Menschen, die uns „anbefohlen“ sind

Jeder Führungspersönlichkeit, jeder Elternperson ist eine Herde Gottes „anbefohlen“! Da steckt so etwas wie ein Befehl dahinter. Es geht einfach nicht, keine Lust zu haben, Vater oder Mutter zu sein, weil mein Kind zu sehr nervt. Und als Seelsorger kann ich nicht nur auf die Stationen gehen, wo der Dienst nicht so anstrengend ist.

Ein Triptychon mit Jesus, dem Guten Hirten, der ein Schaf auf der Schulter trägt, in der Mitte, rechts und links daneben zwei Männer, die Hilfsbedürftigen, die ihnen anbefohlen sind, unter die Arme greifen bzw. sie trösten

Der Erzhirte Jesus und seine Nachfolger in einer Straßenkapelle bei Gessertshausen (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Misericordias Domini, den 17. April 1994, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey und um 13.30 Uhr in der evangelischen Kirche zu Dintesheim

Herzlich willkommen im Gottesdienst am zweiten Sonntag nach Ostern! Dieser Sonntag trägt den lateinischen Namen Misericordias Domini, das heißt auf deutsch: die Barmherzigkeit des Herrn, und er wird auch der Sonntag des Guten Hirten genannt. Der Beruf des Hirten ist ja heute in unserem Land selten geworden; aber das, was mit dem Bild von Guten Hirten gemeint ist, bleibt für uns alle in allen Zeiten zeitgemäß und wichtig: es geht um die Themen „Geborgenheit geben und empfangen“, „Verantwortung tragen für anvertraute Menschen“, „Liebe spüren in einer unbarmherzigen Welt“.

Als erstes Lied singen wir aus dem Gesangbuch das Lied vom Guten Hirten, Nr. 178, 1-5:

1) Der Herr ist mein getreuer Hirt, hält mich in seiner Hute, darin mir gar nicht mangeln wird jemals an einem Gute. Er weidet mich ohn Unterlass, da aufwächst das wohlschmeckend Gras seines heilsamen Wortes.

2) Zum reinen Wasser er mich weist, das mich erquickt so gute, das ist sein werter Heilger Geist, der mich macht wohlgemute; er führet mich auf rechter Straß in seim Gebot ohn Unterlass um seines Namens willen.

3) Ob ich wandert im finstern Tal, fürcht ich doch kein Unglücke in Leid, Verfolgung und Trübsal, in dieser Welte Tücke; denn du bist bei mir stetiglich, dein Stab und Stecken trösten mich, auf dein Wort ich mich lasse.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir beten mit dem Psalm 23:

1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, / mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue / und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele. / Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, / fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, / dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch / im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl / und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, / und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Verschlossen ist manchmal unser Herz, o Gott, nicht einmal weinen oder klagen können wir vor lauter Angst, vor Kummer oder Schmerzen. Einsam ist uns manchmal zumute, selbst wenn wir nicht allein sind. Wir kommen uns vor wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und dann denken wir: Allein müssen wir uns durchboxen, ein dickes Fell bekommen, hart werden gegen uns selbst und andere. Aber das ist doch furchtbar, und wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich!

„Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jesus Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich. Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Lobsingt dem Herrn, erhebt seinen Namen!

„Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum, dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.“

Öffne unsere Ohren und unser Herz, guter Gott, für das, was du uns mitteilen willst, für das, was du mit uns teilen willst. Lass uns spüren, dass du uns lieb hast, dass wir nicht für immer allein bleiben müssen, dass es Liebe und Vertrauen auch unter uns Menschen gibt. Und wenn wir belastet sind, dann lass uns auch den Mund aufmachen, um zu klagen und unser Herz auszuschütten – vor dir und vor Menschen unseres Vertrauens. Schenke uns Trost und Geduld in Leid und Schmerzen, und lass uns Zufriedenheit spüren, wenn wir empfangen, was wir brauchen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Buch Jesus Sirach 18, 7-14:

7 Was ist der Mensch? Wozu taugt er? Was kann er nutzen oder schaden?

8 Wenn er lange lebt, so lebt er hundert Jahre. Wie ein Tröpflein Wasser im Meer und wie ein Körnlein Sand, so gering sind seine Jahre im Vergleich mit der Ewigkeit.

9 Darum hat Gott Geduld mit den Menschen und schüttet seine Barmherzigkeit über sie aus.

10 Er sieht und weiß, wie bitter ihr Ende ist;

11 darum erbarmt er sich um so herzlicher über sie.

12 Die Barmherzigkeit eines Menschen gilt allein seinem Nächsten; aber Gottes Barmherzigkeit gilt der ganzen Welt.

13 Er weist zurück, erzieht und belehrt und führt zurück wie ein Hirt seine Herde.

14 Er erbarmt sich über alle, die sich erziehen lassen und eifrig auf sein Wort hören.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Liederheft 238: Hilf, Herr meines Lebens
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus dem Brief 1. Petrus 5, 1-4:

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:

2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;

3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Liebe Gemeinde!

Als ich diesen Text bei der Predigtvorbereitung las, dachte ich zuerst: Das ist ja eigentlich etwas, das man mir predigen müsste, mir und meinen Pfarrerkollegen. Denn was die Ältesten in der Gemeinde damals waren, das sind ja heute die Pfarrer, die Geistlichen oder die Pastoren, wie man anderswo sagt. Wir leiten die Gemeinde, wir tragen Verantwortung für die Verkündigung des Wortes von Gott, wir sind Seelsorger für die, die uns anvertraut sind. Dies ist also jedenfalls eine Predigt, die ich ganz besonders auch mir selbst halten muss.

Dann ist mir allerdings der Gedanke gekommen, dass man dieses Wort „Älteste“ vielleicht auch in einem weiteren Sinn begreifen kann. Wörtlich genommen meint das griechische Wort „presbyteros“, das da im Text steht, ganz einfach einen älteren, gestandenen Mann im Alter ab fünfzig Jahren, der noch mitten im Leben steht und genug Lebenserfahrung hat, um Verantwortung in der Öffentlichkeit zu tragen. In manchen Landeskirchen heißen übrigens die Kirchenvorsteher so wie diese Ältesten: „Presbyter“; mein eigener Vater war in der westfälischen Kirche lange Jahre ein Presbyter gewesen.

Dann kann das Wort „Älteste“ im Deutschen also leicht missverstanden werden. Wörtlich genommen bezeichnen wir in unserer Sprache mit diesem Wort ja die Menschen, die das höchstmögliche Lebensalter erreicht haben. Im griechischen Urtext des Petrusbriefes sind aber Leute gemeint, die nicht mehr ganz jung, ganz unerfahren, aber auch nicht uralt sind. Man erwartet von ihnen, dass sie Verantwortung tragen können. Wir könnten besser übersetzen: „die Älteren“, „die Lebenserfahrenen“. Vielleicht denken wir auch an das deutsche Wort „Eltern“, das ganz ähnlich klingt wie das Wort „älter“ und im Grunde sogar am besten ausdrückt, was das griechische Wort sagen will: Da geht es um Menschen, die Verantwortung für andere Menschen tragen, für Menschen, die ihnen anvertraut sind. Und gerade solche Verantwortung tragen alle Eltern, jeder Vater und jede Mutter sind einfach verantwortlich für jedes ihnen anvertraute Kind. Und in jeder Leitungsaufgabe, in jeder seelsorgerlichen Tätigkeit schwingt ein bisschen mit von dieser elterlichen Verantwortung für andere Personen, die Hilfe suchen, Orientierung, Trost, Halt oder Geborgenheit.

Petrus ermahnt nun Menschen, die solche elterliche Verantwortung tragen, seelsorgerliche, helfende, leitende Verantwortung. Was erwartet er konkret von ihnen?

2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist.

Mancher stößt sich vielleicht daran, dass Menschen hier mit Schafen verglichen werden. Es geht aber nicht darum, ob Schafe klug oder dumm sind und ob Menschen zu Recht oder Unrecht mit diesen Tieren auf eine Stufe gestellt werden. Es geht um ein uraltes Bild von Zugehörigkeit und Geborgenheit: So wie die Schafe zu einem Hirten gehören und von ihm beschützt und versorgt werden, so brauchen wir Menschen es auch, dass wir zu einer Gemeinschaft dazugehören, dass wir leiblich und seelisch satt werden und dass wir Schutz erfahren vor Verletzungen.

In diesem Sinne ist jeder Leitungs- oder Elternperson eine Herde anvertraut, und zwar eine Herde Gottes! Anbefohlen ist sie ihr sogar, und dieses Wort „anbefohlen“ drückt in seiner Altertümlichkeit etwas davon aus, wie verbindlich diese Verantwortung von Eltern für ihre Kinder ist, oder von einer Führungspersönlichkeit für die Menschen in ihrem Wirkungskreis: Da steckt so etwas wie ein Befehl dahinter, da kann niemand einfach sagen: Ich habe heute keine Lust, Vater zu sein, mein Kind ist mir egal; mein Kind nervt mich Mutter zu sehr, also ist es selber schuld, wenn ich es wegschubse; oder als Seelsorger kann ich nicht sagen: manche Patienten sind mir zu anstrengend, also gehe ich nur noch auf die Stationen, wo der Dienst leichter fällt.

Und was sieht Petrus nun als die Aufgabe einer Verantwortungsperson? Sie soll die Herde „weiden“. Da atme ich auf. Denn das klingt nicht nach Überforderung. Die Schafe zu „weiden“ heißt ja: sie auf eine Weide zu führen, wo sie selber fressen können. Die Weide ist da, das Essen muss man nicht selber herstellen oder herbeizaubern. Nur etwas muss man tun: die notwendige Hilfestellung geben, damit die, die einem anvertraut sind, ihre Nahrung auch finden, ganz gleich, ob es sich um Essen und Trinken oder um seelische oder geistige Nahrung handelt.

An dieser Stelle möchte ich mit Ihnen innehalten im Text und aus dem Gesangbuch zwei weitere Strophen aus dem Lied 178 singen, und zwar die Strophen 4 und 5:

4) Du b’reitest vor mir einen Tisch vor mein‘ Feind‘ allenthalben, machst mein Herz unverzaget frisch; mein Haupt tust du mir salben mit deinem Geist, der Freuden Öl; und schenkest voll ein meiner Seel deiner geistlichen Freuden.

5) Gutes und viel Barmherzigkeit folgen mir nach im Leben, und ich werd bleiben allezeit im Heus des Herren eben auf Erd in der christlichen Gmein, und nach dem Tode werd ich sein bei Christo, meinem Herren.

Weiter geht es im Text des Petrus, liebe Gemeinde. Er setzt seine Ermahnung so fort:

Achtet auf [die Herde Gottes], nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund.

Die zweite Aufgabe für Menschen, die Verantwortung tragen, lautet also: „Achtet auf sie, die euch anbefohlen sind!“ Man spricht ja auch von „Schutzbefohlenen“. So wie Schafe vor Wolf und Bär geschützt werden müssen, so brauchen Menschen den Schutz vor anderen Menschen, die sie körperlich oder seelisch misshandeln oder ausnutzen. Außerordentlich schlimm ist es daher, wenn Väter oder Mütter, Seelsorger oder Lehrer bei dieser Aufgabe nicht nur versagen, sondern sogar selber die ihnen Anvertrauten für eigene Zwecke missbrauchen.

Weiter erwartet Petrus, dass man Verantwortung trägt von innen heraus, nicht einfach aufgrund eines erzwungenen Drucks, der einem auferlegt wird: „nicht erzwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt“. Das heißt umgekehrt auch: Es muss möglich sein, auch „Nein“ zu sagen, mit den eigenen Kräften hauszuhalten. Es muss möglich sein, dass man eine bestimmte Verantwortung auch nicht übernimmt, wenn man sie nicht tragen kann.

Selbstverständlich mag uns erscheinen, was Petrus dann noch fordert, dass man sich um anvertraute Menschen kümmert „nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund“ – aber leider gibt es das ja doch allzuoft, ich erwähnte es schon vorhin, es gibt Eltern, die ein Kind in die Welt setzen, aber sich nicht klarmachen, dass sie dann für das Kind dazusein haben und nicht umgekehrt. Es gibt Eltern, die ein Kind wollen, um nicht mehr allein zu sein oder um ihre Ehe zu kitten. Es gibt auch Seelsorger, Lehrer, Ärzte und Menschen in anderen helfenden Berufen, die eigentlich andere Zwecke mit ihrer Tätigkeit verfolgen, als wirklich jemandem zu helfen.

Manchmal ist es einem Menschen gar nicht bewusst, dass er auf „schändlichen Gewinn“ abzielt. Er will einem anderen doch nur helfen. Aber vielleicht braucht er den anderen auch, weil sein eigenes Leben sonst keinen Sinn hat. Das mag verständlich sein, aber diese Art Hilfe schadet dem anderen oft mehr, als sie nützt. Wenn man nämlich jemandem zu viel Verantwortung abnimmt, Verantwortung, die er eigentlich selber tragen kann, dann erzieht man ihn zur Unselbständigkeit oder auch zur Rebellion. Deshalb ist es gut, sich zu fragen: Wenn ich jemandem helfen will: tut diese Hilfe wirklich dem anderen gut? Dann darf ich auch mich selber damit gut fühlen. Wenn ich aber merke, dass ich in erster Linie um jeden Preis gebraucht werden will, wenn ich gar nicht sicher bin, ob der andere so viel Hilfe überhaupt braucht, dann sollte ich am besten selber einmal Hilfe für mich suchen: mich beraten lassen, wie ich mit diesem Thema umgehe: helfen, um das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden.

Eine besondere Versuchung von Helfern ist es, Macht ausüben zu können. Petrus warnt vor dieser Haltung:

3 Weidet die Herde Gottes und achtet auf sie – nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.

Als Helfer scheint man ja oben stehen zu können, man kann sich stärker fühlen als ein Opfer, dem man helfen kann. Wenn Petrus nun sagt, man soll ein Vorbild sein, dann meint er nicht etwa, dass man perfekt sein soll. Das war er selber ja auch nicht gewesen. Aber er hatte am eigenen Leibe erfahren, dass man versagen – und Vergebung erfahren kann. Er hatte erfahren, wie menschlich Jesus mit ihm, mit Petrus selber, umgegangen war, und davon konnte er weitererzählen. So kann auch jeder von uns am besten einem anderen ein Helfer werden, indem er ein bisschen davon weitererzählt, was ihm selber wichtig geworden ist, wie ihm selber geholfen worden ist. Petrus sagt es gleich zu Beginn, er kann nur deshalb so mahnend sprechen, weil er zwei Dinge mitbekommen hat: die Leiden Christi, aber auch die Hoffnung auf die Überwindung aller Leiden:

1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll.

Petrus hatte trauern müssen über den Tod Jesu am Kreuz. Und er hatte sich freuen dürfen über die Auferstehung Jesu – über die erschütternde und aufrichtende Wahrheit, dass Gott seinen lieben Sohn vom Tode auferweckte und dass dieser Jesus Christus für immer mit dem Vater im Himmel zusammen lebt und regiert bis in alle Ewigkeit. Petrus hatte die Verzweiflung darüber gespürt, dass er seinen lieben Herrn und Meister zum Schluss verleugnet hatte. Und er hatte die Vergebung des Auferstandenen an sich heranlassen können, als er dreimal gefragt wurde: „Petrus, hast du mich lieb?“ Damals war ihm von Christus selbst gesagt worden: „Weide meine Schafe!“ So wie er geführt und geleitet wurde durch Jesus selbst, so sollte er fortan Verantwortung für die Gemeinde in Jerusalem tragen.

Noch einmal unterbrechen wir die Predigt für ein Lied und singen aus dem Liederheft das Lied Nr. 227 von dem Herrn Jesus, der uns alle begleitet:
Ich möcht, dass einer mit mir geht

Liebe Gemeinde, jeder von uns trägt irgendwo ein Stück Verantwortung, jeder von uns hat irgendwo seine eigene kleine Herde Gottes zu weiden. Und wenn es auch nur die eigene Person ist, das eigene Kind in uns selber, für das wir gut sorgen sollen, oder wenn es der Zimmer- oder Bettnachbar ist, der uns manchmal ein wenig braucht.

Dieses Wort „Verantwortung“ hat zu tun mit dem anderen Wort „Antwort“. Im Grunde antworten wir mit all unserer Verantwortung nur auf ein Gegenüber, das uns etwas zutraut, manchmal auch zumutet. Gott traut uns etwas zu, jedem Menschen etwas anderes, ich bin aber davon überzeugt, dass er niemandem zu viel abverlangt, es soll nie über unsere Kräfte gehen. Wenn etwas über unsere Kraft geht, dann meistens, weil uns andere Menschen überfordern oder weil wir selber zu viel von uns verlangen.

Petrus ist überzeugt davon: Wer auf Gott hört, wer sich in seinen Händen geborgen weiß, der kann auch die kleine oder große Aufgabe entdecken und erfüllen, die Gott für ihn vorgesehen hat. Jeder Mensch kann also ein erfülltes Leben haben; das hängt nicht davon ab, wie gesund oder wie stark jemand ist, wie berühmt oder wie unbedeutend. Während ich diese Predigt schrieb, hörte ich nebenbei, wie im Fernsehen der berühmte Sänger Cat Stevens im Gespräch mit Thomas Gottschalk seine Lebenswende beschrieb. Er nennt sich mittlerweile Jusuf Islam, ist zur Religion des Islam übergetreten und hält sich streng an die Gebote seiner Religion. Seitdem tritt er nicht mehr öffentlich auf, er hat auf jeden Ruhm verzichtet. Er lebt ganz für seine Religion und für seine Familie und sagt, er habe erst jetzt seine wahre Bestimmung gefunden. Ein berühmter Sänger wolle er nie mehr sein – ein Schmetterling würde ja auch nicht mehr zurückgehen wollen und wieder eine Raupe werden. Ich denke, auch wenn wir die Einstellung und die Religion dieses Mannes nicht teilen, wir können vielleicht doch etwas von ihm abkucken, nämlich diese Haltung, dass es nicht auf äußere Stärke, äußere Berühmtheit und Größe ankommt, sondern um das, was innen in uns vor sich geht. Es geht um unseren Glauben, um das Vertrauen zu Gott, um die herrlichen Dinge, die wir von ihm geschenkt bekommen. Petrus drückt das so aus:

4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Die unvergängliche Krone der Herrlichkeit, so kann man es ausdrücken, dass Gott uns ein Glück schenken will, das nie zerbrechen wird. Wer auf Gott zu vertrauen lernt, der kann schon mitten in diesem Leben immer wieder diese tiefe innere Zufriedenheit spüren, dass man weiß: Ich habe genug, ich brauche nicht umherzuirren und nach irgendeinem Lebenssinn zu suchen, Gott ist mein Lebenssinn, es ist genug, dass er mich liebhat und dass er mir zeigt: Ich kann auch hier auf Erden Liebe erfahren – und geben. Noch ist das alles nur bruchstückhaft zu erfahren. Traurigkeit und Ängste holen uns immer wieder ein. Aber einmal wird Gott selber erscheinen, und dann wird seine Herrlichkeit niemals mehr aufhören. Schon heute dürfen wir uns darüber freuen und dürfen unser Leben hier auf Erden führen, solange es uns von Gott geschenkt ist. Hören wir die Mahnung des Petrus als eine gute Erlaubnis: „Weide die Herde Gottes, die dir anvertraut ist“, achte auch auf dein eigenes Leben, sorge gut für dich, dass du nicht seelisch verhungerst! Denn der Erzhirte, Gott selber, lässt uns nicht im Stich; „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen aus dem Gesangbuch das Lied Nr. 220, 1-4:

1) Eine Herde und ein Hirt! Wie wird dann dir sein, o Erde, wenn sein Tag erscheinen wird? Freue dich, du kleine Herde, mach dich auf und werde licht! Jesus hält, was er verspricht.

2) Hüter, ist der Tag noch fern? Schon ergrünt es auf den Weiden, und die Herrlichkeit des Herrn nahet dämmernd sich den Heiden; blinde Pilger flehn um Licht. Jesus hält, was er verspricht.

3) Komm, o komm, getreuer Hirt, dass die Nacht zum Tage werde. Ach wie manches Schäflein irrt fern von dir und deiner Herde. Kleine Herde, zage nicht! Jesus hält, was er verspricht.

4) Sieh, das Heer der Nebel flieht vor des Morgenrotes Helle, und der Sohn der Wüste kniet dürstend an der Lebensquelle; ihn umleuchtet Morgenlicht. Jesu hält, was er verspricht.

Gott im Himmel, du enttäuschst uns nicht – auch wenn du uns manche Illusion nimmst, die wir uns selber machen. Du wlllst, dass wir ein erfülltes Leben haben, aber manchmal auf eine andere Art, als wir uns das, eigenwillig wie wir sind, so vorstellen. Du nimmst uns manche Möglichkeiten und manche Kräfte aus der Hand, und wir müssen erst ganz neu lernen, mit Grenzen fertigzuwerden, mit Schmerzen und Schwachheiten zu leben, Machtlosigkeit zu akzeptieren, wo wir viel lieber alles unter Kontrolle hätten. Lass uns an dich glauben, führe uns auf dem guten Weg des Vertrauens und der Liebe. Auch wenn dieser Weg manchmal hart und dornig ist, er ist doch nie ein Weg ohne Hoffnung. „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.“ Amen.

Gemeinsam beten wir mit den Worten, die uns Jesus Christus selber gelehrt hat:

Vater unser
Liederheft 242: Gott gab uns Atem, damit wir leben
Abkündigungen

Und nun geht hin mit Gottes Segen:

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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