Reich bei Gott

Unser Leben ist nicht reich durch das, was man hat oder kann, sondern durch den, der alles schenkt. Wer sich durch einen Misserfolg daran erinnern lässt, dass nicht alles selbstverständlich ist, kann auch dafür dankbar werden, dass Gott neue Kraft und neuen Mut schenkt. Sogar jemand, der nicht mehr arbeitsfähig ist, kann Gott für die Ernte seines Lebens danken.

Die Silhouette einer Frau mit ausgebreiteten Armen und vielen Symbolen auf ihrem Körper wendet ihr Gesicht zum Himmel

Dankbarkeit für alles, was Gott schenkt (Grafik: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahls- und Taufgottesdienst am Erntedankfest, Sonntag, den 10. November 1991, um 10.00 Uhr in Gau-Odernheim

Herzlich willkommen im Erntedankgottesdienst in der Kirche zu Gau-Odernheim! Guten Morgen, liebe Kinder, und guten Morgen, liebe Erwachsene! Wir sind eingeladen zum Feiern des Erntedanks. Doch manchen fällt es schwer zu danken – vielleicht wenn jemandes Ernte schlecht ausgefallen ist, oder wenn er sich trotz gutem Ernteertrag Sorgen um seine Zukunft machen muss. Und so machen wir uns heute auch Gedanken über das Danken – Gedanken über das, was jeder von uns ernten kann – als Ernte unserer Arbeit, vielleicht auch als Ernte unseres bisherigen Lebens. Anderen wiederum fällt es heute besonders leicht zu danken, wenn man nämlich als junge Familie ein gesundes Kind geschenkt bekommen hat; wir freuen uns, heute mitten im Erntedankgottesdienst nachher auch die beiden Kinder … und … zu taufen.

Bei unserem Feiern unterstützt uns heute der evangelische Kirchenchor aus Gau-Odernheim und Gau-Köngernheim – vielen herzlichen Dank!

Doch zunächst beginnen wir mit einem altbekannten Danklied, das wir alle gemeinsam singen – 228, 1-3:

Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib und Kindesbeinen an
unzählig viel zugut und noch jetzund getan.

Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad erhalten fort und fort
und uns aus aller Not erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott, dem Vater und dem Sohne
und dem, der beiden gleich im höchsten Himmelsthrone,
dem dreimal einen Gott, wie es ursprünglich war
und ist und bleiben wird jetzund und immerdar.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Danket dem HERRN, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. (Psalm 106, 1)

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Unseren Eingangsspruch: „Danket dem Herrn!“, den hören wir jetzt noch einmal gesungen vom Kirchenchor:

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich!

Guter Gott, Erntedank ist nicht nur der Dank für das, was auf den Feldern wächst. Erntedank ist der Dank für alles, was wir schaffen – durch deine Hilfe. Erntedank ist der Dank für alles, was wir können – weil du uns unsere Fähigkeiten und Stärken schenkst und täglich Kraft und Mut dazu. Doch was ist, guter Gott, wenn uns Kräfte fehlen, wenn unsere Ernte nicht so gut ausgefallen ist, wenn wir nicht zufrieden sind mit unserem Leben? Wir merken – beides ist in uns: Dank und Zweifel, zuversichtliche und verzweifelte Gedanken. Nimm uns an, so wie wir sind, und schenke uns neue Einsichten und neue Festigkeit. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung – Worte des Dankes aus den Psalmen 139 und 22:

13 [Gott,] du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen; du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an, du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet…

25 Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde…

27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen vor der Taufe das Danklied 729, 1-6:
Danke für diesen guten Morgen

Liebe Tauffamilien, liebe Paten und liebe Gemeinde! Heute sind viele Kinder in der Kirche, und den beiden kleinsten von ihnen wollen wir uns jetzt besonders zuwenden. … und … sollen getauft werden.

Was ist das denn eigentlich, eine Taufe? Wer von euch weiß das, liebe Kinder? * * * Wer kann sich noch an seine eigene Taufe erinnern? * * * Was wird denn da gemacht? * * *

Ja, wir werden gleich auch den beiden kleinen Jungen etwas Wasser über den Kopf laufen lassen, und das soll ein Zeichen sein: So wie wir das Wasser zum Leben brauchen, so brauchen wir auch die Liebe Gottes zum Leben. Wir müssen trinken, sonst muss unser Körper verdursten, aber auch unsere Seele muss verdursten, wenn wir auf der ganzen Welt niemanden haben, der uns lieb hat. Wir brauchen Wasser, um unseren Körper zu waschen, aber was brauchen wir, um innerlich sauber zu bleiben – wenn wir uns einmal schämen, weil wir etwas Schlimmes gemacht haben? Wir brauchen jemanden, der uns liebhat, der uns sagt: Du, das war schlimm, was du gemacht hast, aber ich bin dir trotzdem wieder gut, wir werden sehen, das bringst du wieder in Ordnung und nächstesmal machst du es anders. Die Bibel nennt das „Vergebung“, wenn man aus Liebe einfach etwas wegwischt und wegwäscht, was ein anderer falsch gemacht hat.

Wir Christen glauben an einen Gott, der uns lieb hat. Uns alle – nicht nur die Großen, die vielleicht meinen, schon viel für Gott getan zu haben. Gott hat gerade die Kinder besonders lieb. Seine Liebe ist nämlich keine Belohnung für eine Leistung, sondern einfach ein Geschenk.

Wir geben beiden Kindern, dem … und dem …, einen eigenen Taufspruch aus der Bibel mit auf den Lebensweg. Beide Sprüche, die Sie als Eltern selbst ausgesucht haben, reden auch von der Liebe Gottes. Diese Bibelverse können für Sie, die Eltern und die Paten, und später auch für diese Kinder selbst eine Erinnerung daran sein, was eigentlich das Wichtigste bei der Taufe ist: dass wir „von Mutterleib und Kindesbeinen an“, wie wir ganz am Anfang in dem Lied gesungen haben, von Gott geliebt sind.

… bekommt einen Vers aus 1. Johannes 4, 16:

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Getauftsein heißt sozusagen: Sich von Gottes Liebe anstecken lassen. Das ist wie bei einer Erkältung, wenn der eine niest und hustet, dann kann der andere auch krank werden. Aber hier ist es nichts Schlimmes, sondern etwas Schönes: Wenn wir spüren – Gott hat uns lieb, dann ist das so schön, dass wir auch andere spüren lassen wollen, wie schön das ist. Wir lernen zu lieben und Liebe anzunehmen, wir fühlen uns geborgen und geben auch anderen Menschen dieses Gefühl. Keiner muss zu kurz kommen, nicht der ältere und auch nicht der jüngere Bruder; es ist genug Liebe für alle da. Und auch wenn wir gar nicht wissen, wie Gott aussieht oder wer das überhaupt ist – wenn wir spüren und fühlen, wie das ist, geliebt zu sein, dann spüren und fühlen wir auch etwas von dem großen Gott, der aus Liebe unsere ganze Welt geschaffen hat. Auch wir Großen, auch ihr Jüngeren, und auch diese beiden kleinen Kinder sollen das merken: Wir sind auf der Welt – zum Liebgehabt-Werden und zum Liebhaben.

Und der … bekommt einen ähnlichen Vers aus Psalm 40, 12 mit auf den Weg:

Du aber, HERR, wollest deine Barmherzigkeit nicht von mir wenden; lass deine Güte und Treue allewege mich behüten.

Barmherzigkeit, Güte, Treue, das sind drei andere Namen für Gottes Liebe. Es ist richtig: Oft fällt es schwer, daran zu glauben, dass Gott und seine Liebe überhaupt einen Platz haben soll in einer Welt voller Ungerechtigkeit und Grausamkeit. Aber schon viele Menschen haben es erlebt: Gott hilft mir, mein Schicksal zu tragen, Gott hilft mir, menschlich mit anderen umzugehen, auch wenn mir selber übel mitgespielt wird. Auch wenn viele Menschen Schwierigkeiten damit haben: Unser Leben wird anders, wenn wir auf einen Gott vertrauen können, der uns nie untreu wird, der uns nie fallen lässt, der nie die Geduld mit uns verliert, der nicht aufhört, barmherzig zu sein, der nie so böse wird, dass er aufhören würde, uns zu lieben. Wir Christen glauben ja daran, dass Gott selbst in dem Menschen Jesus auf diese Welt kam; er hat es am eigenen Leib gespürt, wie böse wir Menschen manchmal werden können, wenn wir ungeliebt sind oder wenn wir meinen, zu kurz gekommen zu sein. Und Jesus hat angefangen, etwas völlig Unerwartetes zu tun: dem Feind zwar entgegenzutreten, aber ihm nicht wehzutun. Jesus tat das nicht aus Schwäche, sondern weil ihn die Liebe stark machte.

Sie bringen nun als Eltern und Paten ihre Kinder zur Taufe. Sie bringen damit zum Ausdruck: In irgendeiner Weise sollen … und … in Kontakt mit diesem Gott kommen, von dem wir in den Gottesdiensten erzählen, zu dem wir beten können, der uns mit seiner Liebe zu unserer eigenen Liebe anstiften will. Wenn Sie sich verpflichten, zur christlichen Erziehung dieser Kinder beizutragen, dann vergessen Sie nicht: christliche Erziehung ist vor allem das gemeinsame Offensein von Eltern und Kindern für Gott. Was gehört dazu? Gespräche über Gott und die Welt. Ehrlich sich austauschen über das, was man glaubt und woran man zweifelt. Vielleicht das gemeinsame Beten mit den Kindern abends, wenn man die Kinder zu Bett bringt. Vor allem aber: den Kindern vermitteln, dass die Welt ein Ort ist, wo es Verständnis gibt, wo man Liebe erfahren kann. Zunächst sind es die Eltern und andere Verwandte und auch die Paten, die die Hauptverantwortung dafür tragen, dass die Kinder wissen: diese Welt ist ein guter Platz, hier fühle ich mich geborgen, hier gibt es Liebe und klare Regeln, ich weiß, wohin ich gehöre, ich habe Menschen, auf die ich mich verlassen kann.

Die Psychologen haben auch ein Wort für all das: es ist gut, wenn Kinder in ihrer Familie ein Urvertrauen entwickeln, um später in ihrem Leben gut zurechtzukommen. Wir Christen haben ein anderes Wort dafür: Glauben. Und Glaube ist nichts anderes als: Gottvertrauen.

Mit den uralten Worten vom Glauben, die im Glaubensbekenntnis überliefert sind, können wir uns nun dazu bekennen, dass wir uns unserem Gott immer wieder neu anvertrauen wollen. Wir können dieses Bekenntnis auch als eine schlichte Bitte verstehen: Gott, gib mir Glauben, auch wenn ich zweifle. Gemeinsam sprechen wir die Worte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, und dazu stehen wir, soweit möglich, auf:

Glaubensbekenntnis und Taufen

Nun singen wir das Tauflied 152, 1-2:

Ich bin getauft auf deinen Namen,
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist,
ich bin gezählt zu deinem Samen,
zum Volk, das dir geheiligt heißt;
ich bin in Christum eingesenkt,
ich bin mit seinem Geist beschenkt.

Du hast zu deinem Kind und Erben,
mein lieber Vater, mich erklärt;
du hast die Frucht von deinem Sterben,
mein treuer Heiland, mir gewährt;
du willst in aller Not und Pein,
o guter Geist, mein Tröster sein.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören aus dem Evangelium nach Lukas 12, 16-21:

16 [Jesus] sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.

17 Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle.

18 Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte

19 und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!

20 Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?

21 So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Liebe Gemeinde!

Ist das eigentlich ein geeigneter Predigttext für das Erntedankfest? Diese Geschichte von einem Mann, der gut geerntet hat und sich nun Gedanken macht, wie er seine Ernte so lagern kann, dass nichts umkommt?

Erstaunlicherweise wird dieser Mann von Jesus nicht etwa gelobt für seine Umsicht und Voraussicht. Nein, offensichtlich hat dieser Mann trotz seiner guten Ernte etwas Wesentliches vergessen.

Er denkt: „Nun hat die liebe Seele Ruh’“, ich habe ja genug geerntet, genug erarbeitet, genug geschafft, jetzt kann ich mich zurücklehnen und genießen. Aber sein Reichtum ist nur äußerlich. Wenn er noch in der gleichen Nacht stirbt, kann er davon nichts mitnehmen. Er bleibt innerlich ein armer Mann. Die Bibel merkt an: „So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.“

Das klingt hart. Will Jesus damit unsere ganze Erntedankfestfreude kaputt machen? Wir haben doch den Altar geschmückt mit den Früchten unserer Arbeit, mit dem was Felder und Gärten und Weinberge hervorgebracht haben. Soll das alles nichts wert sein?

Doch, das ist viel wert und Grund genug, um zu danken und ganze Dankgottesdienste zu feiern. Aber wir sollen gewarnt sein vor einem Irrtum. Ein Irrtum wäre es, zu meinen, dass das alles selbstverständlich sei, was wir sind und was wir können und was wir haben. Ein Irrtum wäre es, wenn wir nur uns selber dankbar auf die Schulter klopfen würden. Ein Irrtum wäre es, zu denken: Erntedankfest ist nur ein Fest für die Erfolgreichen.

Woher kommt denn eine gute Ernte? Kommt sie nur von dem, was wir gemacht haben? Sind die Kartoffeln, Äpfel, Tomaten, die auf dem Feld wachsen, von uns gemacht, von uns produziert worden? Das ist doch nur die halbe Wahrheit. Das Lied, das ich gleich mit Ihnen singen will, spricht die ganze Wahrheit aus: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Und das gilt nicht nur für die sogenannte landwirtschaftlichen Produktion, sondern für alles, was wir erarbeiten, was wir leisten in Fabriken und Büros. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ Das gilt auch für alles, was in Schulen und Universitäten, ja auch im Kindergarten und hier in der Kirchengemeinde getan wird. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“ Ohne ihn hätten wir unsere Kräfte nicht, ohne ihn könnten wir nicht danken für das, was wir ernten.

So weit der erste Teil meiner Predigt. Bevor es weitergeht, möchte ich mit Ihnen das Lied 476 singen, Strophe 1 und 2:

1) Wir pflügen und wir streuen
den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen
steht in des Himmels Hand;
der tut mit leisem Wehen
sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen,
Wuchs und Gedeihen drauf.

2) Gott sendet Tau und Regen
und Sonn- und Mondenschein
und wickelt seinen Segen
gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende
in unser Feld und Brot.
Es geht durch unsre Hände,
kommt aber her von Gott.

Wir hörten im ersten Teil der Predigt davon, wie wir Gott dankbar sein können für eine gute Ernte. Was ist nun aber, wenn wir nicht so gut geerntet haben? Wenn unsere Ernte durch Hagelschlag vernichtet wurde? Was ist, wenn wir nicht so fit sind, nicht so viel haben, nicht so viel können? Wie ist es dann mit der Ernte unseres bisherigen Lebens? Was wurde uns geschenkt? Was haben wir daraus gemacht, was haben wir erreicht? Nur die wenigsten könnten sagen: Es steht alles zur Zufriedenheit. Die meisten würden sagen: Manches habe ich erreicht, auf manches bin ich stolz, aber vollkommen habe ich noch nichts hingebracht.

Doch kann man am Erntedankfest nur für etwas Vollkommenes danken? Ist nur das Fertige ein Grund zum Danken? „Such mit den Fertigen ein Ziel“ heißt es in einem anderen Lied, das wir auch noch singen werden. Das heißt doch: Wir müssen gar nicht perfekt sein. Manchmal können wir sogar dafür dankbar sein, dass uns eine falsche Sicherheit genommen wurde, auf der wir unser Leben aufbauen wollten. Denn dann können wir lernen, was wirklich Halt und Sinn im Leben gibt.

Der reiche Kornbauer in der Geschichte irrt sich ja gerade, wenn er meint, mit seiner guten Ernte allein sei sein Leben gesichert. Der Ernteertrag werde ihm helfen, satt zu werden und zu überleben – denkt er. Aber Gott fragt ihn, woher er wissen will, ob er überhaupt die nächste Nacht überleben wird. Was dann? Er ist reich – aber hat sein Leben einen Sinn gehabt? Ja, wozu leben wir? Wozu ernten wir? Was wird einmal die letzte Ausbeute, die letzte Ernte unseres Lebens sein? Was wird einmal bleiben, wenn unser Leben zu Ende geht? Unsere Geschichte deutet das alles nur an. Nur durch einen kurzen Hinweis am Schluss. Es kommt darauf an, dass man „reich“ ist „bei Gott“.

Unser Leben ist nicht reich durch das, was man hat oder kann, sondern reich nur durch den, der einem alles schenkt. „Reich bei Gott.“ Darauf kommt es an. Wer sich z. B. durch einen Misserfolg daran erinnern lässt, dass nicht alles selbstverständlich ist, was wir haben, der kann auch dafür dankbar werden, dass Gott neue Kraft und neuen Mut schenkt, um auch schwere Probleme zu meistern.

Reich sind wir dadurch, dass wir geliebt sind. Paulus sagt einmal: Die Liebe hört nicht auf. Die Liebe bleibt. Sie trägt uns, so lange wir leben, und sie bleibt uns, sogar wenn wir sterben. Und dadurch, dass wir geliebt sind, lernen wir auch selbst, zu lieben. Das heißt: wir werden auch reich für andere.

Allerdings: es kann ein beschwerlicher Weg sein, lieben zu lernen, Liebe an sich heranzulassen. Mancher möchte nicht auf Liebe angewiesen sein, möchte sich lieber nur auf sich selbst verlassen, um nicht enttäuscht zu werden. Ich glaube, wir sind nie fertig damit, auf Liebe zu vertrauen. Wenn wir aber auf dem Weg sind, das zu lernen, auch wenn wir damit noch nicht fertig sind – auch dann können wir heute Danke sagen.

Wenn einer hungrig ist an Leib oder Seele, dann braucht er Nahrung: Brot oder Liebe. Und wenn einer mehr hat als ein anderer, so wie z. B. der reiche Kornbauer? Das sollte er sich nicht untätig zurücklehnen oder hochmütig auf die anderen herabsehen. Wer mehr hat, der hat auch mehr Verantwortung, von dem kann man mehr Einsatz erwarten. Wer sich beschenkt fühlt von Gott, der teilt mit anderen, die weniger haben. Wer reich ist bei Gott, der freut sich, etwas tun zu können, wovon auch ein anderer etwas hat. Der andere ist ja auch von Gott geliebt.

Vom Miteinander-Teilen singen wir ein weiteres Lied:
Brich mit den Hungrigen dein Brot,

Noch ein dritter Anlauf in dieser Predigt. Ich denke nun an die Menschen, vielleicht auch die eine oder den anderen unter uns, die nicht einmal meinen, auf einem Weg zu sein. Die sich abfinden müssen mit einer Krankheit oder Behinderung oder mit dem Altwerden und vielleicht im Stillen verzweifelt sind darüber, was dieses Leben denn noch für einen Sinn haben soll.

Ein mehrfach behinderter junger Mann, der nicht nur im Rollstuhl sitzen musste, sondern auch noch seelisch krank war, fragte mich immer wieder: „Will Gott das, dass ich so behindert bin? Das ist doch ungerecht!“ Und manche ältere Patientinnen und Patienten in der Klinik klagen mir ihr Leid: „Meine Kräfte werden immer weniger. Wenn ich doch nur wieder schaffen könnte, was ich früher geschafft habe.“ Aber viele müssen sich damit abfinden, dass ihre Kräfte nur noch ausreichen für kleinere Ziele. Die Frage ist da, unausweichlich: Kann man Gott auch danken für ein unvollkommenes Leben? Kann auch einer, der stark behindert ist, Psalm 139, 14 mitbeten?

Ich danke dir[, Gott], dass ich wunderbar gemacht bin.

Kann auch jemand, der nicht mehr arbeitsfähig ist, Gott für die Ernte seines Lebens danken?

Ich will darauf antworten, indem ich ein Beispiel erzähle. Nur ein Beispiel. Ich erzähle von einem jungen Mann, der spastisch gelähmt ist, der sich nur unter wilden Zuckungen bewegen kann und den man kaum versteht, wenn er spricht.

Einmal schreibt er in einem Artikel für eine Kirchenzeitung: „Gott erschafft keinen Menschen sinnlos.“ Er schildert, wie zornig er auf Gott war, dass er nicht so laufen und sprechen konnte wie andere Menschen. Jahre hat er gebraucht, um sich damit abzufinden, dass er in einem Pflegeheim leben muss, dass er für fast alles auf fremde Hilfe angewiesen ist. Doch im Laufe der Jahre hat er gelernt, dankbar zu sein für sein Leben, für die Freunde, mit denen er in Briefkontakt steht, für seinen Verstand, mit dem er über alles nachdenken kann, für die Zeit, die er hat, um seine geliebte Musik richtig hören und genießen zu können. Und er ist auch dankbar, dass er durch seine Zeitungsartikel auch schon anderen Behinderten Mut machen konnte. Die Ernte seines Lebens? Er ist sicherlich „reich bei Gott“. Er nimmt auch das aus Gottes Hand, worüber er sich früher bitter beklagt hatte und woran mancher vielleicht verzweifeln würde.

Auch in der Nervenklinik erlebe ich Menschen, die zwar am Ende sind, alt, verbraucht, die keine Kräfte mehr haben zum Arbeiten, zum Gesundwerden. Aber die dennoch sagen: Ich bin zufrieden. Ich habe mein Leben gelebt. Die dennoch sagen können: Alles kommt von Gott – auch bittere Erfahrungen, mit denen wir fertig werden müssen. Er hilft uns, zu ertragen, was wir nicht ändern können. Er lässt uns nicht allein.

Und das ist ein guter Satz, um die Predigt zu beenden, ein guter Satz für alle: für die, die eine rundherum gute Ernte hatten, für die, die auf dem Weg sind, und für die, die immer nur an Grenzen stoßen: Gott lässt uns nicht allein. Alles, was wir erfahren, geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott: alle Freude, alle Krisen, alle Lasten. Gott lässt uns mit allem nicht allein. Amen.

Und der Friede Gottes, der viel größer ist, als unser Denken und Fühlen erfassen kann, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Nun hören wir vom Kirchenchor das Lied:

Es ist ein köstlich Ding, dem Herren danken

Und nun singen wir gemeinsam vor dem Abendmahl das Lied der Einladung:

Komm, sag es allen weiter

Herr Jesus Christus, heute am Erntedankfest feiern wir das heilige Abendmahl. Wir essen und trinken von den Gaben, die der Vater im Himmel uns schenkt. Wir essen und trinken Brot und Wein als Zeichen deiner Liebe zu uns, der du unsere Seele satt und stark machst im Leben und im Sterben. Wir tun dies heute – und wissen zugleich, dass wir uns oft schwer tun mit dem Danken und mit deiner Liebe. Wir sehen oft nur Gründe zum Klagen und Jammern und halten für allzu selbstverständlich, was du uns aus deiner Liebe heraus zukommen lässt. Wir wagen es nicht, auf deine Liebe zu vertrauen, weil wir nicht enttäuscht werden wollen, weil wir nicht zu kurz kommen wollen, weil wir in der Welt nicht dumm dastehen wollen. Deshalb kreisen wir in Ängstlichkeit und falschem Stolz immer wieder um uns selbst – fühlen uns ungeliebt und können nicht lieben.

Alles, was zwischen uns und Gott steht,
alles, was zwischen uns und anderen Menschen steht,
alles, was uns hindert, uns selbst so liebzuhaben,
wie Gott uns liebhat,
bringen wir nun im stillen Gebet vor Gott.

Gebetsstille

Wollt ihr, dass Gott alles wegnimmt,
was falsch ist in eurem Leben?
Wünscht ihr Vergebung von allem, was euch trennt
von Gott und von Menschen?
Dann sagt Ja!

Ich spreche euch im Auftrag Jesu Vergebung zu –
Vergebung von allem, was falsch ist,
was Schuld ist, was Sünde ist,
was euch trennt von Gott und von Menschen. Amen.

Abendmahl

Und nun lasst uns beten – die Kinder des Kindergottesdienstes werden uns dabei helfen.

In unserem Gebet denken wir besonders an die beiden Kinder, die wir heute getauft haben, dass sie die Liebe bekommen, die sie brauchen, um glücklich zu werden und auch andere glücklich machen zu können; wir denken ebenso an die Kinder, in vor einem Jahr hier getauft worden sind. Wir schließen besonders auch die fünf älteren Geburtstagskinder in unsere Fürbitte ein, die in dieser Woche den Tag ihrer Geburt feiern konnten. Gott schenke Ihnen allen seinen reichen Segen! Und wir denken in unserem Gebet auch an die beiden Verstorbenen, die vor einem Jahr hier beerdigt wurden. Gott, du großer Tröster, gib, dass Trauer bewältigt werden kann – nicht indem wir die Gefühle verdrängen, sondern spüren, dass wir mit allem, was uns bewegt, nicht allein gelassen sind.

Fürbitten der Kinder

Zum Schluss singt uns der Kirchenchor aus Bechtolsheim und Biebelnheim noch ein letztes Lied:

Das Morgenrot aufsteiget
Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch.
Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden.
„Amen, Amen, Amen!“

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