Ein Glaube, der dem Zweifel standhält

In einer Trauerfeier denke ich über Psalm 27, 13 nach: „Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte den HERRN im Lande der Lebendigen.“ Es geht um einen Glauben, der zunächst nicht sieht, der aber doch so fest ist, dass er dem Zweifel standhält.

Ein Glaube, der dem Zweifel standhält: Eine Treppe führt über eine Mauer hinweg, hinter der ein blauer Himmel mit weißen Wolken und einem roten Fragezeichen zu sehen sind

Werden wir die Güte des HERRN sehen im Land der Lebendigen? (Bild: qimono – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind gemeinsam hier, um von Herrn I. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Mit all unseren Gedanken und Empfindungen sind wir hier, erinnern wir uns an den Verstorbenen und bitten Gott, dass er uns hilft, ihn loszulassen, traurig und doch dankbar – denn sein Leben war erfüllt, und mit ihm war uns viel geschenkt.

Wir beten mit Worten aus dem Psalm 27:

1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?

3 Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht; wenn sich Krieg wider mich erhebt, so verlasse ich mich auf ihn.

5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, er birgt mich im Schutz seines Zeltes und erhöht mich auf einen Felsen.

7 HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und erhöre mich!

9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.

11 HERR, weise mir deinen Weg und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.

13 Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

14 Harre des HERRN! Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1, 6 und 12:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Liebe Trauerfamilie, liebe Gemeinde!

Wenn ich an Herrn I. denke, dann sehe ich ihn immer gleich vor mir; unverwüstlich, unerschütterlich, egal, wie es ihm gesundheitlich ging, hat er doch nie seinen Humor verloren. Er sei ja hart im Nehmen, hat er mir einmal gesagt.

Das musste er wohl auch sein, denn er hat in seinem Leben einiges durchmachen müssen.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Gestorben ist er unerwartet; seinem Tod ging keine akute Krankheit, keine lange Leidenszeit voraus. Er hätte es sich wohl auch nicht anders gewünscht. Sein Herz hörte einfach auf zu schlagen.

So wie er in seinem Leben manches bewältigen und meistern musste, so wie Sie eine Menge zu ertragen und durchzustehen hatten, so stehen Sie jetzt am Anfang eines Weges der Trauer, der auch nicht leicht sein wird.

Ja, Herr I. hat ein erfülltes Leben gehabt. Ja, er musste vor seinem Tod nicht lange leiden. Ja, Sie sind dankbar für alles, was Ihnen im gemeinsamen Leben an Liebe geschenkt war. Und doch und gerade deswegen ist es traurig, ihn loslassen zu müssen. Es tut weh, sich an ihn zu erinnern und zu spüren, er ist nicht mehr da; er ist von uns weggegangen, hinüber in eine andere Welt, in die wir von hier aus nicht hineinschauen können.

Was kann uns trösten, was kann uns Halt geben?

Zu Beginn haben wir einen Psalm gebetet, in dem ein Mensch sein Gottvertrauen mit einem sehr schönen Satz ausdrückt (Psalm 27, 13):

Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

Vom Glauben ist da die Rede, von einem Glauben, der in Frage gestellt sein kann, wenn es ganz hart kommt, der aber dann doch gefestigt wird und dem Zweifel standhält.

Wir setzen oft den Glauben in einen Gegensatz zum Sehen. Wie oft habe ich schon den Satz gehört: „Ich glaube nur, was ich sehe!“ Interessant ist, dass es auch in der Bibel diese Menschen gibt, die nur glauben wollen, was sie sehen – und oft genug erfahren sie tatsächlich Dinge, die sie zum Staunen und dann auch zum Glauben bringen.

Es gibt aber auch den Glauben derer, die zeitweise gar nicht viel von Gottes Güte sehen und trotzdem ihren Glauben nicht aufgeben. Dennoch, trotz allem bleibe ich dabei, einmal kommt die Zeit, da werde ich nicht nur glauben, da werde ich sehen. Und ich denke, wer sich im Glauben gefestigt fühlt und immer wieder festigen lässt, der sieht und spürt in der Regel auch immer wieder, dass Gottes Güte und Liebe einfach da ist, dass Gott uns in schweren Zeiten trägt und hält, dass er uns zum Weinen ermutigt, aber die Tränen auch wieder trocknet.

Ich werde sehen die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.

Wo wir auf Gottes Güte vertrauen können, da leben wir im Land der Lebendigen, da können wir einander in Liebe so annehmen, wie wir sind, da können wir uns so entfalten und auch ändern, wie Gott sich uns vorgestellt hat. Und sogar wenn wir sterben, fallen wir aus diesem Land der Lebendigen nicht heraus. In Gottes ewiger Liebe bleiben wir auch aufbewahrt und im Frieden geborgen für immer.

In dieser Zuversicht können wir Herrn I. getrost loslassen und ihn den liebevollen Händen Gottes anvertrauen. Und für uns können wir mit Gewissheit hoffen, dass auch wir von Gottes Güte und Liebe getragen bleiben alle Tage unseres Lebens und sogar dann, wenn wir einmal sterben. Amen.

Wir singen das Lied 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Du, Gott, bist die Liebe, und dir vertrauen wir Herrn I. in seinem Tode an. In dir bleibt er aufgehoben, geht er nicht verloren, bleibt er bewahrt in Ewigkeit. Wer ihn geliebt hat, wer ihm nahestand, ist traurig und wird ihn vermissen. Zugleich ist da auch die Dankbarkeit für alles, was ihm in diesem Leben geschenkt war und was andere durch ihn an Gutem erfahren konnten. Lass uns die Liebe bewahren, die wir füreinander empfunden und einander geschenkt haben.

Du, Gott, bist die Liebe, die uns trägt. Von dir kommt unser Leben und unsere Fähigkeit zu lieben. Was wir fühlen und wünschen, breiten wir vor dir aus mit der Bitte, dass uns die Liebe nicht verlässt, dass wir Halt und Orientierung bewahren. Wir möchten aushalten, was wir durchstehen müssen, und brauchen Kraft, um unser Leben auch in der Zukunft zu meistern.

Du, Gott, bist die Liebe: wir bitten dich: Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind, und lass uns niemals vergessen, wie kostbar unser Leben ist. Amen.

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