Fleisch für das Leben der Welt

Jesus überwindet das tödliche Gesetz von Fressen und Gefressenwerden.

Das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden mag in der Natur gelten, unter uns Menschen soll es abgeschafft werden. Unter uns soll das Gesetz einer Liebe gelten, die nicht in Gefühlsduselei besteht, sondern in Respekt und Rücksicht voreinander, in Solidarität gegenüber den Schwächeren. Darum sagt Jesus: Ich bin das Brot des Lebens.

Ein Tiger frisst Fleisch

Nach Psalm 104 gehört Fressen und Gefressenwerden zur von Gott geschaffenen Natur (Foto: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am Sonntag Lätare, den 18. März 2007, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Musik und Einzug der Tauffamilie

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zum Taufgottesdienst begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche, ganz besonders natürlich die Tauffamilie …

„Meinem Gott gehört die Welt“, singen wir im ersten Lied. Es wird im Gottesdienst um die Schönheit der Schöpfung gehen, aber auch um ihre dunklen Seiten.

Wir taufen Kinder im Namen des Gottes, der uns behütet, und wir fragen uns, was Jesus mit dem Wort meint (Johannes 6, 48.51):

Ich bin das Brot des Lebens.

Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“

Lied 408: Meinem Gott gehört die Welt
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus Psalm 8, im Gesangbuch unter Nr. 705. Lesen Sie bitte die linksbündigen Verse, ich lese die eingerückten Verse: Was ist der Mensch, dass du dich seiner annimmst?

2 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

3 Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen.

4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast:

5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan:

8 Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere,

9 die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht.

10 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Wir loben Gott für seine herrliche Schöpfung. Aber oft bleibt uns das Lob im Halse stecken. Wir erleben Leid und Tod. Wir fragen uns: Warum gibt es das Böse in der guten Schöpfung Gottes? Gerade jetzt, in den sieben Wochen vor Ostern denken wir über das Leiden Jesu nach. Er, der die Liebe in dieser Welt vollkommen lebte, wurde von seinen Mitmenschen verraten, verlassen, verspottet und ans Kreuz genagelt. Ist Gott nicht einmal mächtig genug, um seinen eigenen Sohn vor dem Tod zu retten? Mit unseren Klagen und unseren Zweifeln rufen wir zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir lösen nicht alle Rätsel dieser Welt. Wir verstehen nicht alle Geheimnisse Gottes. Aber wir dürfen Gott loben für seine Schöpfung. Wir dürfen uns darauf verlassen: der große Gott, der das Weltall geschaffen hat, kümmert sich auch um unseren kleinen Planeten und behütet durch seine Engel sogar die kleinsten Kinder. Und was die Fragen angeht, die uns bedrängen: das Böse, die Sünde, das Leid, der Tod: Es ist gut, dass wir einen Gott haben, den das alles nicht kalt lässt, der das alles in seinem Sohn selber am eigenen Leib erfahren hat. Darum:

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, lass uns deine Wahrheit erkennen, indem wir auf dein Wort hören. Lass uns zu dir Ja sagen und auf dich vertrauen, denn du zeigst uns den Weg zum Leben. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Lieber Herr …, liebe Frau …, liebe Paten und liebe Gemeinde!

Im Taufgespräch haben wir uns darüber unterhalten, was wir heute tun, wenn wir Ihre drei Kinder taufen. Unser Gespräch, lieber Herr …, ging sehr schnell in Grundsatzfragen hinein: wie ist das eigentlich mit der Bibel, kann man alles glauben, was da drin steht? wie ist das mit Gott, wenn Gott mit dem Guten gleichzusetzen ist, woher nahm dann die Kirche das Recht, zum Beispiel Kreuzzüge zu führen? Wir waren uns einig: Eine Kirche, die gewalttätig wird, hat sich weit entfernt von dem, was Jesus gelebt und gelehrt hat. Wenn wir Ihre Kinder im Namen Jesu taufen, dann taufen wir sie im Namen des Gottes, der die Liebe ist, denn Jesus ist das lebendige Wort von Gott, der Mensch, der dem Bild der Liebe Gottes in Wort und Tat vollkommen entspricht. An dieser Stelle soll das reichen; wir werden in der Predigt nachher noch mehr über Gott und Jesus nachdenken.

Liebe Frau …, als ich Sie fragte, was Ihnen für die Taufe Ihrer Kinder wichtig ist, da haben Sie knapp und klar gesagt: Dass sie von Gott beschützt und behütet sind. Was ich eben in hochtheologischen Worten gesagt habe, dass Gott die Liebe ist und uns diese Liebe in Jesus offenbart hat, das lässt sich in der Tat auch einfacher sagen. Zum Beispiel in den Taufsprüchen, die Sie für Ihre Kinder ausgesucht haben.

Für die Zwillinge haben sie Taufsprüche ausgesucht, die sehr ähnlich sind, genau wie … und … ja auch, aber eben doch nicht gleich.

Der Spruch für … steht im 5. Buch Mose – Deuteronomium 31, 8 (Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

Der Herr … ist mit dir. Er lässt dich nicht fallen und verlässt dich nicht.

Und der Spruch für … steht im Buch Josua 1, 9:

[Sei] getrost und unverzagt…; denn … Gott ist mit dir in allem, was du tun wirst.

In beiden Versen steht im Mittelpunkt, dass Gott bei unseren Kindern ist. Sie mögen sich einmal einsam fühlen und schwere Zeiten durchstehen müssen, Gott lässt sie nicht allein. Darum können sie mit Zuversicht ihr Leben führen, egal was kommt. Dass Gott sie nicht allein lässt, mag manchmal auch lästig sein, denn Gott stellt auch Ansprüche. Er erwartet von uns, dass wir nicht nur egoistisch an uns selber denken, sondern die anderen Menschen mit im Blick haben. Gott lässt nämlich auch die anderen nicht im Stich und spannt uns als Mithelfer ein, damit das im Leben wahr wird.

Aber kann Gott immer und überall sein, um uns nahe zu sein? Ja, das kann und tut er, und wir können uns vorstellen, dass er das mit Hilfe seiner starken Engel vollbringt. Engel sind die guten Mächte Gottes, die uns von allen Seiten umgeben, die uns auffangen, wenn wir fallen, die uns begleiten auf unseren Wegen. Davon spricht Psalm 91, 11 – der Taufspruch, den Sie für die große Schwester der Zwillinge, für …, ausgesucht haben:

[Gott] hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.

Wenn wir wissen, dass Gottes Engel unsere Kinder behüten, dann müssen wir als Eltern und Paten uns nicht überfordern in unserer Sorge für ihr Wohlergehen. Wir können Kinder nicht vor allem bewahren, aber wir können ihnen gute menschliche Begleiter sein, auf die sie sich verlassen können.

Lasst uns nun unser Gottvertrauen aussprechen: dass Gott unsere Welt als einen guten Raum zum Leben geschaffen hat; dass Gott in Jesus ein Gott zum Anfassen geworden ist; und dass Gott mit seiner Liebe, seinem Geist, in uns selber wohnen will.

Glaubensbekenntnis und Taufen
Lied: Jedes Kind braucht einen Engel

Hören wir nun den Text zur Predigt im Evangelium nach Johannes 6, 47-51. Jesus spricht:

47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.

48 Ich bin das Brot des Lebens.

49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.

50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.

51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen. „Amen.“

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, vom Brot des Lebens redet Jesus. Er tut es auf geheimnisvolle Weise. Er verspricht denen, die auf ihn vertrauen, das ewige Leben, und er nennt sich selber das Brot des Lebens. Wenn wir davon essen, leben wir ewig. Am Ende sagt er sogar: „Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.“

Wovon spricht Jesus da? Brot und Fleisch – es geht da doch wohl nicht um unsere Ernährung, oder etwa in gewisser Weise doch?

Welches Brot meint Jesus? Wir reden vom täglichen Brot, wenn wir unsere Nahrung meinen. Wenn wir nicht essen, verhungern wir. Aber was meint Jesus damit, dass er das Brot des Lebens ist? Ja, noch krasser: er ist nicht nur „Brot für die Welt“, sondern er gibt sich sogar hin als „Fleisch für die Welt“. Ist das nicht Kannibalismus?

Diesen Vorwurf bekommt Jesus schon damals von Leuten aus seinem Volk zu hören: „Was redet der da? Will er uns sein eigenes Fleisch zu essen geben?“ An diesem Problem scheiden sich dann wirklich die Wege von Christen und Juden: Für Juden ist es nicht nachvollziehbar, wenn Christen im Abendmahl Leib und Blut Christi zu sich nehmen. Sie sagen: Das hat nichts mehr mit der Religion unserer Väter zu tun. Solche Rituale, bei denen Blut getrunken wird und Fleisch der Götter verzehrt wird, so etwas gibt es vielleicht bei den Heiden, aber nicht bei uns.

Dieses Problem ist deswegen so schwierig, weil es mit einem ganzen Haufen von Missverständnissen belastet ist, die nur schwer ausgeräumt werden können.

Missverständnis 1: Nein, wir Christen trinken nicht wirklich das Blut Jesu und essen nicht buchstäblich das Fleisch von Jesus. Wenn wir das Brot beim Abendmahl essen, verwandelt es sich nicht in Menschenfleisch. Aber während wir das Brot essen, besteht die Chance, dass sich etwas anderes verwandelt: nämlich wir selbst. „Das ist mein Leib“, meint Jesus, „so wie die Körner dieses Brotes zermahlen werden, so reibe ich mich für euch auf, wie dieses Brot gebrochen oder zerschnitten wird, so stirbt mein Körper für euch, wie dieses Brot euch satt macht, so braucht eure Seele meine Liebe, damit sie stark und mutig und getröstet ist.“

Missverständnis 2 besteht darin, dass viele meinen: Indem Jesus sich selbst das Brot des Lebens nennt, wollte er sich bewusst von den Juden trennen. Welches Brot meint Jesus? Spricht er nur von geistiger Nahrung, sozusagen von einer Medizin für das ewige Leben? Meint er, wenn er vom Brot des Lebens und des Himmels spricht, ein anderes Brot als das Manna, das die Israeliten in der Wüste von Gott bekamen? Meint Jesus wirklich: „Mein Brot ist besser als das Manna der Juden. Das hat nur zeitweise den Körper satt gemacht. Mein Leib macht euch in Ewigkeit satt.“ Ist das der Sinn unseres Textes? Spielt Jesus das christliche Brot des Lebens gegen das jüdische Manna aus?

Ganz so einfach ist es nicht. Richtig ist, dass Jesus sagt: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.“ Aber er kennt seine Bibel besser als wir. Warum mussten sie sterben? Nicht weil das Manna sie nicht satt gemacht hätte. Nicht weil es schlechtes Brot gewesen wäre. Manna war Himmelsbrot von Gott, und Israel wurde davon satt, 40 Jahre lang. Erst als das Volk das Brot nicht mehr dankbar aus Gottes Hand empfing, drohte ihm tödliche Gefahr. Im 4. Buch Mose – Numeri 11, 4-6, fingen…

4 … die Israeliten wieder an zu weinen und sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben?

5 Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch.

6 Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna.

Auf diese Gier nach mehr als Manna, auf diese Unzufriedenheit mit dem, was sie von Gott bekommen, reagiert Gott damit, dass er ihnen ihren Willen lässt (4. Buch Mose – Numeri 11, 18b-20):

18 Euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben,

19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang,

20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen?

Tatsächlich gelingt es Gott, das Volk mit Fleisch regelrecht zu überfüttern (4. Buch Mose – Numeri 11, 31-33):

31 Da erhob sich ein Wind, vom HERRN gesandt, und ließ Wachteln kommen vom Meer und ließ sie auf das Lager fallen, eine Tagereise weit rings um das Lager, zwei Ellen hoch auf der Erde.

32 Da machte sich das Volk auf und sammelte Wachteln diesen ganzen Tag und die ganze Nacht und den andern ganzen Tag; und wer am wenigsten sammelte, der sammelte hundert Scheffel. Und sie breiteten sie rings um das Lager aus, um sie zu dörren.

Aber nicht jeder Wunsch, der uns Menschen erfüllt wird, tut uns auch gut. Die Überfütterung mit Fleisch hat damals wie manchmal auch heute böse Folgen:

33 Als aber das Fleisch noch zwischen ihren Zähnen war und ehe es ganz aufgebraucht war, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk, und er schlug sie mit einer sehr großen Plage.

Ob diese Plage in einer Fleischvergiftung bestand, lässt der Text offen. Heute wissen wir: Fleischkonsum, der ausufert, weil jeder billiges Fleisch essen will, endet mit BSE- und Gammelfleischskandalen. Und da die großindustrielle Produktion von Fleisch heute sehr viel Getreide als Rohstoff verschlingt, führt der übermäßige Verzehr von Fleisch durch die, die es sich leisten können, dazu, dass die Armen der Welt weniger Brot und Reis zum Essen haben. Genau dieser Zusammenhang von Fleisch als Luxus, der Armut hervorruft, ist dem biblischen Erzähler wichtig. Die Israeliten merken gar nicht, dass ihre Sehnsucht nach einem Leben unter ägyptischen Verhältnissen ins Verderben führt. Habt ihr denn vergessen, dass ihr selber Sklaven wart in Ägypten, so fragt Mose sein Volk immer wieder. OK, sagt Gott, ihr bekommt Fleisch, aber dann müsst ihr auch die Folgen tragen.

Fleischessen, diese Frage hängt für die Bibel also eng zusammen mit der sozialen Frage und darum auch mit dem Vertrauen zu Gott. Ursprünglich, so der Schöpfungsbericht der Bibel (1. Buch Mose – Genesis 1), hat Gott überhaupt nicht gewollt, dass ein Tier das andere frisst. Zur Schöpfung, die Gottes Wille ist, sollte Gewalt und Tod nicht dazugehören. Auch Menschen sollten kein Fleisch essen:

29 Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise.

Punkt. Mehr stand nicht auf dem Speiseplan. Trotzdem (oder deswegen?) heißt es:

31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.

Wie kommt aber in eine so gute Schöpfung dann doch das Böse hinein, Gewalt, Tötung und auch das Fressen und Gefressenwerden? Das wird in der Bibel nicht erklärt. Gott will das Böse nicht, aber es existiert einfach, so wie es Licht nicht ohne Schatten gibt. Gott schafft nur das Licht, nur das Leben, will den Menschen vor Finsternis und Tod bewahren, aber in einer Welt, in der dem Menschen Freiheit gegeben ist, kann der Mensch sich auch gegen das Gute, gegen Gott und für das Böse entscheiden.

Den Menschen reicht nicht aus, was Gott ihnen gibt, zuerst wollen sie mehr als die Früchte der Bäume, sie wollen die eine verbotene Frucht. Später wollen sie mehr als Manna, sie wollen Luxus, sie wollen Fleisch. Das Misstrauen gegen Gottes Güte bringt die Sünde und die Gier in die Welt. Der Mensch will mehr als, was ihm gut tut, und plötzlich sind Gewalt und Tod an der Tagesordnung: Fressen und Gefressenwerden, Habgier und Mangelwirtschaft, Armut und Reichtum. Wenn das ungebremst so weiterläuft, zerstört der Mensch sich selbst und seine Umwelt.

Diese Mahnung steht schon in der Geschichte von der Sintflut, die tröstlicherweise zugleich von Noah und der Arche erzählt: Gott bleibt den Menschen treu und gibt ihnen gemeinsam mit den Tieren eine neue Chance. Interessant ist am Ende dieser Geschichte: Weil die Menschen nun einmal so sind, wie sie sind, nämlich „böse von Jugend auf“, regelt Gott nach der Sintflut die Nahrungsaufnahme neu (1. Buch Mose – Genesis 9, 1-3):

1 Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.

2 Furcht und Schrecken vor euch sei über allen Tieren auf Erden und über allen Vögeln unter dem Himmel, über allem, was auf dem Erdboden wimmelt, und über allen Fischen im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.

3 Alles, was sich regt und lebt, das sei eure Speise; wie das grüne Kraut habe ich’s euch alles gegeben.

Dass Menschen Tierfleisch essen dürfen, beruht für die Bibel also auf einer Sondererlaubnis Gottes für Sünder. Wir sind nun einmal so, wie wir sind, also wird uns zugestanden, nicht nur Gemüse und Brot, sondern auch Fleisch von Tieren zu essen.

Es klingt sonderbar, dass die Bibel die Lizenz zum Fleischessen mit der Sünde des Menschen begründet. Als ob auch die Raubtiere vor dem Sündenfall der Menschen nur Gras und Gemüse gefressen hätten.

Allerdings kennt auch die Bibel das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden in der Natur. Das zeigt der Schöpfungspsalm 104, da heißt es:

20 Du machst Finsternis, dass es Nacht wird; da regen sich alle wilden Tiere,

21 die jungen Löwen, die da brüllen nach Raub und ihre Speise suchen von Gott.

22 Wenn aber die Sonne aufgeht, heben sie sich davon und legen sich in ihre Höhlen.

Das Raubtier hat also im Schöpfungslob der Bibel seinen Platz, und die Kinder der Löweneltern dürfen ihre Speise von Gott erwarten, die im Raub anderer Lebewesen besteht. Doch auch der Psalmbeter sieht darin ein dunkles Geheimnis der Schöpfung, darum findet die Nahrungssuche der Raubtiere in der Finsternis der Nacht statt, zwischen der Abenddämmerung und dem Aufgang der Sonne.

Der Prophet Jesaja hofft auf eine neue Schöpfung, die anders aussieht als die bisherige (Jesaja 65, 25):

Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Sie werden weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Ich glaube, wir sind gar nicht so anders als die Menschen der Bibel. Einerseits wissen wir: Leben funktioniert nicht ohne Nahrung. Selbst Vegetarier oder Veganer leben auf Kosten pflanzlicher Lebewesen. Viele Tiere haben keine Wahl, sie müssen sich von anderen Tieren ernähren. Andererseits leiden wir darunter, in einer Schöpfung zu leben, die so grausam eingerichtet ist, dass das eine Leben nur überleben kann, indem anderes Leben dafür stirbt. Wir sehnen uns nach einer Welt ohne Gewalt und Leid, nach einer Welt des Friedens.

Wäre es nicht schön, wenn wir Menschen wenigstens im Bereich unserer menschlichen Verantwortung unseren Beitrag zu einer solchen Welt leisten würden? Paulus meint im Brief an die Galater 5, 14-15, dass wir das durchaus können. Er sagt:

14 Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem (3. Buch Mose – Levitikus 19, 18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

Das Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden, mag es auch in der Natur gelten, unter uns Menschen soll es abgeschafft werden. Unter uns soll das Gesetz einer Liebe gelten, die nicht in Gefühlsduselei besteht, sondern in Respekt und Rücksicht voreinander, in Solidarität gegenüber den Schwächeren.

Das meint Jesus, wenn er sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Er sagt damit nicht: Das Manna der Juden hat nichts getaugt. Er sagt: Das Manna war Brot vom Himmel, aber wer die Gaben Gottes nicht dankbar empfängt, wer niemals zufrieden sein kann, der stirbt am Ende ohne Hoffnung. Ohne Gottvertrauen und Dankbarkeit sterben wir nicht nur einfach irgendwann, wir sind schon im Leben wie tot.

Jesus spricht zu Menschen, denen Gott fremd geworden ist, damals zu seinen Landsleuten, heute zu uns. Er sagt: OK, ihr zweifelt, ihr meint, Gott meint es nicht gut mit euch. Ihr wollt das volle Leben. Ihr wollt nicht bescheiden sein. Ihr wollt Fleisch wie damals die Israeliten in der Wüste. Ihr wisst aber auch, wie das damals ausgegangen ist. Sie wollten Fleisch, sie bekamen Fleisch, und viele sind an Überfütterung zugrundegegangen. Wollt ihr das auch?

Jesus macht uns ein neues Angebot. Gut, sagt er, ihr werdet Fleisch bekommen. Aber kein Fleisch, das zur Überfütterung und zum Tode führt. Sondern Fleisch zum Leben (Johannes 6):

51 Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Ich höre diesen Satz so. Jesus sagt uns: Wenn ihr in dem tödlichen Gesetz von Fressen und Gefressenwerden gefangen seid, ich überwinde es für euch. Ihr denkt: Besser zu denen gehören, die fressen, statt zu denen, die gefressen werden. Jesus macht es umgekehrt. Er gibt sein Leben, damit wir leben. Er verzichtet auf Gewalt, und wenn sie noch so gerechtfertigt wäre, er lässt sich abführen, statt gewaltsam Revolution zu machen. Am Ende setzt sich seine Liebe durch, weil Gott ihn aufstehen lässt aus dem Tod.

Es bleibt dabei: Wir könnten nicht leben, ohne dass anderes Leben dafür stirbt. Jesus löst dieses Problem, indem er aus diesem Gesetz des Todes ein Gesetz des Lebens macht:

51 Dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt.

Er lebt uns damit vor, was er im Evangelium nach Markus 8, 35 so gesagt hat:

35 Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.

Es geht hier nicht um Masochismus, nicht um Freitod, sondern um Hingabe. Die Situation, in der einer sein Leben für einen anderen opfert, kommt selten vor. Aber alltäglich ist die Herausforderung in jeder Familie, wenn es darum geht: Wer kommt zuerst, die Bedürfnisse der Eltern oder der Kinder? Für einen Menschen, den ich liebe, tue ich alles; es kommt mir nicht einmal als Verzicht vor, wenn ich zurückstecke.

Wenn in unserer Welt das Gesetz der Liebe herrscht, dann muss die Tatsache, dass eins vom andern lebt, nicht unbedingt als grausam empfunden werden.

In alten menschlichen Kulturen gab es Rituale, um den Früchten, dem Getreide, den Tieren dafür zu danken, dass man sie essen durfte.

Albert Schweitzer lehrte die Ehrfurcht vor dem Leben, damit wir nicht unachtsam und gedankenlos lebendige Wesen quälen und töten.

Auf einer Tagung mit Pfarrern unserer Landeskirche erklärte uns der Astrophysiker Andreas Burkert vor zwei Wochen: Wir Menschen würden nicht existieren, wenn nicht irgendwann vor sehr sehr langer Zeit Sterne gestorben wären. Denn die Elemente, aus denen wir Menschen bestehen, vor allem Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff, gab es im Universum nicht von Anfang an, sie sind erst entstanden, im Innern von Riesensternen, im Laufe vieler Millionen Jahre. Als manche dieser Sterne alt wurden und in einer gigantischen Explosion starben, wurden die Baustoffe freigesetzt, aus denen später Planeten entstanden und viel viel später wir selbst. Für Andreas Burkert ist diese Einsicht zum Staunen: Sterne vergehen und lassen andere Sterne und am Ende sogar Leben entstehen. So wunderbar ist unsere Schöpfung eingerichtet!

Man muss wohl ein gläubiger Mensch sein, um die Schöpfung als Wunder Gottes bestaunen zu können.

Wer durch die Schule Jesu geht, lernt jedenfalls, dass in den scheinbar so tödlichen Gesetzen der Natur die lebendige Schöpferkraft Gottes wirksam sein kann.

Jesus gibt seine Liebe, sein Leben, seine heilsamen Worte, damit wir leben und lieben, damit wir getrost und zuversichtlich leben können, auch in dieser so widersprüchlichen Welt. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 579: Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein

Gott, hilf uns, dass wir dich fürchten und lieben, dass wir dir vertrauen. Trotz aller Gewalt und aller Resignation und aller Verzweiflung – lass uns nicht aufhören, an Liebe zu glauben und Liebe zu üben. Trotz aller Überforderung und Depression – lass uns nicht aufhören, zu hoffen. Trotz aller Gleichgültigkeit und Trägheit – lass uns immer wieder aufstehen und verantwortlich handeln.

Stelle uns Engel zur Seite, die uns helfen, liebevoll umzugehen mit den Menschen, aber auch mit dem, was wir selber in die Hand nehmen. Dass wir aufblühen können in unserer eigenen Schönheit und uns mit unserem Kummer fallen lassen können in deine Hände. Dass wir selbst für andere ein Engel sein können – für unsere Kinder, die uns anvertraut sind, für die Konfirmanden, für jeden Menschen neben uns. Dass wir uns Menschen behutsam nähern, ohne sie brutal zu kritisieren oder verletzen, so dass sie sich geachtet und kostbar fühlen können.

Besonders beten wir heute für drei Mitglieder unserer Gemeinde, die gestorben sind: … . Nimm die Verstorbenen gnädig auf in dein himmlisches Reich, die beiden, die wir auf dem Friedhof bestattet haben, und den einen, der seinen Körper zu wissenschaftlichen Zwecken zur Verfügung gestellt hat. Begleite die Angehörigen in ihrer Trauer und lass sie bewältigen, was so schwer durchzustehen ist. Lass sie Trost finden und zur Ruhe kommen und neuen Sinn in ihrem Leben finden. Amen.

Lasst uns beten in der Stille und vor Gott bringen, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 632: Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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