Gott uns so behandelt, als seien wir Puppen in einem Marionettentheater oder Figuren in einem Videospiel, dann muss ich daran denken: In der Bibel gab es auch einen, der zeitweise in seinem Leben so von Gott gedacht hat und der diese harte Haltung seinem Gott auch ins Gesicht zu sagen gewagt hat.

3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

Hier wechselt Hiob in die direkte Anrede an Gott, weil er sich trotz allem von Gott angeblickt fühlt. Gott hat Augen für uns Menschen, die wie Blumen oder Schatten sind; Gott macht seine Augen über uns auf, das heißt, er interessiert sich für uns. Doch genau in dem Satz, in dem Hiob Gott persönlich anredet, wird diese Anrede sofort zu einem Vorwurf: Du willst über mich richten, mir meine Fehler und Sünden vorhalten. Jetzt in diesem Augenblick denke ich gerade, dass Hiob sich hier so vorkommen muss wie ihr Konfirmanden, wenn ich euch ansehe und einige von euch denken: „Was hab ich jetzt schon wieder getan? Immer ich! Ich war’s nicht!“

Und dieser Hiob schlägt nicht etwa demütig die Augen nieder, er bekennt nicht etwa seine Sünden, wie das seine frommen Freunde von ihm erwarten, mit denen er in vielen Kapiteln des Buches Hiob erbittert streitet. Nein, Hiob hält Gott vor, dass er Unmögliches von den Menschen erwartet:

4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

Müsstest du, Gott, das nicht selber wissen, dass kein Mensch perfekt sein kann? Hast du die Menschen nicht selber geschaffen, wie sie sind? Was beschwerst du dich dann?

Und dann kommt der abschließende Wunsch des Hiob, auf den ich schon eingegangen bin. Das Leben ist kurz, die genaue Zahl seiner Tage und Monate steht bei Gott unverrückbar fest; Gott kennt jetzt schon unser Todesdatum und weiß, welche Ziele wir einmal erreichen werden und welche nicht. Und daraus zieht Hiob einen einfachen Schluss:

5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Oder, wie gesagt, nach der dem Urtext genauer entsprechenden Elberfelder Übersetzung:

… damit er wie ein Tagelöhner seinen Tag genießen kann!

Hiob bittet Gott schlicht um Ruhe. Um Ruhe vor Gott selbst. Er scheint Gott nur als den zu erleben, der fordert, nicht als den, der fördert. Gott erhebt immer nur Ansprüche, einen Zuspruch hat er für Hiob nicht übrig.

Wenige Sätze später klagt Hiob sogar darüber, dass niemand von den Toten auferstehen wird. Und als Hiob wenig später lange Reden Gottes über sich ergehen lassen muss, die ihm deutlich machen sollen, ein wie kleiner Wurm er gegenüber dem allmächtigen Gott ist, da gibt er es schließlich auf, weiter mit ihm zu streiten. Er wirft alles hin, bleibt in der Asche sitzen, gibt aber nicht klein bei vor einem Gott, der gerecht und gut sein müsste, den er aber in seiner Arroganz und Unerreichbarkeit im Himmel nicht mehr versteht. Die einzige Bibelübersetzung, die dieser Haltung des Hiob gerecht wird, ist die neue Zürcher Bibel von 2007 (2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich AG). Ihr zufolge sagt Hiob am Ende zu Gott und verschließt dann seinen Mund (Hiob 42):

6 Darum gebe ich auf und tröste mich im Staub und in der Asche.

Fast alle Ausleger des Buches Hiob übersetzen diesen Vers anders. Fast alle nehmen an, Hiob hätte doch klein beigegeben, sei doch noch demütig zu Kreuze gekrochen, und darum hätte Gott ihm am Ende vergeben und sein Schicksal zum Guten gewendet. Luther übersetzt zum Beispiel:

6 Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

So sehr ich Luthers Bibelübersetzung sonst schätze, hier wird er dem Hiob nicht gerecht. Hiob hält sich nicht für schuldig, er gibt es nur auf, weiter mit Gott zu streiten, den er nicht mehr versteht. Und erstaunlich ist, was Gott daraufhin sagt:

7 Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

Nicht Hiob erklärt also auf einmal alles, was er zuvor Gott entgegengehalten hat, für falsch. Nein, Gott ist es, der am Ende dem Hiob Recht gibt. Die anderen, die viele schöne Worte über Gott gefunden haben, über Demut, über Reue, darüber, dass Hiob doch endlich aufhören soll, Gott anzuklagen, und sich lieber still und reumütig seinen Strafgerichten fügen soll, über die ist Gott zornig. Hiob aber hat recht geredet von Gott.

Das heißt: Auch wir reden recht, wo wir nicht anders können, als Gott anzuklagen. Wir dürfen, ja, wir sollen sogar Gott gegenüber darauf bestehen, dass er gefälligst gerecht und gut zu sein hat, das hat er ja schließlich versprochen. Gott liebt den Hiob gerade deswegen besonders und gibt ihm Recht, weil er eine ehrliche Haut ist, weil er Gott nicht nach dem Mund redet. Mag sein, dass die Freunde Hiobs Gottes Güte viel besser preisen als Hiob. Aber wenn Hiob diese Güte doch gegenwärtig nicht erfährt? Soll er Gott loben, wenn er nur gequält wird?

An keiner Stelle wird Hiob zum Zyniker. Nirgends sagt er: Gott, du bist ungerecht. Darum ist es egal, was die Menschen tun, was ich tue, was du tust. Mach, was du willst, ich mache auch, was ich will. Nein, Hiob hält sich weiter an die guten Gebote Gottes, so gut er es kann. Und genau das erwartet er auch von Gott. Genau das traut er Gott zu. Und wenn Gott mit Hiob nur ein böses Spiel zu treiben scheint, wird Hiob trotzdem nicht ein verbitterter, ein bitterböser Mensch, nein, er hält am Ende einfach nur den Mund. Das ist die Demut Hiobs. Er wartet und weiß selber nicht worauf, vielleicht auf das Unmögliche. Dass Gott doch da ist, dass Gott doch gerecht und gut ist.

10 Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat.

Also nicht Hiob muss hier zu Gott umkehren. Gott kehrt zu Hiob um. „Er wendete sein Geschick“, in diesen Worten steckt im Urtext zwei Mal das Wort „umkehren“ drin. Wörtlich kann man das im Deutschen nicht wiedergeben; gemeint ist, Gott kehrt um, so dass Hiob umkehren kann. Gott ändert seine Haltung zu Hiob. Gott wird wieder der, als der Hiob ihn kannte. Einer, der sich um ihn kümmert. Der seine Stimme hört. Der nicht nur ins Gericht mit ihm geht. Der ihm Recht gibt. Der ihn lieb hat.

In diesem Augenblick kann Hiob wieder neuen Mut schöpfen. Unter anderem wird erzählt, dass er mit seiner Frau auch wieder Kinder bekommt.

13 Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter

14 und nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch.

Ungewöhnlich ist, dass ein Bibeltext aus dieser Zeit nicht die Namen der Söhne, sondern der Töchter nennt. Jemima heißt wohl Taube. Kezia bedeutet Duft oder Wohlgeruch, vielleicht auch Zimtblüte oder Cassia-Blume. Und Keren-Happuch ist das „Horn des Antimons“, das heißt so viel wie „Kind der Schönheit“, denn Antimon war damals ein Mittel zur Pflege der Schönheit. Denken wir an den Anfang des Predigttextes, wo Hiob die Menschen nur als schnell verwelkende Blumen sah, fällt jetzt auf, wie wundervolle Namen er den Mädchen gibt: kleine Taube, Zimtblüte, Kind der Schönheit.

15 Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.

Am Anfang schien Hiob seine ganze verbliebene Hoffnung auf ein recht armseliges Leben zu richten. Er sehnte sich danach, vor Gott Ruhe zu haben, um wenigstens den heutigen Tag einigermaßen überstehen und genießen zu können, ohne von Gott noch zusätzlich belastet zu werden. Jetzt freut er sich an seinen schönen Töchtern und gibt ihnen gleiche Rechte mit ihren Brüdern, was damals nicht selbstverständlich war.

Gerade der Hiob, der allgemein das kurze Leben der Menschen beklagt hatte, der ganz konkret sein eigenes übergroßes Leid vor Gott auszuschütten wagte und nicht vor ihm zu Kreuze kriechen wollte, ihm wird neues Glück geschenkt, er nimmt es dankbar aus Gottes Hand, und er handelt so gerecht, wie er es von Gott mit Recht erwarten und erfahren konnte.

Und wir, wir Christen, wir dürfen noch weiter hoffen als Hiob, dass Gott uns sogar, wenn wir sterben, ein ewiges Leben im Himmel schenken wird. Hier blühen wir nur für kurze Zeit. In der Ewigkeit darf für immer blühen, was hier auf Erden begonnen hat, wo wir Liebe erfahren und weitergeben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 302, 1+5+8:

1. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön dem, welchem alle Dinge zu Dienst und Willen stehn. Ich will den Herren droben hier preisen auf der Erd; ich will ihn herzlich loben, solang ich leben werd.

5. Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod, ernährt und gibet Speisen zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl; und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual.

8. Ach ich bin viel zu wenig, zu rühmen seinen Ruhm; der Herr allein ist König, ich eine welke Blum. Jedoch weil ich gehöre gen Zion in sein Zelt, ist’s billig, dass ich mehre sein Lob vor aller Welt.

Fürbitten – Gebetsstille – Vater unser
Lied 503, 13-15:

13. Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, dass ich dir stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe, viel Glaubensfrüchte ziehe.

14. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.

15. Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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