Beschneidung des Herzens

Vom Blutbräutigam zum Glauben, der durch Liebe tätig ist.

Unsere Taufe ist die christliche Form der Beschneidung; als Getaufte gehören wir zu Jesus Christus, legen wir das fleischliche Wesen ab, wird abgeschnitten, was uns von Gott trennt. Ein Rosenbusch oder eine Weinrebe müssen beschnitten werden, um neue Blüten oder Früchte hervorzubringen. Auch der Christ ist bleibend auf Vergebung angewiesen.

Beschneidung Christi, Szene von einem Flügelretabel mit Darstellungen aus dem Leben Mariens und der Kindheit Jesu, Brabant, um 1480 (aus Mengen, Nord-Brabant)

Beschneidung Christi, Szene von einem Flügelretabel mit Darstellungen aus dem Leben Mariens und der Kindheit Jesu, um 1480 (aus Mengen, Nord-Brabant). Foto: Andreas Praefcke (via Wikimedia Commons)

#predigtGottesdienst am Neujahrstag, 1. Januar 2006, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Tag, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich zum ersten Abendmahlsgottesdienst im Neuen Jahr mit der Jahreslosung aus dem Buch Josua 1, 5b (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart). Gott spricht:

Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.

Eigentlich ist der erste Tag im neuen Kalenderjahr gar kein kirchlicher Feiertag, denn das Kirchenjahr hat ja schon am 1. Advent begonnen. An jedem Neujahrstag gibt es aber einen Festanlass, den wir als Christen normalerweise nicht wichtig nehmen: acht Tage nach Heiligabend verzeichnet der kirchliche Festkalender den Tag der Beschneidung Jesu. Dieser Neujahrsgottesdienst wird zeigen: Die „Beschneidung des Herzens“ kann auch ein Thema für Christen sein.

Wir singen das Lied 60 nach der Melodie 24:

1. Freut euch, ihr lieben Christen all, lobsinget Gott mit hellem Schall, ja singt und spielt aus Dankbarkeit dem Herrn im Herzen allezeit,

2. dass er uns seinen liebsten Sohn herabgesandt vons Himmels Thron, zu helfen uns aus aller Not, zu tilgen Teufel, Sünd und Tod.

3. Du mein herzliebstes Jesulein wollst unser Herz und Sinn allein dabei erhalten stet und fest, dass du der recht Nothelfer bist;

4. wollst uns auch dies angehend Jahr vor Leid behüten und Gefahr, auch Krankheit, Tod und Kriegesnot abwenden als ein gnäd’ger Gott,

5. auf dass dein Wort in diesem Land zunehm und wachs ohn Widerstand, auch Friede, Treu, Gerechtigkeit befördert werd zu aller Zeit.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Vor einer Woche am Geburtsfest Jesu haben wir die Weihnachtsgeschichte nach Lukas gehört. Unmittelbar im Anschluss daran steht im Evangelium nach Lukas 2, 21 folgender Vers:

21 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden musste, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

Darum ist heute am Neujahrstag, acht Tage nach Heiligabend, auch der Tag der Beschneidung des kleinen Jesus. Als Gott in Jesus Mensch wurde, kam er als Jude zur Welt.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Für uns Christen ist die Beschneidung ein fremdartiger Brauch. Aber schon bei den Juden ging es dabei nicht nur um ein äußeres Zeichen, sondern die Beschneidung hatte auch eine symbolische Bedeutung. Im 5. Buch Mose – Deuteronomium 30, 6 heißt es:

6 Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommen, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele, auf dass du am Leben bleibst.

Hier geht es um eine Beschneidung der Herzen, so wie man Weinreben oder Rosen beschneidet, damit sie besser gedeihen. Von dieser Haltung können auch wir Christen lernen: seine Grenzen zu kennen, und nicht alles haben oder tun zu wollen, was man will. Wir rufen zu Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Denken wir als Christen an die Beschneidung, gehen wir davon aus, dass diese Pflicht nur für Juden gilt, nicht für uns Christen. Der Brief an die Kolosser 3, 9-11, sagt: Das ist so, weil wir durch Christus neue Menschen geworden sind:

9 Ihr habt den alten Menschen mit seinen Werken ausgezogen

10 und den neuen angezogen, der erneuert wird zur Erkenntnis nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat.

11 Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott lass uns das Neue Jahr ein Jahr des Herrn werden. Sei bei uns in diesem Gottesdienst mit deinem Wort und deiner Liebe. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören aus dem 1. Buch Mose – Genesis 17:

1 Als nun Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien ihm der HERR und sprach zu ihm: Ich bin der allmächtige Gott; wandle vor mir und sei fromm.

2 Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir schließen und will dich über alle Maßen mehren.

3 Da fiel Abram auf sein Angesicht. Und Gott redete weiter mit ihm und sprach:

4 Siehe, ich habe meinen Bund mit dir, und du sollst ein Vater vieler Völker werden.

5 Darum sollst du nicht mehr Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein; denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker.

7 Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, dass es ein ewiger Bund sei, so dass ich dein und deiner Nachkommen Gott bin.

Herr, dein Wort ist unseres Fusses Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir bekennen gemeinsam unseren Glauben als Christinnen und Christen, der im Bekenntnis zum allmächtigen Gott dem Glauben der Juden an den Gott Abrahams entspricht:
Glaubensbekenntnis
Lied 184: Wir glauben Gott im höchsten Thron
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, für mich war es spannend, in der Bibel nachzulesen, was sie alles über die Beschneidung zu erzählen weiß. Eine sehr alte Kurzgeschichte steht im 2. Buch Mose – Exodus 4, 24-26. Mose hat den Auftrag bekommen, das Volk Israel in die Freiheit zu führen. Nun ist er gemeinsam mit seiner Frau Zippora unterwegs nach Ägypten. Es wird Nacht, und es wird unheimlich:

24 Und als Mose unterwegs in der Herberge war, kam ihm der HERR entgegen und wollte ihn töten.

25 Da nahm Zippora einen scharfen Stein und beschnitt ihrem Sohn die Vorhaut und berührte damit seine Scham und sprach: Du bist mir ein Blutbräutigam.

26 Da ließ er von ihm ab. Sie sagte aber Blutbräutigam um der Beschneidung willen.

Das ist faszinierend und abstoßend zugleich. Wie kann das sein? Gott, der eben Mose den Auftrag gegeben hat, sein Volk aus der Sklaverei zu befreien, benimmt sich hier wie ein böser Dämon und fällt über seinen eigenen Propheten her?

Wir haben hier ein Beispiel für die Art, wie die Bibel mit uralten Überlieferungen umgeht: sie tut es in Ehrfurcht, auch bei schwierigen Texten, und bewahrt sie auf. Die Erzählung ist sicher viel älter als die eigentliche Mosegeschichte; mündlich erzählte man sich wohl ursprünglich von einem Dämon, der dem Mose gefährlich wird. Sollte man die Geschichte weglassen, als die Bibeltexte aufgeschrieben wurden? Spannend genug war sie doch. Nein, man passte sie dem Glauben an den Einen Gott an. Man wollte keine Geschichten von fremden Dämonen in der Bibel haben, aber das Stück Wahrheit, das sie enthält, wollte man bewahren, und so erzählte man sie weiter als eine Geschichte vom Einen Gott, der in der Tat zuweilen als unheimliche und bedrohliche Macht erlebt wird.

Noch eigentümlicher wird die Geschichte, als die Frau des Mose die Bedrohung auf ihre Weise abwehrt. Es erinnert an magische Rituale von Geisterjägern, wenn sie ihren Sohn beschneidet und mit der blutigen Vorhaut seine Scham berührt. Sagen Sie nicht: Das sind ja archaische Vorstellungen aus grauer Vorzeit! Denken Sie nur daran, wie man vor noch nicht allzu langer Zeit auch die christliche Taufe als quasi magisches Ritual angesehen hat, um einen Säugling und seine Mutter vor Gefahren zu schützen; war es nicht so, dass man Mütter davor gewarnt hat, mit ihrem ungetauften Kind aus dem Haus zu gehen? Und dass auch unsere Zeit die Faszination kennt, die von dämonischen Mächten ausgeht, ist leicht an Fernsehserien wie Buffy oder Charmed oder Filmen von Stephen King zu erkennen.

Zurück zur Geschichte von Mose, seinem Sohn und seiner Frau Zippora – wessen Scham berührt sie eigentlich? Die ihres Jungen doch wohl nicht, das gäbe keinen Sinn. Die ihres Mannes vielleicht, der mit dem Symbol der Beschneidung vor dem Tod geschützt wird. Oder berührt sie demonstrativ den Dämon selbst an seiner empfindlichsten Stelle, um seine Macht zu bannen? Sie sagt – wieder ist nicht ganz klar, zu wem: „Du bist mir ein Blutbräutigam!“ Ist es der den beiden dämonisch begegnende Gott, mit dem sie sich auf diese Weise eng verbündet, um ihren Mann zu schützen? Oder nennt sie ihren Mann so? Dann würde sie den Bund Gottes mit den Männern des Volkes Israel mit dem Bild der Hochzeit deuten: So eng wie sich Braut und Bräutigam zusammenschließen, so unauflöslich soll der Bund zwischen Gott und seinem Volk bestehen bleiben.

Und noch eine Frage: Warum nimmt Zippora einen scharfen Stein als Werkzeug für die Beschneidung? Vielleicht hat sie nichts anderes zur Hand. Oder will man in den alten Zeiten für eine so heilige Handlung keine modernen Messer aus Metall nehmen? Als im Buch Josua 5, 2 eine ganze Armee von Israeliten beschnitten wird, bekommt Josua von Gott die ausdrückliche Anweisung:

Mache dir steinerne Messer und beschneide die Israeliten wie schon früher.

Es gibt auch nüchternere Texte in der Bibel über die Beschneidung. Als Abram von Gott zur Nachfolge berufen wird und den neuen Namen Abraham bekommt (diesen Abschnitt aus dem 1. Buch Mose 17 hat Frau Kallus vorgelesen), gibt ihm Gott sogleich den Auftrag:

9 Und Gott sprach zu Abraham: So haltet nun meinen Bund, du und deine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht.

10 Das aber ist mein Bund, den ihr halten sollt zwischen mir und euch und deinem Geschlecht nach dir: Alles, was männlich ist unter euch, soll beschnitten werden;

11 eure Vorhaut sollt ihr beschneiden. Das soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und euch.

12 Jedes Knäblein, wenn’s acht Tage alt ist, sollt ihr beschneiden bei euren Nachkommen.

So haben es auch Maria und Josef mit ihrem Sohn Jesus gemacht. Was bei den Christen die Kindertaufe ist, ist bei den Juden die Beschneidung. Vom Stammvater Abraham an gilt die Beschneidung als äußeres Zeichen für den Bund des Volkes Israel mit Gott. Durch die Beschneidung ist ein Mann aus Israel für immer mit seinem Volk und seinem Gott verbunden und zugleich von den anderen Völkern unterschieden.

Oft genug wurden Juden wegen der Beschneidung verfolgt oder die Beschneidung wurde verboten, zum Beispiel unter dem Sowjetkommunismus, weil man den Juden unterstellte, sie würden die kleinen Jungen kastrieren. Aber Juden wollten nie die Zeugungsfähigkeit verhindern oder die Lust abtöten; zur Sexualität hat das Judentum in der Regel ein entspannteres Verhältnis als das Christentum. Die jüdische Beschneidung hat daher auch nichts mit der grausamen Beschneidung von Mädchen und Frauen zu tun, die verhindern soll, dass sie Lust empfinden können.

Wir hörten schon, dass die Beschneidung später im Volk Israel immer weniger im Sinne einer magischen Abwehr von dämonischen Mächten und immer mehr als Zeichen für den persönlichen Bundesschluss mit Gott verstanden worden ist. Im 5. Buch Mose – Deuteronomium 10 wird das Volk Israel eindringlich darauf hingewiesen, dass Gott nichts anderes will, als dass das Volk ihn fürchtet und liebt und seine Gebote hält. Wörtlich heißt es weiter:

14 Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darinnen ist, das ist des HERRN, deines Gottes.

15 Und doch hat er nur deine Väter angenommen, dass er sie liebte, und hat ihre Nachkommen, nämlich euch, erwählt aus allen Völkern, so wie es heute ist.

16 So beschneidet nun eure Herzen und seid hinfort nicht halsstarrig.

Israel war nicht das vorbildlichste Volk, sondern es widersetzte sich oft halsstarrig wie ein Maulesel den guten Geboten Gottes. Unermüdlich erinnern Propheten daran, wie unglaublich es ist, dass Gott ausgerechnet dieses kleine Volk ins Herz geschlossen hat. Auf die Liebe Gottes soll es mit Liebe antworten – das ist mit der Beschneidung der Herzen gemeint. Nun war die Beschneidung endgültig kein Abwehrzauber mehr gegen dämonische Mächte, auch nicht einfach nur ein äußeres Zeichen für den Bund zwischen Gott und seinem Volk. Wer beschnitten war, musste sich durch seine innere Einstellung als ein wahrer Angehöriger des Gottesvolkes erweisen.

In diesem Sinne wird Jesus als jüdischer kleiner Junge mit acht Tagen beschnitten. Und er bleibt zeit seines Lebens ein Jude.

Allerdings legt er den Glauben an den Gott Israels in einer solchen Vollmacht aus, dass die Männer und Frauen, die ihm nachfolgen, schon bald in ihm den Sohn Gottes selbst erkennen. Wenn einer es erreichen soll, dass die Menschen ihre Herzen beschneiden, von allem Wildwuchs der Sünde befreien und sich ganz für die Liebe Gottes öffnen, dann ist es dieser Jesus! Im Vertrauen zu Jesus öffnet sich den Menschen Gottes Reich wie von selbst. Im Lauf der Zeit stellen Jesus und seine Nachfolgegemeinschaft immer wieder fest: Wenn sie geschieht, die Beschneidung des Herzens, dann ist sie nicht auf Angehörige des jüdischen Volkes beschränkt. Ein römischer Hauptmann hat mehr Vertrauen zu Jesus als mancher frommer Jude, eine syrophönizische Frau beeindruckt Jesus in einer Diskussion so sehr, dass er seinen Standpunkt, er sei nur zum Volk Israel gesandt, überdenkt. Am Ende steht die Erfahrung, dass der Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus nicht nur von Juden, sondern auch von unbeschnittenen Heiden angenommen wird.

Wie soll die junge Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden damit umgehen? Es gibt Judenchristen, die darauf bestehen: Jeder Christ muss beschnitten werden, denn unser Glaube ist keine neue Religion, unser Gott kein neuer Gott, und der Bund des Gottes Israels wird in Jesus Christus nicht aufgelöst, sondern erfüllt.

Dagegen wendet sich am entschiedensten der Völkerapostel Paulus, und er hat Erfolg. Nicht die Beschneidung als solche und nicht die bleibende Berufung der Juden als Gottesvolk lehnt er ab, sondern Paulus, der Jude, nimmt Abschied von der Beschneidung als Bedingung, um zu Gott zu gehören. In 1. Korinther 7 schreibt Paulus:

17 Nur soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden.

18 Ist jemand als Beschnittener berufen, der bleibe bei der Beschneidung. Ist jemand als Unbeschnittener berufen, der lasse sich nicht beschneiden.

19 Beschnitten sein ist nichts, und unbeschnitten sein ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten.

20 Jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde.

Die Beschneidung wird zu einem äußeren Zeichen, das allein für Angehörige des jüdischen Volkes Geltung behält und dem sich nicht alle Christen unterziehen müssen. Entscheidend ist das Halten der Gebote Gottes, wozu auch die Liebe denen gegenüber gehört, die den eigenen Glauben nicht teilen. Im Galaterbrief wendet sich Paulus noch schärfer gegen eine Pflicht zur Beschneidung auch für Christen. In Galater 5 und Galater 6 schreibt er zwei Mal den gleichen Satz mit jeweils etwas anderer Begründung:

6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

15 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur.

Hier wird deutlich, wie sich durch den Glauben an Christus für den Juden Paulus die Haltung zur Beschneidung verändert hat. Die Juden forderten bereits die Beschneidung des Herzens in der Liebe zu Gott und im Halten seiner Gebote. Paulus wusste, dass zur Gottesliebe und zum Halten der Gebote nur fähig ist, wer von Gott neu geschaffen worden ist als neue Kreatur – und das geschieht im Glauben an Jesus Christus. Gott selber kommt auf die Erde, sein Reich ist mitten unter uns, er liebt uns einfach, wie wir sind, er weckt ein solches Vertrauen in uns, dass wir zur Liebe fähig werden.

Im Brief an die Kolosser 2 wird eine christliche Lehre von der Beschneidung auf den Punkt gebracht, wenn es dort von Jesus Christus heißt:

9 Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig,

10 und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist.

11 In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus.

Es ist für uns Christen nicht nötig, beschnitten zu werden, um zu einem besonderen Gottesvolk zu gehören, weil wir mit allen Menschen auf Erden dem Herrn angehören dürfen, in dem Gott selber sich verkörpert. Nur eine Bedingung gibt es für die Zugehörigkeit zu Christus: seine Liebe annehmen, zu ihr Ja sagen.

Das geschieht in der christlichen Taufe. Unsere Taufe ist die christliche Form der Beschneidung; als Getaufte gehören wir zu Jesus Christus. Als Getaufte legen wir das fleischliche Wesen ab, wird das, was uns von Gott trennt, von uns abgeschnitten. Ein Rosenbusch oder eine Weinrebe müssen immer wieder beschnitten werden, um neue Blüten oder Früchte hervorzubringen. Auch der Christ ist bleibend auf Vergebung angewiesen: nach Martin Luther können wir uns hier auf Erden nicht endgültig aus dem Sünder-Sein verabschieden, aber wir können Liebe annehmen und weitergeben. So gehen wir getrost ins Neue Jahr als Christen, die nicht besser sind als andere Menschen. Doch wir haben einen Herrn, der uns tröstet und vergibt, ermutigt und befreit. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 61:

1. Hilf, Herr Jesu, lass gelingen, hilf, das neue Jahr geht an; lass es neue Kräfte bringen, dass aufs neu ich wandeln kann. Neues Glück und neues Leben wollest du aus Gnaden geben.

2. Was ich sinne, was ich mache, das gescheh in dir allein; wenn ich schlafe, wenn ich wache, wollest du, Herr, bei mir sein; geh ich aus, wollst du mich leiten; komm ich heim, steh mir zur Seiten.

3. Lass dies sein ein Jahr der Gnaden, lass mich büßen meine Sünd‘, hilf, dass sie mir nimmer schaden und ich bald Verzeihung find, Herr, in dir; denn du, mein Leben, kannst die Sünd‘ allein vergeben.

Im Abendmahl sind wir eingeladen, das Leben zu empfangen, das in Jesus Christus ist. Im Brot schenkt er uns seine Liebe – leibhaftig. Im Kelch besiegelt er seine Treue zu uns – mit seinem Blut.

Gott, lass uns erkennen, wo wir nicht wirklich leben: wo wir gefangen sind in Verzweiflung, in Gewohnheiten, in Sünde. Nimm von uns, was uns am Leben hindert. Vergib uns unsere Schuld. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Die Herzen in die Höhe! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernstzunehmen als den, der Mensch geworden ist, der unseren Hochmut und Übermut zurechtstutzt und uns in unserer Verzagtheit und Kraftlosigkeit tröstet und aufrichtet. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl
Lied 58, 11-15:

11. Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, lass Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.

12. Sei der Verlassnen Vater, der Irrenden Berater, der Unversorgten Gabe, der Armen Gut und Habe.

13. Hilf gnädig allen Kranken, gib fröhliche Gedanken den hochbetrübten Seelen, die sich mit Schwermut quälen.

14. Und endlich, was das meiste, füll uns mit deinem Geiste, der uns hier herrlich ziere und dort zum Himmel führe.

15. Das alles wollst du geben, o meines Lebens Leben, mir und der Christen Schare zum sel’gen neuen Jahre.

Barmherziger Gott, wir bitten dich am Anfang des Jahres 2006 für uns als Gemeinschaft der Christen, dass wir mutig zu unserem Glauben stehen und im Frieden mit Menschen anderen Glaubens leben. Wir bitten dich, dass wir angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Probleme in unserem Land und in der Welt nicht die Hoffnung verlieren, sondern gerechte Lösungen suchen.

Wir bitten dich für Menschen, die von Krankheit und Unglück betroffen sind, dass sie in ihrer Verzweiflung nicht allein bleiben und Hilfe finden. Besonders beten wir heute für Frau … , die im Alter von … Jahren gestorben ist. Schenke ihr das ewige Leben, und sei mit allen, die ihr nahestanden und um sie trauern.

Herr Jesus Christus, wir bitten dich, dass wir uns für das Neue Jahr nur solche Dinge vornehmen, die realistisch sind und die wir auch ernsthaft schaffen können und wollen. Mache uns zu einer neuen Schöpfung, lass in uns den Glauben wachsen, der durch die Liebe tätig ist. Amen.

Abkündigungen

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag gehen – wer möchte, ist im Anschluss noch herzlich zum Beisammensein mit Kaffee, Tee, Mineralwasser und Plätzchen im Gemeindesaal eingeladen.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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