An der Liebe bleiben wie die Rebe am Weinstock

Im Alten Testament hat man der Weisheit Worte in den Mund gelegt, um sie selber sprechen zu lassen. Auf ähnliche Weise lässt der Evangelist Johannes das „Ich“ des irdischen Jesus im Namen der Liebe Gottes sprechen. Johannes legt dem Jesus vor Ostern Worte in den Mund, die eigentlich erst der auferstandene Jesus sagen kann, der mit Gott im Himmel regiert.

Ein Kirchenfenster mit dem Symbol des Weinstocks, an dem viele Reben mit Trauben hängen

Der Weinstock und seine Reben als Symbol auf einem Kirchenfenster (Bild: pixabay.com)

#predigtGottesdienst am Sonntag Jubilate, den 20. April 1997, um 9.00 Uhr in der Kapelle der Rheinhessen-Fachklinik Alzey

Herzlich willkommen im Gottesdienst am Sonntag Jubilate. Den Namen dieses Sonntags, Jubilate, kann man leicht ins Deutsche übersetzen: Jubiliert, seid froh, singt fröhliche Lieder! Aber kann man das jedem einfach so vorschreiben, fröhlich zu sein und zu jubeln? Nein, das kann man nicht. Niemand soll zu etwas gezwungen werden, was er gefühlsmäßig nicht kann. Es wird sicher auch unter uns heute Menschen geben, die niedergeschlagen oder voller Unruhe sind, die vielleicht erst auf der Suche nach Trost und neuer Zuversicht sind. Und genau darum geht es: In der Bibel wird uns zugesagt, dass diese Suche nicht vergeblich ist. Menschen werden getröstet, vielleicht heute auch wir. Menschen bekommen neuen Mut, und auch wir bitten darum. Die Bibel zeigt uns, warum Menschen durch Gottes Hilfe Grund zum Jubeln hatten, zum Beispiel mit dem Wochenspruch dieser Woche aus 2. Korinther 5, 17:

Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Besonders herzlich begrüße ich heute den Evangelischen Posaunenchor aus Weinheim; er wird gemeinsam mit unserem Organisten, Herrn Vogel, die Lieder begleiten.

Lied 443, 1-2+6:

1) Aus meines Herzens Grunde sag ich dir Lob und Dank in dieser Morgenstunde, dazu mein Leben lang, dir, Gott, in deinem Thron, zu Lob und Preis und Ehren durch Christus, unsern Herren, dein‘ eingebornen Sohn,

2) dass du mich hast aus Gnaden in der vergangnen Nacht vor G’fahr und allem Schaden behütet und bewacht, demütig bitt ich dich, wollst mir mein Sünd vergeben, womit in diesem Leben ich hab erzürnet dich.

6) Gott will ich lassen raten, denn er all Ding vermag. Er segne meine Taten an diesem neuen Tag. Ihm hab ich heimgestellt mein Leib, mein Seel, mein Leben und was er sonst gegeben; er mach’s, wie’s ihm gefällt.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 66:

1 Jauchzet Gott, alle Lande!

2 Lobsinget zur Ehre seines Namens; rühmet ihn herrlich!

3 Sprecht zu Gott: Wie wunderbar sind deine Werke!

4 Alles Land bete dich an und lobsinge dir, lobsinge deinen Namen.

5 Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.

6 Er verwandelte das Meer in trockenes Land, sie konnten zu Fuß durch den Strom gehen. Darum freuen wir uns seiner.

8 Lobet, ihr Völker, unsern Gott, lasst seinen Ruhm weit erschallen,

9 der unsre Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wenn wir keinen Grund zum Jubeln haben – dann wollen wir unsere Sorgen und Lasten auf dich werfen. Wenn wir niedergeschlagen sind, dann halte uns fest und richte uns auf. Wenn wir Hilfe erfahren haben, dann lass uns auch Dankbarkeit spüren und ausdrücken. Und wenn es uns ein wenig besser geht, wenn wir ein Stück Zufriedenheit in uns spüren, dann dürfen wir es genießen und uns freuen. Auch dann, wenn es uns vielleicht schon morgen wieder schlecht gehen mag. Lass jeden Tag seine eigene Plage haben – und hoffentlich auch seine eigene Freude! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus den Sprüchen Salomos. Dort lässt der Spruchdichter die Weisheit selber sprechen, die von Anfang an bei Gott war. Es ist die gleiche Weisheit, die später im Johannesevangelium mit dem Wort der Liebe Gottes und mit dem Gottessohn Jesus Christus gleichgesetzt wird. Wir können diese Worte also auch als Worte der Liebe Gottes hören oder als Worte von Christus an uns (Sprüche 8):

22 Der HERR hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her.

23 Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.

24 Als die Meere noch nicht waren, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen.

25 Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren,

26 als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluten darauf noch die Schollen des Erdbodens.

27 Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über den Fluten der Tiefe,

28 als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe,

29 als er dem Meer seine Grenze setzt und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte,

30 da war ich als sein Liebling bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit;

31 ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.

32 So hört nun auf mich, meine Söhne [und Töchter]! Wohl denen, die meine Wege einhalten!

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 285:

Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen auf den zehn Saiten und Psalter, mit Spielen auf der Harfe. Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

Du lässt uns fröhlich singen von den Werken, die, Herr, deine Hand gemacht. Wie tief sind deine Gedanken; du, Höchster, bleibest ewig. Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

Die deine Rechte halten werden grünen und blühen und fruchtbar sein. Sie werden nimmer vergehen, denn du bist ihre Stärke. Das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, das ist ein köstlich Ding, dem Herren danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.

Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde, vor vierzehn Tagen wurde in vielen Kirchen über den ungläubigen Thomas gepredigt, über diesen Mann, der am Schluss ein sehr gläubiger Thomas wurde. Derselbe Mann, der zuerst gesagt hatte: „Ich glaube nur, was ich sehe und was ich anfassen kann“, der ließ sich innerlich durch den auferstandenen Jesus so sehr anrühren und trösten und ermutigen, dass er zum Schluss ausrief: „Mein Herr und mein Gott!“ Erst nach dem irdischen Tod Jesu konnte Thomas erkennen, wer sein Freund Jesus wirklich gewesen war. In der ganz einfachen, menschlichen Gestalt Jesu erkannte Thomas im Nachhinein seinen Gott und Herrn.

Das, was der Thomas da nach Ostern erfahren hat, das hat Johannes in seinem ganzen Evangelium versucht, anderen Menschen nahezubringen. „Da“, will er auch uns sagen, „seht euch diesen Jesus an, er war nicht nur der Zimmermannssohn, nicht nur der Sohn von Maria, nicht nur ein großartiger Prediger und Heiler, sondern in ihm kam Gott selbst auf die Welt“. Die Weisheit Gottes, die im Alten Testament bildlich ja schon wie eine selbständige Person beschrieben wurde, die hat nun endlich ein für allemal ein menschliches Gesicht bekommen.

Und so beginnt Johannes sein Evangelium mit den Worten (Johannes 1):

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.

14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Gottes Weisheit, Gottes Wahrheit, Gottes Wort – alle diese Worte meinen nichts anderes als das, was Gott für uns Menschen übrig hat. Wort Gottes, das sind die menschenfreundliche Worte, die Jesus an uns richtet, mit denen er uns annimmt, wie wir sind, uns Zuspruch gibt, uns in Anspruch nimmt. An Jesus sehen wir auch, dass Wahrheit nicht tötet, sondern lebendig macht, dass Weisheit keine Klugscheißerei ist, sondern uns hilft, das Leben zu meistern.

Auf unserer Krankenhausseelsorgetagung in der letzten Woche sprach ich mit einer Pfarrerin über das Johannesevangelium. Sie sagte, ihre Mutter habe ihr einen guten Rat gegeben. Überall, wo im Johannesevangelium das Wort „Jesus“ steht, solle man auch einmal das Wort „Liebe“ einsetzen. Dann würde man viel besser verstehen, was Johannes eigentlich sagen wolle.

Es mag sein, dass der irdische Jesus viele der langen Reden, die im Johannesevangelium stehen, gar nicht selber so formuliert hat. Vielmehr hat Johannes nach Ostern in diesen Reden zusammengefasst, welche Bedeutung Jesus für ihn hatte und auch für uns haben kann. Wenn Jesus bei Johannes so großartige Sachen von sich sagt wie: „Ich bin der Weg zu Gott“ oder „Ich bin das Licht der Welt“, dann könnte man sich ja fragen: Warum erwähnen die anderen Evangelisten nicht, dass er etwas so Wichtiges gesagt hat? Das liegt daran, dass der irdische Jesus so etwas von sich selbst wohl wirklich noch nicht gesagt hat; erst nach Ostern fingen die Christen an, über Jesus nachzudenken; und sie kamen genau wie Thomas zu dem festen Glauben, dass sie ohne Jesus nichts von Gott wüssten und nicht zu Gott kommen könnten.

Schon im Alten Testament hat man der Weisheit Worte in den Mund gelegt, um nicht nur über sie zu reden, sondern sie selber sprechen zu lassen. Genauso lässt der Evangelist Johannes in den Worten des irdischen Jesus, so wie er ihn darstellt, sozusagen die Liebe Gottes selber zu Wort kommen. Wo Jesus hier „Ich“ sagt, spricht die Liebe Gottes selbst zu uns. So legt Johannes dem Jesus von vor Ostern Worte in den Mund, die eigentlich erst der auferstandene Jesus hätte sagen können, der Jesus nach Ostern, der Jesus, der mit Gott im Himmel regiert.

Eins dieser Worte von Jesus, in denen er im Johannesevangelium „Ich“ sagt, steht im heutigen Predigttext im Evangelium nach Johannes 15, 1-8. Wir hören diesen Abschnitt nun im Zusammenhang. Jesus spricht:

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Bevor ich nun auf diesen Text näher eingehe, singen wir das Lied 406, 1-3:

Bei dir, Jesu, will ich bleiben, stets in deinem Dienste stehn; nichts soll mich von dir vertreiben, will auf deinen Wegen gehn. Du bist meines Lebens Leben, meiner Seele Trieb und Kraft, wie der Weinstock seinen Reben zuströmt Kraft und Lebenssaft.

Könnt ich’s irgend besser haben als bei dir, der allezeit soviel tausend Gnadengaben für mich Armen hat bereit? Könnt ich je getroster werden als bei dir, Herr Jesu Christ, dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist?

Wo ist solch ein Herr zu finden, der, was Jesus tat, mir tut: mich erkauft von Tod und Sünden mit dem eignen teuren Blut? Sollt ich dem nicht angehören, der sein Leben für mich gab, sollt ich ihm nicht Treue schwören, Treue bis in Tod und Grab?

Liebe Gemeinde, wenn Jesus in Johannes 15 sagt:

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben

– wie ist das gemeint?

Natürlich sind wir nicht wirklich Reben an einem Weinstock, dann müssten ja Trauben an uns wachsen und wir könnten unseren eigenen Saft oder auch Wein herstellen. Für manche wäre das vielleicht reizvoll – für einige auch gefährlich. Aber das ist ja nur Spaß. In Wirklichkeit sind der Weinstock und die Reben ja ein Bild für etwas anderes.

Aber wofür? Müssen wir an Jesus hängen wie eine Klette? Dürfen wir keinen Schritt tun ohne Jesus? Das kann auch nicht stimmen; denn damals, als Jesus mit seinen Jüngern durch die Dörfer ging, da hat er manche Leute auch wieder nach Hause geschickt, die Jünger hat er auch mal allein ausgesandt, um selbständig zu predigen und Leute gesund zu machen. Also muss man nicht äußerlich immer ganz dicht bei Jesus sein. Das ginge ja sowieso nicht, weil Jesus ja seit seinem Tod am Kreuz nicht mehr sichtbar auf der Erde lebt.

Im Bild vom Weinstock geht es also um etwas Unsichtbares. Wir müssen also die Frage beantworten: Wie kann Jesus unsichtbar bei uns sein? Sicher nicht so, wie sich manche einen Geist oder ein Gespenst vorstellen. Ich stelle mir das ganz anders vor. Nämlich so:

So lange Jesus auf der Erde lebte, war er ganz und gar ein Mensch wie wir, mit dem einen Unterschied, dass er zugleich ganz und gar die Liebe Gottes lebte. Damit meine ich dasselbe wie Johannes, wenn er sagt (Johannes 1):

14 Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.

Die Liebe Gottes verkörperte sich in Jesus. Seit Jesu irdischen Lebenstagen also wissen wir viel mehr über Gott. Wir wissen von seiner Menschenfreundlichkeit, von seiner Liebe zu uns. Als dann Jesus starb, da ist nicht etwa die Liebe Gottes gestorben, sondern umgekehrt: Gottes Liebe war stärker als alle Todesmächte. Und wenn wir sagen: Jesus ist auferstanden und sitzt zur Rechten Gottes des Vaters – dann meinen wir: Gott ist niemals mehr anders vorstellbar als so, wie er sich in Jesus offenbart hat – er ist und bleibt ein liebevoller Gott. Zugleich meinen wir: Jesus war nicht nur damals die Liebe Gottes, sondern die gleiche Liebe ist in unserer Welt auch heute noch möglich. Sie sitzt sogar auf dem Thron, Liebe ist das Mächtigste, was es gibt in der Welt – auch wenn es häufig anders aussieht. Liebe ist aber nicht mächtig durch Gewalt, sondern eben dadurch, dass sie andere Menschen ansteckt, zu eigener Liebe anregt. Menschen, die geliebt sind, ziehen andere ganz automatisch in die Atmosphäre der Geborgenheit und der Sinnerfülltheit ihres Lebens mit hinein. So klingt das in unserem Text (Johannes 15):

5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.

Was ist, wenn wir dies einmal so hören, dass wir an die Stelle des „Ich“ die Liebe setzen: „Die Liebe ist der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in der Liebe bleibt und die Liebe in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne die Liebe könnt ihr nichts tun.“ So wie die Reben ohne den Weinstock verdorren, so trocknen wir Menschen aus, wenn wir ohne Liebe sind, wir werden hart und bitter gegen uns selbst und andere Menschen. Aber einfach an der Liebe dranzubleiben wie die Rebe am Weinstock, zu spüren, dass Gott uns liebhat, das ist nach diesem Bild im Johannesevangelium das Natürlichste von der Welt. Menschen, die geliebt werden, können auch andere Menschen lieben.

Noch einmal unterbreche ich die Predigt, und wir singen aus dem Lied 400 die Strophen 1 bis 5:

1) Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

2) Ich will dich lieben, o mein Leben, als meinen allerbesten Freund; ich will dich lieben und erheben, solange mich dein Glanz bescheint; ich will dich lieben, Gottes Lamm, als meinen Bräutigam.

3) Ach, dass ich dich so spät erkannte, du hochgelobte Schönheit du, dass ich nicht eher mein dich nannte, du höchstes Gut und wahre Ruh; es ist mir leid, ich bin betrübt, dass ich so spät geliebt.

4) Ich lief verirrt und war verblendet, ich suchte dich und fand dich nicht; ich hatte mich von dir gewendet und liebte das geschaffne Licht. Nun aber ist’s durch dich geschehn, dass ich dich hab ersehn.

5) Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; ich danke dir, du Himmelswonne, dass du mich froh und frei gemacht; ich danke dir, du güldner Mund, dass du mich machst gesund.

Etwas, liebe Gemeinde, macht mir an unseren Text jedoch ein wenig Kopfzerbrechen. Ich fürchte, dass es da auch etwas gibt, was manche Menschen belastet. Denn da ist ja nicht nur die Rede von den Reben, die am Weinstock bleiben, sondern auch von denen, die nicht dranbleiben:

6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie müssen brennen.

Also, wieder übersetzt in die Sprache der Liebe: „Wer nicht in der Liebe bleibt“, mit dem passiert Schlimmes.

Aber aufgepasst – Jesus darf man sich nicht so vorstellen, als ob er die Leute strafen will, die die Liebe nicht oder noch nicht an sich heranlassen. Nein, er wartet ja auf uns mit unendlicher Geduld. Was er sagen will, ist etwas ganz anderes, nämlich dass wir uns etwas vormachen, wenn wir denken, wir könnten ohne Liebe leben. Denn was geschieht mit Menschen, die keine Liebe kennen? Sie verdorren innerlich und leiden seelische Höllenqualen, sie brennen vor Sehnsucht nach unerreichbarer Liebe. Und all das oft ohne genau zu wissen, was ihnen überhaupt fehlt.

Ich denke an Menschen, die wenig oder gar keine Liebe kennengelernt haben. Sie haben sehr viel Angst davor, sich darauf einzulassen, dass irgendjemand es gut mit ihnen meinen könnte. Sie können es auch nicht glauben, dass Gott sie lieb hat. Und weil sie denken: Liebe kriege ich sowieso nicht, möchten sie auch gar keine haben. So ähnlich wie der Fuchs, der nicht an die Trauben am hohen Zweig heranreichte und dann sagte: „Ich wollte sie sowieso nicht, die sind mir viel zu sauer!“ Manche Menschen haben es einfach satt, schon wieder fallengelassen, zurückgestoßen, wie Abfall weggeworfen zu werden – und um das nicht wieder und wieder neu zu erleben, haben sie irgendwann die Entscheidung getroffen: Jetzt lasse ich niemanden mehr so nahe an mich heran! Aber wenn es dann doch irgendwann einmal jemand gut mit ihnen meint, merken sie es nicht einmal.

Jesus jedenfalls weiß, dass kein Mensch ohne Liebe leben kann; und zugleich, könnte man fast sagen, war er auch der lebende Beweis für Gottes Liebe, wenn es dafür überhaupt einen Beweis geben könnte. Einen Beweis dafür gibt es natürlich nicht, aber das Leben Jesu war eine einzige Einladung, um auf den einen Gott zu vertrauen, von dem wir etwas zu erwarten haben. Darum sagt Jesus nach Johannes auch diesen Satz:

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

Also, „wenn wir in der Liebe bleiben und die Worte der Liebe in uns bleiben“, dann werden auch Gebete erhört. Nicht weil dann Zauberei möglich ist. Sondern weil uns dann bewusst wird, was wir wirklich brauchen – Sinnerfüllung durch Geborgenheit in Gott, Trost in der Trauer, neuer Mut in Hoffnungslosigkeit. Und das bekommen wir dann auch, wenn wir auf Liebe vertrauen, wenn wir offen sind für Hilfe – die manchmal recht unerwartet von anderen Menschen kommen kann.

Im Bild vom Weinstock sagt Jesus uns Menschen, wozu wir auf der Welt sind. Wir sind dafür geschaffen, Frucht zu bringen – und das heißt in der Bibel: nicht großartige Leistungen zu vollbringen, sondern einfach ein Stückchen Liebe zu üben, ein bisschen von dem weiterzugeben, was wir von Gott und von anderen Menschen an Liebe bekommen haben. Jesus drückt das bei Johannes so aus:

1 Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner.

2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.

3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.

Johannes wählt für diese Rede Jesu immer neue Formulierungen aus und scheint sich fast im Kreise zu drehen. Nur eins ist ihm wichtig: Da keine Rebe ohne den Weinstock leben kann, kann sie ohne ihn erst recht keine Frucht bringen. Wenn eine Rebe scheinbar noch mit dem Weinstock verbunden ist, aber keine Frucht bringt, wird sie vom Weingärtner abgeschnitten. Umgekehrt: Reben, die Frucht bringen, müssen gereinigt werden, um noch mehr Frucht bringen zu können. In der menschlichen Wirklichkeit heißt das: Wer so tut, als wäre er kirchentreu und ein frommer Christ, verhält sich aber lieblos und hartherzig, der hat bei Gott gar nichts zu melden. Wer aber offen ist für Liebe, der empfängt und gibt, der ist nicht perfekt und darf auch Fehler machen, der ist immer wieder neu „rein um des Wortes willen“, das Jesus zu uns spricht, und dieses Wort lautet: „Dir sind deine Sünden vergeben, ich traue dir etwas zu, du bist fähig zu lieben!“ Wie gesagt, das können wir nicht aus unserer eigenen Kraft heraus, sondern eben weil wir solche ermutigenden Worte hören, weil wir von Gott geliebt sind:

4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt.

Ohne Liebe können wir keine Frucht bringen, ohne selber geliebt zu sein, können wir auch nicht lieben. Darum, liebe Gemeinde, jeder, der gerne mehr lieben möchte, aber meint, es nicht zu können, sollte sich erst einmal fragen: Wo kriege ich eigentlich meine Liebe her? Bin ich mir eigentlich dessen bewusst, dass ich ein liebenswerter Mensch bin, dass Gott mich liebhat, das ich auch mich selbst liebhaben darf? Nur wenn ich das kann, kann ich auch selber einen anderen Menschen für liebenswert halten und habe genug Kraft, ihn auch wirklich zu lieben. Es ist nicht besonders christlich, nur für andere da sein zu wollen und überhaupt nicht an sich selbst zu denken. Gerade dann, wenn wir die Liebe Gottes an uns heranlassen und gut für uns selbst sorgen, können wir auch gut für unseren Nächsten da sein. Und genau das ist der beste Gottesdienst, den man sich denken kann, wie Jesus bei Johannes abschließend sagt:

8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Wer Liebe annimmt und weitergibt, der folgt Jesus nach, der ist ein Jünger Jesu. Zugleich lobt er damit Gott im Himmel, der nichts weiter im Sinn hat, als uns zu lieben und der Liebe auf Erden zum Sieg zu verhelfen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.
Lied 409: Gott liebt diese Welt

Gott im Himmel, deine Liebe ist ohne irgendeinen Hass, du willst niemanden zerstören oder verdammen, und du leidest daran, wenn Menschen sich selber ins Unglück stürzen, ewig auf Liebe verzichten, niemals ein bisschen Vertrauen wagen.Wir bitten dich, dass wir es aushalten, wenn du uns nahekommst, wenn du uns anrührst, wenn du es nicht zulässt, dass wir uns für böse halten, wenn du uns als liebenswerte Menschen ansprichst und uns ein Stück Verantwortung zutraust. Lass uns nie vergessen: Bei allem, was wir tun und erleiden, bei allem, was wir schaffen oder worin wir versagen: Du lässt uns niemals allein, du schenkst uns deine Vergebung und deinen Trost und jeden Tag einen neuen Anfang. Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser
Lied 157:

Lass mich dein sein und bleiben, du treuer Gott und Herr, von dir lass mich nichts treiben, halt mich bei deiner Lehr. Herr, lass mich nicht wanken, gib mir Beständigkeit; dafür will ich dir danken in alle Ewigkeit.

Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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