„Bewahre meine Seele!“

Mit einem Psalm des Königs David nehmen wir Abschied von einem Menschen, der kein leichtes Leben geführt hat, und bitten um die Bewahrung seiner und unserer Seele.

Ein Glas Wein, in dem sich eine grüne Landschaft spiegelt

Der Verstorbene konnte Wein genießen und mit einem Gast teilen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir haben uns hier versammelt, um von Herrn O. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren ganz plötzlich gestorben ist.

Gott im Himmel, der du uns nahe bist hier auf Erden, wir bringen vor dich, was uns bewegt, Erinnerungen, Gefühle, unsere vielen Gedanken. Ein Mensch ist von uns genommen worden, der ein langes Leben gelebt hat. War es erfüllt? War es einsam? Viele Menschen sind ihm begegnet, haben ein kleines oder großes Stück seines Lebens mit ihm geteilt. Nun muss Abschied genommen werden, bewältigt werden, was verloren gegangen ist und was uns belastet. Darin stehst du uns bei.

Worte der Bibel können uns helfen, unsere Gedanken und Gefühle zu klären, auszudrücken, zu ordnen. So lasst uns beten mit Worten aus Psalm 25, die dem großen König David von Israel zugeschrieben werden, der in den biblischen Büchern sowohl in seiner Stärke als auch in seiner Schwäche, sowohl in seinem Glanz als auch in seinem Elend dargestellt wird:

1 Nach dir, HERR, verlanget mich.

2 Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich.

3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret; aber zuschanden werden die leichtfertigen Verächter.

4 HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige!

5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

6 Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.

7 Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen, gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit, HERR, um deiner Güte willen!

8 Der HERR ist gut und gerecht; darum weist er Sündern den Weg.

9 Er leitet die Elenden recht und lehrt die Elenden seinen Weg.

10 Die Wege des HERRN sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten.

11 Um deines Namens willen, HERR, vergib mir meine Schuld, die so groß ist!

12 Wer ist der Mann, der den HERRN fürchtet? Er wird ihm den Weg weisen, den er wählen soll.

13 Er wird im Guten wohnen, und sein Geschlecht wird das Land besitzen.

14 Der HERR ist denen Freund, die ihn fürchten; und seinen Bund lässt er sie wissen.

15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend.

17 Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten!

18 Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden!

19 Sieh, wie meiner Feinde so viel sind und zu Unrecht mich hassen.

20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

21 Unschuld und Redlichkeit mögen mich behüten; denn ich harre auf dich.

22 Gott, erlöse Israel aus aller seiner Not!

Amen.

Liebe Trauergemeinde!

Wenn ein Mensch gestorben ist und begraben wird, fragen wir uns, was dieses Leben erfüllt hat. Wir ziehen so gern Bilanz über ein Leben, vergessen dabei aber oft, dass wir in diesem Bereich nicht zuständig sind: Wir müssen einen Toten loslassen, geben ihn in die Hände Gottes, müssen ein Urteil über ein gelebtes Leben ihm in seiner Gnade überlassen.

Wenn wir also von Lebenserfüllung oder von einem schweren Leben sprechen, von glücklichen oder unheilvollen Tagen, dann sind es vorsichtige Versuche, uns über unsere eigene Beziehung zu einem Menschen klar zu werden. Wir haben ja unsere Erinnerungen an den Verstorbenen, an schöne oder an böse Stunden; wir wissen, was wir für ihn empfunden haben und wie er zu uns gestanden ist, was wir ihm verdanken und was er uns verdankt; wir ahnen, wie wir ihn gebraucht haben oder wie er auf uns angewiesen war, was wir einander geben konnten oder auch was wir einander schuldig geblieben sind. Auch für unsere Gefühle gegenüber dem Toten gilt: Wir können uns mit dem, was wir empfinden, Gott anvertrauen. Wo wir geliebt haben und geliebt wurden, wo wir füreinander da waren, wo neue Anfänge im Miteinander möglich waren, das wird bleiben, dafür können wir Gott dankbar sein. Wo wir einander nicht gerecht geworden sind, wo Dinge belastend zwischen uns stehen geblieben sind, da können wir Gott um Vergebung bitten, es soll uns nicht mehr quälend auf dem Herzen liegen.

Der Psalm, den wir gebetet haben, spiegelt das Leben des Königs David wider, ein bewegtes Leben, ein Leben im Ringen um Gerechtigkeit und um die Frage nach der eigenen Verantwortung; er kannte Angst und Einsamkeit, war bedrängt von feindlich gesinnten Menschen, litt aber auch unter großen Selbstzweifeln. All das bringt der Beter gebündelt vor den lebendigen Gott, und zum Schluss bittet er ihn (Psalm 25, 20):

Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Mit dieser Bitte, überhaupt mit dem ganzen Psalm 25, gibt uns die Bibel Möglichkeiten an die Hand, mit menschlichem Schicksal umzugehen, das nicht nur Licht-, sondern auch Schattenseiten kennt, Stärken und Schwächen, Gemeinschaft und Einsamkeit, Glauben und Zweifel, Gerechtigkeitssinn und Selbstbehauptungswillen. „Bewahre meine Seele…“ Letztendlich können wir unsere Seele nicht allein bewahren, wir brauchen das liebende Gegenüber, dem wir Vertrauen schenken können: „denn ich traue auf dich!“ Nur wenn wir geliebt werden, nur wenn wir erfahren, dass wir wichtig sind für Gott und für andere Menschen, dann können wir auch selber Liebe geben, für andere da sein, in Freundschaft und Partnerschaft für unser Leben Erfüllung finden.

Mir ist der Psalm Davids im Rückblick auf das bewegte Leben von Herrn O. eingefallen, im Blick auch auf die ganz unterschiedlichen Erlebnisse und Begegnungen, in denen er mit vielen einzelnen unter uns verbunden war.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Er lebte hier einigermaßen zurückgezogen mit den Sorgen und den kleinen Freuden seines Alltags, liebte seine tägliche Flasche Wein und bot einem gelegentlichen Gast gern von seinem selbst aufgesetzten Beerenschnaps an. Allerdings gab es nur wenige, die intensiveren Kontakt zu ihm pflegten.

Nun ist er, der schon seit einiger Zeit unter körperlichen Beschwerden litt, überraschend schnell aus seinem Leben abgerufen worden. Die ewige Heimat wartet auf ihn, die Begegnung mit seinem Schöpfer und Erlöser. Zu ihm beten wir für Herrn O. und für uns mit den Worten des Psalmdichters (Psalm 25, 20):

Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Amen.

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