„Wie hab ich das verdient?“

Eine leidgeprüfte alte Frau hat nicht aufgehört, in der Bibel zu lesen und Gott zu fragen: „Wie hab ich das verdient?“ In ihrer Traueransprache gehe ich auf die Art ein, wie der biblische Hiob sich mit seinem Gott auseinandersetzt.

„Wie hab ich das verdient?“ Die Skulptur einer vom Leid niedergedrücken Frau, die sich aber wohl doch dagegen auflehnt.

Wohin mit unserer Klage über niederdrückendes Leid? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gott spricht (Psalm 50, 15):

Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.

Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen von Frau J., die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist. Wir suchen in dieser Stunde Hilfe und Trost von Gott und bringen alles, was uns bewegt, im Gebet vor ihn.

Eingangsgebet

Worte der biblischen Psalmen können uns helfen, unser inneres Gebet zu Gott zu formulieren und zu ordnen. So wie Frau J. ihre Bibel gelesen und zu Gott gerufen hat, so können auch wir heute mit den Worten aus Psalm 116 beten:

1 Ich liebe den HERRN, denn er hört die Stimme meines Flehens.

2 Er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

3 Stricke des Todes hatten mich umfangen, des Totenreichs Schrecken hatten mich getroffen; ich kam in Jammer und Not.

4 Aber ich rief an den Namen des HERRN: Ach, HERR, errette mich!

5 Der HERR ist gnädig und gerecht, und unser Gott ist barmherzig.

6 Der HERR behütet [alle, die sich nicht helfen können]; wenn ich schwach bin, so hilft er mir.

10 Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde sehr geplagt.

Lieber Herr J., liebe Angehörigen, liebe Trauergemeinde!

Es ist gut, wenn wir in schweren Zeiten Menschen um uns haben, die uns beistehen. Und zugleich wissen wir manchmal, dass menschlicher Trost allein uns nicht hilft. Erst wenn wir fest damit rechnen, dass Gottes Liebe uns trägt im Leben und im Sterben, in guten und in bösen Tagen, dann verstehen wir es auch besser, uns gegenseitig zu halten und zu stützen und uns mit unseren begrenzten Kräften ein Trost zu sein.

Um den Trost aus der Bibel hat Frau J. gewusst; sie hat oft mehrmals am Tag in der Bibel gelesen und viele Male Gott angerufen. Sie hatte viel durchmachen müssen in ihrem Leben; doch das hatte sie nicht dazu geführt, sich von Gott abzuwenden, sondern dazu, ihm immer wieder ihr Leid vorzubringen und zu klagen.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Bis vor wenigen Jahren war ihr Leben zwar von Arbeit und Mühe geprägt, aber doch auch von vielen glücklichen Tagen. Dann wurde sie pflegebedürftig, und ihr Lieblingsenkel starb. Das eigene und das fremde Leid hat seitdem auf ihr gelastet, und sie hat immer wieder gebetet und in der Bibel gelesen, um Antwort auf bohrende Fragen zu finden.

Ich weiß nicht, ob Frau J. auch im Buch Hiob gelesen hat; Hiob war ja der Mann der Bibel, der am eindringlichsten die Frage nach dem „Warum?“ gestellt hat. Er war von Gott schwer geprüft worden, er hatte alle seine Kinder verloren, er war mit Krankheit schwer geschlagen. Wenn man ihn aufforderte, sich doch von Gott loszusagen, dann weigerte er sich. An Gott zu glauben nur in guten Tagen, sich dann aber in schweren Tagen von ihm abzuwenden, das hielt er nicht für richtig. Aber Hiob nahm sein Schicksal auch nicht einfach klaglos hin. Wenn seine Freunde ihm einzureden versuchten, dass menschliches Unglück eine Strafe Gottes sei, dann wehrte er sich dagegen, denn ihm war kein Unglück bewusst, das er getan hätte. Hiob konnte sogar seinen Freunden sagen (Hiob 19, 6):

So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat.

An Hiob wird ein Problem deutlich, das alle Menschen, die an Gott glauben, als schwere Belastung erfahren: zu erkennen, dass Gott seine Allmacht nicht immer einsetzt, um Leiden von den Menschen abzuwenden; zu erfahren, dass Gott manches Unglück, manche Katastrophe, manches Böse, das Menschen einander zufügen, zulässt. Und wenn man Gott nicht zu einem machtlosen Götzen herabwürdigen will, führt kein Weg daran vorbei: auch unsere harten Schicksale treffen uns nicht gegen Gottes Willen. Wenn wir es auch nicht verstehen: Gott will zwar nicht unser Unglück, doch er schreitet auch nicht auf übernatürliche Weise ein, um uns aus jedem Unglück zu retten.

Und doch hat Hiob nicht aufgehört, zu Gott zu beten. Im gleichen Kapitel, in dem er seinem Gott Unrecht vorhält, in dem er Gott anklagt, stehen Worte des Vertrauens zu Gott (Hiob 19, 25):

Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

So hält er fest an seinem unerschütterlichen Glauben, dass Gott ihn nicht auf ewig im Elend sitzen lassen kann. Hiob sieht ganz klar, dass es keinen anderen Weg gibt. Es ist der gleiche Gott, der ihm schwer zusetzt und auf den er hofft. Es gibt für Hiob nicht den scheinbaren Ausweg des modernen Menschen, das Dasein Gottes überhaupt zu bestreiten. Hiob ist für uns ein Vorbild in dem Sinn, dass er an Gott auch in schwerstem Leid festhält, dass er sich an seine Verantwortung weiterhin gebunden weiß und dass er alles, was ihn bewegt, auch an Zorn und Anklage gegen Gott, im Gebet Gott selbst sagt. Er lässt sich nicht zum Unrecht hinreißen, er erfüllt weiterhin seine Pflichten, und sei es auch nur, dass er sich nicht selbst das Leben nimmt. Aber er lässt sich auch nicht einreden, er sei ja selber schuld an seinem Leid. Hiob ist das Beispiel eines selbstbewusst Glaubenden, der zu seiner Verantwortung vor Gott steht, aber nicht blind und schweigend glaubt.

Vielleicht hat Frau J. etwas von dem erfahren, was auch Hiob erfahren hatte. Sie wurde es nicht müde, immer wieder ihren Herrgott anzurufen: „Wie hab ich das verdient?“ Es gab auf diese Frage keine Antwort, und doch wandte sie sich nicht von Gott ab. Wir dürfen sie nun, da sie gestorben ist, getrost Gott anvertrauen, der ihr wie uns allen eine Herrlichkeit verheißen hat, von der wir hier nur träumen können.

Vielen wird Frau J. nun fehlen. Sie hat ja auch in der Zeit ihrer Krankheit am Leben der Familie teilgenommen, war geistig interessiert und las neben ihrer Bibel auch die Zeitung. Viele haben nach ihr geguckt, wie es ihr geht. Nun fehlt sie im Haus; sie, die mit ihrer ruhigen Art immer da gewesen war, ist aus diesem Leben abgerufen worden. Was Sie von ihr an Liebe erfahren haben, das wird Ihnen bleiben; Ihre Liebe zu ihr können Sie ihr über den Tod hinaus bewahren. Wir können heute Gott für alles danken, was wir einander geben und voneinander empfangen konnten. Und wenn wir einander etwas schuldig geblieben sind, können wir Gott um Vergebung bitten, so dass uns im Abschied nichts anderes mehr belasten muss.

Für die Familie heißt es nun, sich neu zu orientieren und zugleich mit altem und neuem Schmerz fertigzuwerden. Dazu brauchen Sie die gegenseitige Unterstützung; dazu wünsche ich Ihnen, dass Ihnen ein Glaube geschenkt ist, in der Art, wie Frau J. an Gott festhalten konnte, in der Art, wie Hiob Trost bei Gott fand, den er anklagte, in der Art, wie der Psalmdichter gebetet hat (Psalm 116):

1 Ich liebe den HERRN, denn er hört die Stimme meines Flehens.

2 Er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.

10 Ich glaube, auch wenn ich sage: Ich werde sehr geplagt.

Amen.

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