Zwei Zeugen des Einen Gottes

Hätte die Kirche nicht anders gerade mit ihren jüdischen Geschwistern umgehen müssen, wenn sie wirklich Jesus nachgefolgt wäre? Um für Juden glaubwürdig zu werden, nützt kein Appell: „Nun nehmt doch unseren Glauben an, wir haben mehr zu bieten als ihr!“ Nein, wir müssen lernen, Menschen zu akzeptieren, die anders sind, sogar dann, wenn sie uns ablehnen. Jesus nannte das Feindesliebe.

Menora und Kreuz - Symbole des Judentums und des Christentums auf weißem bzw. schwarzem Hintergrund

Die jüdische Menora und das christliche Kreuz (Bilder: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am 10. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juli 2008, 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Diesem Gottesdienst liegen große Teile einer Predigt über Röm 11, 25-32: „Gottes Treue zu Israel“ von Susanne Kübler und Petra Frey zugrunde, die von der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste veröffentlicht wurde und von mir verändert worden ist; auch die Gebete stammen großenteils von der gleichen Quelle.

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Der heutige Sonntag trägt den Namen „Israelsonntag“. Früher war dieser 10. Sonntag nach Trinitatis ein Gedenktag der Verwüstung des Tempels in Jerusalem. Heute besinnen wir uns neu auf das Verhältnis von Christen und Juden und erinnern uns an diesem Tag an die Treue Gottes zu seinem Volk und an die Verbundenheit der Kirche mit Israel, die in Jesus Christus selbst begründet liegt.

Zu diesem Sonntag gehört als Wochenspruch Psalm 33, 12:

Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat!

Lied 502, 1-3:

1. Nun preiset alle Gottes Barmherzigkeit! Lob ihn mit Schalle, werteste Christenheit! Er lässt dich freundlich zu sich laden; freue dich, Israel, seiner Gnaden, freue dich, Israel, seiner Gnaden!

2. Der Herr regieret über die ganze Welt; was sich nur rühret, alles zu Fuß ihm fällt; viel tausend Engel um ihn schweben, Psalter und Harfe ihm Ehre geben, Psalter und Harfe ihm Ehre geben.

3. Wohlauf, ihr Heiden, lasset das Trauern sein, zur grünen Weiden stellet euch willig ein; da lässt er uns sein Wort verkünden, machet uns ledig von allen Sünden, machet uns ledig von allen Sünden.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Tröste uns mit deiner Hilfe und mit einem lernenden Herzen stärke uns! Mit einem hörenden Herz stärke uns, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, Gott Sarahs, Rebekkas und Rahels, du hast sie und dein Volk Israel zu Zeugen deines Namens in der Welt erwählt und bist ihnen treu geblieben. Durch Jesus Christus hast du auch deine Kirche berufen, hast sie getragen und ihr geholfen, nach all dem Schrecklichen, das Israel durch unser Volk und seine Christenheit angetan wurde, alte Vorurteile und böse Feindbilder zu überwinden.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott Israels, Vater Jesu Christi, du hältst deinem Volk bis heute die Treue. Du stehst zu deinen Verheißungen. Für immer ist dir Israel kostbar wie dein Augapfel. Du hältst unwandelbare Treue – wir haben es lange übersehen, Gott Abrahams und Sarahs, erbarme dich unser.

Wir haben lange gelernt, wir Christen seien an Israels Stelle getreten und deine Liebe gelte nur noch uns. Gott Isaaks und Rebekkas, vergib uns unsere Blindheit und unsere Selbstgerechtigkeit, erbarme dich unser!

Wir haben uns gerne die Gaben deines Volkes angeeignet – das Gesetz, den Bund, die Psalmen, die prophetischen Weisungen, den Gottesdienst – aber mit Israel selbst wollte unsere Kirche viele Jahrhundert hindurch keine Gemeinschaft haben. Selbst jetzt, als es seit 60 Jahren wieder in seinen Grenzen als selbständiger Staat lebt, fällt es uns schwer, dies als Zeichen deiner Treue wahrzunehmen. Gott Jakobs und Rahels, erbarme dich unser!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Der allmächtige und barmherzige Gott hat sich unser erbarmt. In Jesus Christus hat er uns angenommen und uns verziehen. So spricht der Gott Israels, der Vater Jesu Christi (Jeremia 31, 34):

Es wird keiner den andern noch ein Bruder den anderen lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß…; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünden nimmermehr gedenken.

Darum:

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Barmherziger Gott, wir bitten dich um deinen Heiligen Geist, dass er uns wachsen lasse im Glauben und in der Solidarität mit deinem Volk. Lass uns Verbindendes entdecken und Israels Eigenständigkeit achten. Segne die Anfänge neuer treuer Zugehörigkeit! Als Gemeinde und als einzelne richten wir uns aus auf dich, um zu hören, was wir uns nicht selber sagen können und um deine Hilfe und Verheißung zu erbitten für die Welt und für das Leben, das wir in ihr leben. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem Brief des Paulus an die Römer 11, 25-32:

25 Ich will euch, liebe [Geschwister], dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist;

26 und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob.

27 Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

28 Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.

29 Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

30 Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams,

31 so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

32 Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis
Lied 241, 5+6+8:

5) Ach dass die Hilf aus Zion käme! O dass dein Geist, so wie dein Wort verspricht, dein Volk aus dem Gefängnis nähme! O würd es doch nur bald vor Abend licht! Ach reiß, o Herr, den Himmel bald entzwei und komm herab zur Hilf und mach uns frei!

6) Ach lass dein Wort recht schnelle laufen, es sei kein Ort ohn dessen Glanz und Schein. Ach führe bald dadurch mit Haufen der Heiden Füll zu allen Toren ein! Ja wecke dein Volk Israel bald auf, und also segne deines Wortes Lauf!

8) Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter bist; du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist. Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn; du tust doch über Bitten und Verstehn.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Kennen Sie das, liebe Gemeinde, dass ein Ihnen nahestehender Mensch in einem wichtigen Punkt, in einer grundsätzlichen Frage, ganz anders denkt und fühlt als Sie selbst? Ich weiß noch, wie ich mit meinem besten Schulfreund in der Oberstufe auf dem Heimweg heiße Diskussionen über die Ostpolitik von Willy Brandt geführt habe. Wir haben uns aber trotzdem nicht zerstritten; man kann ja durchaus auch harte Gegensätze in Sachfragen aushalten, wenn die zwischenmenschliche Basis stimmt.

Schlimmer ist es zum Beispiel bei einer Frau, der ihr Christsein sehr wichtig ist und deren Geschwister aus der Kirche ausgetreten sind. Ihre Schwester sagt oft zu ihr: „Christen sind doch alle scheinheilig und keinen Deut besser als die anderen.“ Abfällige Worte schmerzen, und es ist schwer zu ertragen, dass ein Mensch, den man doch eigentlich gern hat, einem ausgerechnet durch eine Glaubensfrage fremd wird.

Der Apostel Paulus kennt diesen Schmerz. Er hat erfahren, dass viele, die ihm nahe standen, nicht den gleichen Weg wie er gegangen sind. Traurigkeit erfüllt ihn. Er ist traurig, dass viele seiner jüdischen Geschwister seinen Weg, Jesus Christus nachzufolgen, nicht mitgehen wollten. Dabei hat er, Paulus, so Großes erfahren, als er Christus begegnet ist. Sein Erlebnis von Damaskus hat sein Leben verändert und hat es reich gemacht.

Ich stelle mir Paulus vor, wie er in einem kleinen Haus in Korinth sitzt. Öllämpchen spenden schwaches Licht, als er am Abend ein paar Gedanken aufschreibt, die er am Morgen seinem Schreiber ins Reine diktieren wird. Er schreibt einen Brief an die Gemeinde in Rom. Es wird ein sehr grundlegender Brief, vielleicht, weil für ihn ein Lebensabschnitt zu Ende geht. Immer wieder wandern seine Gedanken zurück zu den vergangenen Jahren. Wie schnell sie vergangen sind! Manchmal wundert er sich selbst, dass er die Kraft hatte, so viel herumzureisen. Unzähligen Menschen hat er in Kleinasien von Jesus Christus erzählt. Von dem Christus, der ganz verschiedene Menschen zusammenbringt und sie zu einer Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern macht. Eine Gemeinschaft, in der Christus selbst lebt; eine Gemeinde, in der keine Ungleichheit mehr etwas bedeutet, ob Mann oder Frau, ob Sklave oder Freie, ob Jüdin oder Grieche. Viele Gemeinden hat Paulus gründen können. Kleine Gemeinden, aber auf die Masse kommt es ihm nicht an. Er wollte, dass es Menschen gibt, die wissen, dass der Messias Jesus gekommen ist. Menschen, die von seiner Kreuzigung und seiner Auferweckung gehört haben. Sie werden es weitersagen. Dazu brauchen sie ihn nicht mehr. Darauf vertraut er.

Jetzt ist er an einem Wendepunkt in seinem Leben angelangt. Er will zu neuen Gebieten aufbrechen, in den Westen. Dorthin, wo er noch nie war: nach Spanien. Auf dem Weg dorthin will er die Gemeinde in Rom besuchen, die ihn schon lange gebeten hatte, einmal zu kommen. Die Gemeinde in dieser großen Stadt interessiert ihn: Juden und Nicht-Juden leben dort zusammen. Paulus schüttelt den Kopf. Er denkt daran, wie wenig Erfolg er mit seiner Botschaft in den jüdischen Gemeinden hatte. Bei seinen Reisen ist er als Jude ganz selbstverständlich zu den Juden gegangen, schließlich muss man zusamenhalten, gerade in der Ferne, außerhalb des Heiligen Landes. Aber wichtiger war für Paulus noch: Was er zu sagen hatte, war zu allererst eine Botschaft für sein Volk. Doch er stieß damit auf taube Ohren. Man warf ihm Sektiererei vor und Missbrauch der Gastfreundschaft. Er wurde oft weggejagt als einer, der nur Spaltung und Trennung in die Gemeinden bringen wolle. Schlimme Vorwürfe und Angriffe hatten seinen Weg gepflastert. Paulus denkt zurück an die zähen Diskussionen. So gut er auch das Argumentieren mit der Schrift bei den Rabbinen, den Lehrern seines Volkes gelernt hatte, er konnte sie nicht überzeugen. Wenn er von dem Christus, dem Messias, erzählte, und dass mit seinem Tod und seiner Auferweckung eine neue Zeit angefangen habe, gab es sofort Widerspruch: „Eine neue Zeit? Es ist doch alles noch wie vorher. Die Römer sind im Land und es gibt so viel Armut, Elend und Ungerechtigkeit. Wie kann man da von dem angebrochenen Friedensreich des Messias sprechen?“ Paulus sagte dann zum Beispiel: „Sein Reich ist noch so klein, es ist nicht mit Maßstäben dieser Welt zu messen. Denn Jesus Christus hat die Welt nicht mit Macht und Stärke überwunden, sondern mit seiner Liebe und Hingabe, die ihn am Kreuz sterben ließ.“ Oder Paulus antwortete: „Jesus kommt wieder. Die Toten werden auferstehen, und die Lebenden werden verwandelt werden. Gottes Zeit wird anbrechen. Gott wird alles in allem sein.“ (vgl. 1. Korintherbrief 15) Aber wie Paulus sich auch abmühte: Er konnte nur wenige Menschen seines Volkes überzeugen.

Gedankenverloren malt Paulus ein Wort auf sein Papier: „Geheimnis“ steht da in dicken Buchstaben. So lange hat er sich gemartert mit der Frage, warum viele der Juden seine Botschaft nicht annehmen konnten. Warum verlief die Geschichte so? Wo lag der Schlüssel dazu? Im Laufe der Jahre hat sich die Antwort in ihm geformt und dringt ihm jetzt in einem einzigen Moment klar und deutlich ins Bewusstsein, wie durch eine Offenbarung. „Es ist ein Geheimnis“, sagt er leise vor sich hin. So gut er es kann, fasst er das Geheimnis in Worte und schreibt: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist.“

Paulus kann es an seiner eigenen Person nachvollziehen: Denn hätten ihn die Juden dankbar aufgenommen, wäre er nie zum Apostel der Heiden geworden. „Verstockung“, dieses Wort, so düster es klingt, ermutigt Paulus, denn es sagt: Gott hat seine Hand im Spiel. Gottes Wege völlig verstehen, das kann Paulus nicht. Aber es ist gut, zu wissen, dass es Gottes Wege sind. Auch, wenn es für Paulus ein dunkles Geheimnis bleibt, kann er darauf vertrauen, dass Gott damit Gutes im Sinn hat.

„Ja!“, spricht Paulus vor sich hin, „Gott ließ viele seines Volkes taub werden, sonst hätte ich mich den Heiden nie in diesem Maße zugewandt. Es ist Gottes Wille, dass die Nicht-Juden von ihm, dem Gott Israels, hören. Es ist Gottes Wille, dass die Völker zu ihm kommen, wie es unsere Propheten für das Ende der Zeit vorhergesagt haben. So geschieht jetzt etwas nie Dagewesenes: Die Heiden wenden sich durch Christus dem Gott Israels zu! Das gibt mir die Kraft, nach Spanien zu gehen. Denn, wenn Ost und West von der Botschaft des Evangeliums gehört haben, wird die Zeit erfüllt sein. Jesus Christus wird wiederkommen. Er, der Richter und Erlöser. Dies wird der Moment der Rettung ganz Israels sein. Die Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit wird für die erlöste Menschheit, Juden und alle Völker, anbrechen.“ Paulus kann nicht anders. Er ist voll des Lobes Gottes. Leicht fährt die Feder über das Papier: „Oh, welch eine Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unerforschlich sind seine Entscheidungen und unausdenkbar seine Wege!“ (Römerbrief 11, 33)

So, liebe Gemeinde, sehe ich Paulus sitzen, in einem Haus in Korinth, vor beinahe 2000 Jahren. Und bevor ich weiter predige, möchte ich mit Ihnen ein Lied von dem Frieden singen, den Paulus sich für Juden und Heiden erträumt hat, ein hebräisches Lied, Nummer 433:

Hevenu schalom alejchem, hevenu schalom alejchem, hevenu schalom alejchem, hevenu schalom, schalom, schalom alejchem.

Wir wünschen Frieden euch allen, wir wünschen Frieden euch allen, wir wünschen Frieden euch allen wir wünschen Frieden, Frieden, Frieden aller Welt.

Liebe Gemeinde, was würde Paulus heute sagen, wenn er wüsste, wie die Geschichte weiter verlief, die Geschichte zwischen Juden und Christen und auch die Geschichte der Kirche bis in die Gegenwart? Ich glaube, er hat nicht damit gerechnet, dass es eine so lange Welt- und Kirchengeschichte geben würde. Vielleicht hat er tatsächlich gedacht, dass noch zu seinen Lebzeiten das Werk vollendet sein würde: Alle Heiden bis nach Spanien und Germanien erfahren von Jesus Christus, überall hören die Menschen auf sein Wort. Dann kommt Jesus als der Menschensohn auf die Erde zurück und auch die Juden, die ihn jetzt noch ablehnen, erkennen ihn als ihren Messias an.

Es kam anders. Als im Jahr 70 im Jüdischen Krieg der Tempel in Jerusalem zerstört wurde, war das für viele Juden der letzte Beweis: Der Messias kann noch nicht gekommen sein, ein solches Elend hätte er verhindern müssen. Umgekehrt zogen viele Christen den Schluss: Gott selbst hat die Juden bestraft, weil sie Christus abgelehnt haben. Und sie vergaßen, was Paulus gesagt hatte: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ Stattdessen behauptete die Kirche viele Hundert Jahre hindurch: Gott habe nun die Kirche als das „neue, wahre Israel“ erwählt. Wer so dachte, hat nicht genau gelesen, dass Gott seinem Bund immer treu bleibt und nicht wankelmütig ein Volk nach dem anderen erwählt. Gott ist treu, Gott ist verlässlich, auf Gott kann man bauen und muss nicht fürchten, dass der Untergrund plötzlich nachgibt. Gerade Heidenchristen, liebe Gemeinde, sollten deshalb das Geheimnis des Paulus immer wieder betrachten, ja meditieren, um nicht hochmütig gegenüber dem jüdischen Volk zu werden. Wenn wir an Israel denken, tut es uns gut, uns das in Erinnerung zu rufen, damit wir nicht zu selbstgefälligen Besserwissern des Glaubens werden.

Was bedeutet das alles nun für uns hier in Gießen, heute im Jahr 2008? Auf den ersten Blick scheint das Thema für uns kaum eine Rolle zu spielen. Wir begegnen Juden im Alltag ja kaum, es sei denn, wir bemühen uns um Kontakt zur Jüdischen Gemeinde und lassen uns vielleicht einmal die Synagoge zeigen. Immerhin: das ist hier in Gießen möglich, denn hier gibt es wieder eine Synagoge, nachdem in der Hitlerzeit zwei jüdische Gotteshäuser zerstört wurden. Und so beschämend es war, dass das damals nicht verhindert wurde: es ist ein Schritt in die richtige Richtung, dass die christlichen Kirchen in Gießen mitgeholfen haben, die neue Synagoge zu bauen, und weiter mithelfen, um sie zu unterhalten.

Ein oder zwei Mal kam ich dann doch bei irgendeinem Anlass mit einem Mitglied der jüdischen Gemeinde ins Gespräch. Da habe ich gemerkt, wie groß die Vorbehalte auch heute noch sind, die jüdische Menschen gegenüber uns Christen haben – vor allem gegenüber Christen, die sie zu missionieren versuchen. Und sie fragen uns Christen: Müsste die Welt nicht friedlicher aussehen, wenn Jesus wirklich der Messias gewesen wäre? Hätte die Kirche nicht anders gerade mit ihren jüdischen Geschwistern umgehen müssen, wenn sie wirklich Jesus nachgefolgt wäre? Um für Juden glaubwürdig zu werden als Menschen, die dem Messias nachfolgen, nützt kein Appell an Juden: „Nun nehmt doch unseren Glauben an, wir haben mehr zu bieten als ihr!“ Nein, zuerst müssen wir an uns arbeiten; an unserer Fähigkeit, Menschen zu akzeptieren, die anders sind, sogar dann, wenn sie uns und unsere Anschauungen ablehnen. Jesus nannte das: Feindesliebe.

Es fällt uns Christen ja sogar schwer, Andersdenkende in unserer eigenen Religion zu akzeptieren. Die Aufspaltung in viele verschiedene Konfessionen und Freikirchen ist ja auch ein Indiz dafür, dass man irgendwann meinte, nicht mehr miteinander reden zu können. Eine Stärke unserer Paulusgemeinde ist es vielleicht, dass es in ihr immer Menschen gab, denen daran lag, auch über Konflikte hinweg im Gespräch zu bleiben. Immer wenn es eine Neigung gab, allzu einseitig zu werden, sei es religiös oder politisch, gab es dagegen Widerstand. Und dass wir heute in der Gemeinde im Frieden miteinander leben, auch wenn wir durchaus unterschiedlich denken und glauben, dafür bin ich gerade in unserem Jubiläumsjahr ausgesprochen dankbar.

Zurück zu Paulus: Auch er folgte Jesus, gerade weil er der eifrigste Missionar für Christus war, genau in der Feindesliebe nach: Er hielt es aus, wenn auch mit großer Trauer, dass viele seiner jüdischen Geschwister seinen Weg nicht mitgingen. Er konnte das, weil er auf Gott vertraute. Und weil er Gott das Seine überlassen konnte. Er wusste: „Das letzte Wort habe nicht ich und auch nicht die anderen, sondern das letzte Wort wird Gott haben!“

So gibt es bis heute zwei Zeugen des einen Gottes – Christen und Juden bezeugen den einen Gott. Beide haben viele menschliche Schwächen – denken wir zum Beispiel nur an die Zerrissenheit der christlichen Kirche in viele Konfessionen, die in Nordirland bin in die heutige Zeit zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führte, oder denken wir an die Konflikte zwischen Israel und den palästinensischen Arabern. Sich solidarisch wissen mit Israel muss nicht bedeuten, dass man die Politik des Staates Israel in allem gut findet, genau so wie man als Kirchenmitglied immer alles gut finden muss, was die Verantwortlichen der eigenen Kirchenleitung tun. Juden und Christen sind fehlbare Menschen und leben aus der Barmherzigkeit Gottes. Und wenn sie und wir das wissen und beherzigen, dann haben sowohl Juden als auch Christen der Welt eine einmalige Botschaft zu vermitteln: dass auch die heutige Welt, die scheinbar ohne Gott auskommt, nicht von Gott verlassen ist.

Wir können zwar mit Hilfe der Wissenschaft immer stärker in die Schöpfung eingreifen, aber ohne Ehrfurcht vor dem Schöpfer und ohne Achtung der Würde der nach Gottes Bild geschaffenen Geschöpfe verändern wir sie kaum zum Segen des Menschen. Wenn außer dem gnadenlosen Prinzip des Profits im Wirtschaftsleben nichts gilt, bleibt die Würde von Millionen von Menschen auf der Strecke, weil sie sich nutzlos für die Gesellschaft fühlen. Die Informationsgesellschaft konfrontiert uns mit einem Berg von Informationen, ohne uns in Weisheit zu lehren, was wirklich wichtig ist. Die jüdische wie die christliche Tradition hat hier viel zu sagen.

Dass es zwei Zeugen des einen Gottes gibt, sollte uns nicht verunsichern, sondern stark machen, Gott in dieser Welt wieder Gehör zu verschaffen. „Denn aus ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge. Sein ist die Ehre in Ewigkeit! Amen.“ (Römerbrief 11, 36)

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen noch ein Lied, das aus dem Hebräischen stammt, Numer 434:

Schalom chaverim, schalom chaverim, schalom, schalom, lehitraot, lehitraot, schalom, schalom.

Der Friede des Herrn geleite euch, Schalom, Schalom. Der Friede des Herrn geleite euch, Schalom, Schalom.

Lasst uns voll Hoffnung beten und jede Fürbitte mit dem Ruf beschließen: Barmherziger Gott, erhöre uns!

Wir beten für Christen und Juden, dass sie sich begegnen und einander vertrauen können, dass die Wunden und Verletzungen, die Christen Juden zugefügt haben, in ihrem Schmerz nachlassen, dass Schuld ernst genommen wird. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Mach uns wachsam gegen jede Form von Antisemitismus, groben wie gepflegten, schärfe unsere Aufmerksamkeit, wenn Kritik an Israels Politik in Judenfeindschaft umschlägt. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Für Muslime, Christen und Juden im Nahen Osten bitten wir, dass sie alle für ein Leben in Nachbarschaft gewonnen werden. Bringe denen, die auf allen Seiten ihr Vertrauen in Gewalt setzen, zur Einsicht, dass nur Kompromisse und Übereinkünfte Leben für alle in Aussicht stellen. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Wir bitten dich für alle, die die Macht in Händen haben, und auch für alle bitten wir, die machtlos sind und darauf angewiesen, dass Menschen ihnen Recht gewähren und Freiheit und das Brot zum Leben. Wir bitten dich für die Völker, die mit Waffen regiert werden, dass die Gerechtigkeit an deren Stelle tritt! Wir bitten dich für deine Kirche, mach sie zur Zeugin und zum Werkzeug deines Friedens durch Worte und Taten der gerechten Barmherzigkeit. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Für einen Mitarbeiter unserer Gemeinde bitten wir dich, der wegen seiner schwarzen Hautfarbe verprügelt und verletzt worden ist. Mach uns stark, dass wir Rassismus unter uns nicht dulden und dass Menschen aller Nationen ohne Angst vor Gewalt in unserer Stadt leben können. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Für das Zusammenleben in unserer Paulusgemeinde bitten wir dich, dass wir Konflikte nicht unter den Teppich kehren, sondern in gegenseitiger Achtung voreinander um die Wahrheit ringen. Barmherziger Gott, erhöre uns!

Und wir denken vor dir an ein verstorbenes Mitglied unserer Gemeinde und bitten dich für Herrn …, der im Alter von 83 Jahren gestorben ist und den wir im Vertrauen auf Jesu Wort: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ hier auf dem Friedhof in Gießen kirchlich bestattet haben. Nimm du ihn gnädig auf in deinem Himmel und begleite die Angehörigen mit deinem Trost. Barmherziger Gott, erhöre uns!

In der Stille bringen wir vor dich, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen das Lied 613 vom Mandelzweig, das der Jude Schalom ben Chorin als Hoffnungslied für Juden und Christen gedichtet hat:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt
Abkündigungen

Nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee oder Tee im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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