Gnade macht stark

Eine Religion von Schwachen, die stark werden.

Christentum ist nicht „der Aufstand alles am Boden Kriechenden gegen das, was Höhe hat“ (Nietzsche), sondern: aus der Höhe kommt Gott, das ist Gnade; sie erfährt der Schwache besonders, weil er sie in besonderem Maße braucht. Die Beschenkten werden stark. Liebe kann es mit jeder vermeintlichen Stärke und Selbstsicherheit, die ohne Liebe einhergeht, aufnehmen.

Friedrich Nietzsche als Puppe, die auf dem Boden sitzt

Friedrich Nietzsche warf dem Christentum vor, das Schwache zu verherrlichen (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag, 7.2.82, um 9.30 in Beienheim, 10.30 in Heuchelheim, 14.2.82, um 9.30 in Weckesheim, 10.30 in Reichelsheim (Septuagesimae und Sexagesimae)
Orgelvorspiel

Willkommen im Gottesdienst! Ich bin froh, mit Ihnen, mit Euch unter Gottes Wort zusammen zu kommen. Ich habe auch etwas Ihnen und Euch zu sagen – was jeder dann damit machen wird, ist dann seine Sache – ob er es in sich hereinlässt, ob er ein Stück weit meine Gedanken mitgehen kann, ob er sich zu eigenen neuen Gedanken anregen lassen kann, ob er vielleicht in einem seiner innersten Gefühle getroffen wird, ob er einem neuen Gefühl in sich nachspürt – das ist alles recht, und es gibt noch viele weitere Möglichkeiten, mit dem umzugehen, was von außen an einen herankommt. So unterschiedlich wir sind – es kommt hier darauf an, dass wir hier gern gesehen sind, so wie wir sind; und dass wir zusammengehören, nicht aufgrund gleicher Gesinnung und nicht weil wir alle nur immer nett zueinander sind, sondern weil Jesus Christus der ist, um den sich hier alles dreht.

Danklied für Gott 232, 1-3 (EG 325):

1. Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein? Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er’s mit mir mein’. Ist doch nichts als lauter Lieben, das sein treues Herze regt, das ohn Ende hebt und trägt, die in seinem Dienst sich üben. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

2. Wie ein Adler sein Gefieder über seine Jungen streckt, also hat auch hin und wieder mich des Höchsten Arm bedeckt, alsobald im Mutterleibe, da er mir mein Wesen gab und das Leben, das ich hab und noch diese Stunde treibe. Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

3. Sein Sohn ist ihm nicht zu teuer, nein, er gibt ihn für mich hin, dass er mich vom ewgen Feuer durch sein teures Blut gewinn. O du unergründ’ter Brunnen, wie will doch mein schwacher Geist, ob er sich gleich hoch befleißt, deine Tief ergründen können? Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb in Ewigkeit.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Siehe, des Herrn Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, so dass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott. (Jesaja 59, 1-2)

Herr, wir wollen unsere Gedanken sammeln, um auf dein Wort zu hören. Vieles hindert uns daran: die Sorgen, die wir jetzt nicht abschütteln können; eine unbegreifliche Angst, die uns nicht zur Ruhe kommen lässt; Fragen, die nicht verstummen wollen. Wir leiden darunter und warten darauf, dass du uns weiterhilfst. Gib uns deinen Heiligen Geist, dass er uns Mut mache und Freude gebe. Wir wollen dir vertrauen und auf deine Stärke hoffen. Darum sei uns jetzt nahe, bei unserem Reden und Hören. Wir danken dir für deine harte Herausforderung, weil wir durch sie merken, was wir verscherzen, wenn wir deine Verheißungen nicht ernstnehmen. Amen.

Thema der Predigt wird sein, wie man denn eigentlich an Gott glauben kann, wenn man eine düstere Zukunft vor sich sieht, das Versagen der Politiker, die schrecklichen Umweltbedrohungen, oder wenn man persönliche Lebenskatastrophen in Ehe und Familie, in Krankheit oder plötzlichem Tod durchleiden oder mit anderen durchstehen muss. Wo ist ein Ausweg aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung?

Als das Volk Israel in der Verbannung in Babylon nicht mehr aus noch ein wusste, schrieb ein unbekannter Prophet, dessen Schriften dem Jesajabuch angefügt wurden, diese Worte:

Jesaja 40, 26-31

26 Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.

27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.

29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.

30 Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;

31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Lied EKG 182, 1-3 (EG 280):

1. Es wolle Gott uns gnädig sein und seinen Segen geben, sein Antlitz uns mit hellem Schein erleucht zum ewgen Leben, dass wir erkennen seine Werk und was ihm lieb auf Erden, und Jesus Christus, Heil und Stärk, bekannt den Heiden werden und sie zu Gott bekehren.

2. So danken, Gott, und loben dich die Heiden überalle, und alle Welt, die freue sich und sing mit großem Schalle, dass du auf Erden Richter bist und lässt die Sünd nicht walten; dein Wort die Hut und Weide ist, die alles Volk erhalten, in rechter Bahn zu wallen.

3. Es danke, Gott, und lobe dich das Volk in guten Taten; das Land bringt Frucht und bessert sich, dein Wort ist wohlgeraten. Uns segne Vater und der Sohn, uns segne Gott der Heilig Geist, dem alle Welt die Ehre tu, vor ihm sich fürchte allermeist. Nun sprecht von Herzen: Amen.

Gnade sei mit uns und Friede von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Wir hören den Predigttext aus 2. Korinther 12, 5b-10. Paulus schreibt:

5 Für mich selbst … will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.

6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.

8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.

9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Amen.

Liebe Gemeinde,

Paulus muss ja komplett verrückt sein. Der gibt damit an, dass er schwach ist, der rühmt sich damit, dass er Schwächen hat, der ist stolz darauf, dass er eine schlimme Krankheit erträgt. Verständlich wäre das vielleicht noch, wenn er sonst nichts vorzuweisen hätte – doch das hat er: er ist jüdischer Abstammung, bewandert im Gesetz des Mose, hat sich für Gott eingesetzt wie kaum ein anderer, hat nach seiner Bekehrung zu Jesus Christus unermüdlich auf vielen Reisen die Botschaft von Jesus verbreitet, hat sich eingesetzt bis zum letzten. Aber mit all diesen Dingen will er nicht prahlen; stolz ist er vielmehr auf seine Schwächen.

Das ist ein starkes Stück. Und wir müssen auch genau hinsehen, was er eigentlich meint. Paulus meint nicht, dass es wunderschön sei, schwer zu leiden. Dreimal hat er Gott schon gebeten, seine Krankheit von ihm zu nehmen. Gott hat ihm den Wünsch nicht erfüllt. Gott war anderer Meinung als Paulus. Gott hat gemeint, dass Paulus es nicht gebraucht hat, von seiner Krankheit befreit zu werden. Trotzdem klagt Paulus vor Gott sein Leid, und zugleich willigt er ein, wenn er Gott sagen hört: „Lass dir an meiner Gnade genügen. Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Du brauchst nicht mehr, als dass ich bei dir bin.“

Das meint Paulus also: er ist stolz, weil er nach drei nicht erhörten Gebeten, nachdem er immer noch in seinem furchtbaren Leiden drinstecke, gespürt hat: er braucht nicht mehr als Gottes Gnade. Einer, der im Leid Gottes Nähe fühlt, ist besser dran als einer, der nie Leid erfährt, aber im Grunde ein zielloses, langweiliges, trostloses Leben lebt.

Christen sollen also nicht bewusst schwach sein wollen. Sie sollen nur nicht stolz darauf sein, mit allem aus eigener Kraft fertigzuwerden. Denn die Kehrseite dieses Stolzes ist die tiefe Niedergeschlagenheit, die sich einstellt, wenn alles zerbricht, worauf sich dieser Stolz gegründet hat. Wenn die eigenen Kräfte nachlassen, wenn der beste Wille nicht ausgereicht hat, auch wirklich das Beste für andere und sich selbst zu erreichen, wenn man sich plötzlich nicht mehr an den Satz klammern kann: „Hauptsache, man bleibt gesund!“, sondern erkennen muss, dass Krankheit nach einem selbst gegriffen hat, dass man bestimmte Dinge nie mehr wird tun können, dass die gewohnte Art, die Dinge an sich herankommen zu lassen, ein für allemal vorüber ist. In solchen Erfahrungen steckt Paulus drin. Wir wissen nicht, welche Krankheit es war, die er mit dem Wort „Pfahl im Fleisch“ umschreibt. Aber dieses Bild spricht Bände. Das ist nicht nur ein kleines Wehwehchen. Das ist eine Krankheit, die ihn umwirft, vielleicht Epilepsie, vielleicht eine andere schwere Krankheit, die zwar wohl nicht schnell zum Tode führt, aber bei der kein Ende abzusehen ist. Und außerdem muss Paulus ständig befürchten, von Gegnern der Christen angegriffen und in seinem Leben bedroht zu werden.

All das könnte ein außenstehender Betrachter ja auch als Zeichen der Machtlosigkeit seines Gottes werten. Oder als Dinge, die man leider eben nicht ändern kann, die eben dazu gehören, die man eben annehmen muss. Aber für Paulus gehört Leiden nicht einfach so dazu, er klagt vor Gott, er bittet Gott um Befreiung von seinem Leiden; und, obwohl Gott ihn nicht erhört, ist Gott für ihn nicht machtlos, erweist sich ihm Gott auf andere Weise als stark, indem er ihn in seiner Schwachheit stark macht, indem er ihn fähig macht, trotz seines Leidens voll zu leben und nicht zu resignieren.

Das Christentum ist also nicht eine Religion der Schwäche, sondern eine Religion von Schwachen, die stark werden. Der Philosoph Nietzsche hat im vorigen Jahrhundert gemeint, dass die christliche Gemeinde „alles Erbärmliche, An-sich-Leidende, von schlechten Gefühlen Heimgesuchte, alles Missratene, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit“ zu sich überredet habe. Aber Nietzsche irrt insofern, als nicht das Schwache an sich verherrlicht wird, sondern die Tatsache, dass Gott bei allen Schwachen ist und sie nicht allein lässt. Christentum ist nicht „der Aufstand alles am Boden Kriechenden gegen das, was Höhe hat“, sondern: aus der Höhe kommt Gott, das ist Gnade, und sie erfährt der Schwache besonders, weil er sie auch in besonderem Maße braucht. Die Beschenkten werden stark, nicht automatisch, um ihrer Schwäche willen, sondern weil Gott selber schwach wurde im Kind in der Krippe, im Mann am Kreuz. Liebe und Schwäche kommen sich oft sehr nahe – der Unterschied liegt darin, dass die Liebe, die wie Schwäche aussieht, in Wirklichkeit viel stärker ist als Stärke, die nur wie Stärke aussieht. Liebe kann es mit jeder vermeintlichen Stärke und Selbstsicherheit, die ohne Liebe einhergeht, aufnehmen.

Ich habe es in den letzten Tagen oft gehört: es sei doch die Hauptsache, gesund zu bleiben. Hauptsache, es passiert uns nicht so etwas, was den Jungen und Mädchen beim Skiunglück in Österreich passiert ist. Und wir beten zu Gott meist in der Absicht, dass er uns und unsere Lieben vor Leiden bewahren möge. Dieses Gebet ist auch gut und richtig so, denn wir sollen uns nicht nach Leiden drängen, das wäre undankbar gegenüber allem, was Gott uns an Schönem schenken will, worüber wir uns freuen, mit anderen gemeinsam freuen dürfen. Aber diese Art von Gebet reicht nicht aus. Heimliche Angst versteckt sich darin. Wenn nun doch etwas passiert? Wenn ich nun doch etwas versäumt habe, etwas getan habe, etwas herbeigeführt habe, was nicht mehr wieder gutzumachen ist? Wenn nun doch meine Hoffnungen zerbrochen sind? Wenn ich nun doch nicht mehr gesund bin und es vielleicht nie mehr sein werde? Dann wäre das „Hauptsache gesund“ und „Hauptsache, mir passiert nichts“ und oft „Hauptsache, ich habe mir nichts vorzuwerfen“ eine teuflische Falle, denn dann wäre in diesem Augenblick alles aus.

Paulus will uns angesichts unserer Angst unsere Augen weiter öffnen. Wir sollen die Welt ruhig so sehen, wie sie ist. So schrecklich, wie sie ist. Mit schlimmen Möglichkeiten und manchmal schlimmen Realitäten auch für uns. Und er sagt uns dazu das Tröstliche: Wir sind dabei nicht allein. Da ist einer, der sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Dietrich Bonhoeffer hat das in unserem Jahrhundert, als er im Gefängnis des Hitlerreiches saß, so ausgedrückt:

„Der Gerechte leidet unter der Welt, der Ungerechte nicht. Der Gerechte leidet unter den Dingen, die für andere selbstverständlich und notwendig sind. Der Gerechte leidet unter der Ungerechtigkeit, unter der Sinnlosigkeit und Verkehrtheit des Weltgeschehens, er leidet unter der Zerstörung der göttlichen Ordnung der Ehe und Familie. Er leidet darunter nicht nur, weil es für ihn eine Entbehrung bedeutet, sondern weil er etwas Ungöttliches darin erkennt.

Die Welt sagt: Das ist nun einmal so, wird immer so sein und muss so sein. Der Gerechte sagt: Es sollte nicht so sein, es ist gegen Gott. Daran vor allem wird man den Gerechten erkennen, dass er in dieser Weise leidet… er leidet, so wie Gott unter der Welt leidet.

-‚Aber der Herr hilft ihm‛ – Nicht in jedem Leiden ist Gottes Hilfe, aber in dem Leiden des Gerechten ist immer Gottes Hilfe, weil er ja mit Gott leidet. Gott ist immer dabei. Der Gerechte weiß, dass Gott ihn so leiden lässt, damit er Gott um seiner selbst willen lieben lernt. Im Leiden findet der Gerechte Gott. Das ist seine Hilfe…

Die Antwort des Gerechten auf die Leiden, die die Welt ihm zufügt, heißt: segnen. Das war die Antwort Gottes auf die Welt, die Christus ans Kreuz schlug: Segen. Gott vergilt nicht Gleiches mit Gleichem, und so soll es auch der Gerechte nicht tun.“

So weit Bonhoeffer.

Wir fliehen so oft vor dem Leiden, wir haben Angst, es an uns heranzulassen. Wir zittern angesichts der Vorstellung, unheilbar krank zu werden, unseren Kindern könnte etwas passieren, unsere Beziehungen könnten kaputtgehen, wir könnten verrückt werden oder in den Augen anderer nichts mehr gelten. Und Leute wie Paulus und Bonhoeffer, die von Jesus Christus und seinem Gott her denken, die sagen uns das gerade Gegenteil: Lasst die Möglichkeit an euch heran, dass im Leiden auch Segen liegen kann. Nicht so, dass ihr euch Leiden wünscht, sondern so, dass ihr zunächst einmal mitzuleiden lernt, wenn andere krank sind, scheitern, verspottet werden, verzweifelt sind, an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, Verachtung oder Hass auf sich ziehen.

Und wenn einer schon tief im Leiden drinsteckt, tief in einem schmerzlichen und wahnsinnig bedrängenden Problem, dann flieht er auch oft: in Selbstmord oder Verrücktheit, in Angriffe gegen andere oder in Betäubung durch Drogen oder Alkohol. Und von Paulus könnten wir lernen, dass der einzige wirkliche Ausweg mitten hindurch führt: mitten durch den Schmerz, den wir so gern vermeiden würden.

Allein würden wir das nicht schaffen. Aber wir sind nicht allein. Gott ist bei uns; und wir können uns auch an Menschen wenden, die unser Vertrauen haben, und mit denen gemeinsam wir zu Gott vertrauen lernen können, die können mit uns gehen, uns ganz nahe sein, wenn wir uns unserem Leiden, unserem Problem, unserem großen Schmerz stellen; und wir werden nicht ins Bodenlose fallen – auch nicht wenn wir vor Traurigkeit, vor Angst oder auch vor Wut so weinen werden, dass wir meinen, wir könnten nie mehr aufhören, vielmehr wird am Ende dieses Weges neues Leben, neue Freude, neue Gewissheit stehen, die wir vielleicht auch in den Sätzen ausdrücken können, die Paulus von Gott gehört hat: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Ich möchte schließen mit dem Gebet eines polnischen Pfarrers aus Warschau, Jan Twardowski, das ganz anders aussieht als die meisten unserer Gebete:

Du bewahrst uns nicht vor Misserfolgen. Du schützest uns nicht vor Enttäuschungen in der Liebe. Du gibt, als ob du ein Bettler wärst, heilst nicht den Krebs, nährst mit Hunger, gibst keine Lebensversicherungspolicen ab, bettest die Wunden nicht auf seidene Kissen; dennoch glaube ich, dass du unsere gerungenen Hände entwirrst, dass du unsere Augen, rot vom Weinen wie die eines Kaninchens, öffnest, dass du das Licht anzündest auf der anderen Seite.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied EKG 299, 1-4 (EG 372):

1. Was Gott tut, das ist wohlgetan, es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten.

2. Was Gott tut, das ist wohlgetan, er wird mich nicht betrügen; er führet mich auf rechter Bahn; so lass ich mir genügen an seiner Huld und hab Geduld, er wird mein Unglück wenden, es steht in seinen Händen.

3. Was Gott tut, das ist wohlgetan, er wird mich wohl bedenken; er als mein Arzt und Wundermann wird mir nicht Gift einschenken für Arzenei; Gott ist getreu, drum will ich auf ihn bauen und seiner Güte trauen.

4. Was Gott tut, das ist wohlgetan, er ist mein Licht und Leben, der mir nichts Böses gönnen kann; ich will mich ihm ergeben in Freud und Leid, es kommt die Zeit, da öffentlich erscheinet, wie treulich er es meinet.

Herr, unser Gott, lieber Vater. Wir sehnen uns nach einer menschlichen Welt und leiden doch unter immer größeren Grausamkeiten: Menschen werden gefoltert, verjagt, ausgebeutet, ihre Bestrebungen nach Freiheit und Gerechtigkeit unterdrückt. Das ist so in Ost und West, und oft tun wir nur dort den Mund auf, wo wir mit dem Finger auf die anderen zeigen können. Wir schweigen oft, wo wir reden sollten. Manchmal reden wir zu viel, wo wir im Stillen einfach helfen sollten. Gib uns Kraft und Mut, neue Einsichten und ein Stück Gelassenheit, damit wir nüchtern erkennen, was zu tun ist, was davon in unsren Kräften steht und was wir getrost den Händen anderer überlassen können. Gott, du kennst uns. Du weißt, was uns quält und umtreibt, unsere Schmerzen und Fragen, die uns die Freude am Leben nehmen. Befreie uns von diesen Lasten und Sorgen und lass uns nicht bitter werden. Und wenn unsere Kraft zu klein und unser Glaube zu schwach ist, dann lass uns deine Nähe spüren. Gib uns Lebensmut aus deiner Zuwendung, dass wir im Vertrauen deine Wege zu gehen lernen, auch wenn wir sie nicht verstehen. Vielleicht können wir dann auch eines Tages dankbar weitersagen, dass „deine Kraft in den Schwachen mächtig ist“. Wir bitten dich für alle, die schwer an ihrem Leben tragen, weil sie krank oder alt oder traurig sind. Sei ihnen nahe. Wir bitten dich für alle, die nicht glauben können oder gleichgültig geworden sind. Begegne ihnen mit deiner Gnade und lass sie entdecken, wie du unsere menschlichen Pläne zu deinen Wegen formst. Herr, wir verlassen uns darauf, dass du uns hörst, wenn wir mit den Worten deines Sohnes beten:

Vater unser
Abkündigungen und Segen
Lied EKG 232, 11 (EG 10):

11. Weil denn weder Ziel noch Ende sich in Gottes Liebe find’t, ei so heb ich meine Hände zu dir, Vater, als dein Kind, bitte, wollst mir Gnade geben, dich aus aller meiner Macht zu umfangen Tag und Nacht hier in meinem ganzen Leben, bis ich dich nach dieser Zeit lob und lieb in Ewigkeit.

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