Ein sterbendes Kind loslassen

Erinnerungen an König David und Erfahrungen einer amerikanischen Krankenhausseelsorgerin werden in einer Trauerfeier für ein Kind zur Sprache gebracht, das im Alter von zwei Jahren an Krebs gestorben ist.

Ein sterbendes Kind loslassen: Grabkreuz für ein Kind mit Darstellung eines Engels mit Flügeln

Grabkreuz für ein verstorbenes Kind (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir trauern um ein Kind. P. ist am Ende seines zweiten Lebensjahres gestorben. Heute müssen wir ihn begraben. Wir tun es gemeinsam, nach einigen Minuten der Besinnung hier in der Kirche, so wie es Brauch ist. Es ist gut, diesen schweren Weg nicht allein gehen zu müssen.

Hier in der Kirche fragen wir nach Gott. Wir versuchen, Gott und die Trauer, den Schmerz und Gott zusammen zu sehen. Wir sind hier mit den widersprüchlichen Gefühlen, die uns bewegen, die wir vielleicht auch zum Teil noch nicht ganz an uns heranlassen. Wir sind hier und haben als Gegenüber einen Gott, der uns fremd sein mag, angesichts dessen wir ratlos oder zornig sein mögen. Es ist ein Gott, der ein menschliches Gesicht hat, das Gesicht Jesu Christi. Es ist ein Gott, der uns sein Wesen in menschlichen bildlichen Worten aufgedeckt hat. Er ist wie ein Vater, der uns aushält mit unseren Gefühlen; Von ihm steht in der Bibel (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.

Liebe Familie P., liebe Trauernde!

Wenn man als Außenstehender erfährt: da ist ein Kind schwer krank und es muss vielleicht sterben, oder wenn man dann hört: das Kind ist tot, dann reagieren wir anders als wenn sonst ein Mensch stirbt. So ein früher Tod ist nach unserem natürlichen Empfinden nicht vorgesehen, auf solche Situationen sind wir nicht vorbereitet, wir reagieren unsicher. So kommt es, dass Sie als nahe Angehörige des Kindes, das gestorben ist, gerade in einer Zeit, in der Sie sehr viel Kraft und Unterstützung für sich selber brauchen, vielleicht mehr auf sich allein gestellt sind als sonst. Es ist für einen Außenstehenden nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, oder zu wissen, wann es gut ist, zu kommen, und wann es besser ist, zu gehen. Vielleicht ist es am besten, zu zeigen: wir sind bereit, uns auf Sie einzulassen, ein Stück Wegs mit Ihnen zu gehen, wir sind ansprechbar für Sie, und Sie brauchen sich uns gegenüber nicht anders zu geben, als Sie in Ihren Innern fühlen und denken.

In der Bibel wird berichtet (2. Samuel 12, 15-24), wie es dem König David ging, als eins seiner Kinder als Baby schwer krank wurde. David flehte Gott an, es am Leben zu lassen. Er fastete und legte sich nachts auf den nackten Boden. Seine Hofleute wollten ihn aufheben und ins Bett bringen, aber er ließ es nicht zu und aß auch nicht mit ihnen.

Nach einer Woche starb des Kind. Keiner traute sich, es David zu sagen. „Schon als des Kind noch lebte, wollte er sich nicht trösten lassen“, sagten sie zueinander. „Wenn er nun erfährt, dass es gestorben ist, wird er sich an Ende noch etwas antun.“ David merkte an ihrem Getuschel, was geschehen war. „Ist das Kind tot?“ fragte er. Da konnten Sie es nicht länger verschweigen. Sogleich stand David vom Boden auf, wusch und salbte sich und zog frische Kleider an. Dann ging er ins Heiligtum und warf sich vor dem Herrn nieder. Wieder in seinen Palast zurückgekehrt, ließ er sich etwas zu essen bringen.

Seine Leute konnten ihn nicht begreifen. „Als das Kind nach lebte, hast du geweint und gefastet“, hielten sie ihm vor. „Und nun, wo es gestorben ist, stehst du auf und isst!“ Doch David sagte: „Solange das Kind noch lebte, dachte ich: Vielleicht hat der Herr doch noch Erbarmen mit mir und lässt es am Leben. Aber nun ist es tot; warum soll ich da noch fasten? Ich kann das Kind ja doch nicht wieder zum Leben erwecken. Ich selbst muss ihm eines Tages zu den Toten folgen; es kehrt niemals von dort zurück!“

Dann ging David zu seiner Frau Batseba und tröstete sie.

Ich erzähle diese Geschichte nicht, um zu sagen: Sie müssen es genau wie König David machen. Sondern in dieser Geschichte wird deutlich, dass jeder Mensch seine eigene Art hat, zu trauern. Die Außenstehenden begreifen ihren König in mehrfacher Hinsicht nicht. Sein Fasten vor dem Tod des Kindes, sein intensives Ringen mit Gott, damit das Kind doch nicht stirbt, kommt ihnen übertrieben vor: Sie halten ihn für untröstlich. Seine veränderte Haltung nach dem Tod des Kindes, als er für das Kind nichts mehr tun kann, missverstehen sie, als ob er nicht um sein Kind trauere. Für ihn geht es um etwas anderes: solange des Kind noch am Leben war, kreisten alle seine Gedenken und alle Gebete um sein Kind; zwischen Hoffnung und Verzweiflung hin- und hergerissen, hielt sich David mit der Bitte an Gott, ihm das Kind doch nicht zu nehmen. Nun ist des Kind gestorben, und David sieht, dass Gott ihm seine Bitte nicht erfüllt hat. In diesem Augenblick weiß er, dass er sein Kind loslassen muss; und er weiß zugleich, dass es nun Zeit ist, auch wieder an sich selbst zu denken – und an andere Menschen. Er hört auf zu fasten – und er geht zu seiner Freu, um sie zu trösten.

Mir ist diese Geschichte vom König David nach unserem vorgestrigen Gespräch eingefallen, als wir darüber sprachen, dass vorgegebene Formen des Trauerns manchmal hilfreich sein können, dass aber die eigene persönliche Trauer sich auch ganz besondere, eigene Wege suchen kenn. Da ist dann ein inneres Gespür für das da, was gerade dran ist; da hat Weinen und Lachen seine Zeit, sich Sorgen machen und Loslassen können, sich ablenken und sich auf seine Gefühle einlassen, sich Zeit nehmen für sich selbst und sich Zeit nehmen für die anderen, sich gehen lassen und sich zusammennehmen, schwach sein und stark sein. In unserer Öffentlichkeit wird häufig ein ganz bestimmtes Verhalten von Trauernden erwartet, nämlich dass man äußerlich zeigt, dass man traurig ist, aber dass man sich dennoch unter Kontrolle hat. Trauer kann sich aber auch ganz anders ausdrücken. Zum Beispiel so wie bei David, dem man äußerlich keine Trauer enmerkte und der sich nicht an die von ihm erwarteten Verhaltensregeln hielt. Oder so, dass man sich die Situationen und die Personen aussucht, denen gegenüber man sich nicht zusammenreißen und unter Kontrolle halten muss, so dass man mit seinen Tränen und seiner Verzweiflung nicht immer nur allein fertig werden muss.

Ich fand es wichtig, diese Situation des Trauerns auch in der Ansprache zu erwähnen, mit all den Schwierigkeiten, aber auch den Chancen, die darin enthalten sind.

Nun geht es darum, von P. Abschied zu nehmen. Der Zeitpunkt der Beerdigung ist dabei nur ein Ausschnitt aus einem langen Prozess, der schon lange begonnen hat und noch andauern wird. Aber dass wir P. heute begraben, macht symbolisch besonders die schmerzhafte Seite des Loslassens deutlich, die mit diesem Sterben und diesem Abschied verbunden ist: die Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit dieses Abschieds. Auf der anderen Seite rückt die Erinnerung an P.s Leben in den Mittelpunkt dieser Feier, die Sie in der Zeitungsanzeige so zusammengefasst haben: „Sein kurzes Leben hat uns reich beschenkt.“ Als P. geboren wurde und in den ersten Monaten bei Ihnen aufwuchs, da haben Sie ähnliche Erfahrungen mit ihm gemacht wie alle Eltern mit ihren Kindern. Sie haben ihm gegeben, was er gebraucht hat, er hat seine Fortschritte in der Entwicklung gemacht, seine eigene kleine Persönlichkeit begann sich, auch im Unterschied zu seinem Bruder herauszubilden. Dann wurde er krank, und vor etwa einem Jahr wurde die Diagnose „Krebs“ zu einer schockierenden Gewissheit. Damit hat sich Ihr Leben in einer Weise verändert, die sich ein Nicht-Betroffener gar nicht ausdenken kann. Es bestanden reale Hoffnungen auf Heilung, und Sie haben die sich Ihnen damals bietenden Behandlungsmöglichkeiten genutzt. Sie haben miterlebt, wie der kleine P. alle diese oft quälenden Prozeduren über sich hat ergehen lassen. Sie haben gehofft und gebangt; und Sie haben in diesen langen Monaten eine intensive Beziehung sowohl zu P. als auch zueinander erlebt. Als P. vor anderthalb Jahren getauft worden war, da hatte er den Taufspruch bekommen (Matthäus 5, 5):

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

Dieser Spruch drückt etwas von seinem Wesen aus, wie Sie es erlebt haben: mit seiner Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, inneren Ruhe, mit der er alles ertragen hat und mit der er Ihnen auch viel gegeben hat.

Ich weiß nicht, wie das genau bei Ihnen gewesen ist; aber ich fand in einem Buch eine Art Gedicht mit der Überschrift „Das Geschenk eines sterbenden Kindes“, aus dem ich Ihnen etwas vorlesen möchte. In diesem Gedicht wird dort der behandelnde Arzt eines tumorkranken Kindes angesprochen:

Das größte Geschenk wird gemacht und erhalten,
wenn Du versuchst, ohne Bedingung zu lieben.
Wenn Du nichts mehr tun kannst,
wenn du das sterbende Kind freigeben musst – für den Tod,
dann ist es am schwersten, zu lieben.
Denn dann ist es eine Liebe ohne Bedingung,
weil Du eine Antwort nicht mehr erwarten kannst.

Wenn das der Moment ist, wo Du denkst,
Du seist am weitesten von Gott entfernt,
dann ist das der Moment,
wo Du Dich am meisten irrst.

Wenn Du ein sterbendes Kind lieben kannst,
trotz Deiner Ohnmacht
angesichts seiner Freiheit, zu sterben –
dann kannst du nicht umhin, Gott zu berühren.
Dann werden deine Tränen auf Licht fallen,
dann wirst du gelernt haben,
Geschenke mit einem sterbenden Kind zu teilen –
über alle Diagnosen und Befunde hinaus.

Vielleicht berühren sich diese Erfahrungen, die eine amerikanische Krankenhauseeelsorgerin aufgeschrieben hat, mit denen, die Sie gemacht haben, als Sie sich von Ihrem Sohn P. in seinen letzten Monaten beschenkt fühlten.

Und weil Sie so beschenkt wurden, weil Sie außerdem gute Freunde hatten, die Ihnen zur Seite standen, sind Sie dann, als P. seinen Rückfall erlitt, nicht der Versuchung erlegen, sein Leiden durch weitere Behandlungen zu verlängern, nun, da Sie wussten, dass Heilung nicht mehr möglich wer. Sie konnten loslassen, konnten beginnen mit dem langsamen Prozess, Ihren P. herzugeben, der Ihnen nur für knappe zwei Jahre anvertraut war.

Wohin Sie ihn loslassen, in welche Hände Sie ihn hergeben, dafür hat der Glaube nur bildliche Ausdrücke zur Verfügung: wir geben ihn hin in die liebenden Hände Gottes; wir glauben, dass er im Himmel Gottes gut aufgehoben ist. Im Grunde läuft für den, der an Gott glauben möchte, alles darauf hinaus, dass Gott zwar das größte Rätsel für uns bleibt, dass aber trotzdem in seinem Namen unsere wichtigsten Fragen eine Antwort finden: wo wir herkommen und wo wir hingehen, so unser Leben und unser Sterben einen Sinn finden, ob es in unserer Welt wahre Liebe und wahren Trost gibt.

Niemand kann einen anderen zum Giauben überreden. Zum Glauben finden wir nur, wenn wir bereit sind, uns mit Gott auseinanderzusetzen, und wenn wir die Erfahrung machen, dass Gott selbst uns für sich aufschließt. In unserer Auseinandersetzung mit Gott müssen wir nicht meinen, er wolle nur artige Gebetsworte hören, sondern wir können uns ihm so zeigen, wie wir sind. Wir haben es schließlich nicht mit einem kleinen, selbsterdachten Gott zu tun, sondern mit dem Gott, der alles erschaffen hat und den wir nicht schonen müssen, wenn wir mit unseren Fragen und zwiespältigen Gefühlen nicht zurechtkommen.

Mit einigen Strophen aus einem Kinderlied möchte ich schließen. Dieses Lied geht davon aus, dass wir Menschen in Gott geborgen sind in Leben und im Sterben.

EG 408: Meinem Gott gehört die Welt

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