Kraft, Liebe, Besonnenheit

Gott sieht unsere Angst und Verzagtheit, unsere Unsicherheit, unsere schwachen Kräfte, sogar unsere Feigheit, und er gibt uns einen neuen Geist, der Verzagtheit überwindet, der uns mutig sein lässt. Denn mutig ist nicht, wer überhaupt keine Angst kennt, sondern der trotz seiner Angst mutig handelt. Das Gegenteil der Feigheit beschreibt der Apostel mit den Worten Kraft, Liebe, Besonnenheit.

Steine im Gras aufeinandergestapelt mit Aufschriften: Balance, Besonnenheit, Glück, Kraft, Vertrauen, Liebe

Worauf bauen wir unser Leben auf? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtTaufgottesdienst am Pfingstsonntag, den 8. Juni 2014, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Gottesdienst am Pfingstsonntag begrüße ich Sie und euch alle herzlich in der Pauluskirche!

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes, das Fest der Nähe Gottes. In unseren Herzen will Gott sich fest verankern, mit seiner Liebe, mit seiner Kraft. Er will uns mit seinem Geist von innen her erfüllen, will uns persönlich und uns als Gemeinde be-geistern.

Beim ersten Pfingstfest, von dem die Apostelgeschichte erzählt, wurden 3000 Menschen getauft. Wir wollen heute einen kleinen Jungen taufen…

Außerdem freuen wir uns darüber, dass Pastor Marius Govor von der rumänischen Pfingstkirche bei uns im Gottesdienst ist. Er macht zur Zeit ein dreiwöchiges Praktikum bei Pfarrer Schütz und liest mit mir gemeinsam das Pfingstevangelium.

Wir singen aus dem Lied 166 die Strophen 1, 2 und 5:

1. Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein; ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein! Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht.

2. Ich bin, Herr, zu dir gekommen, komme du nun auch zu mir. Wo du Wohnung hast genommen, da ist lauter Himmel hier. Zieh in meinem Herzen ein, lass es deinen Tempel sein.

5. Stärk in mir den schwachen Glauben, lass dein teures Kleinod mir nimmer aus dem Herzen rauben, halte mir dein Wort stets für, dass es mir zum Leitstern dient und zum Trost im Herzen grünt.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder“ (Römer 8, 14).

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott im Himmel, wir feiern heute ein Fest, mit dem viele nichts mehr anfangen können. Weihnachten und Ostern, damit verbinden wir Geschichten aus dem Leben Jesu, aber Pfingsten, Heiliger Geist, Geburtstag der Kirche – das kann man viel weniger äußerlich beschreiben, das hat mit uns selber zu tun, ob wir Gott an und in uns wirken lassen.

Pfingsten bedeutet: lebendiger Glaube, lebendige Christen. Komm selbst, Heiliger Geist! Erfülle unseren Gottesdienst mit Leben! Wir rufen zu dir:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Gott, heiliger Geist, du erfüllst uns mit dem, was wir jeweils am notwendigsten brauchen, was für uns gerade „dran“ ist: mit Ruhe und Entspannung, mit Zuversicht und Freude, oder auch mit heilsamer Unruhe, mit dem Mut zum nächsten Schritt.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, heiliger Geist, deine Liebe ist größer als unsere Angst, größer als unser Hass, größer als unsere Gleichgültigkeit. Du willst uns nicht zu etwas zwingen, was wir nicht wirklich wollen, du manipulierst uns nicht. Darum dürfen wir dir erlauben, in uns einzudringen als ein sanfter, behutsamer Geist, damit wir uns verwandeln lassen, dass einer des anderen Sprache verstehe, dass Angst überwunden wird und Vertrauen entsteht. Wir bitten: Komm, heiliger Geist! So beten wir zu dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung zum Pfingstfest 2014 aus der Apostelgeschichte 2 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

1 Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.

2 Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.

3 Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder.

4 Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

5 In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.

6 Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.

7 Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden?

8 Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören…

12 Alle gerieten außer sich und waren ratlos. Die einen sagten zueinander: Was hat das zu bedeuten?

13 Andere aber spotteten: Sie sind vom süßen Wein betrunken.

14 Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte!

15 Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen;

16 sondern jetzt geschieht, was durch den Propheten Joël gesagt worden ist:

17 In den letzten Tagen wird es geschehen, so spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein, eure jungen Männer werden Visionen haben, und eure Alten werden Träume haben.

21 Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet.

37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?

38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um, und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung seiner Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.

39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.

40 Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Laßt euch retten aus dieser verdorbenen Generation!

41 Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen das Lied 129:

1. Freut euch, ihr Christen alle, Gott schenkt uns seinen Sohn; lobt ihn mit großem Schalle, er sendet auch vom Thron des Himmels seinen Geist, der uns durchs Wort recht lehret, des Glaubens Licht vermehret und uns auf Christus weist.

3. Verleih, dass wir dich lieben, o Gott von großer Huld, durch Sünd dich nicht betrüben, vergib uns unsre Schuld, führ uns auf ebner Bahn, hilf, dass wir dein Wort hören und tun nach deinen Lehren: das ist recht wohlgetan.

4. Von oben her uns sende den Geist, den edlen Gast; der stärket uns behende, wenn uns drückt Kreuzeslast. Tröst uns in Todespein, mach auf die Himmelstüre, uns miteinander führe zu deinem Freudenschein!

Liebes Ehepaar …, liebe Paten, liebe Gemeinde!

Das Pfingstfest ist auch ein Tauf-Fest, haben wir gehört, 3000 Leute ließen sich damals taufen und bildeten mit dem Kreis der ursprünglichen Jüngerinnen und Jünger Jesu die erste Kirchengemeinde. Zugleich versprach ihnen der Apostel Petrus das Geschenk des Heiligen Geistes: „euch und euren Kindern“, sagte er.

In den verschiedenen christlichen Kirchen ist es umstritten, ob man Kinder taufen darf oder soll. Die Pfingstkirche in Rumänien tauft nur Erwachsene, ähnlich wie die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde der Baptisten. In den katholischen und evangelischen Kirchen gibt es beides: die Taufe von Erwachsenen und Kindern. Wenn Eltern den Wunsch haben, dass ihr Kind mit ihnen gemeinsam zu Jesus gehören und in der Gemeinschaft der Kirche groß werden soll, und wenn sie sich verpflichten, ihr Kind christlich zu erziehen, dann ist es unserer Auffassung nach in Ordnung, ein solches Kind zu taufen. Später, wenn es konfirmiert wird, kann es dann selber bewusst zum Glauben Ja sagen.

Vor fünf Jahren haben wir aus Ihrer Familie gleich zwei Personen getauft: den Vater … und den damals 1-jährigen Sohn … . Heute taufen wir …s kleinen Bruder …, der heute genau 1 Jahr und 5 Monate alt ist. Die beiden Brüder sind in ihrer Art ganz unterschiedlich; der … ist wohl dauernd in Bewegung, er hält die Erwachsenen auf Trab; … ist eher zurückhaltend, ein ruhiger Vertreter.

Der Taufspruch für … steht im 2. Timotheus 1, 7:

„Gott hat uns gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Dieser Spruch schien uns nicht nur gut zu der Wesensart von Alexander zu passen, er passt auch so gut zum heutigen Pfingstfest, dass ich nachher auch darüber predigen werde.

An dieser Stelle möchte ich nur so viel sagen: Gott will uns und auch diesem Kind einen ganz bestimmten Geist geben. Dieser Geist besteht aus drei Teilen, die miteinander zusammenhängen: Kraft, Liebe, Besonnenheit. Kraft soll … bekommen, stark soll er sein, selbstbewusst und mutig. Aber ohne die Liebe könnte ein Junge und ein Mann mit seiner Kraft vielleicht auch Böses anrichten, darum ist ihm auch Liebe geschenkt. Denn die Kraft, die uns der Geist Gottes gibt, will uns mit anderen Menschen verbinden, sie ist uns gegeben, damit wir einander helfen. Ausdrücklich nennt Paulus diesen Geist auch einen Geist der Besonnenheit. Damit ist gemeint: Überlegen, bevor man spricht oder etwas tut. Ein Problem von verschiedenen Seiten aus betrachten, bevor man sich eine Meinung bildet. Mit Menschen reden und versuchen, sie zu verstehen, bevor man über sie urteilt oder sogar schlecht redet, ohne sie zu kennen.

Was Gottes Geist nicht ist, sagt der Taufspruch für … auch: er ist kein Geist der Furcht. Gott nimmt uns zwar so an, wie wir sind, mit unserer Angst und Schüchternheit, er hat uns ja so verschieden geschaffen, wie wir sind, und der eine ist nun mal mehr ein Draufgänger und der andere hält sich mehr zurück. Aber auch ein ruhiger Mensch darf sich etwas zutrauen, darf mutig seine Angst und Verzagtheit überwinden.

So wünschen wir dem kleinen … auf seinem Lebensweg die Kraft, die Liebe und die Besonnenheit, die Gott ihm durch seinen heiligen Geist schenken will.

Glaubensbekenntnis und Taufe

Wir singen das Lied 574:

Segne dieses Kind und hilf uns, ihm zu helfen
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, nun möchte ich mit Ihnen und euch gemeinsam den Taufspruch von … noch einmal genauer betrachten. Er steht in einem Brief, über dem als Absender der Apostel Paulus steht, im 2. Timotheusbrief. Trotzdem sagen heute viele Theologen mit guten Gründen: Paulus hat diesen Brief wahrscheinlich doch nicht selber geschrieben. Hier werden andere Wörter, ein anderer Stil benutzt als in den echten Paulusbriefen, und dieser Brief richtet sich an eine spätere Generation als die des Paulus. Es mag ein Schüler des Paulus gewesen sein, der die Predigt seines Lehrers getreu weitertragen und am Anfang des 2. Jahrhunderts einer neuen Generation mit neuen Worten verständlich machen wollte, was er von Paulus gelernt hatte. Andere Theologen, vor allem aus den Freikirchen, sagen allerdings: warum soll Paulus diesen Brief nicht doch selber geschrieben haben? Er kann im Alter sein Denken, seinen Schreibstil verändert haben. Genau können wir es nicht wissen. Aber das ist im Grunde auch nicht wichtig. Denn wer auch immer den 2. Timotheusbrief geschrieben hat: Er enthält ermutigende Worte an Menschen, die in einer neuen Zeit Mut brauchen. Wenn diese Worte aus dem Geist Gottes auch unser Herz erreichen, dann hat dieser biblische Brief seinen Sinn und Zweck erfüllt.

Hören wir nun also zur Predigt aus 2. Timotheus 1, 1-7:

1 Paulus, ein Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus,

2 an meinen lieben Sohn Timotheus: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn!

3 Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen, wenn ich ohne Unterlass deiner gedenke in meinem Gebet, Tag und Nacht.

4 Und wenn ich an deine Tränen denke, verlangt mich, dich zu sehen, damit ich mit Freude erfüllt werde.

5 Denn ich erinnere mich an den ungefärbten Glauben in dir, der zuvor schon gewohnt hat in deiner Großmutter Lois und in deiner Mutter Eunike; ich bin aber gewiss, auch in dir.

6 Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckst die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände.

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Ein Apostel schreibt seinem Sohn einen Brief. Es ist nicht sein leiblicher Sohn, aber ein Mensch, den er liebt wie sein eigenes Kind. Sein Name ist „Timo-theus“, das heißt „Fürchte-Gott“ oder „Gott-Lieb“. Im Grunde können sich jede Frau und jeder Mann, jeder Junge und jedes Mädchen, mit dieser Anrede angesprochen fühlen: wir alle sind von Gott geliebt und können auf Gottes Liebe in unserer eigenen Weise antworten. Von Paulus selbst oder in seinem Namen wird uns Leben versprochen: Gnade, Barmherzigkeit und Friede.

Dankbar ist der Briefschreiber, dass er selber wie seine Vorfahren mit reinem Gewissen Gott gedient hat. Und er erinnert sich dankbar, dass schon die Mutter und Großmutter des Timotheus aus einem, wie Luther übersetzt, „ungefärbten Glauben“ heraus gelebt haben. Wörtlich steht da „ungeheuchelt“; da wird ein echter Glaube durch die Generationen weitergetragen, und auch Timotheus selber bleibt diesem Glauben treu.

Das passt in eine Zeit, in der der Glaube an Christus schon eine Tradition geworden ist. Die Mutter gibt ihren Glauben an ihre Kinder weiter, die Oma an die Enkel, und jede neue Generation muss für sich neu entscheiden, ob sie dem Glauben treu bleiben will und auf welche Weise sie den Glauben für ihre Zeit bewahren und bewähren will und kann.

Es ist schön, wenn Christen, die gar nicht miteinander verwandt oder befreundet sind, aneinander denken und füreinander beten. Noch selbstverständlicher können Eltern und Paten mit ihren Gedanken und Gebeten bei den Kindern sein, die ihnen anvertraut sind. Denn Kinder brauchen zugleich Freiheit und Liebe, Begleitung, Hilfe, Gespräche und gute Grenzen, damit sie sich selber entwickeln und ihren eigenen Weg gehen können.

Was ist das Ziel all dieser Gedanken und Gebete, wohin soll sich ein geliebtes Gotteskind entwickeln, auf welchen Wegen soll es gehen? Der Apostel sagt: Es kommt erst einmal alles auf den Anfang an. Ich sehe, dass du einen Glauben hast wie deine Mutter Eunike, wie deine Oma Lois. Dein Gottvertrauen ist echt. Du willst niemandem etwas vormachen, du musst niemandem etwas beweisen. Und „aus diesem Grund erinnere ich dich daran, dass du erweckst die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände“.

Wir bekommen heute selten direkt die Hände aufgelegt, aber der Segen, den wir zum Beispiel im Gottesdienst geben und empfangen, ist so etwas Ähnliches: Eine Handauflegung sozusagen aus der Entfernung. Wenn wir uns von Gott segnen lassen, tragen wir Gottes Gabe schon in uns und im Namen Gottes sagt uns der Apostel: „Vergiss nicht diese Gabe Gottes, die in dir ist. Lass sie wach werden, wecke die Kräfte auf, die Gott dir schon längst geschenkt hat.“

Und dann wird der Apostel konkret und sagt genau, was da in uns steckt: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Gottes Gabe an uns ist also Gottes Geist, ein Geschenk, das man nicht unmittelbar sehen und begreifen kann. Nur dann, wenn wir diesen Geist in uns und aus uns heraus wirken lassen, können wir und andere ihn wahrnehmen.

Er ist nicht ein Geist der Verzagtheit, wörtlich steht da im Griechischen das Wort „Feigheit“. Einen Geist der Verzagtheit, der Feigheit hat uns Gott nicht gegeben.

Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir Erinnerungen meiner Mutter ein. Als junge Frau war sie im Zweiten Weltkrieg oft auf der Flucht, musste Zwangsarbeit unter russischer Kommandantur leisten und wurde schließlich aus ihrer Heimat vertrieben. Sie fühlte sich oft verzagt und hatte wirklich Grund, sich zu fürchten vor Hunger und Typhuserkrankungen, vor Vergewaltigung und vor dem Tod durch Entkräftung. Aber sie erinnerte sich zugleich an biblische Gebete und Kirchenlieder, die ihr Mut machten. Sie wusste: Gott sieht unsere Angst und Verzagtheit, unsere Unsicherheit, unsere schwachen Kräfte, sogar unsere Feigheit, und er gibt uns einen neuen Geist, der Verzagtheit überwindet, der uns mutig sein lässt. Denn mutig ist nicht, wer überhaupt keine Angst kennt, sondern der trotz seiner Angst mutig handelt.

Ich selber habe eine viel behütetere Kindheit und Jugendzeit erlebt als meine Mutter. Doch ich gebe zu, dass ich mich als Kind oft feige fühlte. Vielleicht war ich aber auch nur unsicher: Ich war kleiner und fühlte mich schwächer als andere Jungen, manche Erwachsenen nannten mich „schwächlich“ und andere Kinder riefen: „feige!“, wenn ich mich nicht traute, etwas zu tun, was mir Angst machte. Noch als junger Mann war ich mir nicht sicher: Bin ich jetzt feige, wenn ich den Kriegsdienst verweigere? Tue ich das, weil ich nicht in die Gefahr kommen will, getötet zu werden? Oder ist es sogar mutig, wenn ich gegen den Strom schwimme und für meine Überzeugung eintrete, dass man Frieden, gerade damals, in der Zeit des Kalten Krieges, mit Waffengewalt nicht wirklich sichern kann?

Das Gegenteil der Feigheit beschreibt der Apostel mit den Worten Kraft, Liebe, Besonnenheit.

Mit Kraft ist keine besondere Körperkraft gemeint, sondern wörtlich steht da „dynamis“. Es geht um Dynamik, um eine Bewegung nach vorn, nach oben, hin zu guten Zielen. Es geht darum, Kraft zu bekommen, um auf dem Weg Gottes Schritt für Schritt vorwärts gehen zu können. Oder aufwärts, wie es in dem Lied heißt: „Nun aufwärts froh den Blick gewandt und vorwärts fest den Schritt. Wir geh‘n an unsers Meisters Hand, und unser Herr geht mit.“

Dass Gottes Geist ein Geist der Liebe ist, ist so selbstverständlich, dass ich das nicht viel erläutern muss. Liebe ist ja das oberste Gebot bereits des Alten Testaments. Jesus schreibt es uns noch einmal eindringlich ins Herz (Johannes 15, 12):

„Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.“

Mit dem Hinweis auf die Besonnenheit mutet uns der Apostel eigenes Denken zu. Er nimmt uns nicht die Antwort auf die Frage ab, wie wir unsere Angst überwinden, wie wir unser Leben meistern und wie wir alle gemeinsam Gerechtigkeit und Frieden herstellen und sichern wollen. So lange sich nicht alle Menschen an die Gebote Gottes und die Gesetze des Staates halten, werden Polizei und Justiz notfalls das Recht mit Gewalt durchsetzen müssen. Und die meisten Menschen halten auch das Militär für notwendig, um zu verhindern, dass ein Staat einfach von einem anderen überfallen wird. Immer wichtiger wird aber die Erkenntnis, dass Friede vor allem dadurch entsteht, dass man Vertrauen aufbaut, über Grenzen hinweg zusammenarbeitet, in Krisensituationen unermüdlich verhandelt.

Gottes Geist jedenfalls ist eine Kraft, die es nicht ohne Liebe und nicht ohne Besonnenheit gibt. Es ist eine Kraft, die uns geschenkt ist, die wir als geliebte Kinder Gottes bereits in uns tragen, wir müssen sie nur erwecken, Ja zu ihr sagen und sie benutzen.

Das müssen wir nicht allein tun, denn diese Kraft ist eingebettet in eine Liebe, die uns mit anderen Christinnen und Christen zusammenschließt. Es mag manchmal schwer sein, zu erkennen, was wir tun sollen, aber die nötige Besonnenheit, um das herauszufinden, gibt Gott uns ebenfalls dazu – völlig gratis – aus Gnade, weil er uns liebt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 557:

Ein Licht geht uns auf in der Dunkelheit
Fürbitten und Gebetsstille und Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 171:

Bewahre uns, Gott, behüte uns, Gott
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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