Die Namen der 12 Apostel und das christliche „Paschen“

Warum tragen die biblischen 12 Apostel (jedenfalls in den deutschen Bibelübersetzungen) deutsche Namen, und warum wurde das christliche Osterfest früher auch „Paschen“ genannt? Roman Landau zieht in seinem Buch „Christentum – die ungeschriebene Tragödie“, Band 4, aus einer kurzschlüssigen Antwort auf diese Fragen weitreichende, aber leider völlig falsche Schlüsse. Ich versuche, weniger kurzschlüssige, dafür aber korrekte Antworten zu geben.

Schnitzereien der 12 Apostel an den Türen eines Wohnzimmerschranks

Geschnitzte Bildnisse der 12 Apostel an den Türen eines Apostelschranks in einem hessischen Wohnzimmer

Inhalt der Anmerkungen zu einer Leseprobe

Sehr geehrter Herr Dr. Landau

Haben die biblischen Apostel alle deutsche Namen?

Kannte Heino Lambecks Sprachlehrbuch noch kein Osterfest?

Sehr geehrter Herr Dr. Landau,

als ich noch einige Zitate für andere kritische Anmerkungen zu Ihren und Ralph Davidsons Büchern im Internet nachprüfte, stieß ich zufällig auf eine Leseprobe aus Ihrem Buch „Christentum – die ungeschriebene Tragödie“, Band 4, mit den Fragen auf der Titelseite:

„Warum haben die biblischen 12 Apostel deutsche (!) Namen wie Peter, Andreas, Johannes u. s. ä.

Und warum kennt Heino Lambecks „Deutsche Orthografie“ des 17. Jhds. noch kein Osterfest?“

Haben die biblischen Apostel alle deutsche Namen?

In der Leseprobe finde ich dann Ihre Schlussfolgerung aus dem ersten Untertitel:

Man wird … zu Recht vermuten dürfen, daß die Originalversion des Evangeliums proto-deutsch gewesen sein könnte. Man denke allein nur an die Namen (!) der 12 Apostel, die nicht Sokrates, Platon, Aristoteles oder Demetri heißen, sondern Peter, Johannes, Andreas u. s. ä. (!)“

Meines Erachtens liegt eine andere Erklärung viel eher auf der Hand: Peter, Andreas, Johannes und all die anderen Apostelnamen klingen in unseren deutschen Bibelübersetzungen einfach nur deshalb deutsch, weil sie ans deutsche Sprachgefühl angepasst worden sind. OK – dann könnte man fragen, warum das mit den Namen der altgriechischen Philosophen nicht auf die gleiche Weise geschehen ist – vielleicht weil Luthers Bibelübersetzung die Namen der Apostel in jedes deutsche Haus brachte und popularisiert hat, während sich für die griechische Antike nur das gehobene Bildungsbürgertum interessierte – außer vielleicht beim Namen des hellenistischen Weltherrschers Alexander.

Abgesehen davon steht in deutschen Bibelübersetzungen gar nicht Peter, sondern die lateinische Form Petrus. Die englische „King James Bible“ von 1769 führt „Simon, who is called Peter“, auf, außerdem Andrew, James und John. Müssten Sie daraus nicht schließen, dass das Evangelium vielleicht doch nicht proto-deutsch, sondern proto-englisch sein müsste?

Die meisten Bibelübersetzungen passen die Namen den jeweiligen Sprachen an, so stehen in der französischen Darby-Übersetzung von 1885 die Namen Pierre, André, Jacques und Jean und in einer albanischen Bibel von 1994 die übersetzten Namen Pjetër, Andrea, Jakobi und Gjoni. Sind also die Evangelien ursprünglich etwa sogar französisch oder albanisch geprägt gewesen?

Im Klartext: Die in den drei Evangelien Markus (3, 16-19), Matthäus (10, 2-4) und Lukas (6, 13-16) aufgeführten zwölf Apostel haben sämtlich Namen, die griechischen, hebräischen oder aramäischen Ursprung haben:

1. Der in deutschen Bibeln auftauchende Name Petrus ist die lateinische Form des altgriechischen Wortes „Petros“ = „Felsen“. Das ist natürlich kein Name aus der griechischen Antike, weil Petrus und alle anderen Apostel Jesu natürlich Juden waren. Aber zur Zeit Jesu war Griechisch nun einmal die Weltsprache des Hellenismus (die auch im Römischen Reich noch als zweite Amtssprache neben dem Lateinischen gesprochen wurde). Und so erscheinen die Namen aller Jünger Jesu in der Bibel in ihrer griechischen Form. Ursprünglich hieß Petrus aber Simon, was dem alttestamentlichen Simeon entspricht (hebr. „Schim‘on“). Man hatte ihm den Namen eines der zwölf Söhne des israelitischen Stammvaters Jakob gegeben.

2. Andreas trägt einen Namen, der von dem griechischen Wort „andreios“ = „mannhaft, tapfer“ hergeleitet ist.

3. Johannes ist die lateinisch-griechische Form des hebräischen Namens Jochanan mit der Bedeutung: „Gott ist gnädig“. Selbst wenn man seinen Namen als ursprünglich deutsch einordnen könnte – der Name seines Vaters, der es nicht so weit brachte, als deutscher Vorname Karriere zu machen, kann wirklich nicht in Verdacht geraten, deutschen Ursprungs zu sein: Zebedäus, die latinisierte Form des altgriechischen Namens „Zebedaios“, ist abgeleitet von dem hebräischen Wort „ṢeVaDJaH“ = „Geschenk JHWHs“.

4. und 5. Jakobus, (ein weiterer) Sohn des Zebedäus, und Jakobus, Sohn des Alphäus, tragen beide gut jüdische Namen nach Jakob, dem schon genannten Stammvater Israels. Auch der Vater des zweiten Jakobus trägt einen Namen, der sich nach dem Biblischen Namen-Lexikon von Dr. Abraham Meister aus altgriechischen und hebräischen Wurzeln herleiten lässt:

Alphäus, von zwei verschiedenen Wurzeln abgeleitet. Nach der Ableitung von „aleph“ = „Oberster über Tausend“. Als Gräzisierung des aramäischen … „Chaliphai“. Von „Chalaph“ = „vorübergehen“, „er ist vorübergegangen“; [wobei] das „ch“ abgeworfen … ist.

6. Judas Iskariot ist genau genommen gar kein Apostel, da er ja nach seinem Suizid nicht mehr zur Zahl der zwölf von Jesus in die Welt ausgesandten Apostel gehörte (Matthäus 28, 16). Als Apostel ersetzt wurde er nach Apostelgeschichte 1, 15-26 durch den unter Punkt 12 genannten Mathias. Aber Judas gehört natürlich zu den zwölf Jüngern, die Jesus bis zu seiner Verhaftung begleiteten. Sein Name geht auf den gängigen jüdischen Namen Jehuda (ins Deutsche mit Juda übertragen) zurück, der auch der Name eines Sohnes des Stammvaters Israel war und nach dem die Südreich Juda benannt wurde. Sein Beiname Iskariot könnte darauf hindeuten, dass Judas der einzige Jünger war, der nicht aus Galiläa, sondern aus Juda stammte („Isch Qerijot“ = „Mann aus Kariot“), denn Kariot war eine judäische Ortschaft. Vielleicht war Judas aber auch ein Mitglied der Sikarier („Dolchträger“) gewesen, die guerillamäßige Attentate auf Römer oder deren Kollaborateure verübten.

7. Der Name Thaddäus (altgriechisch „Thaddaios“) geht nach dem erwähnten Namen-Lexikon auf das hebräische Wort „Thad“ oder „Thadai“ = „Brust“ zurück. Ihn zählen übrigens nur Markus und Matthäus unter die 12 Apostel, Lukas nennt stattdessen einen zweiten Judas, Sohn des Jakobus. Oder hieß er eigentlich Judas, und Thaddäus war sein Beiname („Busenfreund“), um ihn von Judas Iskariot zu unterscheiden?

8. Philippus ist altgriechisch und heißt „Pferdefreund“.

9. Bartholomäus ist die lateinische Variante des aramäischen und hebräischen Namens Bar-Tolmai, Sohn des Tolmai.

10. Der Name Thomas ist von dem aramäischen Te‘oma abgeleitet und bedeutet „Zwilling“. So wird er auch im Johannesevangelium gedeutet (Joh 11,16).

11. Ein zweiter Simon taucht noch auf, der bei Markus und Matthäus den Beinamen Kananäus, bei Lukas den Beinamen Zelotes trägt. Beide Beinamen bedeuten im Deutschen „Eiferer“, Zelotes ist altgriechisch, Kananäu ist aramäisch.

12. Matthäus ist die lateinische Form des altgriechischen „Matthaios“, das wiederum vom hebräischen „Mattatjahu“ (Kurzform „Mattatja“) herkommt. „Mattatjahu“ bedeutet „von JHWH (Gott) gegeben“. Damit ist auch der Name Matthias erklärt, der vom hebräischen „Mattitjahu“ kommt; so hieß der an Stelle des Verräters Judas nachgewählte 12. Apostel (Apostelgeschichte 1, 26).

Das alles bedeutet: Es ist vollkommen abwegig, mit den Namen der Apostel beweisen zu wollen, dass die Evangelien einen „proto-deutschen“ Ursprung haben.

Kannte Heino Lambecks Sprachlehrbuch noch kein Osterfest?

Weiterhin berufen Sie sich in diesem Buch auf ein Sprachlehrbuch des 17. Jahrhunderts von Heino Lambeck, der (so ein Wikipedia-Beitrag über seinen Sohn Peter Lambeck) als „Schulmeister an der lutherischen St. Jacobi-Kirchenschule in Hamburg“ wirkte. Sie finden es interessant, dass er die folgenden Gruppierungen als Sekten betrachtet:

„Joden, Papist, Torcke” (und Wiedertäufer und Calvinisten).

Aber das ist doch nur natürlich, weil für ihn als Lutheraner sowohl Juden, Katholiken (= Papisten), Muslime (= Türken), Wiedertäufer und Calvinisten nicht den wahren Glauben vertraten.

Dann schreiben Sie:

Andererseits kennt er im 17. Jhd. noch kein Osterfest, (!) sondern nur „Paschen“, „Pfingsten“, und „Wynachten“. (Wörtlich auf Seite 73: „De Nahmen der Feste: Wynachten/Paschen/Pfingsten./ etc.“)

Wenn Sie auf der Internetseite „Ostern hat viele Namen“ nachschauen, müsste Ihnen schnell klarwerden, dass das Osterfest bei den Christen der verschiedenen Jahrhunderte und verschiedener Landstriche ganz unterschiedliche Namen gehabt hat, unter anderem auch den vom jüdischen Passah her stammenden Namen „Paschen“.

Wie kann er Juden für eine Sekte halten und gleichzeitig das jüdische Pessach statt Ostern feiern.? (z. n. AG Kompaktwissen, Forschungshandbuch Geschichtswissenschaft, S. 133) Doch wohl nur, wenn man sich auf eine bestimmte, uns heute unverständliche Art, selbst für Juden hält. Juden, die sich an ihren Auszug aus Ägypten erinnern (Pessach), Juden, die sich an die Ausschüttung des Heiligen Geistes an „Juden aus allen VöIkern“ erinnern (Pfingsten) und Juden (!), die sich an die Geburt des (bereits erschienen!) Messias in einem Stall erinnern. (Weihnachten) Bedenken wir bitte, daß Ostern eigentlich (weniger vom Osterhasen sondern vor allem) von der Kreuzigung Jesu handelt.

Ihre Schlussfolgerung „doch wohl nur, wenn“ ist kurzschlüssig und falsch. Christen, die das Fest der Auferstehung Jesu nicht Ostern, sondern Paschen nannten, übernahmen zwar den jüdischen Namen des Festes, bei dessen letzter Feier Jesus das Heilige Abendmahl eingesetzt hatte, aber sie feierten dieses Fest gerade nicht als jüdisches Passah, sondern als christliches Ostern. (Nebenbei bemerkt handelt Ostern zwar wirklich nicht vom Osterhasen, aber auch nicht von der Kreuzigung Jesu, an die wird am Karfreitag gedacht.)

Und auch wer zur Zeit des Heino Lambeck Pfingsten oder Weihnachten feierte, tat dies nicht, weil er sich für einen Juden hielt, sondern er tat es voll und ganz als Christ. Sie vermischen da etwas; die allerersten Christen waren zwar noch Juden, die im Gegensatz zur Mehrheit der Juden an Jesus als ihren Messias glaubten, aber schon bald trennte sich das Christentum vom Judentum als neue Religion, weil das Judentum eben Jesus nicht als den an Weihnachten geborenen Gottessohn anerkennt und auch nicht an die dritte Person der Dreifaltigkeit glaubt, die nach dem christlichen Glauben an Pfingsten als göttliche Kraft der Liebe ausgegossen wurde und die christliche Kirche begründet hat.

Und bedenken wir, daß das frz. Wörterbuch des Bayle im 17. Jhd, (noch?) keinen Jesus kennt… Dann wundert es uns auch nicht mehr, daß wir den Begriff „Ostern“ in der Bibel nirgendwo finden.

Und wieder einmal schauen Sie in einem Wörterbuch nach, was da nicht drinsteht, und weil dort der Name Jesus fehlt, schließen Sie messerscharf, dass man in dem entsprechenden Jahrhundert noch nichts von Jesus gewusst haben kann.

Jesus könnte in diesem Wörterbuch aber auch aus einem anderen Grund weggelassen sein. Immerhin soll der gute Pierre Bayle als ausgesprochen skeptischer Mensch mit seinem 1697 erschienenen „Dictionnaire historique et critique“ eine „Rüstkammer der Aufklärung“ (Wilhelm Dilthey) zusammengestellt haben, in der Jesus nach seiner Ansicht wohl einfach keinen Platz beanspruchen durfte.

Eigentlich passt das doch sogar zu Ihrer Hauptthese: dass nämlich die Aufklärung das jüdisch-christliche Erbe und damit auch einen Menschen wie Jesus zugunsten der griechisch-römischen Antike und der modernen Aufklärung weitgehend ignoriert.

Zu Ihrer Verwunderung, dass der Begriff „Ostern“ nicht in der Bibel vorkommt: Das hat jedenfalls nichts mit Bayle zu tun, der viele Hundert Jahre nach Jesus lebte. Auf der bereits oben erwähnten Internetseite „Ostern hat viele Namen“ steht dazu die zutreffende Erklärung:

Der wohl älteste literarische Beleg für das Wort „Ostern“ findet sich bei Beda Venerabilis 738 mit „Eostro“. Das Wort bedeutet Morgenröte und ist von dem Wortstamm „ausos“ abgeleitet, der im Griechischen zu „eos“, Sonne, und im Lateinischen zu „aurora“, Morgenröte, geführt hat. Im Althochdeutschen bildete sich Eostro zu „ôstarum“ und im Altenglischen zu „eastron“. Der kirchenlateinische Begriff „Pascha“ oder „Passah“ wurde seit jeher mit Ostern gleichgesetzt.

Dankbar bin ich Ihnen dafür, dass ich durch Ihren Denkanstoß auf die Idee gekommen bin, mich mal näher mit den Namen der 12 Apostel auseinanderzusetzen und dabei zum Beispiel gelernt habe, dass Thaddäus sich sehr einfach als Beiname des zweiten Judas erklären lässt.

Helmut Schütz

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