Wie „christlich“ ist die Bejahung des Krieges als „ultima ratio“ des Versuchs, Frieden zu stiften?

Stellungnahme anlässlich des Kosovo-Krieges 1999.

Treblin-Heinrich-1992

Pfarrer Heinrich Treblin

Als in der Tat höchst irritierend müssen die in jüngster Zeit zu vernehmenden Äußerungen „christlicher“ Politiker, die noch unlängst unter Berufung auf die Bergpredigt für eine konsequent gewaltfreie Politik eintraten, empfunden werden, wenn sie angesichts des Kosovo-Krieges plötzlich den Bombenhagel der NATO als durchaus zu rechtfertigende Maßnahme zur Beendigung der Menschenrechtsverletzungen durch Milošević verteidigten. Auch Theologen, die nach 1945 gern kirchliche Erklärungen zitiert hatten wie: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein“, und die halbherzig-schizophrenen Beschlüsse späterer Synoden, die Dienst mit der Waffe und gewaltfreien, zivilen Friedensdienst als gleichermaßen „christliche“ Möglichkeiten bezeichneten, energisch kritisiert hatten, schienen ihre früheren Erkenntnisse völlig vergessen zu haben.

Mag eine solche Wandlung bei „pragmatischen“ und „prinzipiellen“ weltlichen Pazifisten wie den Bündnis-Grünen wegen ihren Rollenwechsels von einer Oppositionsbewegung zur Regierungspartei noch verständlich sein (obwohl sie bei vielen ihrer Mitglieder auch zu einer Identitätskrise führte), so fragt man sich doch bei Leuten, die sich auf die Botschaft des gewaltfreien, Gewalt aus Feindesliebe am Kreuz erduldenden Friedensstifters Jesus von Nazareth, des „Christus“ Gottes, nach dem sie sich „Christen“ nennen, berufen, wie es mit ihrer Glaubwürdigkeit bestellt ist, wenn sie entgegen Jesu Worten tötende Gewalt als „ultima ratio“ nun doch rechtfertigen. Das Etikett „christlich“ oder „evangelisch“ ist offenbar noch keine Gewähr dafür, dass hier im Geiste des Christus Jesus geredet und gehandelt wird.

Nun ist ja die „Kirche“ nach ihrem eigenen Verständnis ein „corpus permixtum“, ein Mischgebilde zwischen Gemeinde Jesu und einer im Grunde heidnischen Religionsanstalt zur egoistischen Lebens- und Friedenssicherung, als welche sie Jahrhunderte lang nicht nur staatliche Gewalt sanktioniert, sondern auch selber Andersgläubige, Juden, Ketzer, Hexen zu Tode gebracht hat. An den Rändern dieser christlich-gemischten „Kirche“ hat freilich alle Zeit eine am Evangelium orientierte Gemeinde Jesu gelebt und die Erinnerung an Jesu Botschaft wachgehalten und dafür Verfolgung und Diffamierung durch das kirchliche Establishment in Kauf genommen („Schwärmer“). Es sei nur an die „Bekennende Kirche“ erinnert, die sich der Gleichschaltung durch die „Reichskirche“ der Nazis widersetzte, aber gerade dort, wo sie wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Niemöller Tod oder KZ erdulden musste, an „christlicher“ Glaubwürdigkeit gewann. So sollten Friedensstifter unserer Zeit stets darauf achten, mit welcher Art von „christlicher“ Kirche sie es zu tun haben.

Wie steht es nun aber mit der Rolle tötender Gewalt beim Versuch, Frieden zu stiften? Mancher kann darauf hinweisen, dass im Fall Kosovo die gewaltfreien Bemühungen einiger Albaner nicht ausreichten, um die Vertreibungen zu beenden, und dass es doch die NATO-Bomben waren, die (allerdings in Verbindung mit diplomatischen Verhandlungen) den Frieden herbeigeführt haben. Manche weisen auch darauf hin, dass Deutschland nicht durch die gewaltfreien Widerständler, sondern durch die Bombenteppiche der Alliierten befreit worden sei. Mögen die Alliierten nun aus „christlich-moralischen“ Motiven oder in erster Linie aus wirtschaftlich-politischem Machtstreben gehandelt haben (wie Theodor Ebert zu bedenken gibt), Gewalt war bei dieser Befreiung Deutschlands in der Tat mit im Spiele. Es ist nur zu fragen, wie diese Gewalt zu bewerten ist und von wem sie geübt worden ist.

Der Christus Jesus hat in aller Klarheit die Seinen zu gewaltfreiem Friedenstiften in seiner Nachfolge aufgerufen. „Die Herren dieser Welt üben Gewalt, unter euch soll es nicht so sein!“ „Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen!“ heißt es in der Bergpredigt. Der Apostel Paulus nimmt diese Botschaft auf: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem!“ „Überwinde das Böse mit Gutem!“ „Rächtet euch selbst nicht, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes!“ Jesus liefert kein Allerweltsrezept zur völligen Befriedung der Welt. Mit der Bergpredigt lässt sich in der Tat kein Staat regieren! So lange Menschen auf Erden in ihrer egoistischen Selbstbehauptung und in ihrem Machtstreben über andere beharren, wird es auch Kriege geben. Aber inmitten dieser gewalttätigen Welt sammelt und regiert Jesus die Seinen, damit sie als „Licht der Welt“ und als „Salz der Erde“ Hoffnungszeichen des besseren, wahren Friedensstiftens setzen. Als Gottes Mitarbeiter, Jesus weiß, allein Gott, der Schöpfer und Erneuerer der Welt vermag Frieden zu schaffen. Er überlässt die Welt nicht den Gewalttätern zur völligen Zerstörung. Er wird am Ende den Sieg behalten und sein Reich des Friedens aufrichten. Diese Gewissheit gibt den Christen Mut und Geduld, in ihrem Friedensdienst auszuharren. Die Hoffnung auf Gottes Friedensreich ist keine Vertröstung aufs Jenseits, sie bewahrt vielmehr vor Illusionen, Selbstüberschätzung und Enttäuschung und gibt Kraft, sich inmitten einer friedlosen gewalttätigen Welt gewaltfrei für den Frieden einzusetzen. Christen können auf Anwendung von Gewalt verzichten, weil sie darauf vertrauen, dass Gott selber die Gewalttäter zwingt, seinen Plänen dienstbar zu sein. „Gebt Raum dem Zorn Gottes!“ sagt Paulus. „Zorn“ Gottes meint nicht ein rachgieriges, wutentbranntes strafendes Handeln Gottes (wie wir zornig handeln), sondern eine Art Liebesentzug. Gott lässt die Gewalttäter am eigenen Leibe spüren, wohin ihre Gewalt führt, nämlich zu Gegengewalt und zum Scheitern an einem Stärkeren. Gewalt kann im Augenblick Krieg beenden und eine Art Frieden schaffen. Die NATO-Bomben konnten Milošević zum Abzug seiner Truppen zwingen. So bekamen die gewaltfreien Friedensstifter eine Chance. Wieweit allerdings der Teufelskreis der Gewalt dadurch auf Dauer überwunden ist, ist zu bezweifeln. Hat nicht der Sieg der Alliierten im 1. Weltkrieg wiederum das Gewaltregime Hitlers verursacht?

Als Fazit halten wir fest: „Christlich“ (im Geiste des Christus Jesus) kann nur konsequent gewaltfreies Friedensstiften genannt werden. Dieses setzt Hoffnungszeichen inmitten dieser gewalttätigen Welt in Erwartung des wahren endgültigen Friedens, den Gott selber herbeiführt. Christen wissen, dass sie die Gewalt auf Erden nicht beseitigen können, sie vertrauen aber darauf, dass Gott ihnen die Kraft gibt, gewaltfrei den Gewalttätern zu widerstehen, und dass Gott sich gegenüber den Gewalttätern allezeit als der Stärkere erweist, sie scheitern lässt und so Raum schafft für den Friedensdienst seiner Gemeinde.

Heinrich Treblin, Pfarrer i. R., 55232 Alzey (1999)

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