„Verborgen im Brot so klein…“

Aufpassen müssen wir Evangelischen, dass wir nicht aus dem Glauben ein neues Gesetz machen. Wir können nicht auf Gott und Jesus vertrauen aus eigener Kraft, als seien wir besser als Ungläubige oder Menschen anderer Konfession oder Religion. Wenn wir glauben, dann ist auch dieser Glaube ein Geschenk Gottes an uns.

Abendmahl am Tisch am Gründonnerstag, 2. April 2015, 19.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Wir – Prädikantin Gaby Engel und Pfarrer Helmut Schütz – begrüßen Sie alle herzlich im Abendmahlsgottesdienst am Gründonnerstag, den wir an Tischen vor den Altarstufen der Pauluskirche feiern. Wie gewohnt schließt sich unmittelbar an den Gottesdienst ein gemeinsames Grüne-Soße- Essen an, zu dem alle herzlich eingeladen sind.

Wir feiern Gottesdienst und Abendmahl:

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

„Verborgen im Brot so klein“, das habe ich auf das Einladungsplakat zu dieser Feier geschrieben. Diese Zeile stammt aus dem Abendmahlslied 215, das wir in diesem Gottesdienst genauer anschauen wollen. Sie deutet an, dass der Sinn des Abendmahls nicht völlig eindeutig und offen zutage liegt; was wir im Brot und mit dem Kelch empfangen, bleibt ein Geheimnis; und die Christen verschiedener Zeiten haben das Abendmahl auch immer wieder unterschiedlich verstanden. Mal wurde der eine, mal ein anderer Aspekt dieser Feier in den Vordergrund gestellt.

Wir wollen heute Abend über das Abendmahlsverständnis in verschiedenen Zeiten sprechen.

Dazu betrachten wir ein Bild des Künstlers Carl Bantzer aus dem Jahr 1892, Abendmahl in einer hessischen Dorfkirche, das sonst im Eingangsbereich der Pauluskirche hängt.

Und wir beschäftigen uns, wie gesagt, mit dem Kirchenlied 215, das Martin Luther im Jahr 1524 gedichtet hat: „Jesus Christus, unser Heiland“.

Manches in dem Lied von Luther und manches auf dem Bild von Bantzer wird uns fremd vorkommen, wenn wir es mit der Art vergleichen, wie wir heute und hier in der Pauluskirche das Abendmahl feiern und verstehen. Aber vielleicht kann uns das Fremdartige dazu anregen, etwas Allzuvertrautes neu zu begreifen und darüber nachzudenken, in welch vielfältiger Weise das Abendmahl uns anrühren und beschenken kann.

Zuerst singen wir aus einem anderen Abendmahlslied, dem Lied Nr. 213, die Strophen 1 bis 3:

1. Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch; der süße Herr der Gnaden, an Huld und Liebe reich, der Erd und Himmel lenkt, will Gastmahl mit euch halten und wunderbar gestalten, was er in Liebe schenkt.

2. Kommt her, verzagte Sünder, und werft die Ängste weg, kommt her, versöhnte Kinder, hier ist der Liebesweg. Empfangt die Himmelslust, die heilge Gottesspeise, die auf verborgne Weise erquicket jede Brust.

3. Kommt her, betrübte Seelen, die Not und Jammer drückt, mit Gott euch zu vermählen, der wunderbar beglückt. Kommt, legt auf ewig ab der Sünde bange Säumnis; empfanget das Geheimnis, das Gott vom Himmel gab.

Wir sind in die Kirche gekommen, aus andersartigen Situationen, in unterschiedlicher Stimmung, mit verschiedenen Erwartungen. Wir sind willkommen als Menschen, die mit sich und Gott im Reinen sind, zufrieden und aufgeschlossen für die Gemeinschaft. Wir sind ebenso willkommen mit Ängsten und Sorgen, als verzagte Sünder und betrübte Seelen.

Lasst uns gemeinsam Worte aus Psalm 51 sprechen. Im Gesangbuch stehen sie unter der Nummer 727. Die Männer sprechen gemeinsam mit mir die linksbündigen Verse.

Die Frauen lesen die nach rechts eingerückten Verse:

3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.

4 Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde;

5 denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.

6 An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan,

auf dass du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.

8 Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

10 Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.

11 Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.

12 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

13 Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

14 Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Wir singen aus dem Lied 213 die Strophen 4 bis 6:

4. O Wonne kranker Herzen, die mir von oben kam! Verwunden sind die Schmerzen, getröstet ist der Gram. Was von dem Himmel fließt, hat lieblich sich ergossen; mein Herz ist gar durchflossen vom süßen Liebesgeist.

5. Drum jauchze, meine Seele, hell aus der Sündennacht! Verkünde und erzähle die tiefe Wundermacht, die unermesslich süß, ein Born der Liebe, quillet und jeden Jammer stillet, der fast verzweifeln ließ.

6. Drum jauchze, meine Seele, drum jauchze deinem Herrn! Verkünde und erzähle die Gnade nah und fern, den Wunderborn im Blut, die sel’ge Himmelsspeise, die auf verborgne Weise dir gibt das höchste Gut.

Liebe Gemeinde, schauen wir uns nun das Bild des Künstlers Carl Bantzer an. Ich weiß nicht, wer es schon einmal genauer betrachtet hat, es hängt ja seit vielen Jahren im Eingangsbereich der Pauluskirche, über der Ablage der Gesangbücher.

Carl Bantzer, Abendmahlsfeier in Hessen 1892

Carl Bantzer, Abendmahlsfeier in Hessen 1892

Mehrere Dinge fallen auf, die dieses Abendmahlsgeschehen von unseren Abendmahlsfeiern in der Pauluskirche unterscheiden.

Wir sitzen heute Abend an einem Tisch. Wenn wir sonst Abendmahl feiern, stehen wir zwar auch wie die Menschen auf dem Bild, aber wir stehen in einem Kreis um einen kleinen Tisch und versuchen so, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

Die Männer auf unserem Bild stehen in einer Reihe, um nacheinander Brot und Wein zu erhalten. Die Frauen sitzen in den Bänken, wahrscheinlich werden sie nach den Männern zum Altar gehen.

Auffällig sind neben der einheitlichen Kleidung der Frauen in ihrer Schwälmer Abendmahlstracht auch die Gesichter der Menschen. Diese wirken auf mich recht schuldbewusst oder zumindest demütig.

Für die Menschen auf dem Bild und in der Zeit, in der das Bild entstand, hatte das Abendmahl eine andere Bedeutung als heute für uns. In der Regel wurde es nur selten gefeiert, viele evangelische Christen nahmen nur einmal im Jahr daran teil, weil es etwas ganz Besonderes war, das sich zwischen dem einzelnen und Jesus Christus abspielte.

In der damaligen Zeit durften nur mündige Christen zum Abendmahl gehen, weil man dachte, dass Kinder, die noch nicht konfirmiert sind, den Sinn des Abendmahls noch nicht verstehen. Die meisten von uns hatten ihr erstes Abendmahl am Tage ihrer Konfirmation, heute ist das anders, da dürfen auch schon Kinder am Abendmahl teilnehmen.

Warum dürfen heute auch Kinder mitmachen? Weil wir denken, dass Kinder, denen ihre Eltern erklären, warum wir das Abendmahl feiern, oder Konfirmanden in ihrer Konfi-Zeit den Sinn der Feier besser dadurch begreifen, dass sie zur Gemeinschaft der Jungen und Alten einfach dazugehören und von Jesus nicht weggeschickt werden, als dass sie den Eindruck haben, Jesus wolle nur die Erwachsenen um sich haben, wenn es so richtig feierlich wird.

Überhaupt legen viele von uns heute mehr Wert auf die Gemeinschaft während des Abendmahls, und daher ist uns auch der Kreis und das an den Hände fassen zum Schluss sehr wichtig.

Wenn ich an Abendmahlsfeiern zurückdenke, die ich in meiner Kindheit und Jugend miterlebt habe, stand damals nicht die Gemeinschaft mit Christus und mit den Gemeindemitgliedern im Vordergrund, sondern das Gefühl, als ganz kleiner Mensch vor Gott zu stehen und ein Sünder zu sein, der nur durch das Blut, das Jesus für uns vergießen musste, gerettet werden konnte.

Natürlich wissen auch wir, dass Jesus für uns gestorben ist und wir mit dem Abendmahl ihn symbolisch in uns aufnehmen und damit seiner Leiden, die er für uns auf sich genommen hat, gedenken. Auch wir bekennen vor jedem Abendmahl unsere Sünden, doch nicht durch eine persönliche Beichte, sondern in einem gemeinsamen Bekenntnis, dass heißt aber nicht, dass wir unsere Schuld kleinreden. Es gibt durchaus Menschen, die nicht am Abendmahl teilnehmen, weil sie denken, sie wären in diesem Moment nicht bereit dafür.

Was ist nun das Wichtigste beim Abendmahl? Die Gemeinschaft? Die Sündenvergebung? Ich finde, beides und noch mehr gehört dazu. Auch das gemeinsame Essen als Symbol dafür, dass Gott uns Nahrung für Leib und Seele gibt, dass wir satt und zufrieden werden können, wenn wir miteinander teilen.

Nun schauen wir uns ein Lied von Martin Luther an, in dem es darum geht, wie die Vergebung unserer Sünden und die Feier des Abendmahls miteinander zusammenhängen. Wir singen die erste Strophe aus dem Lied 215:

1. Jesus Christus, unser Heiland,
der von uns den Gotteszorn wandt,
durch das bitter Leiden sein
half er uns aus der Höllen Pein.

Martin Luther, der Texter von Lied 215, hatte ein völlig anderes Verständnis vom Abendmahl als wir heute. Auch sein Weltbild ist ein anderes als unseres heute, damals war die Bedrohung, in die Hölle zu kommen, recht real, man fürchtete sich vor dem Fegefeuer und kaufte sich durch Ablassbriefe frei, sogar für bereits verstorbene Verwandte war dies möglich.

Luther selbst verdammte den Ablasshandel, daher erklärt er uns schon in der ersten Strophe, dass wir durch das bittere Leiden Jesu Christi schon der Höllen Pein entronnen sind.

Wir können uns nicht freikaufen von unserer Schuld, und egal wie edel unser Handeln auch sein mag, es kann unsere Sünden nicht aufwiegen. Doch Gott will uns vergeben, trotz all der Fehler, die wir im Laufe unseres Lebens schon gemacht haben oder noch tun werden.

Bis hierher können viele Menschen, auch moderne Menschen, Luther gut folgen. Aber brauchte Gott den Tod seines Sohnes, damit sein Zorn gestillt würde, damit er vergeben konnte? Ich denke, nein. Es ist komplizierter. Gott lieferte sich in seinem Sohn Jesus selber der abgrundtiefen Bosheit und Verlorenheit der Menschen aus, um uns zu zeigen, dass seine Liebe größer ist als alle Schuld und jede Trennung von Gott.

Damit wir Gewissheit haben, dass uns schon vergeben ist; hat Jesus alle unsere Sünden auf sich genommen und mit seinem Tod am Kreuz getilgt. Wenn wir das glauben können, dann bleibt uns die Hölle erspart.

Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Jesus vergibt ja am Kreuz denen, die nicht wissen, was sie tun. Er will sogar denen die Hölle ersparen, die so weit weg von ihm sind, dass sie kein Vertrauen zu ihm haben und böse handeln. Ich sehe das so: Jesus gibt niemanden auf, er will sogar Menschen wie Judas neues Vertrauen zu ihm einflößen, will nicht ihre ewige Verdammnis, sondern ihr ewiges Leben.

Doch weil wir Menschen so vergesslich sind, hat Jesus uns ein Erinnerungsritual hinterlassen. Singen wir die zweite Strophe aus dem Lied 215:

2. Dass wir nimmer des vergessen,
gab er uns sein‘ Leib zu essen,
verborgen im Brot so klein,
und zu trinken sein Blut im Wein.

Jesus feierte mit seinen Jüngern ein letztes Mal und gebot ihnen, zu seinem Gedächtnis das Brotbrechen und das gemeinsame Trinken aus einem Kelch bei ihren Zusammenkünften beizubehalten. Wir tun dies als Christen auch heute noch, und bezeichnen dieses Erinnerungsritual als das heilige Abendmahl. Auch wenn wir nicht mehr aus dem gleichen Kelch trinken und häufig gar kein Brot, sondern Hostien essen, so bleibt dennoch die Erinnerung an Jesu geschundenen Leib und an sein Blut, das für uns vergossen wurde, der Hauptgrund für das Feiern des Abendmahls.

Für Luther war es wichtig, dass Jesus selber im Brot verborgen anwesend ist. Er stritt sich deswegen sogar mit dem Schweizer Reformator Ulrich Zwingli, der Brot und Wein nur als Symbole für die Gegenwart Christi betrachtete. Schade, dass die christlichen Konfessionen im Streit über solche Spitzfindigkeiten jahrhundertelang vergaßen, dass Jesus die Einigkeit seiner Gemeinde viel wichtiger war als ein dogmatisch richtiges Verständnis von Brot und Wein. Niemand kann wirklich wissen, wie Jesus in so einem kleinen Stück Brot versteckt sein kann. Und niemand soll annehmen, dass wir beim Trinken von Wein oder Traubensaft buchstäblich Blut trinken. Und doch ist Jesus mitten unter uns, auf verborgene Weise, wenn wir vom Brot essen und aus den Kelchen trinken. Was konkret mit Brot und Wein passiert, darüber mögen die Konfessionen uneinig sein; wichtig ist, was mit uns passiert: dass wir verwandelt werden, aus Sünde zum Gottvertrauen, aus Verzweiflung zur Hoffnung, aus Vereinzelung zur Liebe.

Kommen wir zur Strophe 3 aus dem Lied 215:

3. Du sollst Gott den Vater preisen,
dass er dich so wohl wollt speisen
und für deine Missetat
in den Tod sein‘ Sohn geben hat.

Etwas können wir neben dem Abendmahl doch noch tun, wir sollen Gott preisen für die Speisen. Hier geht es um mehr als nur ein einfaches Dankeschön, hier geht es um Aufrichtigkeit. Dankbarkeit, die von Herzen kommt, die Gott Lieder singt und seiner Bereitschaft, alles für uns zu tun, den nötigen Respekt entgegenbringt. Dabei die eigenen Fehltritte nicht vergessen und immer wieder bekennen, dass Gott großmütig ist.

Weiter singen wir die 4. Strophe:

4. Du sollst glauben und nicht wanken,
dass’s ein Speise sei den Kranken,
den‘ ihr Herz von Sünden schwer
und vor Angst ist betrübet sehr.

Wir sollen glauben und nicht wanken, dass das Abendmahl eine Speise für die Kranken ist. Doch mit Kranken sind hier nicht unbedingt die körperlich Kranken gemeint. Luther spricht von ihnen als Menschen, denen das Herz von Sünden schwer ist und die vor Angst betrübt sind. Denkt er dabei womöglich wieder an die Höllenpein, vor der die Sünder sich fürchten?

Doch wenn man seiner Sünden bewusst wird, so kann man sie vor Gott bringen, und er schenkt uns dann seine Vergebung. Wir dürfen als bekennende Sünder Platz nehmen am Tisch des Herrn, wir dürfen von Christi Leib essen und sein Blut trinken, um von unseren Sünden und Ängsten geheilt zu werden. Es ist unsere Krankenspeise, um von unseren Ängsten geheilt zu werden. Sie soll unser schwermütiges Herz stärken.

Wir singen die Strophe 5:

5. Er spricht selber: »Kommt, ihr Armen,
lasst mich über euch erbarmen;
kein Arzt ist dem Starken not,
sein Kunst wird an ihm gar ein Spott.

Jesus selbst sagt (Matthäus 9, 12):

„Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“

Er weist damit die Pharisäer und alle anderen, die sich als Gerechte empfinden, zurecht, dass sie die von ihnen als Sünder Bezeichneten nicht verachten sollen. Im Gegenteil, sie sollen ihnen helfen auf ihrem Weg aus Sünden zu Gott. Doch weil viele Kenner der Schrift ihre Hilfe den Armen verwehren und Jesus sogar dafür kritisieren, bleibt diesen die Heilkunst Jesu versperrt. Sie glauben sich stark und denken daher, sie bedürfen des Arztes Jesus nicht, darum ist seine Rede bei ihnen vergebens, mit Luthers Worten: „sein Kunst wird an ihm gar ein Spott.“ Oder in heutigen Worten ausgedrückt: wer sich nicht helfen lassen will, dem kann auch nicht geholfen werden.

So redet Jesus barmherzig zu Menschen, die einsehen, dass sie arm sind in dem Sinne, dass sie angewiesen sind auf Liebe, auf Hilfe, auf Vergebung, auf Gott, auf andere Menschen. Und zugleich redet Jesus in deutlichen Worten zu denen, die meinen, sie brauchen keine Hilfe.

In der 6. Strophe legt Martin Luther Jesus noch härtere Worte in den Mund:

6. Hättst du dir was ‚konnt erwerben,
was braucht ich für dich zu sterben?
Dieser Tisch auch dir nicht gilt,
so du selber dir helfen willt.«

Nun treibt Jesus, wie Luther ihn versteht, hochgradig Spott mit den Selbstgerechten. Wenn sie sich schon selber helfen wollen, so sollen sie dies auch tun, und er verwehrt ihnen einen Platz am Tisch des Herrn. Doch nicht genug mit der Verwehrung der Speise, nein, er fragt, warum Jesus denn sterben musste, wenn der Starke doch so gerecht ist, dass er alles selbst regeln kann. Ganz ohne Hilfe, vor allem ohne göttliche Hilfe will er sein sündiges Leben bestreiten; denn er kennt ja die Gesetze, und wenn er diese einhält, so hat er sich ganz alleine einen Platz im Himmel erarbeitet. Doch Vorsicht! Hochmut kommt vor dem Fall, kein Mensch kann sich bei Gott etwas erarbeiten. Gott schenkt uns Vergebung, wir müssen dies aber zulassen und vor allem erkennen, dass wir dessen bedürfen. Jesus musste sterben, um für uns das ewige Leben zu erwerben.

Aufpassen müssen wir Evangelischen allerdings, dass wir nicht aus dem Glauben ein neues Gesetz machen. Ich meine, dass wir uns auch auf unseren Glauben nichts einbilden können, als könnten wir auf Gott und Jesus vertrauen aus eigener Kraft, als seien wir besser als Ungläubige oder Menschen anderer Konfession oder Religion. Wenn wir glauben, dann ist auch dieser Glaube ein Geschenk Gottes an uns.

Von diesem Glauben singen wir die 7. Strophe:

7. Glaubst du das von Herzensgrunde
und bekennest mit dem Munde,
so du bist recht wohlgeschickt,
und die Speise dein Seel erquickt.

Hier widmet sich Luther den Gläubigen und bestärkt uns in unserem Glauben. Vor allem geht es darum, seinen Glauben kundzutun, weil einem dann die Speise die Seele erquickt. Wenn man seinen Glauben kundtut, hat das auch den Nebeneffekt, dass man anderen die Möglichkeit gibt, ebenfalls zum Glauben zu kommen, und somit den Kreis der Beschenkten erweitert. Man könnte dies auch mit der Formel: „Geteilte Freude ist doppelte Freude“ ausdrücken. Wir dürfen nämlich unsere neu gewonnenen Glaubensgeschwister mit an den Tisch des Herrn bringen, denn die Anzahl der Gäste ist nicht limitiert. Wenn etwas scheinbar nicht ausreicht, so sorgt Gott dafür, dass alle satt werden. Denn Gott ist nichts unmöglich.

Ich habe noch über das ungewöhnliche Wort „wohlgeschickt“ nachgedacht. Was will Luther damit sagen? Wir nennen jemanden geschickt, der sich Fertigkeiten in seinem Beruf erworben hat; wer geschickt Verhandlungen führen kann, ist vielleicht als Geschäftsmann oder Politiker erfolgreich, wer geschickt ist in einem Handwerk, kann sich gut seinen Lebensunterhalt verdienen. Interessant finde ich, dass Martin Luther uns keine Berufsausbildung und kein Erfolgstraining empfiehlt, um „geschickt“ zu werden. Um geschickte, ja sogar wohl-geschickte Christinnen und Christen zu werden, genügt ein Glaube, ein Gottvertrauen, zu dem wir offen stehen.

Wir kommen zur letzten Strophe. Sie nimmt den Gedanken, der in der vorherigen noch im verborgenen Zwischentext steckte, auf. Es geht nun auch wörtlich um die Nächstenliebe, die allen zuteil werden soll. Singen wir die Strophe 8:

8. Die Frucht soll auch nicht ausbleiben:
deinen Nächsten sollst du lieben,
dass er dein genießen kann,
wie dein Gott hat an dir getan.

Martin Luther ist davon überzeugt: Wer im Vertrauen auf Gott das Abendmahl empfängt, wer Jesu Liebe in sich aufnimmt, der kann gar nicht anders, als nun auch seinem Mitmenschen in Liebe zu begegnen.

Wenn Luther dichtet: „Dass er dein genießen kann, wie dein Gott hat an dir getan“, dann sagt er praktisch: So wie Gott uns Leib und Blut Jesu als Kraftnahrung für unseren Glauben gibt, so sollen andere uns „genießen“ dürfen. Klar, sie essen uns nicht auf, aber sie zapfen uns als Kraftquelle an, wir investieren Zeit und Geld, Begleitung und Ideen für Menschen, die uns brauchen.

Und den Doppelsinn von „genießen“ finde ich auch sehr schön: Es geht nicht um eine Aufopferung, von der letztlich keiner etwas hat, sondern um ein Abgeben, das der andere annehmen und genießen kann. Sowohl Geben als auch Nehmen können eine Freude, ein Genuss sein.

Christen sollen Ihren Glauben mit anderen teilen, wir sollen die Freuden des Abendmahls miteinander teilen. Alle, die der Glaube an Jesu Tod und Auferstehung eint, dürfen gemeinsam den Leib Christi in sich aufnehmen und Gott für seine barmherzige Liebe danken. Wir sagen: Danke Jesus, dass du dein Blut für uns vergossen hast und uns dadurch aus den Händen des ewigen Todes freigekauft hast! Amen.

Wir singen das Lied 76, in dem von der Sünde und dem Zorn Gottes und unserer Krankheit ganz ähnlich die Rede ist, wie in dem Lied, das wir in der Predigt besprochen haben:

1. O Mensch, bewein dein Sünde groß, darum Christus seins Vaters Schoß äußert und kam auf Erden; von einer Jungfrau rein und zart für uns er hier geboren ward, er wollt der Mittler werden. Den Toten er das Leben gab und tat dabei all Krankheit ab, bis sich die Zeit herdrange, dass er für uns geopfert würd, trüg unsrer Sünden schwere Bürd wohl an dem Kreuze lange.

2. So lasst uns nun ihm dankbar sein, dass er für uns litt solche Pein, nach seinem Willen leben. Auch lasst uns sein der Sünde feind, weil uns Gotts Wort so helle scheint, Tag, Nacht danach tun streben, die Lieb erzeigen jedermann, die Christus hat an uns getan mit seinem Leiden, Sterben. O Menschenkind, betracht das recht, wie Gottes Zorn die Sünde schlägt, tu dich davor bewahren!

So wollen wir nun Abendmahl feiern.

Barmherziger Gott und Vater. In diesem Abendmahl begehen wir das herrliche Gedächtnis des bitteren Todes deines lieben Sohnes Jesus Christus.

Darum bitten wir dich: Wirke durch deinen Heiligen Geist in unsern Herzen, dass wir uns mit wahrem Vertrauen deinem Sohne Jesus Christus je länger je mehr ergeben. Speise und erquicke unsere mühseligen und zerschlagenen Herzen durch die Kraft des Heiligen Geistes mit seinem wahren Leib und Blut, mit ihm selbst, dem wahren Gott und Menschen, dem einigen Himmelsbrot.

Gib, dass wir nicht mehr in unsern Sünden, sondern er in uns und wir in ihm leben. Mache uns teilhaftig des neuen und ewigen Bundes der Gnade. Nimm uns alle Zweifel und schenke uns die Gewissheit, du wollest ewig unser gnädiger Vater sein und uns versorgen als deine lieben Kinder und Erben.

Stärke uns durch deine Gnade, dass wir unser Kreuz getrost auf uns nehmen, uns selbst verleugnen, unsern Heiland bekennen und in aller Trübsal mit aufgerichtetem Haupte unseres Heilandes Jesus Christus aus dem Himmel gewärtig sind, der unsern sterblichen Leib seinem verklärten Leibe gleichförmig machen und zu sich nehmen wird in Ewigkeit.

Bevor wir Brot und Kelch teilen, sprechen wir die Worte, die uns Jesus gelehrt hat:

Vater unser
Prädikantin Gaby Engel und Pfarrer Helmut Schütz sprechen die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahls

Prädikantin Gaby Engel und Pfarrer Helmut Schütz sprechen die Einsetzungsworte des Heiligen Abendmahls

Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach‘s und gab‘s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset, das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.

Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl, dankte, gab ihnen den und sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser. Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser. Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, gib uns deinen Frieden. Amen.

Kommt, denn es ist alles bereit. Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist!

Nehmt und gebt weiter, was euch geschenkt ist, lasst uns das Brot des Lebens teilen.

Herumreichen der Körbe

Trinkt aus dem Kelch, der uns mit Gott versöhnt und uns mit allen zusammenschließt, die auf ihn vertrauen.

Austeilen der Kelche

Wir singen das Lied 216:

Du hast uns Leib und Seel gespeist; nun gib uns, so zu leben, dass unser Glaub und Lieb dich preist, die uns dein Gnad will geben; dass durch dein Treu die Sünd uns reu, für die dein Sohn vergossen sein teures Blut, das uns zugut den Himmel hat erschlossen.

Nun lasst uns gemeinsam Fürbitte halten.

Wir bitten für alle, die sich in den Dienst deiner Kirche gestellt haben: Mögen sie auf offene Herzen treffen. Für alle unsere Geschwister in den Krisengebieten, hilf ihnen dass sie ihre Hoffnung auf ein friedliches Miteinander nicht verlieren. Für alle Menschen auf der Flucht bitten wir um eine sichere Ankunft, die ein Leben ohne Angst gewährt.

Wir bitten für die Machthaber der Welt, gib ihnen den Mut für weise Entscheidungen. Für die Kriegstreiber und Hassgesteuerten, schenke ihnen den Blick für deine Wahrheit, damit sie lernen, dass jeder Mensch von dir geliebt wird, und sie anfangen Frieden zu stiften.

Wir bitten für alle Menschen, die bei dem Flugzeugabsturz in Frankreich einen Angehörigen verloren haben, gib ihnen die Kraft weiterzuleben. Schenke ihnen Trost und lass sie nicht im Hass auf den Verursacher hartherzig werden. Wir bitten auch für die Angehörigen der Opfer von dem Orkan ‚Niklas‘, gib auch ihnen den nötigen Trost. Nimm all die Toten bei dir auf und schenke ihren Seelen Frieden. Sei bei all denen, für die Ostern weit weg ist, weil sie im Karfreitagsschmerz gefangen sind.

Jesus, du hast gelitten für alle Menschen, doch viele wollen dieses Geschenk deiner Liebe nicht annehmen. Öffne ihnen ihre Augen und Ohren, dass sie begreifen, was du für sie getan hast. Befreie unseren Geist vor unnützer Angst und schenke uns deinen Frieden. Amen.

Wir singen aus dem Lied 227 die Strophen 1 bis 3:

1. Dank sei dir, Vater, für das ewge Leben und für den Glauben, den du uns gegeben, dass wir in Jesus Christus dich erkennen und Vater nennen.

2. Jedes Geschöpf lebt von der Frucht der Erde; doch dass des Menschen Herz gesättigt werde, hast du vom Himmel Speise uns gegeben zum ewgen Leben.

3. Wir, die wir alle essen von dem Mahle und die wir trinken aus der heilgen Schale, sind Christi Leib, sind seines Leibes Glieder, Schwestern und Brüder.

Abkündigungen

Vor dem Grüne-Soße-Essen, zu dem Frau Jung, Frau Klimas, Frau Schau und Frau Walpert Grüne Soße beigesteuert haben, bitten wir Gott um seinen Segen:

Der Herr segne dich, und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

Grüne-Soße-Essen

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