Treppe zum Himmel

Wir erreichen den Himmel nicht, indem wir uns über die Wolken hinaus in die Nähe Gottes hinwegträumen, sondern Gott lässt auf der Himmelsleiter seine Engelmächte zu uns hinuntersteigen, um uns beizustehen und uns Botschaften zu übermitteln, und ebenso steigen Engel zu ihm hinauf und treten für uns ein, indem sie unsere Anliegen vor ihn bringen.

Himmelsleiter mit Pfeil am Ende (am Timmelsjoch)

So stellt sich ein Künstler eine Himmelsleiter vor (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Tag des Erzengels Michael und aller Engel, Sonntag, 29. September 2013, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

In diesem Jahr fällt der so genannte Michaelistag auf einen Sonntag – der Tag des Erzengels Michael und aller Engel. Ich begrüße Sie an diesem Tag mit dem Wort aus Psalm 34, 8:

Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten.

Passend zu diesem Tag beschäftigt sich Herr Pfarrer Schütz in der heutigen Predigt mit einem Text, in dem Engel vorkommen. Eigentlich wäre dieser Text schon am 1. September dran gewesen, darum sind auch erst heute die Spruchblätter vom Anfang des Monats verteilt worden.

Im Predigttext wird es um eine Himmelsleiter gehen. Man kann auch sagen: um eine Treppe, die zum Himmel führt. Was hat es damit auf sich? Können wir den Himmel über eine Treppe erreichen? Oder ist diese Verbindung zwischen Himmel und Erde gar nicht für uns gedacht, sondern nur für die Engel Gottes? Aber warum brauchen sie eine Treppe, eine Leiter? Können sie nicht fliegen? Fragen über Fragen – im Gottesdienst werden sie beantwortet.

Lied 142, 1-6:

1) Gott, aller Schöpfung heilger Herr, zu deines Reiches Glanz und Ehr hast du der Engel Schar bestellt, für hohe Dienste sie erwählt.

2) Sie stehen weit um deinen Thron; du bist ihr Leben, ihre Kron. Gewaltig ruft ihr strahlend Heer: Wer ist wie Gott – wer ist wie er?

3) Stets schauen sie dein Angesicht und freuen sich in deinem Licht. Dein Anblick macht sie stark und rein; dein heilger Odem hüllt sie ein.

4) Mit Weisheit sind sie angetan; sie brennen, leuchten, beten an. Ein großes Lob ertönt im Chor: ihr „Heilig, Heilig“ steigt empor.

5) Du sendest sie als Boten aus: dein Wort geht in die Welt hinaus. Groß ist in ihnen deine Kraft; dein Arm sind sie, der Wunder schafft.

6) Lass deine Engel um uns sein; durch sie geleite groß und klein, bis wir mit ihnen dort im Licht einst stehn vor deinem Angesicht.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten im Wechsel den Engelpsalm 91, der im Gesangbuch unter der Nr. 737 steht. Lesen Sie, lest ihr bitte die eingerückten Verse:

1 Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,

2 der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.

3 Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest.

4 Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,

5 dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,

6 vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.

9 Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht.

10 Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.

11 Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,

12 dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

13 Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten.

14 »Er liebt mich, darum will ich ihn erretten; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.

15 Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.

16 Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.«

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Engel sind von Gott beauftragt. Sie richten Botschaften aus. Sie behüten und bewahren vor Gefahren. Im Psalm hören wir, dass Gottes Engel sich um diejenigen kümmern, die Gott lieben, zu ihm rufen, sich unter den Schutz und Schirm des Allmächtigen stellen.

Gott, hilf uns, auf das zu achten, was du uns sagen willst, auf welchem Wege auch immer. Hilf uns achten auf Menschen, die uns zu Engeln werden, auf gute Gedanken, die du uns sendest, auf unsere Schutzengel, die uns vor Gefahren warnen. Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Worte aus Psalm 103 helfen uns, gemeinsam mit den Engeln Gott zu loben:

20 Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!

21 Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Lasst uns Gott lobsingen!„Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Großer Gott, nicht jeder unter uns hat schon Erfahrungen mit Engeln gemacht. Müssen wir an Engel glauben? Was ändert sich für uns, wenn wir es tun? Lass uns eine Engelgeschichte hören und uns auf ihre Botschaft einlassen. Hilf uns, dass wir sie verstehen und etwas damit anfangen können. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt aus dem 1. Buch Mose – Genesis 28, 10-22:

10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.

22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, die Geschichte von der Himmelsleiter kenne ich seit meiner Kindheit, im Kindergottesdienst habe ich sie gehört. Faszinierend fand ich diesen Traum von einer Leiter, die bis zum Himmel reicht und auf der Engel hinauf- und hinuntersteigen.

Ist das eine Leiter, mit der man den Himmel erreichen, erobern, gar stürmen kann? Eigentlich ist im Urtext von einer Treppe die Rede, die ich mir so vorstelle wie die altbabylonischen Treppenpyramiden, und ein solches Bauwerk ist der babylonische Turm, den die Bibel in ihrer Urgeschichte erwähnt, als die Menschen versuchen, so mächtig zu werden wie Gott. Damals wollen sie wirklich den Himmel kapern oder entern, ähnlich wie Seeräuber ein fremdes Schiff mit einer Strickleiter besteigen und in ihre Gewalt bringen. Dieser Versuch der Menschheit, so sein zu wollen wie Gott, führt dazu, dass die Menschen ihre Einigkeit und Macht verlieren – die Bibel drückt das so aus, dass ihre Sprache verwirrt wird und sie über die ganze Welt zerstreut werden.

In einem Song von Led Zeppelin gibt es eine geheimnisvolle Dame, die ebenfalls die „stairway to heaven“ erklimmen will. Sie ist moderner als die alten Babylonier, aber will im Grunde dasselbe. Sie will eine Treppe kaufen, die in den Himmel führt, und meint, wenn sie dort angekommen ist, muss sie nur mit dem Finger schnipsen, und sie kriegt alles, was sie will:

Es gibt eine Dame, die sich sicher ist, dass alles Gold ist, was glänzt. Und so kauft sie eine Treppe zum Himmel. Sie weiß, wenn sie dort ankommt, kriegt sie einfach so alles, was sie sich wünscht, auch wenn alle Läden geschlossen sind.

Jakob sieht nun im Traum so einen Treppenturm, der bis zum Himmel führt. Aber es ist keine Treppe, keine Strickleiter, die er erklimmen soll. Er kommt gar nicht auf eine solche Idee. Er liegt da auf der Erde und schläft und ist lediglich ein träumender Beobachter, der staunend wahrnimmt, was da geschieht.

Warum träumt Jakob diesen Traum? Sein Leben ist in eine schwere Krise geraten. Er hat soeben mit Hilfe seiner Mutter Rebekka seinen blinden Vater Isaak getäuscht, hat seinen nur um Minuten älteren Zwillingsbruder Esau um sein Erbe und den Segen des Vaters betrogen, der dem Erstgeborenen zustand. Aber von diesem Betrug hat er zunächst gar nichts, denn er fürchtet die Rache seines Bruders. Um nicht von ihm getötet zu werden, flieht er zu seinem Onkel, der fast Tausend Kilometer weit weg im Norden wohnt. Und nun hat er sich unterwegs einen Platz zum Schlafen ausgesucht, weil die Sonne untergegangen ist. Merkwürdig ist, dass er sich einen sehr großen Stein nimmt, um ihn hinter oder unter seinen Kopf zu legen. Als Kopfkissen ist ein Stein eigentlich zu hart. Legt oder stellt er ihn dorthin, um sich vor Gefahr zu schützen? Und der Traum, den Jakob träumt, ist er eine Antwort auf seine unausgesprochenen Fragen? Er wird sich doch wohl fragen, was aus ihm werden soll. Ein Betrüger, der zwar den Segen des Vaters bekommen hat, aber ihn nicht genießen kann, weil er die Rache des Bruders fürchtet. Ein Mann auf der Flucht zu seinem Onkel, der ihn seinerseits ebenfalls betrügen wird, aber davon weiß Jakob noch nichts. Kann Jakob mit seinem erschlichenen Segen glücklich werden?

Jakob hat keinen Alptraum. Ein ruhiges Bild steht ihm vor Augen. Eine Himmelsleiter, eine Treppe zum Himmel. Die Erde, verbunden mit dem Himmel, ohne dass Menschen etwas dafür tun müssen. Und wie gesagt: nur die Engel steigen rauf und runter, keine Menschen. Das ist offenbar nicht nötig für sie, für uns, um glücklich zu werden.

Damit ist der Traum des Jakob nicht zu Ende. Er sieht am oberen Ende der Leiter Gott selber stehen. Denn dieses treppenartige Bauwerk bis zum Himmel haben nicht Menschen erbaut, es ist Gottes Werk. Jakob könnte nun aber nicht beschreiben, wie Gott aussieht, vielmehr sieht er ihn, indem er seine Stimme hört, so wie wir es auch in den Worten der Bibel hören können. Gott spricht zu Jakob und bestätigt den Segen, den er sich unrechtmäßig von seinem Vater verschafft hatte:

Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Jakob bekommt hier großartige Versprechen, die er in keinster Weise verdient hat. Eigentlich hätte man erwarten sollen, dass Gott ihn zur Rechenschaft zieht: „Wie kannst du es wagen, in meine Ratschlüsse hineinzupfuschen? Dein Bruder Esau ist nun mal der Älteste, und der kriegt den ganzen Segen und das Erbe des Vaters, das weißt du doch.“ Aber anscheinend hält Gott solche althergebrachten Regeln nicht für unumstößlich. Er bevorzugt oft den Jüngeren oder die Jüngere vor älteren Geschwistern. Er hat genau mit Jakob etwas vor, auch wenn er ein Betrüger ist. Aus ihm soll etwas Besonderes werden. Ihn will er als Stammvater seines Volkes Israel. Ihm verspricht er Land für dieses Volk. Und nicht nur das, er soll außerdem ein Segen werden für alle Völker der Welt!

Von unserer Zeit aus gesehen hat sich das alles bewahrheitet. Das heißt aber nicht, dass Jakob es immer leicht haben wird. Er wird von seinem Onkel betrogen werden. Zwanzig Jahre später wird er mit Gott kämpfen und den Namen Israel bekommen. Viele Jahre wird er denken, sein Lieblingssohn Joseph, den die Brüder nach Ägypten verkaufen, sei tot. Doch am Ende kann er seinen Kindern den Segen Gottes weitergeben, wird er tatsächlich Stammvater des Volkes Israel. Und durch Jesus Christus ist inzwischen der Gott Jakobs auch unser Gott geworden; durch Jakob hat auch uns der Segen seines Gottes erreicht; wir dürfen an denselben Gott glauben wie damals Jakob.

Und das schönste Versprechen, das Gott dem Jakob damals gegeben hat, ist der Satz:

Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst… Ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Weder Jakob noch wir müssen also auf einer Leiter in den Himmel steigen, damit Gott bei uns ist. Gott ist bei uns hier auf der Erde, er verlässt uns nicht und behütet uns, wo immer wir hingehen.

Lied 622: Weißt du, wo der Himmel ist

So wie in diesem Lied verstehe ich den Traum des Jakob: Wir erreichen den Himmel Gottes nicht, indem wir uns selber über die Wolken hinaus in die Nähe Gottes hinwegträumen, sondern indem uns bewusst wird: Gott öffnet uns seinen Himmel, er lässt auf der Himmelsleiter seine Engelmächte zu uns hinuntersteigen, um uns beizustehen, um uns Botschaften von ihm zu übermitteln, und ebenso steigen die Engel zu ihm hinauf und treten für uns ein, indem sie unsere Anliegen vor ihn bringen. So stelle ich mir die Aufgabe dieser Engel vor, die da, offenbar ohne Flügel zu haben, eine Treppe zwischen Himmel und Erde benutzen.

Dann ist Jakobs Traum zu Ende, und er vergisst ihn nicht einfach, sondern zieht Konsequenzen. Erst einmal sagt er: „Ich wusste gar nicht, dass Gott an dieser Stelle wohnt.“ Das macht ihm sogar Angst, und er sagt: „Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.“ Es kommt mir etwas komisch vor, dass Jakob denkt: Genau hier an diesem Ort, wo er diesen Traum hat, müsse Gott wohnen. Könnte er nicht auch annehmen: Gott kann überall auf der Erde wohnen? Ich habe nur zufällig diesen Traum hier gehabt?

Das mag ja sein, aber er möchte seine Erfahrung, die er gemacht hat, auf keinen Fall vergessen. Darum nimmt er den Stein, den er am Abend zuvor hinter seinen Kopf gelegt hatte, macht aus ihm einen Gedenkstein, gießt Öl oben drauf und gibt dem Ort einen neuen Namen. Vorher hieß er „Lus“, das heißt Mandelbaum, jetzt soll er „Beth-El“ heißen, das heißt Haus Gottes.

Das ist aber nicht alles. Eigenartigerweise endet der vorgeschlagene Predigttext schon hier. Danach kommt aber noch etwas in meinen Augen Wesentliches. Jakob hat ja im Traum gehört, was Gott ihm alles verspricht. Nun verspricht er seinerseits auch Gott etwas. Das nennt man ein Gelübde. Er gelobt Gott ganz feierlich, was er tun will: „Wenn Gott wirklich mit mir sein wird, wenn er mich wirklich behüten wird auf meinem Reiseweg, wenn ich wirklich genug zu essen und anzuziehen habe, wenn er mich wirklich im Frieden zu meinem Vater heimkehren lässt, dann, ja dann soll er mein Gott sein.“

Es klingt, als ob Jakob ganz viele Bedingungen stellt. Als ob er einen Deal mit Gott machen will. Offenbar darf er das. Gott hat nichts dagegen. Denn Jakob nimmt Gott ja einfach beim Wort. Er erwartet schlicht, dass Gott alles erfüllt, was er ihm versprochen hat. Und auf dieser Basis erkennt er ihn als Gott an. Er glaubt, weil er viel von Gott zu erwarten hat. Zuletzt verspricht er Gott noch, dass er an dieser Stelle, wo der Gedenkstein steht, später ein Gotteshaus bauen will, und dass er von allem, was Gott ihm schenken wird, den zehnten Teil Gott zurückgeben will. Später, viel später, wird sich zeigen, dass tatsächlich alle Versprechen in Erfüllung gehen, die er Jakob gegeben hat, auch wenn es zwischendurch dem Jakob so erscheinen mag, als hätte Gott ihn vergessen. Am Ende seines Lebens wird Jakob seine Söhne segnen, wie er von seinem Vater mit dem Segen Gottes gesegnet wurde. Gott bleibt nicht nur der Gott Abrahams und Isaaks, er gibt sich auch Jakob als der Gott zu erkennen, der Menschen, wenn auch oft auf verschlungenen oder krummen Wegen, seinen Segen erfahren lässt.

Ich lerne aus dieser Erzählung für uns, dass wir von Gott durchaus viel erwarten dürfen. Selbst wenn wir Fehler gemacht haben. Wenn wir gar nicht fromm waren wie dieser Jakob. Gott will bei uns sein, Gott lässt uns nicht allein, auch wenn wir meinen, dass wir unseren Weg ganz allein bestimmen. Auf seine Weise führt uns Gott. Den Jakob bringt er zum Nachdenken durch einen unerwarteten Traum. Auf einmal ist Jakob nicht mehr nur der Flüchtling, der vor seinem wütenden Bruder flieht, den er betrogen hat. Er ist nicht mehr nur der Mann, der sich einen Segen von Gott unrechtmäßig angeeignet hat. Jakob ist ein Mann, der von Gott beschenkt wird und der nun auf seine Weise ein Leben in der Verantwortung vor Gott führen will. Ein einziger Traum verändert das ganze Leben des Jakob.

Aber eine Frage ist noch offen. Warum haben es die Engel nötig, eine Treppe oder Leiter hinauf- und hinunterzusteigen? Aus meinem Kindergottesdienst erinnere ich mich an ein Bild, wo die Engel mit ihren Flügeln diese Leiter benutzen, und ich fand das irgendwie merkwürdig. Sie hätten doch viel einfacher fliegen können. Anscheinend gibt es in der Bibel nicht nur eine einzige Art der Fortbewegung für Engel. Wir sollten uns Engel überhaupt nicht nur auf eine einzige Art und Weise vorstellen.

Genau wie Gott sind Engel normalerweise unsichtbar; Dietrich Bonhoeffer sprach von den guten Mächten, die uns treu und still umgeben, wenn er die Engel meinte. Das hindert Engel nicht daran, manchmal auch in menschlicher Gestalt uns zur Seite zu stehen. Rudolf Otto Wiemer hat darüber einmal ein schönes Gedicht verfasst, mit dem ich meine Predigt beenden möchte:

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel…
Und der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 559: Welcher Engel wird zeigen, wie das Leben zu bestehn?

Lasst uns beten!

Gott, wir bitten dich um geöffnete Augen und Ohren: dass wir deine Engel wahrnehmen, wo sie uns warnen wollen, wo wir ins Unglück rennen, wo wir auf abschüssigen Wegen gehen.

Wir bitten dich, dass wir sensibel bleiben für die Herausforderungen im öffentlichen Leben: dass wir nicht resignieren angesichts schwieriger politischer Verhältnisse in unserem Land und dass wir nicht aufgeben, uns für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen.

Wir bitten dich, dass wir aufmerksam bleiben auf die Signale unseres Körpers und der Seele: dass wir behutsam miteinander umgehen und weder leichtfertig andere verletzen noch Verletzungen unserer Person einfach übergehen.

In der Stille bringen wir vor dich, was wir persönlich auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 393 die Strophen 6 bis 9, in denen auch Engel als unsere guten Begleiter vorkommen:

6. Kommt, Kinder, lasst uns gehen, der Vater gehet mit; er selbst will bei uns stehen bei jedem sauren Tritt; er will uns machen Mut, mit süßen Sonnenblicken uns locken und erquicken; ach ja, wir haben’s gut, ach ja, wir haben’s gut.

7. Kommt, Kinder, lasst uns wandern, wir gehen Hand in Hand; eins freuet sich am andern in diesem wilden Land. Kommt, lasst uns kindlich sein, uns auf dem Weg nicht streiten; die Engel selbst begleiten als Brüder unsre Reihn, als Brüder unsre Reihn.

8. Sollt wo ein Schwacher fallen, so greif der Stärkre zu; man trag, man helfe allen, man pflanze Lieb und Ruh. Kommt, bindet fester an; ein jeder sei der Kleinste, doch auch wohl gern der Reinste auf unsrer Liebesbahn, auf unsrer Liebesbahn.

Abkündigungen

Und nun geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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