Kapitel 10: Liebe und Zorn

Sexueller Missbrauch als Herausforderung an Seelsorge, Kirche und Bibelauslegung.

Im zehnten Kapitel seines Buches geht es Helmut Schütz um die Gefühlspalette zwischen Liebe und Zorn. Opfer von sexueller Gewalt haben im Umgang mit ihnen oft Schwierigkeiten, auch mit Rachegefühlen und Vergebung, erst recht mit Hassliebe.

Zum Gesamt-Inhaltsverzeichnis des Buches „Missbrauchtes Vertrauen“

Pfarrer Helmut Schütz

Pfarrer Helmut Schütz (Foto: Franz Möller)

Inhalt dieses Kapitels

Gefühle zwischen Zuneigung und Hass

Erotische Liebe und Sexualität

Zwischen evolutionären Zwecken und zweckfreiem „Spandrel“

Zwischen Libido und Todestrieb

Liebe und Zorn als Eigenschaften Gottes

Liebe als Forderung

Agape als Solidarität und als Liebe „mit Gefälle“

Agape als heilende Dimension in Beratungsbeziehungen

Liebe und Pädagogik: Grenzen setzen

Zerrbilder der Liebe

Wut und Hass als notwendige Abgrenzungsgefühle

Umgang mit Wut und Zorn in Therapie und Seelsorge

Parent interview: Auseinandersetzung mit einem „geschluckten“ Elternteil

Rachephantasie im Fallbeispiel: „Ich mach dich tot, dann bist du endlich lieb!“

Ist Gott ein Gott der Rache?

Rache loslassen als Weg zur Vergebung

2. Könige 2, 23-25: Rachefluch eines Propheten

Psalm 139: Mit allen Gefühlen in Gott geborgen

Hiob: Berechtigter Hass auf Gott

Rache im Neuen Testament

Liebe, Zorn und Hass als Gefühle der Nähe

Festhalten am Hass aus Angst vor Liebe

Liebe adressieren dürfen

Anmerkungen zu diesem Kapitel

Gefühle zwischen Zuneigung und Hass

Die Bandbreite der Gefühle zwischen Liebe und Zorn, oder – noch weiter gefasst – Zuneigung und Hass, ist schwerer zu beschreiben als die zwischen Angst und Vertrauen. Während es im Vertrauen um die grundlegenden Voraussetzungen dafür geht, sich auf eine Beziehung zu einer anderen Person einzulassen, geht es in allen Spielarten der Liebe um diese mehr oder weniger intensive und in der Regel positiv empfundene Beziehung selbst. Die verschiedenen Formen des Zorns von der Abneigung über den Ärger bis hin zum wutschnaubenden Rachegefühl dienen hingegen der Abgrenzung innerhalb von Beziehungen, vor allem der Abwehr von Verletzungen oder als Übergriff empfundener Nähe.

Was die Analyse dieser Gefühle so kompliziert macht, ist die Vielzahl der Beziehungsarten, in denen sie auftauchen können: die Liebe von Eltern zu einem Kind und umgekehrt; erotische Anziehung, Verliebtheit und partnerschaftliche Liebe in und außerhalb der Ehe; die intensive Verbundenheit zwischen Freunden; die Sympathie gegenüber Menschen, die einem nicht unbedingt vertraut sein müssen. Hinzu kommt die Nächstenliebe mit ihrem extremen Sonderfall der Feindesliebe, die mehr mit handlungsorientierter praktischer Solidarität als mit Gefühlen der Zuneigung zu tun hat. Störungen innerhalb von Beziehungen werden auf der anderen Seite durch Gefühle der Distanzierung zum Ausdruck gebracht: Abneigung, Ärger, Zorn, Wut, Hass. Auch diese negativ getönten Empfindungen sind nicht auf Personen beschränkt, die einem weniger nahe stehen bzw. auf deren Kontakt man von vornherein keinen Wert legt.

Da letzten Endes sowohl Liebe als auch Zorn Gefühle intensiver Nähe sind, sind beide auch schwer zu trennen von unmittelbar aus dem Gefühl entspringenden Handlungen. Die Nächstenliebe besteht definitionsgemäß aus tatkräftiger Hilfe. Wer erotisch liebt, will den Partner berühren, spüren, sich mit ihm vereinigen; Wut kann sich in gewaltsamen Ausbrüchen äußern, Rachegedanken drängen danach, in Rachetaten umgesetzt werden.

Erotische Liebe und Sexualität

Es würde zu weit führen, im Rahmen dieser Abhandlung alle Spielarten der Liebe betrachten zu wollen. Als ich Anfang der 1960er Jahre auf ein westfälisches Gymnasium ging, hatten wir in einem besonderen Drei-Wochen-Kurs Aufklärungsunterricht mit katholischen Patres, die uns den Unterschied zwischen Sexus, Eros und Agape beibrachten. Sie verstanden Sexus als rein körperlichen Vorgang, der ohne Verbindung mit Eros oder Agape nicht glücklich machen könne. Der Begriff Erotik werde zwar häufig gleichbedeutend mit Sexualität verwendet, ziele aber auf die gefühlsmäßige Verbundenheit mit einem begehrten Gegenüber, wobei die Betonung auf dem Begehren liege, also ein egoistischen Element einschließe: Indem ich den Partner liebe, befriedige ich zugleich eigene Bedürfnisse. Agape hingegen sei vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, von altruistischen Motiven geprägt: sie ziele auf das Wohl des anderen unter Hintanstellung eigener Wünsche und Bedürfnisse. Das sei allerdings so nur möglich, wenn die liebende Person zuvor die Erfahrung gemacht habe, selber von einer höheren Macht, sprich Gott, ohne Vorbedingung akzeptiert und geliebt zu sein. Ich mag manches nicht genau in der Erinnerung haben, man mag auch über die Art der Definition streiten, aber ich finde es nach wie vor sinnvoll, ungefähr in dieser Art grundsätzliche Unterscheidungen im Begriff der Liebe zu treffen. In unserem Zusammenhang werde ich zu Beginn den Bereich von Eros und Sexus nur streifen, um dann um so eingehender auf die Agape einzugehen.

Zwischen evolutionären Zwecken und zweckfreiem „Spandrel“

In seinem ebenso scharfsinnigen wie humorvollen Buch „Liebe. Ein unordentliches Gefühl“ hat Richard David Precht im Blick auf die Evolution des Menschen „die mütterliche – bei manchen Tieren: elterliche – Fürsorge“ als „Quell der Liebe“ beschrieben (1). Bei dieser grundlegenden Spielart der Liebe steht nicht das Liebesspiel im Vordergrund, sondern die Verantwortungsübernahme für eine in irgendeiner Form auf Schutz und Zuwendung, Begleitung und Fürsorge, Förderung oder Disziplinierung angewiesene Person, sei es ein Kind oder ein Erwachsener mit Defiziten in seiner körperlich-seelischen Entwicklung. Diese Form von Liebe enthält Elemente des Spiels und der Freude, aber definitiv keine Elemente erotischer Spannung oder sexueller Lust, und sie ist am ehesten vergleichbar mit dem, was in der Bibel Agape genannt wird.

Aber was ist und wozu dient dann die erotische Liebe? Precht grenzt sich von denen ab, die dieses Phänomen ausschließlich im Dienst der Arterhaltung begründet und auf den reinen Fortpflanzungsakt ausgerichtet sehen, und definiert die partnerbezogene Liebe in Analogie zum sogenannten „spandrel“, das heißt der zwischen den Strukturelementen gotischer Dome notwendigerweise frei bleibenden Fläche, die keinen beabsichtigten Zweck erfüllt, aber um so prachtvoller ausgeschmückt wird (2). Diese Liebe macht, gerade weil sie keinem evolutionären Zweck dient, um so mehr Freude. Es ist, als hätte der Schöpfer die erotische Liebe an einer Stelle in der Schöpfung installieren wollen, die es unmöglich macht, sie mit Pflichterfüllung Kantscher Definition zu verwechseln, sondern ihre enge Verwandtschaft mit lustvollem Spiel betont. Das entspricht der Einsicht im Buch der Sprüche Salomos, dass Gottes schöpferisches Wirken sich als Spiel mit der göttlichen Weisheit vollzogen habe (Sprüche 8, 30-31).

Zwischen Libido und Todestrieb

Zur Fragwürdigkeit der Freudschen Auffassung von Liebe habe ich im großen „Freud“-Kapitel schon genug geschrieben. Hier fasse ich nochmals zusammen, was ich ihm am meisten ankreide: dass es seiner Libido-Theorie an einer zureichenden Unterscheidung zwischen den erotisch-sexuellen Beziehungen unter Erwachsenen und den von liebevoller Nähe geprägten Eltern-Kind-Beziehungen mangelt. Dazu tragen sowohl seine Vorstellungen von oraler, analer und frühgenitaler Sexualität im Kindesalter bei als auch seine Theorie vom Ödipus-Komplex.

Ein weiteres Problem bei Freud ist sein schillerndes Menschenbild, das zunächst vom aufklärerischen Optimismus geprägt ist, durch psychoanalytische Deutung und Therapie den unterdrückten Triebregungen der durch bürgerliche Konventionen eingeschränkten Patienten ans Tageslicht zu verhelfen, damit sie in gesunder Weise ausgelebt werden können, später aber durch die pessimistische Theorie des Todestriebes ergänzt wird, als Freud mehr und mehr auch der zerstörerischen Potentiale der menschlichen Seele gewahr wird. Ebenso wie der frühe Freud den Menschen als durchwegs von Libido geprägt ansieht, verfällt der späte Freud einer Verkennung der Natur des Menschen als einer letztlich unveränderbaren Wolfsnatur, die sich nur vorübergehend einen Schafspelz umhängt. Demgegenüber halte ich die christliche Auffassung, dass der Mensch nach Gottes Ebenbild gut geschaffen ist, wenngleich er sein Lebensziel, gemäß dieser Ebenbildlichkeit zu leben, verfehlen kann, für realitätsgetreuer, denn unter dieser Voraussetzung muss sich der Mensch weder optimistisch überschätzen noch pessimistisch an seiner Natur verzweifeln, sondern er kann im Vertrauen auf Vergebung von verkehrten Wegen umkehren und neue Lebensentscheidungen treffen.

Liebe und Zorn als Eigenschaften Gottes

Liebe und Zorn kommen in der Bibel häufig vor; vom Wortstamm her Liebe etwa doppelt so häufig wie Zorn. Beide Wörter werden auch auf Gott angewendet, Gott wird geradezu mit Liebe identifiziert: „Gott ist die Liebe“ (1. Johannesbrief 4, 8 und 4, 16). Was mit diesem Wort gemeint ist, werde ich genauer beschreiben. Den „Zorn Gottes“ bekommen die „Gottlosen“ zu spüren, womit die Bibel nicht das meint, was wir einen „Atheisten“ nennen, sondern Menschen, die sich in ihrer ganzen Lebenshaltung der Tora Gottes, also seiner heiligen und heilsamen Wegweisung widersetzen. Wichtig ist, dass Gottes Zorn nicht auf die Unterwerfung, Demütigung oder Vernichtung der Menschen abzielt, sondern darauf, Menschen „heimzusuchen“ und für die Liebe zurückzugewinnen, die gute Grenzen überschritten haben und sich selber und andere Menschen ins Verderben stürzen.

Liebe als Forderung

Die Liebe hat in der Bibel einen hohen Stellenwert. Zwei Bibeltexte tragen sogar den Namen „Hoheslied der Liebe“, eine Sammlung von erotischen Liebesliedern im Alten Testament und im 1. Korintherbrief des Paulus das Kapitel 13, in dem er die größte Gnadengabe Gottes besingt. Nicht erst in der Verkündigung von Jesus und Paulus, sondern bereits in der von Mose überlieferten Wegweisung Gottes, steht das Gebot: „Du sollst lieben!“ (3. Buch Mose 19, 18), das auf Gott und die Mitmenschen bezogen wird, im Mittelpunkt. In der Tora sind die zu liebenden Nächsten in erster Linie die israelitischen Weggenossen und die ihnen rechtlich gleichgestellten „Gerim“, das sind Fremde mit einem Gaststatus, die sich teilweise der Tora unterstellt haben. Jesus spitzt die Nächstenliebe auch auf den Fremden ohne Gaststatus zu, zum Beispiel den Samariter, dem ich zum Nächsten werde, indem ich ihm selbstverständlich beistehe, und sogar auf den Feind.

Bei dieser Sichtweise der Liebe stellt sich die Frage: Wenn die Nächsten- bzw. Feindesliebe ein Gebot ist, kann dann das Gebotene ein Gefühl sein? Denn man kann nicht befehlen oder verbieten, etwas Bestimmtes zu fühlen. Geht es nicht vielmehr um bestimmte Denk- und Verhaltensmuster, die man verändern kann? Dann ginge es in dem Gebot: „Du sollst lieben!“ um nichts anderes als um die Forderung: „Tu deinem Nächsten Gutes!“ oder „Sei ein guter Mensch!“

Allerdings spricht zumindest Jesus immer vom guten Baum, der gute Früchte bringt, vom schlechten Baum, der abgehauen wird (Matthäusevangelium 7, 17-20). Das heißt doch: seiner Überzeugung nach kommt auch das gute Denken und Handeln von innen heraus und ist nicht unabhängig vom ganzen Lebensgefühl veränderbar.

Gefühle lassen sich nicht ge- oder verbieten. Die in der Bibel geforderte Liebe ist aber dennoch nicht losgelöst vom Fühlen zu verstehen, lässt sich nur als Dimension einer ganzen Lebenshaltung in neues Denken und Handeln umsetzen.

Agape als Solidarität und als Liebe „mit Gefälle“

Ton Veerkamp und Gerhard Jankowski übersetzen in den biblischen Exegesen der Zeitschrift „Texte und Kontexte“ den biblischen Begriff „agape“ nicht mit „Liebe“, sondern mit „Solidarität“, in Analogie zum Füreinandereintreten derer, die sich im Rahmen des Kampfes der Arbeiterbewegung für Gerechtigkeit als Genossen verstehen (3). Dafür spricht die Nähe des biblischen Begriffs Agape zum Vorstellungskreis von Schalom, eines Friedens, der die Frucht der Gerechtigkeit ist, und der Charakter der Agape als eines Gebots: Man kann nicht Liebe als Gefühl fordern, wohl aber ein bestimmtes, der Wegweisung Gottes entsprechendes Verhalten.

Im Begriff der Agape steckt aber im Blick auf die Gott-Mensch-Beziehung anders als im Solidaritätsbegriff ein bestimmtes Gefälle zwischen Gott und den Menschen: Gott liebt die Menschen zuerst und ermöglicht dadurch die Agape der Menschen. Menschliche Solidarität ist biblisch also immer als Antwort auf Gottes Agape, als Ver-antwortung vor Gott zu verstehen. Näherhin ist das Gott-Mensch-Gefälle in Analogie zu einer Eltern-Kind-Beziehung zu verstehen. Gott liebt die Menschen, wie ein Vater oder eine Mutter ihre – sei es kleinen oder erwachsenen – Kinder lieben, denn Eltern geben in der Beziehung zum Kind mehr als sie von ihnen erwarten. Nur dann, wenn Eltern uneigennützig Liebe geben, ist das Kind, indem es sich bedingungslos angenommen weiß und Urvertrauen entwickelt, auch in der Lage und bereit, den Eltern seine Liebe entgegenzubringen und gute Grenzen zu akzeptieren, die ihm seine Eltern setzen.

Trotzdem ist in der Agape auch der Aspekt der Gegenseitigkeit enthalten. Es ist durchaus angemessen, sie als praktisch gelebte Solidarität zu verstehen. Allerdings nicht als lediglich interessengesteuerte Solidarität unter für Gerechtigkeit eintretenden Genossen. Dazu ist der Verweis auf Gott als den Ursprung der Agape in der Bibel zu deutlich. Aber indem Gott die Liebe ist und sie den Menschen als seinen Kindern schenkt, ruft Gott sie zugleich dazu auf, sich untereinander entsprechend zu verhalten. Dass Gott sein Volk zum Bündnispartner beruft, geht nicht von vornherein davon aus, dass dieser Bund eine Partnerschaft auf Augenhöhe darstellt, sondern dass Gott der Erzieher ist, der seinem Volk den Weg in die Bewahrung und Bewährung der Freiheit weisen muss.

Damit tut Gott genau das, was gute Eltern tun. Indem sie ihren Kindern geben, was sie brauchen, ermöglichen sie ihnen auch,

  1. allein sein zu können, Einsamkeitsfähigkeit, in sich ruhen zu können, zufrieden und dankbar zu leben, eine Selbständigkeit und Eigenständigkeit, die aus dem Urvertrauen erwächst, so wahrgenommen und angenommen zu sein, wie man ist, und seine Persönlichkeit frei entfalten zu können;
  2. Beziehungsfähigkeit, zunächst im Gegenüber zu den Eltern, dann zu Geschwistern, schließlich zu Freunden in der peer group und beim Umgang mit sexuellen Empfindungen und dem Aufbau von Partnerschaften,
  3. Aus dieser Ein-samkeit (4) im doppelten Sinne (eins sein mit sich, Gott und der Welt und zurückgreifen können auf den Rückhalt liebevoller Partner- bzw. Freundschaft) erwächst die Fähigkeit zu verantwortungsvoller Elternschaft, das heißt, die Fähigkeit zu liebevoller Zuwendung gegenüber Kindern und anderen Menschen, die einen brauchen, ohne das unterschwellige Eigeninteresse, selber geliebt zu werden oder Ersatzbedürfnisse befriedigt zu bekommen.

Agape zielt auf aufrechten Gang, Selbständigkeit und Solidarität, sowie die Fähigkeit zur Partnerschaft der erwachsen werdenden Kinder, einschließlich ihrer erotischen und sexuellen Liebesfähigkeit. Aber ebenso wenig wie Erotik und Sex in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern auch nur den geringsten Raum einnehmen dürfen, kennt die jüdisch-christliche Tradition keine erotisch-sexuelle Komponente in der Beziehung Gottes zum einzelnen Mann oder zur einzelnen Frau. Die einschlägige Erzählung in Genesis 6, 1-6, von den Übergriffen der Göttersöhne auf Menschenfrauen stellt ein kategorisches Nein gegen jede als inzestuös empfundene antike Göttermythologie dar. Und wo die Beziehung des Volkes oder der Kirche zu Gott erotisch gefärbt dargestellt wird, handelt es sich um bildhafte Schilderungen, in denen es um die Aspekte der Unauflöslichkeit und der Freude an der Verbindung geht, nicht um ihre geschlechtliche Komponente.

Auch wenn man Agape als geschwisterliche Nächstenliebe versteht, ist zu beachten, wie stark sich der elterliche Einfluss auf Geschwisterbeziehungen auswirkt; man denke nur an die biblischen Brüder- und Schwester-Rivalitäten, die das einschlägig belegen.

Agape als heilende Dimension in Beratungsbeziehungen

Meine Überzeugung ist es, dass auch vieles, was in einer psychotherapeutischen, gruppendynamischen oder auch seelsorgerlichen Beziehung heilend wirkt, in einer Analogie zur elterlichen Liebe zu verstehen ist. Die Analogie zu einer Partner- oder Freundschaft oder die Vorstellung einer herrschaftsfreien Kommunikation in einer Gruppe lässt außer Acht, dass bestimmte Defizite der Entwicklung eines heranwachsenden Menschen nicht durch Hilfe auf Gegenseitigkeit oder Selbstheilungskräfte allein überwunden werden können, sondern nur dadurch, dass in der Beziehung zu einer beraterisch, seelsorgerlich oder psychotherapeutisch kompetenten Vertrauensperson neue – sozusagen neu-beelternde – Erfahrungen möglich werden. Ich habe destruktive Formen gruppendynamischer Selbsterfahrung erlebt, in der so getan wurde, als ob durch Schweigen und Selbstzerfleischung erzeugter Leidensdruck irgendwie zu Selbstheilungsprozessen führen könne. Eine durch einen Therapeuten verantwortlich geleitete Gruppe, in der eine Struktur und klare Regeln vorgegeben waren, stellte dagegen einen geschützten Rahmen für seelisches Wachstum der Teilnehmer bereit. In der Einzeltherapie gilt erst recht, dass der Therapeut die Verantwortung für ein schützendes Setting trägt, innerhalb dessen ein Ratsuchender Vertrauen aufbauen und lernen kann, zu seinen Gefühlen und Bedürfnissen zu stehen. Die beziehungsorientierte, tiefenpsychologische Transaktionsanalyse hat mich die Einsicht gelehrt, dass es nicht für jeden seelischen Heilungsprozess genügt, auf die vorhandenen Ressourcen des Klienten zurückzugreifen; manchmal ist der Therapeut gefordert, sozusagen neu-beelternd ihm eine neue Erfahrung zu ermöglichen, zum Beispiel weinen zu dürfen und dabei tröstend in den Arm genommen zu werden, oder annehmend wahrgenommen zu werden, was wiederum dem Klienten den Weg zu eigenen neuen Gefühls-, Denk- und Verhaltensweisen ermöglicht.

Liebe und Pädagogik: Grenzen setzen

Besonders hervorzuheben ist: Liebe im Sinn des Agape-Begriffs ist nicht zu verwechseln mit einer Verschmelzung, sondern impliziert sowohl die Überwindung als auch die Setzung bestimmter Grenzen. Eine für mich bleibend beeindruckende Erfahrung war es, als auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover 1983 Helmut Gollwitzer in einem Vortrag über Grenzerfahrungen des menschlichen Lebens ausdrücklich auf die Liebe als wichtigste menschliche Grenzerfahrung einging. Menschen sind, nachdem sie dem Mutterleib entwachsen sind, eben nicht auf Verschmelzung mit anderen Menschen angelegt, sondern zunächst einander fremd, voneinander getrennt. Liebe ist die Möglichkeit, diese Grenze zu überwinden, muss aber zugleich auch gute Grenzen setzen, um Vereinnahmungen und Verletzungen zu vermeiden. Auch in der Beziehung zu Gott geht es nicht um die Einebnung des Abstandes zwischen Schöpfer und Geschöpf im Sinne einer (falsch verstandenen) unio mystica, sondern um die Überwindung der Fremdheit zwischen Gott und Mensch durch annehmende, wegweisende und ggf. (auf-)richtende Liebe. Dorothee Sölle hat mir in ihrem Vortrag „Orte mystischer Erfahrung“ am 20. September 2000 auf dem Lehrertag in Lich die Augen dafür geöffnet, dass mystisches Denken sich durchaus mit dem Gedanken verträgt, im Gegenüber zu Gott bestimmte Erfahrungen zu machen, indem mein „Ich in den Akkusativ gerät“,

Im Einklang mit diesem Gedankengang weist der Psychologe Zulliger darauf hin, dass der Prozess der Gewissensbildung in der Entwicklung eines Kindes eng mit der Liebe einer Bezugsperson verknüpft ist, wobei er die Macht und Bedeutung der Elternfigur mit religiösen Kategorien deutet: „Die Mutter, instinktiv, fördert auf dem Wege der Mutterliebe die seelische Bindung des Säuglings an sie. Sie lehrt ihn richtig lieben, indem sie »winzige« Verzichte von ihm fordert, die er, normalerweise, nach einiger Lebenszeit auch leisten kann, ohne »überfordert« zu werden… das Gewissen beruht auf sozialpsychologischen Bezügen. Wir sehen diese sogar zuletzt noch wirksam – dann, wenn das Gewissen voll ausgebildet ist und als objektive Forderung, als »Sein-Sollendes«, als »Stimme Gottes« empfunden wird. Der Partner ist dann eben Gott. – Ohne Partner kann sich kein Gewissen bilden. Das heißt: ohne geliebten Partner – wenn schon oft zugleich gefürchteten – kann sich kein Gewissen bilden – ohne Liebe kann sich kein Gewissen bilden. Das Gewissen ist ein Abkömmling der Liebe.“ (5)

Zerrbilder der Liebe

Wenn elterliche Liebe sowohl für die Herausbildung des kindlichen Urvertrauens als auch seines Gewissens eine derart große Bedeutung hat, kann man sich ausmalen, welche Folgen ein Mangel an Liebe für ein Kind haben muss. Um an das vorige Kapitel anzuknüpfen: Vertrauen kann ich letzten Endes nur jemandem, der mich in irgendeiner Weise wertschätzt, ernstnimmt, mir Sympathie entgegenbringt. Urvertrauen entwickeln Kinder gegenüber Bezugspersonen, die sie ganz selbstverständlich liebhaben.

Noch schwieriger ist es für Kinder, die zwar elterliche Zuwendung erfahren, aber in Form einer Liebe, die mit eigennützigen Motiven vermischt ist. In der psychiatrischen Klinik lernte ich eine Reihe von Frauen mit Abhängigkeitserkrankungen kennen, die sich nichts sehnlicher wünschten als ein eigenes Kind, um endlich ein Wesen zu haben, „das mich liebt“. Von vornherein wären in einer solchen Mutter-Kind-Beziehung die Rollen vertauscht. Und wenn Väter oder Mütter aus welchen Gründen auch immer in ihrem Kind einen Partnerersatz sehen, bahnt sich übergriffiges Verhalten an. In den Kapiteln über die Definition des sexuellen Missbrauchs ist darüber genug nachzulesen.

Verständlich ist, dass Menschen, die „Liebe“ nur in verzerrter Form erfahren haben, große Schwierigkeiten haben, sich selbst als geliebte und liebesfähige Personen zu verstehen, und zwar in jeder möglichen Hinsicht. „Kinder erleben den Missbrauch oft als einen Beweis dafür, dass sie böse sind, schlechte Menschen, die nichts Besseres verdient haben; dass sie für ewig hässlich und wertlos sind und vor allem nicht würdig, geliebt zu werden.“ (6) Durch den sexuellen Missbrauch erscheint alles, was jemand von Liebe weiß, völlig verdreht. „Dieser Mensch kommt mit der grundlegenden Vorstellung in die Therapie, dass Liebe gleichbedeutend mit Missbrauch ist.“ Wenn man mir das alles angetan und mich nicht beschützt hat, „dann muss ich schuldig und alles andere als liebenswert sein. Wenn meine eigene Familie mich nicht geliebt hat, wer sollte es dann tun?“ (7)

Versucht ein Seelsorger oder Therapeut, dieser Person trotzdem mit liebevoller Zuwendung zu begegnen, mag er über weite Strecken auf Widerstand stoßen, denn sich auf „Liebe“ einzulassen, erlebt sie als äußerst gefährlich. Es würde ihrem selbstauferlegten Schutzmechanismus widersprechen: „Niemand wird mich verletzen, weil ich mich nicht in die Situation begeben werde, in der ich verletzt werden kann.“ (8) Das grundsätzliche Dilemma einer Frau, die Missbrauch erlebt hat, bringt die amerikanische Therapeutin und Autorin Christine Courtois folgendermaßen auf den Punkt: Wir haben „eine Klientin vor uns, die kein Vertrauen hat und auch nicht glaubt, dass sie eine gute Beziehung verdient, und die versucht, eine Beziehung von Anfang an zu sabotieren, und die doch eben diese Dinge, die sich am meisten fürchtet, braucht, und von denen sie glaubt, dass sie sie nicht verdient.“ (9) Wie kann man als Berater angesichts eines solchen Systems von Glaubenssätzen, die es dem Ratsuchenden schier unmöglich machen, sich auf positive Zuwendung einzulassen, dennoch eine hilfreiche Beziehung aufrechterhalten? „Dies verlangt viel von Ihnen und von mir: Viel Geduld, viel Respekt, unsere Verlässlichkeit, unsere Standhaftigkeit, und zwar auch dann, wenn sie uns nicht glaubt oder versucht, uns zurückzuweisen.“ (10)

Mangel an Liebe und verzerrte Liebe wirken sich auch deshalb zerstörerisch aus, weil beides in der Regel mit einer Verleugnung von Wirklichkeit einhergeht, vor allem mit der Abwertung der realen und legitimen Gefühle und Bedürfnisse des Kindes. Oft wird dem Kind unterstellt, sein Empfinden, es erfahre keine oder nicht genug Liebe, entspreche nicht der Wahrheit; natürlich wird das Kind geliebt, aber die Eltern könnten ihre Gefühle einfach nicht so gut zeigen. „Lise, 30 Jahre alt“, war als Kind von ihrem Vater missbraucht worden. Als sie einmal ihre Mutter gefragt hatte, ob sie ihr „nicht ab und zu mal einen Kuss geben könnte“, antwortete diese nur, „dass sie mich wirklich gern hätte, aber sie wäre so im Stress, und Gefühle seien etwas, das man nicht zeigte.“ (11)

Aber das Bedürfnis eines Kindes, geliebt zu werden, umfasst mehr als die Aussage der Eltern: „Natürlich lieben wir unser Kind!“ Was alles dazu gehört, beschreibt Anne Els Stadler sehr klar und anschaulich: „Das Kind wird geboren und befindet sich sofort in einer Beziehung zur Welt, in einem Dialog, den es aktiv mitgestaltet. Es nimmt sich selbst und die Objekte der Umwelt immer differenzierter wahr. Es antwortet und erwartet Antwort. Es will das, was es wahrnimmt, auch für wahr halten können. Es spürt die Spannung zwischen den Eltern und will auf seine Frage »Was ist los?« nicht hören »Nichts« und sich verwirrt fühlen. Es will weinen dürfen, wenn es sich weh getan hat, schreien, wenn es sich ärgert und zittern, wenn es Angst hat und nicht hören, dass es diese Gefühle nicht zu haben brauche und sich schlecht und minderwertig fühlen, weil sie nun einmal da sind. – Es will Antwort auf seine Grundbedürfnisse nach lebendigem, leibhaftigem Austausch mit der Welt. Es will erkannt, d. h. gesehen und angenommen werden in den Bedürfnissen nach Bindung einerseits und in den Bedürfnissen nach Selbstdurchsetzung andererseits. – Es will sein dürfen und bejaht werden, gesehen und akzeptiert werden, Schutz und Halt erfahren, sich heimisch fühlen und erleben, richtig zu sein und etwas bewirken zu können.“ (12)

Wut und Hass als notwendige Abgrenzungsgefühle

Für Menschen, die sexuellen Missbrauch erfahren haben, ist es ein wichtiger Lernschritt, die ganze Bandbreite der Gefühlspalette von Ärger, Wut und Zorn bis hin zum Hass und zu Rachephantasien zulassen, spüren und ausdrücken zu dürfen, ohne bestraft zu werden und ohne schlimme Folgen befürchten zu müssen. Denn solche Gefühle zu empfinden, ist völlig normal: „Zu der inneren Realität von Mädchen und Jungen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, gehören in aller Regel Wut und Trauer über die verpatzten Lebensmöglichkeiten, auch Hass- und Rachephantasien in bezug auf die Täter und Mittäter.“ (13)

Aber: „Alice Miller… legt in ihren Texten klar, welche Barrieren für uns bestehen, die eigenen Eltern zu beschuldigen und Zorn gegen sie zu entwickeln. Das ist dem Kind verboten im Bewusstsein der vollständigen Abhängigkeit vom Wohlwollen der Eltern, und dieses Verbot funktioniert auch noch im Erwachsenenalter. Das Tabu, die Eltern zu hassen, verknüpft sich für eine Frau, die den Vater beschuldigen will, sie missbraucht zu haben, mit den eigenen Schuld- und Schamgefühlen und zusätzlich damit, dass es allgemein Mut erfordert, öffentlich Wut auf Männer zu äußern. Schließlich muss sie die innere Abwehr gegen die unerträgliche Intensität der Hassgefühle überwinden, um Vorwürfe formulieren zu können.“ (14) Hinzu kommt, dass auch ganz allgemein in der Gesellschaft die Äußerung intensiver, als negativ empfundener Gefühle auf Unbehagen und Widerstand stößt. „Es ist faszinierend, wie stark Gefühle von Wut, Hass und Trauer von allen Personen, die damit konfrontiert werden, abgeblockt und abgelehnt werden. Eine Frau, die, vor Wut kochend, Rachepläne gegen ihren Vergewaltiger entwirft; oder ein Mädchen, das hasserfüllt dem Vater, der sie missbraucht, die Pest an den Hals wünscht, ruft viel mehr Abscheu und Widerwillen hervor als die Lüsternheit und Brutalität des Mannes… Wendet das Mädchen indessen seine Wut gegen sich selbst, so gibt es nur wenige, die ihr helfen und ihr klarmachen, dass sie keine Schuld trägt, auch wenn es ihr so scheinen mag.“ (15)

Für viele ist der eigene Zorn ein gefährliches Gefühl, weil sie die Angst haben, sie könnten ihn nicht kontrollieren, wenn er erst einmal aus dem Kessel, in den sie ihn eingesperrt haben, herausbricht, und könnten sich automatisch zu gewaltsamen Handlungen hinreißen lassen. Wenn ein Kind einen Vater hat, der weder seine sexuelle Gier noch seine Aggressionen im Griff hat, und eine Mutter, die ihm nie das Gefühl gegeben hat, es sei willkommen auf der Welt, dann wird es Schwierigkeiten haben, sich selbst und seine eigenen Gefühle als normal anzunehmen. Die einen – vorzugsweise Mädchen – richten Gefühle wie Wut und Zorn dann gegen sich selbst, andere – häufiger Jungen – ahmen irgendwann diejenigen nach, die sie verletzt haben, und lassen ihre Aggressionen an Schwächeren aus. Ulrich Sachsse schreibt: „Weder für die Entwicklung der Aggression noch für die Entwicklung der Sexualität standen Interaktionspartner, die sich selbst steuern konnten, als Vorbilder zur Verfügung. Aggressionen wurde schließlich von den Patienten gegen die eigene Person gerichtet.“ (16) Nini Leick berichtet von „Anna, 29 Jahre alt“, die unter starken Schuldgefühlen litt: „Ich glaube, dass ein Großteil meiner Schuldgefühle damit zusammenhing, dass ich meine Wut nicht ausdrücken konnte, und deswegen ging sie nach innen, gegen mich selbst, und erst nachdem ich wagte, meine Wut gegen ihn zu richten, sind die Schuldgefühle verschwunden.“ (17) „Es hat mir sehr geholfen, in der Therapie meinen ganzen Hass gegen meinen Stiefvater auszuleben, ohne dass es weder mich noch andere kaputtgemacht hat.“ (18)

Wird der Zorn nicht völlig unterdrückt, kann er in ein anderes, erlaubtes Gefühl umgewandelt werden. „Der Therapeut fragte mich, ob ich wütend sei. Ich sagte aber, ich sei gar nicht wütend, vielmehr traurig. Wut auf die Eltern ist ja wohl das schärfste Verbot, richtig wütend darfst du gar nicht sein.“ (19) Manche wandeln aber auch umgekehrt eine Traurigkeit, die sie sich nicht zu fühlen erlauben, in Wut um, wie die oben erwähnte Anna: „Erst jetzt ist mir klargeworden, dass ich auch eine große Trauer fühlte, die ich nicht einzugestehen gewagt hatte. Es steht fest, dass es sehr schwer ist, böse zu sein – aber es ist noch schwerer, traurig zu sein. Da kämpfe ich heute noch dagegen. Bei der Trauer geht’s darum, dass man böse zu mir war und ich allein gewesen bin. Man hat mir einige Jahre meines Lebens zerstört, in denen ich sonst eine Menge spannender Dinge hätte tun können. Auch im Alltag fällt es mir schwer, traurig zu sein – ich wandle die Traurigkeit in Wut um.“ Sie konnte es sich einfach „damals nicht leisten…, traurig zu sein – ich konnte doch im Unterricht nicht einfach losheulen.“ (20)

So lange es einem Opfer von sexueller Gewalt nicht gelingt, einen Zugang zur eigenen Wut auf den Täter zu gewinnen, läuft es Gefahr, in der Opferrolle zu verharren. Zorn ist ein notwendiges Nein zum Übergriff des Täters, durch den das ehemalige Opfer zugleich Ja zu sich selbst sagt. Das abgrenzende Gefühl unterstreicht das Recht auf die eigene Unversehrtheit. „Das Opfer wird jetzt akzeptieren müssen, vom Täter nicht geliebt, sondern nur (21) zur Befriedigung eigener Begierden benutzt worden zu sein. Das ist eine harte Erkenntnis, doch werden die Betroffenen endlich jene Wut offen empfinden können, die sie sich jahrelang versagt haben. Und diese Wut ist wahrscheinlich das wichtigste Gefühl auf dem Weg zur Gesundung. Je mehr sich die Betroffenen der Ungeheuerlichkeit des Geschehens bewusst werden, desto wütender müssen sie werden. Es ist die Wut auf den Täter, aber auch die Wut über den Verlust der Unschuld, über die Zerstörung der Kindheit, die Wut über den Vertrauensbruch und den Verrat, über die Zerrüttung des Familienlebens. Jedes Opfer von sexuellem Missbrauch hat das Recht, wütend zu sein auf diejenigen, die etwas hätten sagen und ihm helfen können, es aber nicht taten, die seine Qualen herunterspielten und verharmlosten, die seinen Geständnissen nicht glaubten. Sich die Wut einzugestehen und sie klar und deutlich auszudrücken, ist auch deshalb so wichtig, weil es dem Opfer das Gefühl von Macht zurückgibt, das ihm als Kind genommen wurde. Damals hatte es nicht nur keine Kontrolle über das Geschehen, sondern auch keine Kontrolle über den eigenen Körper. Es gab keinen persönlichen Freiraum. Wann immer der Täter es wollte, konnte er die Grenzen dieses Freiraums verletzen. Wütend werden ist eine Bejahung, zu der sich das ehemalige Opfer entschließen muss: Dies ist der Raum, der mir gehört. Eindringlinge haben keinen Zutritt.“ (22)

Umgang mit Wut und Zorn in Therapie und Seelsorge

Dass es für einen Ratsuchenden nicht immer leicht ist, in der Therapie oder Seelsorge mit dem eigenen Gefühl der Wut umzugehen, unterstreicht der Psychoanalytiker Hirsch: „Das Ausmaß der Wut… ist oft nicht in der therapeutischen Beziehung allein auszuhalten… Günstig wirkt sich hier ein therapeutisches Setting aus, in dem eine Übertragungsspaltung innerhalb der Therapie möglich ist… Der Therapeut (muss) an diesem Punkt in der Lage sein, die eigenen vom Opfer induzierten Gefühle von Angst, Schuld, aber auch Wut auf das Opfer zuzulassen und auch auszudrücken; … der schwer gestörte Patient (kann) den eigenen Hass auf den Analytiker nur dann ertragen…, wenn dieser den seinen erlebt und aushält. Anlässe für Wut und Enttäuschung des Therapeuten sind im allgemeinen autodestruktives Verhalten.“ (23) Das heißt im Klartext: Wenn der Therapeut oder Seelsorger sein Gegenüber zu sehr schonen will, indem er den eigenen Ärger oder Unmut über bestimmte selbstzerstörerische Verhaltensweisen nicht zeigt, gibt er dem Ratsuchenden kein gutes Vorbild für den Umgang mit Gefühlen, die eben gerade nicht so supergefährlich sind, dass man sie verbergen müsste.

Wichtig ist auch, dass der Therapeut oder Seelsorger selber gelernt hat, mit seinen Gefühlen von Wut und Zorn auf die eigenen Eltern umzugehen. Alice Miller warnt davor, dass sich ein Therapeut zu früh „auf die Versöhnung des Patienten mit seinen Eltern“ ausrichtet, weil er bewusst davon überzeugt ist und es auch so gelernt hat, dass nur das Verzeihen und Verstehen den inneren Frieden gibt (was in der Welt des Kindes ja auch tatsächlich stimmt!). Unbewusst aber fürchtet der Therapeut möglicherweise den unterdrückten Zorn auf seine eigenen Eltern, wenn er den Patienten zur Versöhnung führt. So rettet er im Grunde (in der therapeutischen Arbeit) seine Eltern vor dem eigenen Zorn, den er – in der Phantasie – für tödlich hält, weil er nie erfahren durfte, dass Gefühle nicht töten. Kann aber der Therapeut seine unbewusste Identifikation mit den erziehenden Eltern ganz aufgeben und sich, als sein Anwalt, mit dem leidenden Kind identifizieren, können dank seines angstfreien Verständnisses in kurzer Zeit Prozesse in Gang kommen, die man früher als Wunder bezeichnet hat…“ (24).

Als ich in meiner Eigentherapie (es handelte sich um Einzeltherapie in der Gruppe mit Thomas Weil) an einen Punkt geriet, an dem ich meiner eigenen Einschätzung nach „nicht weiter kam“ und einfach schwieg, griff mein Therapeut zu einer verblüffenden Maßnahme: Er ließ mich einfach sitzen, beendete das Gespräch mit mir und fragte, welcher andere nun ein Problem einbringen wolle. Ich weiß gar nicht mehr, was ich in diesem Augenblick fühlte, heute würde ich sagen, dass mich das sehr geärgert haben muss. Kurz vor Ende der Gruppensitzung fragte mich der Therapeut, wie es mir gehe. Ich weiß meine Antwort nicht mehr, gut ging es mir jedenfalls nicht. Daraufhin erklärte er mir, dass er vorhin in meinem Schweigen eine ungeheure Wut gespürt habe, die er nicht übergehen wollte. Mir war diese Wut nicht bewusst gewesen, erst recht nicht, dass ich durch die Blockade der Kommunikation sie auf meine Weise sogar ausgedrückt hatte, wenn auch nicht konstruktiv. Thomas Weil machte mir klar: Es ist OK, Wut zu empfinden und auch auszudrücken, wenn jemand etwas von mir will, das mir zu weit geht, wovon ich mich abgrenzen will. Es ist besser, diese Wut bewusst zu spüren, damit sie nicht entweder, wie in dieser Therapiesitzung geschehen, weitere Kommunikation unmöglich macht, oder, was schlimmer wäre, sich irgendwann in einem unkontrollierten Gefühlsausbruch freie Bahn verschafft, durch den eventuell Menschen verletzt werden könnten. Für Ärger, Wut, Zorn, Hass, derer man sich bewusst ist, kann man Wege finden, um sie auszudrücken, ohne dass ein Schaden an Leib und Seele für sich selbst oder andere entsteht.

Unerkannte Wutgefühle können in einer Therapie- oder Seelsorgebeziehung sogar zu psychosomatischen Reaktionen auf der Seite des Therapeuten oder Seelsorgers führen. Als ich einmal an einer Psoriasis mit Ausschlägen auf dem Rücken litt, kam ich in der Supervision zu der Erkenntnis, dass diese Hautreaktion genau zu der Zeit begonnen hatte, als ich es als Seelsorger mit unausgesprochenen Wutgefühlen einer Ratsuchenden zu tun hatte, die weder ihr noch mir bewusst geworden waren. In dem Maße, in dem es mir gelang, mich über meine eigene Abwehr dieser Gefühle klarzuwerden und offen mit ihr darüber zu sprechen, gingen meine eigenen Hautsymptome wieder zurück. Ich hätte das Ganze vielleicht für ein zufälliges Zusammentreffen gehalten, wenn mein Supervisor nicht von ähnlichen Erlebnissen aus eigener Erfahrung zu berichten gewusst hätte.

Parent interview: Auseinandersetzung mit einem „geschluckten“ Elternteil

Ist es sinnvoll, einer Frau zu empfehlen, ihren Vater mit dem Vorwurf zu konfrontieren, dass sie von ihm sexuell missbraucht wurde? In der Regel wird der Zweck dieser Konfrontation nicht erreicht, da das Opfer schlicht nicht die Macht hat, den Täter zur Einsicht in seine eigene Verantwortung zu bewegen. In vielen Fällen ist diese reale Konfrontation sowieso nicht mehr möglich, da der Vater inzwischen verstorben ist.

Sinnvoll ist aber im Rahmen einer Therapie die Konfrontation mit dem inneren Vater, den das Kind auf dem Wege der Identifikation mit dem Täter „geschluckt“ hat („introjiziert“, sagen die Tiefenpsychologen). Die Transaktionsanalyse kennt zu diesem Zweck das sogenannte „parent interview“; damit ist ein Gespräch mit dem – vom Klienten „gespielten“ – Elternteil gemeint, das im Idealfall dazu genutzt werden kann, um – eingebettet in die Therapie des Klienten – auch ein Stück Therapie mit dem introjizierten Elternteil zu machen. Das zielt natürlich nicht auf eine Veränderung des realen Elternteils ab, sondern auf eine Änderung des Bildes, das sich der Klient vom Elternteil macht und das einen Teil der Zusammensetzung seines Ich ausmacht. Der „geschluckte“ Elternteil soll dahin geführt werden, dem Klienten neue Erlaubnisse zu geben, alte Verbote zu widerrufen oder einfach zur Klärung beizutragen: „Wer bin ich?“ „Was sind meine eigenen Erfahrungen, Haltungen und Gefühle und was gehört gar nicht zu mir?“

Rachephantasie im Fallbeispiel: „Ich mach dich tot, dann bist du endlich lieb!“

Wut- und Hassgefühle als solche sind nicht gefährlich, hatte ich oben erklärt; was aber ist, wenn sie in Rachegedanken und Tötungsphantasien münden? Dann ist es wichtig, zu erkennen und zu beherzigen, dass zwischen einem Gefühl und einer entsprechenden Handlung kein Automatismus besteht. Wenn eine missbrauchte Frau Rachegedanken gegen ihren missbrauchenden Vater hegt, muss sie sich klarmachen, dass ein Ausagieren dieser Rache niemandem nützen würde, am wenigsten ihr selbst. Das heißt aber nicht, dass sie schon jedes Rachegefühl oder jeden Gedanken an Rache unterdrücken müsste. Es kann ausgesprochen heilsam für die Seele sein, wenn man sich ausmalen darf, was man auf keinen Fall in die Tat umzusetzen verantworten wollte.

Im folgenden Fallbeispiel zeigt sich, dass entscheidende therapeutische Erkenntnisse gewonnen werden können, wenn man scheinbar seltsame Gefühle und erschreckende Gedanken zulässt.

A. ist eine etwa 35 Jahre alte Frau; ihr Vater hatte sie vom Säuglingsalter an missbraucht; erst als er starb, konnte sich A. allmählich darüber klar werden, was er ihr angetan hatte. Im Laufe einer mehrjährigen Therapie wird ihr bewusst, dass sie – die allein in ihrer Wohnung lebt – sich häufig selber nachts schlägt, so dass ihr morgens beim Aufwachen der Kopf weh tut. Ich skizziere das Gespräch mit dem Therapeuten T.:

A: Ich habe vor dem Einschlafen immer Angst.

T: Was machst du dann?

A: Ich wiege den Kopf hin und her, stecke den Finger in den Mund und schlafe dann ein.

T: Ist das so, als wenn du dein inneres Kind selber in den Schlaf wiegst?

A: Ja. Aber ich will das nicht, dann tue ich mir doch wieder weh.

T: Wie kommst du darauf, dass das davon kommt?

A: Manchmal werfe ich mich hin und her, dann schalte ich mein Denken aus und schlage mich. So denkt mein erwachsener Teil. Aber mein kindlicher Teil sagt: Wenn ich mich vor dem Einschlafen wiege und dann kurz danach nochmal aufs Klo muss, tut der Kopf nicht weh.

T: Gibt es denn verschiedenes Hin- und Herbewegen?

A: Ja, das andere ist mehr ein Hin- und Herwerfen des ganzen Körpers.

T: Was ist denn, wenn dir der Kopf morgens weh tut? Was ist dann vorher?

A: Es ist meistens, dass ich dann wach werde und spüre, dass ich ganz nötig zum Klo muss. Früher war dann sogar manchmal das Bett nass.

T: Durftest du denn nachts nicht auf Klo?

A: Nein, der V. (ihr inzwischen verstorbener Vater) sagte immer, seit ich drei Jahre alt war: „Du musst gar nicht, das machst du immer extra.“

T: Und wenn du trotzdem mal nachts aufs Klo gegangen bist?

A: Dann bin ich ganz leise gegangen, aber er stand trotzdem immer plötzlich da, weil die Tür so ein bisschen geknarrt hat, und ich bin vor Schreck ganz starr geworden und das Pipi ist mir die Beine heruntergelaufen, es hat manchmal einen richtigen See unten gegeben. Und dann… (sie fängt an, sich hin- und herzuwerfen).

T: Sprich weiter!

A: Ich zeig dir, wie V. mich angefasst hat. (Sie sucht eine Puppe, findet keine, zeigt es an einem Stofftier) Er hat mich mit der einen Hand am Nacken und mit der anderen Hand in meine nasse Hose gegriffen – das ist meine nasse Hose! – hat dann den Finger bei mir unten reingesteckt und mich so festgehalten und nach hinten ins Kinderzimmer gedrängt und mir dann noch mehr wehgetan (damit meint sie eine Vergewaltigung). (Sie wirft sich wieder hin und her und fängt an, sich mit den Händen zu schlagen.)

T: (stoppt das, indem er ihre Hände festhält und sie fragt:) Was möchtest du jetzt am liebsten tun? Möchtest du schreien?

A: (Nach einer Weile kommt der Schrei:) Ich hasse dich! Ich mach dich tot, ich mach dich tot!

T: Ich verstehe, dass du ihn tot machen willst, dass du Rache willst.

A: Ich weiß nicht, was Rache ist, ich will doch nur, dass er aufhört, dass er lieb ist.

T: Das verstehe ich nicht.

A: Das hat meine Mama gesagt: wenn du tot wärst, dann wärst du endlich lieb. Das hat sie gesagt, als ihr Papa einen Unfall hatte und tot war. Da hat sie gesagt: Wenn du doch lieber tot wärst, dann wärst du endlich lieb.

T: Tot sein heißt also für dich in deinem kleinen Kopf: lieb sein, ruhig sein?

A: Ja. Und irgendwann hab ich mir ein Messer aus der Küche geholt und unter das Bett gelegt, um den V. totzumachen. Im Fernsehen hab ich gesehen, wie einer einen mit dem Messer totgemacht hat, und der war dann ganz lieb, ganz ruhig.

T: Aber es ist gut, dass du ihn nicht tot gemacht hast.

A: Aber ich bin doch schuld, dass er tot ist!

T: Wieso das denn?

A: Ich hab mir doch gewünscht, dass er tot ist, und dann ist er wirklich gestorben.

T: Da warst du schon erwachsen, und da konntest du nichts dafür.

A: Aber wenn man denkt, er soll tot sein, bin ich dann nicht doch irgendwie schuld?

T: Weißt du, er hat nicht nur dir so wehgetan, er hat auch sich selber kaputtgemacht, weil er so viel Alkohol getrunken hat, dafür kannst du nichts.

A: (erstaunt:) Nein? Aber ich kann das gar nicht glauben (sie wird traurig).

T: Warum?

A: Ich hätte ihn doch dazu bringen müssen, dass er lieb wird, dass er aufhört mit dem Wehtun und auch mit dem Trinken.

T: Aber das konntest du nicht, du warst doch noch ein Kind.

A: Ich hab mich nicht getraut zu sagen: „Hände weg!“ Vielleicht hätte er mich dann weggelassen.

T: Das hätte auch nichts genützt. Du konntest dich damals nicht wehren, und du konntest ihn nicht ändern.

A: Aber das tut so weh, hier innen drin!

T: Ja, das tut weh. Man fühlt sich so machtlos. Aber heute kann dir der V. nichts mehr tun. Heute kannst du ihn aus deinem Kopf rausschmeißen. Und du musst ihn dafür nicht totmachen. Sag ihm einfach: Du hast mir nichts mehr zu sagen!

Diese Lösung vom Vater hat dann noch länger gedauert, weil sie mit großen Ängsten verbunden war, zum Beispiel mit der Angst, sich umzubringen, weil ihr Vater ihr eingeredet hatte, er hätte eine magische Macht über sie, und selbst wenn er tot sei, käme er wieder und würde sie dazu bringen, sich selbst zu töten. Je mehr es der Tochter möglich war, die Zorn- und Racheempfindungen ihrem Vater gegenüber zuzulassen, desto mehr konnte sie sich von seiner Macht lösen. In einem doppelt gestuften „parent interview“ mit dem Vater war es dem Therapeuten schließlich sogar möglich, Kontakt zu dem „inneren Kind“ des Vaters aufzunehmen, das von seiner eigenen Mutter Übergriffe erfahren hatte. Er sprach den „kleinen Jungen im inneren Vater der Tochter“ darauf an, wie schlimm es war, dass er später seiner Tochter das Gleiche antat, was ihm selber angetan worden war. Ob er sich dabei zu einer echten Einsicht in sein Unrecht durchringen konnte, ist nicht so wichtig; entscheidend war, dass die Tochter durch den Therapeuten Rückenstärkung gegen das Verhalten ihres Vaters erhielt, der aus einem Opfer zum Täter geworden war. Sie konnte nun etwas Mitleid mit dem kleinen Jungen empfinden, ohne sein späteres Verhalten zu entschuldigen und ihren Zorn auf den Vater abzuschwächen. Sie konnte sich für ihren Vater wünschen, dass er jetzt im Himmel wie der kleine Junge ist und nicht wie der spätere brutale Vater.

Ein anderer Therapeut erlaubte seiner Klientin, an ihrem gewalttätigen Vater symbolisch Vergeltung zu üben: In der „2. Sitzung … stampfte [sie] den Vater buchstäblich unter den Fußboden und versiegelte das Parkett… Sie machte es dreimal, aber es reichte immer noch nicht. Dann hat sie ihn erschossen, wobei sehr viel Blut floss. Und schließlich ging sie noch einmal in die Szene und brachte ihn in ein Erziehungsheim, was er ihr als kleinem Mädchen immer angedroht hatte für den Fall, dass sie anderen etwas erzählen würde. Erst nach dieser alttestamentarischen Vergeltung war sie in der Lage, ein wenig über seine… Verzweiflung… zu reden.“ (25) Von der 4. Therapiesitzung berichtete er: „Um die ‚innere Familie in ihrem Kopf‛ zu verändern, suchten wir maßgeschneiderte Ressourcen für jede Person: der Vater brauchte beispielsweise Selbstachtung und Selbstliebe, um respektvoll mit seiner Tochter umgehen zu können. In der folgenden Sitzung beendeten wir diese Arbeit, so dass sie auf neutestamentarische Weise auch ihrem Vater vergeben konnte.“ (26)

Ist Gott ein Gott der Rache?

Das letzte Beispiel beruft sich auf ein gängiges Bild der beiden Teile der Bibel, demzufolge das jüdische Alte Testament von einem strafenden Gott und vom Rachegedanken geprägt sei, während im christlichen Neuen Testament ein barmherziger Gott und der Vergebungsgedanke dominiere. Aber wir sahen schon: Der Gott der Liebe ist zugleich auch der Gott des Zorns; auch Gottes Liebe muss Grenzen setzen, wo Menschen seine Liebe mit Füßen treten. Aber Zorn ist nur dann Gottes Zorn, wenn in ihm letzten Endes seine Liebe erkennbar bleibt. Wichtig ist nun, dass Gott nicht nur in seinem Zorn Unrechttätern entgegentritt, um sie „heimzusuchen“, sondern dass er als der „Gott der Rache“ den Opfern von Unrecht und Gewalt zur Seite tritt. In der Bibel ist es grundsätzlich nicht anders als in der erwähnten Therapie: Nur wo Rachegedanken erlaubt sind, ist es möglich, Opfern von Gewalt Gerechtigkeit und am Ende vielleicht sogar Tätern Barmherzigkeit widerfahren zu lassen. Darum setzen die Menschen der Bibel ihre Hoffnung auf Gottes Rache, denn sie zielt darauf ab, Recht und Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden für entrechtete Menschen wiederherzustellen.

In seinem sehr lesenswerten Artikel „Der Gott des Alten Testaments – ein Gott der Rache?“ (27) beantwortet Jürgen Ebach die im Titel gestellte Frage mit „Ja – auch“. Er führt aus, dass die im Alten Testament beschriebene Blutrache nicht in einer ungezügelten Praxis auf Grund persönlicher Hassgefühle bestand, sondern in vorstaatlicher Zeit eine „geregelte Rechtsform der Herstellung von Gerechtigkeit“ (28), eine „Rechtsform des Lebensschutzes“ (29) darstellte, und dass außerdem bereits im Alten Testament die Frage angegangen wird: „Wie kann der Kreislauf der Gewalt, wie können die Gewaltketten unterbrochen werden?“ (30) „Aber wie kann man auf Rache verzichten, ohne zugleich auf Gerechtigkeit zu verzichten? Eine Möglichkeit ist es, die private Rache durch ein geregeltes Rechts- und Strafverfahren zu ersetzen. … Aber dazu kommt etwas anderes. Eine Weise, an der Forderung nach gerechten Zuständen festzuhalten, das Recht nicht auf ewig das Recht des Stärkeren sein zu lassen und gleichwohl nicht Gewalt mit neuer Gewalt zu beantworten, ist, auf die eigene Rache zu verzichten und Gott als die alleinige Racheinstanz anzuerkennen. ‚Mein ist die Rache, ich will vergelten‛, spricht Gott selbst (5. Mose 32, 35). Paulus nimmt – im Brief an die Römer 12, 19 – diesen Satz der hebräischen Bibel auf und begründet mit ihm die Forderung des Racheverzichts, nicht gegen das, sondern mit dem Alten Testament. … dass Gott der Gott der Rache ist, [macht] den Racheverzicht von Menschen möglich“. (31) Wer damit Schwierigkeiten hat, dem entgegnet Ebach mit einem einleuchtenden Gedankengang: „Rache gilt als … unsittlich. Aber es gibt eine bezeichnende Ausnahme. Er darf sich nicht rächen, sie darf sich nicht rächen, aber es darf sich rächen. … dieses ‚es‛ ist das anonyme ‚es‛: Es rächt sich, dass…“ (32). Damit wird aber praktisch das Schicksal als eine heidnische Macht neben Gott gestellt: „Wir wünschen uns eine Gott ohne Rache, und wir erlauben eine Rache ohne Gott. Warum darf jenes anonyme ‚es‛ das, was Gott nicht dürfen soll? … Gott als Rächer anzurufen bedeutet, auf eigene Rachewünsche und eigene Rachepraxis verzichten zu können, ohne damit den gleichzeitigen Verzicht auf eine Änderung der Verhältnisse auszusprechen, in denen Menschen geduckt, erniedrigt, geschunden werden. Die Rede vom Gott der Rache hält die Differenz zwischen Gott und mir ebenso fest wie die zwischen Gott und dem Schicksal.“ (33)

Rache loslassen als Weg zur Vergebung

Damit eröffnet die Vorstellung vom Gott der Rache geradezu den Weg zur Vergebung als dem Loslassen der eigenen Racheplanungen. Wer Gott die Rache überlassen kann, darf sich durchaus Rachegefühle, -gedanken und -wünsche erlauben, wie sie in vielen Psalmen der Bibel vorkommen, bis hin zu dem Wunsch, die Feinde oder sogar ihre Kinder sollten grausam getötet werden. Aber er muss sie nicht in die Tat umsetzen, sondern kann stattdessen gelassen der Handlungsanweisung aus dem 3. Buch Mose 19, 18 folgen: „Du sollst dich nicht rächen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ Nicht nachtragend zu sein, erspart es einem, manche schwere Last ein Leben lang mitzuschleppen.

Nebenbei bemerkt entspricht die Vorstellung vom alttestamentarischen Rachegott, der den sündigen Menschen unbarmherzig mit der Strafe seiner Vernichtung bedroht, späteren christlichen Verzerrungen des biblischen Gottesbildes, wie Marcion sie in seiner Gegenüberstellung des neutestamentlichen Liebesgottes zum bösen Schöpfergott des von ihm erstmals so genannten Alten (in seinem Sinne: veralteten) Testamentes beispielhaft entworfen hat. Vernichtungsängste vor einem Gott, der den nicht auf Christi Erlösungstat vertrauenden Menschen ewigen Höllenstrafen überantwortet, hat eher das Christentum in sensiblen Menschen geschürt als das Judentum.

2. Könige 2, 23-25: Rachefluch eines Propheten

Im Klinik-Bibelkreis wurden wir einmal durch eine Teilnehmerin auf das Thema „Gott der Rache“ gestoßen, die sich über eine kleine Geschichte über den Propheten Elisa im 2. Buch der Könige sehr aufregte. Als der Prophet aus dem Jordantal hinauf in die Berge nach Bethel gestiegen ist, wird er dort von einer Horde von Lausebengels verspottet, woraufhin er die Knaben verflucht. Und Gott scheint auf den Fluch mit einer furchtbaren Strafe zu antworten. Bären brechen aus dem Wald hervor und töten 42 von den Kindern. Eine solch überzogene und brutale Bestrafung ist doch nicht mit der Haltung eines gerechten und barmherzigen Gottes vereinbar!

Die einzige Art, mit dieser Geschichte klarzukommen, ist eine symbolische Interpretation. Eine ganze Reihe von Erzählungen, die sich um den Propheten Elisa ranken, tragen märchenhafte Züge. Solche Züge sind in unserer Geschichte der Fluch des Elisa und die Bären aus dem Walde. Sie erzählen uns weniger über das, was damals tatsächlich vor den Toren von Bethel passiert sein mag, aber um so mehr über die innere Gefühlslage des Propheten. Der tief gekränkte und verletzte Prophet wünscht sich insgeheim: „Gott, ich wollte, diese schlimmen Gören wären auf der Stelle tot!“ So wie man verstehen kann, wenn ein missbrauchtes Kind seinem Peiniger den Tod wünscht. Eine sozusagen tierische Wut steigt im Propheten auf – so als ob plötzlich Bären aus dem Wald gesprungen kämen und sich mitten auf die Kinder stürzten.

Kleine Kinder glauben: Wenn ich jemandem etwas wünsche, dann kann das auch wirklich geschehen, und dann bin ich schuld daran. Aus dieser Quelle speist sich auch der Glaube von Erwachsenen an die magische Gewalt von Verfluchungen. Glaube an Magie liegt natürlich auch unserer Erzählung zugrunde. Aber in der Bibel wird oft in der Form magischer Vorstellungen etwas ausgedrückt, was sich in Wirklichkeit nur im Innern eines Menschen abspielt. Ich denke: Der Prophet Elisa weiß genau, dass sein wütendes Fühlen und Wünschen nicht automatisch wilde Tiere aus dem Wald hervorzaubert. Die reißenden Bären bleiben ein Bild seiner Phantasie. Und gerade weil er innerlich stark genug ist, sich mit seinem wilden Innenleben auseinanderzusetzen, kann er mit seiner inneren Aggression besser fertigwerden. Ein Prophet kommt mit seinen eigenen Hassgefühlen und Mordgelüsten in Kontakt, er lebt sie in seiner Phantasie aus, statt selber gewalttätig zu werden, und er nutzt sie zu einer vernünftigen Entscheidung: Er schüttelt den Staub des ungastlichen Ortes von seinen Füßen wie später die von Jesus ausgesandten Jünger und geht weit weg zum Gottesberg Karmel – er will selber noch einmal Kraft schöpfen, bevor er an seine Arbeit in Samaria herangeht. Indem Elisa sich seinem Zorn stellt, aber die Rache an den Knaben Gott überlässt, ist es ihm möglich, selber auf Rachehandlungen zu verzichten und sich von dem Ort zu entfernen, der ihn nicht willkommen heißt.

Psalm 139: Mit allen Gefühlen in Gott geborgen

Am 139. Psalm lässt sich gut zeigen, wie ganz unterschiedliche, ja gegensätzlich scheinende Gefühle auch in einer glaubenden Seele integriert werden können. Ich verzichte dabei auf die Auseinandersetzung mit biblischen Kommentaren, sondern gehe davon aus, was wir in unserem Klinik-Bibelkreis in Alzey gemeinsam herausgefunden haben, als wir uns mehrere Male mit diesem alten Lied der Bibel beschäftigten.

Einige TeilnehmerInnen fühlten sich durch die ersten Verse an den allmächtigen Polizisten-Gott erinnert, der alles sieht und die Menschen verfolgt und straft. Andere jedoch fühlten sich geborgen in der Hand eines Gottes, der uns „von allen Seiten“ umgibt (Vers 6). Zweimal wird das Wunderbare und zugleich mit dem Verstand Unbegreifliche ausgedrückt, dass Gott uns wirklich in seinen Händen geborgen hält und dass er es ist, der unser Leben wirklich will, nicht nur das Leben zwischen Geburt und Tod, sondern schon das Leben im Mutterleib und auch das Leben nach der Finsternis des Todes, die ebenfalls Licht sein wird. Parallelen fielen uns auf zur Jona-Geschichte (seine Flucht über das Meer, seine Finsternis und sein Psalmengesang im Wal) und zur Auferstehung Jesu. Wir sahen einen Zusammenhang zwischen der Finsternis, die Licht ist, und der Schilderung der Vorgänge im Uterus vor der Geburt. Wichtig für ein von den Eltern abgelehntes Kind, ein Inzestopfer, dessen beide Eltern für es aufgehört hatten, Eltern zu sein, war die Gewissheit: Ich bin zwar im Leib meiner leiblichen Mutter gewachsen, aber es war Gott, der mich wachsen ließ, Gott, der mich wollte und immer wollen wird.

Während der Anfang des Psalms bis Vers 17 davon handelt, dass man vor Gott einfach da sein darf und von ihm so angenommen wird, wie man ist, da man ja von ihm schon so gemacht worden ist, wie man ist (soweit trägt Gott also auch die Verantwortung für unser Dasein), tritt in Vers 18 ein plötzlicher emotionaler Wechsel ein. Wie kann es sein, dass es Menschen gibt, die das alles nicht wahrhaben wollen, die „gottlos“ sind, nicht im Sinne eines bekennenden Atheismus oder des Bekenntnisses zur einer anderen Religion, sondern in dem Sinne, dass sie das von Gott geschaffene und gewollte Leben nicht achten, sondern mit Füßen treten. „Blutgierig“ ist ein Synonym für die „Gottlosen“. Ihr eigenes Leben empfinden sie nicht als Geschenk Gottes, vor Gott fühlen sie sich rundherum zu kurz gekommen; sie gieren nach Leben und meinen, es zu erlangen, indem sie andere Menschen ausbeuten. In diesem Sinn ist nun das Gefühl des Hasses zu verstehen, das hier in aller Schärfe ausgedrückt wird, zunächst als Frage, dann als klare Aussage. Der Psalm endet nicht mit einer Abschwächung oder Verurteilung des Hasses, wohl aber mit einer ethischen Überlegung, die auf den Unterschied zwischen Gefühl, Haltung und Verhalten abzielt. Der Mensch, der sich in Gott rundherum geborgen fühlt, sogar mitten in der Finsternis seines Lebens, sogar mitsamt seinen Rachephantasien und tiefstempfundenen Hassgefühlen, der erbittet für sich seelisches Wachstum. Er möchte sich an Gottes Maßstäben messen und prüfen lassen, möchte sich in seiner Haltung von der alles umfassenden Liebe Gottes anstecken lassen („prüfe und erfahre, wie ich’s meine“) und möchte sich auch in seinem konkreten Alltagsverhalten von Gott leiten lassen. Die Rache hat er Gott überlassen, er selbst möchte nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern auf „ewigem Wege“ gehen. Wir entdeckten in diesem Psalm die Möglichkeit, Hassgefühle ausdrücken zu können, ohne sie in konkretem Verhalten ausagieren zu müssen.

Hiob: Berechtigter Hass auf Gott

Wenn es in diesem Psalm um den Hass auf „Gottlose“ geht, bleibt ein anderer Bereich von Wutgefühlen noch außer Betracht: Wut, Zorn und Hass, der sich auf Gott selber richtet. Diese Gefühle werden im Buch Hiob ausgedrückt, mit dem wir uns im Bibelkreis ebenfalls über Wochen hin beschäftigten. Hier sei nur kurz erwähnt, dass Hiob mit seinen Anklagen gegen einen Gott, den er nicht mehr als den gerechten und barmherzigen Gott Israels erkennen kann, am Ende Recht bekommt. Ein Gott, der nicht als gerecht und barmherzig erkennbar ist und der wie ein x-beliebiger Götze einer Vielgötterreligion über das Schicksal der Menschen mit dem Satan Wetten abschließt, verdient keinen Gehorsam, selbst wenn er die Macht hat, den Menschen in den Staub zu treten. Die Pointe des Hiobbuches besteht nicht darin, dass Hiob am Ende doch „zu Kreuze kriecht“ und sich „in Sack und Asche“ zu einem übermächtigen Gott bekehrt, der ihm höchstpersönlich mal so richtig gezeigt hat, mit wem er es zu tun hat (34). Nein: „Nicht bekehren muss er sich, sondern er muss aus seinem Dreck befreit werden. Nicht Gott kann bleiben, der er hier ist, sondern er muss werden, was er von Anfang an war, Schöpfer und Befreier Israels. Wenn schon, dann müsse sich Gott bekehren; sonst ist alles sinnlos.“ (35) Und das Wunderbare im Buch Hiob ist: Gott bekehrt sich tatsächlich! „Dass Gott sich nicht bekehren kann, weil er sich nicht bekehren muss, ist eine dogmatische Auffassung, die von der Schrift her nicht erhärtet werden kann. Gott kehrt häufig um, d. h., er kommt zurück auf das, was er zu tun beschlossen hatte. … Gott kann nach guter biblischer Tradition dazu bewegt werden, etwas nicht zu tun, was er zu tun vorhatte. … Er hat Böses über Ijjob [= Hiob] kommen lassen – und dies verstößt gegen seinen eigenen Bund. Das ist gespenstisch, dass ‚Gott‛ so pervers sein kann. … ‚Der EWIGE kehrte um Umkehrung Ijjobs‛, steht hier wörtlich [Hiob 42, 10]. … Gott kehrt von jener ‚Fremdgestalt‛ um, in der ihn Israel nie gekannt hat und auch nie erkennen kann. Gott bekehrt sich von seiner Perversion hinweg zu sich selber! Hier, erst hier und nur hier ist es tatsächlich Gott und nicht Ijjob, der die entscheidende Wende herbeiführt, indem er sich von Ijjob bei seinem Wort nehmen lässt.“ (36)

Rache im Neuen Testament

Im Neuen Testament scheint Gott gar kein Gott der Rache mehr zu sein, fordert Jesus doch Vergebung gegenüber jedermann. In vielen Christen sträubt sich alles dagegen, Wut und Zorn zu empfinden oder gar Rachegedanken und -gefühle zuzulassen. So scheint die Bergpredigt Jesu nahezulegen, dass der Zorn eine Sünde ist und dass man gegenüber dem Bösen, das einem angetan wird, keinen Widerstand leisten soll. Das hat für Opfer von Unrecht und Gewalt auch negative Folgen. Elizabeth Schüssler-Fiorenza stellt fest: „Einige biblische Texte errichten, auch wenn sie ursprünglich eine ganz andere Absicht verfolgt haben mögen, einen heiligen Baldachin, der Opfer zwingt, ihr Leiden widerstandslos zu ertragen (vgl. Mt 5-6: Selig sind, die Frieden stiften … Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden … Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein … Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird … Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen … Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand). Weisungen Jesu, wie etwa die, demjenigen, der sich gegen mich versündigt, »nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal« zu vergeben (Mt 18, 21-22), oder Paulus‘ Hymne auf die Liebe, derzufolge die Liebe langmütig und gütig ist, sich nicht ereifert, nicht prahlt, sich nicht zum Zorn reizen lässt, das Böse nicht nachträgt, alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält und niemals aufhört (1. Kor. 13, 4-8), erzeugen Schuldgefühle bei denjenigen, die sich nicht langmütig und gütig häuslicher Gewalt, dem sexuellen Missbrauch oder der kirchlichen Autorität beugen, und vermitteln das Gefühl, seiner christlichen Berufung nicht gerecht geworden zu sein… Kein Wunder, dass die Frauen und Kinder, die ihren Glauben ernst nehmen, Widerstand gegen Gewalt für unchristlich und ihr Leiden für gottgewollt halten.“ (37)

Aber indem Jesus das aus dem Alten Testament übernommene Gebot der Nächstenliebe und die Forderung des Racheverzichts zu einer umfassenden Ethik der Vergebung und der Feindesliebe ausbaut, streicht er keineswegs das Recht durch, einem Feind gegenüber Zorn oder Rachegefühle zu empfinden. Er fordert nicht den Verzicht auf feindliche Gefühle, sondern kann sogar selber im Blick auf Opfer von Verführung durchaus Rachegedanken formulieren und nachvollziehen, die an die Rachepsalmen des Alten Testaments erinnern, zum Beispiel sein hartes Wort im Markusevangelium 9, 42: „Und wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.“

Das geheimnisvolle Wort Jesu, er sei „nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ (Matthäusevangelium 10, 34), kann ebenfalls so verstanden werden, dass Jesus keinen faulen Frieden mit Menschen im Sinne hat, die ohne Einsicht an ihrem Unrecht festhalten. Ja, Jesus schreit, als er selbst sterbend am Kreuz hängt, ähnlich wie Hiob Gott eine Anklage entgegen, die er dem 22. Psalm entnimmt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Wer mit dem jüdischen Gebetbuch vertraut ist, dem ist es auch nicht fremd, dass man Gott alle Gefühle von der eigenen Verzweiflung bis hin zu tiefstem Hass anvertrauen kann. „Es sind die Psalmen, in denen Hass, Angst, Klage, Rachewunsch und Schmerz mit oft heftigen Worten ausgedrückt werden“ (38).

Auch der Gott Jesu verzichtet nicht auf die Änderung ungerechten Verhaltens und ungerechter Verhältnisse; er bleibt ein Gott der Rache, denn, wie schon erwähnt, bleibt auch im Neuen Testament die Rache Gott überlassen (Römerbrief 12, 19). Feindesliebe bedeutet also keine Toleranz gegenüber Unrecht und Gewalt, sondern zielt auf die Überwindung des Bösen mit Gutem (Römerbrief 12, 21), indem man dem Unrechttäter nicht mit gleicher Münze heimzahlt.

Liebe, Zorn und Hass als Gefühle der Nähe

Interessant ist es, das Spannungsfeld zwischen Liebe, Ärger, Zorn und Hass im Zusammenhang zum Thema Nähe und Distanz zu betrachten. Jesus fordert zur Nächsten- und zur Feindesliebe auf. Agape gilt also dem, der mir am nächsten steht, auch dem, der einfach, weil er zufällig auf mich angewiesen ist, in meinen Einflussbereich – mir nahe – gerückt ist, aber auch dem, der mir am fernsten zu stehen scheint, weil er mich bedroht oder als Feind behandelt hat. Offenbar ist aber der, mit dem mich Hass verbindet, nicht viel ferner als der, mit dem ich in Liebe verbunden bin. Je intensiver mein Zu- oder Abneigungsgefühl gegenüber einem bestimmten Menschen, desto enger bin ich mit ihm gefühlsmäßig involviert, desto näher stehe ich ihm. Hassliebe kann eines der intensivsten Gefühle sein. Umgekehrt: geht der Grad von Zuneigung oder Ärger gegenüber bestimmten Zeitgenossen nahezu gegen Null, dann kann man von einer Distanz sprechen, die mich diese Menschen mit Fug und Recht ignorieren lässt: eine gesunde Anonymität, von der Odo Marquard in seinem Aufsatz über die Einsamkeitsfähigkeit sprach, dass mehr als 50 Menschen nicht mehr als Nachbarn wahrgenommen werden können. „Ein Nachbar ist ein Freund; fünf Nachbarn sind gute Bekannte; zehn Nachbarn sind eine Hilfsgemeinschaft; fünfzig Nachbarn beunruhigen; hundert Nachbarn überfordern; tausend Nachbarn sind schier unerträglich: nur durch den Notwehrakt wohltrainierter Gleichgültigkeit bleiben sie aushaltbar; nur wenn man sie nicht mehr zur Kenntnis nimmt, kann man mit ihnen leben.“ (39)

Festhalten am Hass aus Angst vor Liebe

Ich lernte eine Frau im Krankenhaus kennen, die darunter litt, dass sie ihre Hassgefühle ihrer Mutter gegenüber nicht loslassen konnte, obwohl diese Mutter bereits gestorben war. Sie hatte zugelassen, dass sie missbraucht wurde, sie hatte die Kirche – sprich den Gemeindepfarrer – zur Legitimation der Wohlanständigkeit der gesamten Familie benutzt. Daher rührte auch ein Ressentiment gegenüber allem, was mit Kirche zu tun hatte. Ein Wunder, dass sie nicht mich als Krankenhausseelsorger sofort aus dem Zimmer wies. Aber ich hörte ihr zu. Ich hielt ihre Schimpftiraden auf ihre Mutter und die Kirche und Pfarrer usw. aus. Gab ihr schließlich vollkommen Recht in ihrem Zorn und Hass auf ihre Mutter und die Kirche. Das ließ sie stutzen. Das hatte sie noch nie erlebt. Und dann brach es aus ihr heraus: Sie hätte immer gedacht, wenn ihre Mutter endlich tot sei, dann würde sie endlich frei sein. Frei von dem Druck, der auf ihr gelastet hatte, auch frei vom Hass. Beides sei nicht eingetreten. In ihrem Kopf sei ihre Mutter nach wie vor lebendig und ebenso der Hass. Ich fragte sie, ob es sein könne, dass sie ihre Mutter trotz allem auch lieb habe. Nein! Um Gottes Willen! Dann würde sie ja alles rechtfertigen, was diese Frau ihr angetan hätte. Ich widerspreche. Nein. Man kann auch jemanden lieben, der einem Schlimmes antut. Und zugleich zornig sein auf das, was dieser Mensch einem antut. Wie soll das gehen, Liebe und Zorn gleichzeitig? Das ist Hassliebe, und wäre die Liebe zu dieser Frau nicht so groß, dann wäre auch der Hass nicht so übermächtig. Hass gibt es wahrscheinlich gar nicht ohne Liebe. Ich kann nur den von Herzen hassen, den ich eigentlich liebe und lieben will, aber der meine Liebe mit Füßen tritt. Den Hass loslassen kann ich nur, wenn ich meine Liebe wahrnehme und zulasse – und die Trauer darüber zulasse, dass diese Liebe keine Erwiderung fand. Mit der Trauer kann ich auch den Hass loslassen.

Menschen, die mit guten Gründen einen Hass auf ihre Eltern entwickelt haben, zum Beispiel auf einen Vater, der sie vergewaltigt, eine Mutter, die sie erniedrigend behandelt hat, und die ebenfalls davor zurückschrecken, sich zu erlauben oder einzugestehen, dass sie diese Eltern auch liebgehabt haben, empfehle ich, den Schlussteil der Märchenfilmreihe „Das zehnte Königreich“ anzuschauen. Da bekommt eine Tochter die Möglichkeit, sich an ihrer durch und durch bösen Mutter zu rächen, ist dazu aber nicht imstande, weil sie sich bewusst wird, dass sie diese Frau trotz allem doch liebt, und weil sie diese Liebe nicht durch einen Gewaltakt ihrerseits beschmutzen und zerstören will. Unerheblich für sie ist dabei, dass diese Tat ihr beinahe selber das Leben kostet, da die Mutter sich auch jetzt nicht ändert; entscheidend ist, dass die Tochter zu ihren eigenen Gefühlen steht und sich selber nicht aufgibt.

Liebe adressieren dürfen

Dieser Punkt ist wichtig: Es ist ein Grundbedürfnis von Kindern, nicht nur von ihren Eltern geliebt zu werden, sondern auch ihre Eltern lieben zu dürfen. Das klingt selbstverständlich; aber es gibt auch Eltern, die es ihren Kindern unmöglich machen, ihre kindliche Liebe an sie zu „adressieren“. Da schenkt ein Kind seiner Mutter ein selbstgebasteltes Geburtstagsgeschenk mit ganz viel Liebe – und die Mutter wirft es achtlos in den Müll. Es ist verständlich, dass sich jemand, der so behandelt worden ist, seiner kindlichen Liebe zu einer solchen Mutter zeitlebens schämt und sich solche Gefühle verbieten möchte. Trotzdem bleiben auch Gefühle der Liebe zu Menschen, die sie nicht verdienen und die nicht erwidert werden, kostbar. Sie dürfen gefühlt werden, nicht um dadurch noch eine verspätete Erwiderung dieser Gefühle zu erreichen, sondern um trauern und loslassen zu können.

Anmerkungen

(1) Richard David Precht, Liebe. Ein unordentliches Gefühl, München 2009, S. 163.

(2) Ebenda, S. 165.

(3) Zum Beispiel: Ton Veerkamp, Weltordnung und Solidarität oder Dekonstruktion christlicher Theologie. Auslegung des ersten Johannesbriefs und Kommentar. Zeitschrift „Texte und Kontexte“ 71/72 (1996), S. 35ff.

(4) Vgl. Odo Marquard, Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit. Vortrag am 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin – In: R. Walter (Hrsg.): Von der Kraft der sieben Einsamkeiten. Freiburg i. Br.: Herder, 1983. S. 127-142. Wiederabgedruckt in: Odo Marquard, Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994, S. 110-122.

(5) Hans Zulliger, Helfen statt strafen auch bei jugendlichen Dieben, Frankfurt am Main 1973, S. 24.

(6) Ursula Wirtz, Seelenmord. Inzest und Therapie, Zürich 1989, S. 139.

(7) Thomas Layne, Macht und Machtmissbrauch in der therapeutischen Arbeit mit Inzestopfern und -überlebenden. Übersetzung aus dem Amerikanischen und Textbearbeitung von Reinhard Fuhr, S. 38. In: Gestalttherapie, Jahrgang 6, Heft 2, 1992, S. 35-43.

(8) Ebenda.

(9) Zitat ebenda.

(10) Ebenda.

(11) Nini Leick, Inzestopfer erzählen…, S. 45f. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 39-51.

(12) Anne-Els Stadler, „Ich wurde gebraucht und ließ mich missbrauchen“. Über den versteckten Missbrauch in der Familie, S. 178. In: Ulrike Lehmkuhl (Hg.), Familie und Gesellschaftsstruktur, München 1994, S. 177-182.

(13) Annegret Böhmer, Prävention von sexuellem Missbrauch im Religionsunterricht. Bericht von einem Projekt Berliner Religionslehrerinnen, S. 446. In: Der evangelische Erzieher, 45. Jahrgang, Heft 4, 1993, S. 436-446.

(14) Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter, Väter als Täter. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 60f.

(15) Ebenda, S. 58f.

(16) Ulrich Sachsse, Selbstschädigung als Selbstfürsorge. Zur intrapersonalen und interpersonellen Psychodynamik schwerer Selbstbeschädigungen der Haut, S. 55. In: Forum der Psychoanalyse, Jahrgang 3, Heft 1, 1987, S. 51-70.

(17) Nini Leick, Inzestopfer erzählen…, S. 41. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 39-51.

(18) Ebenda, S. 43.

(19) Barbara Kavemann und Ingrid Lohstöter, Väter als Täter. Sexuelle Gewalt gegen Mädchen, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 55.

(20) Nini Leick, Inzestopfer erzählen…, S. 45. In: Lone Backe, Nini Leick, Joav Merrick und Niels Michelsen (Hg.), Sexueller Missbrauch von Kindern in Familien, Köln 1986, S. 39-51.

(21) Zu diesem „nur“ melde ich eine Kritik an, die ich unter dem Punkt „Liebe, Zorn und Hass als Gefühle der Nähe“ näher ausführe.

(22) Keith Sherwood, Das „Geheimnis“ völlig verdrängt? Erwachsene, die als Kind missbraucht wurden, S. 58. In: Psychologie heute, Jahrgang 18, Heft 4, 1991, S. 56-58.

(23) Mathias Hirsch, Psychoanalytische Therapie mit Opfern inzestuöser Gewalt, S. 137f. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Beiträge zur Theorie und Praxis, Band 31, 1993, S. 132-148.

(24) Alice Miller, Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema. Frankfurt am Main 1981, S. 23.

(25) Wolfgang Lenk, Sexueller Missbrauch und Rheuma. Ein Therapiebericht, S. 130. In: Hypnose und Kognition, Band 11, Heft 1 und 2, 1994, S. 127-137.

(26) Ebenda, S. 131.

(27) Jürgen Ebach, Der Gott des Alten Testaments – ein Gott der Rache? Versuch der Klärung einer gerade von Christen immer wieder gestellten Frage. In: Junge Kirche, Zeitschrift europäischer Christinnen und Christen, 3/94, S. 130-139.

(28) Ebenda, S. 135.

(29) Ebenda, S. 133.

(30) Ebenda, S. 135.

(31) Ebenda, S. 136.

(32) Ebenda.

(33) Ebenda, S. 138.

(34) Ich bin mir bewusst, dass ich damit fast die gesamte Auslegungstradition des Hiobbuches gegen mich habe. Einzige mir bisher bekannte Ausnahme: Ton Veerkamp, der mich durch sein Buch „Autonomie und Egalität. Ökonomie, Politik und Ideologie in der Schrift“ auf eine andere Möglichkeit aufmerksam gemacht hat, Hiob 42, 6 zu übersetzen: „Darum werfe ich es hin und bin es leid, auf dem Staub und der Asche…“ (S. 218).

(35) Ebenda, S. 222.

(36) Ebenda, S. 226-228.

(37) Elisabeth Schüssler Fiorenza, Gewalt gegen Frauen, S. 102. In: Concilium, 30. Jahrgang, Heft 2, 1994. Themenheft: Gewalt gegen Frauen, S. 95-107.

(38) Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche von Westfalen, Villigster Forum: „Therapie, Interventionen u. Prävention bei sexuellem Missbrauch von Mädchen u. Jungen“, 24.-25.3.1990 in Haus Villigst, Schwerte 1991, S. 158.

(39) Odo Marquard, Plädoyer für die Einsamkeitsfähigkeit, S. 112 (Vortrag am 12. Januar 1983 im Sender Freies Berlin – In: R. Walter (Hrsg.): Von der Kraft der sieben Einsamkeiten. Freiburg i. Br.: Herder, 1983. S. 127-142. Wiederabgedruckt in: Odo Marquard, Skepsis und Zustimmung. Philosophische Studien, Stuttgart 1994, S. 110-122.

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