Eine Frau steht ihren Mann

Trauerfeier für eine sehr alte Frau, die sich – außergewöhnlich für ihre Generation – als alleinerziehende Mutter und berufstätige Frau in ihrem Leben behauptet hat.

Eine Frau steht ihren Mann: Gemaltes Bild einer Frau im Business-Outfit und einem Hut mit Federn in einem Laden der gehobenen Preisklasse

Wie sieht eine Frau aus, die nicht in gängige Schemata hineinpasst? (Bild: terimakasih0 – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Frau V., die im Alter von [über 90] Jahren gestorben ist.

Ein langes Leben war ihr geschenkt, viel Kraft, um Schweres durchzustehen und ein erfülltes Leben in Familie und Beruf aufzubauen. Indem wir uns an sie erinnern, besinnen wir uns auch auf Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es zurückkehrt. Wir hören Worte aus dem Psalm 128 in der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache (© 1. Auflage 2006 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh):

1 Wie glücklich ist jeder, der DEM EWIGEN in Ehrfurcht begegnet, jede, die auf seinen Wegen geht.

2 Den Ertrag deiner Hände wirst du essen – du hast Glück! Wie gut für dich!

3 Du bist wie eine fruchtbare Rebe im Innern deines Hauses, deine Töchter und Söhne sind wie Ölbaumtriebe rings um deinen Tisch.

4 Schau: So werden alle gesegnet, die DEM EWIGEN in Ehrfurcht begegnen!

EG 376:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz. Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: es will die Augen schließen und glauben blind.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Liebe Gemeinde, der Psalm, den wir gehört haben, spricht im Urtext eigentlich einen Mann an, der erfolgreich seiner Arbeit nachgeht, und redet von seiner Frau, die ebenso segensreich innerhalb des Hauses wirkt. So war das traditionelle Rollenbild gestrickt, das auch für die Generation der nun Verstorbenen durchaus noch eine ziemlich selbstverständliche Gültigkeit besaß. Für sie selbst in ihrem persönlichen Werdegang allerdings dann doch nicht. Sie gehörte zu den Frauen, für die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine neue Ära begann, in der Frauen in ganz anderer Weise als in früheren Gesellschaftsformen „ihren Mann“ stehen mussten.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Wie so viele Beziehungen scheiterte auch die Ehe von Frau V. nach Kriegsende, und so musste sie – unterstützt von ihren Eltern – nun sich und ihre Kinder allein durchbringen. Dies gelang ihr nach zum Teil entbehrungsreichen, wirtschaftlich schwierigen Jahren mit der ihr eigenen Durchsetzungskraft und Zielstrebigkeit.

Nach Jahren der Kindererziehung kehrte sie ins Berufsleben zurück und erreichte im Laufe der Jahre eine gehobene Position, in der sie auf Grund ihrer Verlässlichkeit, ihrer Kollegialität und ihres Engagements eine hohe Wertschätzung erfuhr.

Ihren wohlverdienten Ruhestand konnte sie über 30 Jahre lang in der geliebten Umgebung und in geschätzter Nachbarschaft sowie – bis auf zuletzt wenige Monate – in guter Gesundheit und selbstbestimmter Eigenständigkeit genießen. Zu denen, die um sie trauern, gehören heute auch Enkel- und Urenkelkinder.

Zum Rückblick auf ein in dieser Weise erfülltes Leben voller Segen in Beruf und Familie passt doch sehr gut der Psalm 128:

Wie glücklich ist jeder, der GOTT in Ehrfurcht begegnet, jede, die auf seinen Wegen geht.

In schlichtem Gottvertrauen geht der Psalm davon aus: Mit Glück, mit beruflichem Erfolg, mit Kindern und Kindeskindern werden alle gesegnet, die Gott in Ehrfurcht begegnen!

Wir wissen allerdings, und auch die Bibel weiß es: Ganz so einfach ist es nicht immer. Und auch das Leben von Frau V. bestand ja nicht durchgehend nur aus „heiler Welt“. Sie war noch nicht erwachsen, als der Zweite Weltkrieg begann; mitten im Krieg gründete sie mit ihrem Mann ihre Familie, aber auf Dauer mit ihm glücklich zu werden, das war ihr nicht vergönnt.

Wie gesagt, sie gab nicht auf und kämpfte sich in den Nachkriegsjahren als damals schon alleinerziehende Mutter und als berufstätige Frau durch ihr Leben und meisterte alle Herausforderungen in bewundernswerter Weise.

Angesichts ihres Todes dürfen wir daher Gott vor allen Dingen für diesen Segen in ihrem Leben danken.

Vielen von uns modernen Menschen ist die Rede von Gott fremd geworden; mit dem Wort Ehrfurcht können die meisten nur noch ganz wenig anfangen; gemeint ist sicher keine Angst vor einem Tyrannen im Himmel. Gott mit Ehrfurcht zu begegnen, damit meint die Bibel, dass wir uns nicht selber ins Leben gerufen haben, sondern uns einem Schöpfer verdanken, der uns Menschen zum Abbild seiner Liebe geschaffen hat.

Albert Schweitzer hat ja von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ gesprochen; so versuchte dieser große Arzt und Theologe, das Gottvertrauen in die moderne Welt zu übertragen. Auf Gottes geraden, guten Wegen zu gehen, damit ist in der Bibel gemeint, dass Menschen sich dessen bewusst sind, wem sie sich verdanken und dass es gut ist, auf Wegen zu gehen, die der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen entsprechen: Wege des Friedens und der Liebe, Wege der Mitverantwortung füreinander.

In Dankbarkeit für das Leben von Frau V. und für alles, was ihr und uns durch sie an Liebe geschenkt war, können wir sie heute getrost loslassen und sie den Händen des großen und barmherzigen Gottes anvertrauen, der uns nach dem Ende unseres irdischen Lebensweges in Gnaden und mit Ehren aufnimmt in seinem himmlischen Reich. Amen.

Mit Psalm 37 wenden wir uns zu Gott:

5 Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen

6 und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

7 Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. Entrüste dich nicht über den, dem es gut geht, der seinen Mutwillen treibt.

18 Der HERR kennt die Tage [derer, die auf geraden Wegen gehen], und ihr Gut wird ewiglich bleiben.

19 Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, und in der Hungersnot werden sie genug haben.

23 Von dem HERRN kommt es, wenn eines [Menschen] Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege.

24 Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand.

25 Ich bin jung gewesen und alt geworden und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen und seine Kinder um Brot betteln.

26 Er ist allezeit barmherzig und leiht gerne, und [seine Kinder werden] zum Segen sein.

27 Lass ab vom Bösen und tu Gutes, so bleibst du wohnen immerdar.

28 Denn der HERR hat das Recht lieb und verlässt [nicht, die auf ihn vertrauen].

Treuer Gott, du hast denen gute Tage und erfülltes Leben verheißen, die auf deinen Wegen gehen. Hilf uns, dass wir uns auf deine Liebe verlassen und im Leben und im Sterben auf deine Barmherzigkeit vertrauen.

Wir denken an Frau V., die du nach einem langen Leben aus unserer Mitte genommen hast. Wir danken dir für alles, was du ihr an Liebe erwiesen hast, und auch für all das Gute, das uns durch sie gegeben war.

Wir bitten dich für alle, die um sie trauern. Wir bitten für uns alle, dass wir uns bewusst machen, wie kostbar unser Leben ist und wofür wir jeden Tag dankbar sein können. Hilf uns, den Menschen gerecht zu werden, die uns anvertraut sind, und schenke uns die Kraft, unser Leben zu meistern.

Gib mir Kraft für einen Tag, Herr, ich bitte nur für diesen, dass mir werde zugewiesen, was ich heute brauchen mag. Amen.

Hinweise zur Veröffentlichung anonymisierter Texte von Trauerfeiern auf dieser Homepage

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.