Gott wie ein Töpfer und wir wie der Ton?

Paulus – mit gemischten Gefühlen gelesen.

Paulus versucht, ein unlösbares Rätsel zu lösen. Warum gibt es Menschen, die Gottes Liebe nicht annehmen, die nach Gottes Maßstäben verloren sind? Er antwortet: Gott wollte, dass es diese Menschen gibt. Denn sie spielen eine Rolle für die, die gerettet werden. Aber ist es wirklich sicher, dass es für diese Menschen keine Hoffnung gibt?

Tonfigur eines Töpfers auf Zeitungspapier, sitzt mit angewinkelten Knien und stützt den Kopf in die Hände

Sind wir Menschen in Gottes Händen wie die Tonfiguren eines Töpfers? (Bild: pixabay.com)

#predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Septuagesimä, den 4. Februar 1996, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Ich begrüße Sie herzlich in unserem Gottesdienst in der Klinik-Kapelle – zum Singen und zum Beten, zum Hören auf Gottes Wort und zur Feier des Abendmahls. Am Anfang bitten wir gleich um Gottes Segen mit dem Lied 170:

Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten mit Worten aus dem Buch des Propheten Jeremia 9:

22 So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.

23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

Kommt, lasst uns anbeten. „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, manchmal fragen wir nach dir, und manchmal verlieren wir dich aus dem Sinn. Du bist dennoch immer um uns, und du vergisst uns nie. Manchmal bist du uns vertraut, und manchmal bist du uns fremd. Doch du kennst uns und nimmst uns an, so wie wir sind. Heute fragen wir nach dir, und wir bitten dich, dass wir dich neu verstehen und neu auf dich vertrauen können. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus dem Evangelium nach Matthäus 20, 1-16:

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen

4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen hin.

Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da.

7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen jeder seinen Silbergroschen.

11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

12 und sprachen: Diese letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.

15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja.“

Lied 454: Auf und macht die Herzen weit
Gnade und Friede sei mit uns allen von Gott, unserem Vater, und Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde!

„Habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?“ So spricht der Weinbergbesitzer im Gleichnis Jesu zu seinen Arbeitern. Kann nicht auch Gott mit uns machen, was er will? Wir gehören ihm ja. Er hat uns geschaffen, wir sind sein Eigentum.

Es gibt Menschen, die sich gegen diesen Gott auflehnen. Die sagen: Das ist doch ungerecht! Die einen strengen sich ihr Leben lang an und opfern sich auf. Die anderen haben die ganze Zeit herumgelungert und nichts Rechtes geleistet. Dann kommen sie doch noch in der allerletzten Stunde – und bekommen von Gott den gleichen Lohn wie die anderen! Welch himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Aber auf eines geht Jesus in diesem Gleichnis nicht ein. Was ist mit den Menschen, die überhaupt nicht kommen, auch nicht ganz zum Schluss? Was ist mit denen, die von Gott gar nichts wissen wollen? Sind die dann von Gott auf ewig verstoßen?

Ich habe bei dieser Frage meine Schwierigkeiten. Denn ich kenne Menschen, die sind durch ihre schlimme Lebenserfahrung so verbittert, dass sie einfach kein Vertrauen mehr haben, nicht zu einem Menschen und auch nicht zu Gott. Manche sind auch dermaßen verletzt und enttäuscht worden von Menschen der Kirche, dass sie ihren Glauben verloren haben.

Und umgekehrt weiß ich von mir selbst: ich kann mir auf meinen Glauben nichts einbilden. Ich weiß, dass es ein Geschenk Gottes an mich ist, dass ich ihm vertrauen kann. Und wenn ein verbitterter Mensch doch noch zu glauben lernt, ist das auch ein Gottesgeschenk und nicht seine eigene Leistung.

Darum drängt sich die Frage ganz natürlich auf: Wenn Gott mir den Glauben schenkt, warum schenkt er ihn nicht auch allen anderen Menschen? Warum gibt es Leute, in denen der Glaube niemals zu wachsen beginnt? Kann man das dadurch erklären, dass die einen Menschen eben von Gott erwählt worden sind und die anderen eben nicht? Wäre Gott dann nicht erst recht ungerecht?

Auf dieses schwierige Thema geht Paulus in unserem heutigen Predigttext ein, in seinem Brief an die Römer 9, 14-24. Paulus stößt zu Beginn einen Seufzer aus:

14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!

Nun, das ist sozusagen erstmal die Überschrift. Die Behauptung, die Paulus aufstellt. Keinesfalls kann Gott ungerecht sein, sagt Paulus. Aber wie begründet er das? Zunächst einmal, indem er sich daran erinnert, was Gott einmal zu Mose gesagt hat:

15 Denn er spricht zu Mose: »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«

Paulus sagt also, dass man schon zu Moses Zeiten von Gott gewusst hatte: Er verschenkt seine Liebe, seine Gnade und sein Erbarmen einfach so an die Menschen, ohne dass die Menschen darüber eine Kontrolle haben könnten. In eigenen Worten erläutert das Paulus so:

16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

Nochmal im Klartext, in heutiger Sprache: Paulus will also sagen, dass ein Mensch nicht deshalb von Gott angenommen wird, weil er so einen starken Willen hat oder sich so sehr anstrengt, sondern nur deswegen, weil Gott ihn einfach so liebhat.

So weit entspricht der Gedankengang des Paulus dem, was wir auch in dem Gleichnis Jesu gehört haben. Aber nun geht Paulus noch einen Schritt weiter und nennt das Beispiel eines Menschen, der nicht an Gott geglaubt hat:

17 Denn die Schrift sagt zum Pharao: »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«

Paulus malt uns die Geschichte des Pharao vor Augen, der vor Hunderten von Jahren die Israeliten blutig unterdrückte und sie nicht aus Ägypten hinaus in die Freiheit ziehen lassen wollte. Im Alten Testament hatte man das Schicksal dieses ägyptischen Königs so gedeutet: So mächtig dieser Mann auch erschienen war – er war doch nur ein Werkzeug in Gottes Hand. An ihm sollte deutlich werden, wie durchgreifend Gott seinem Volk auch gegen einen solchen brutalen Machthaber helfen konnte. Daraus zieht Paulus den allgemeinen Schluss:

18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.

Paulus übernimmt also aus der alten Überlieferung diese Überzeugung, dass Gott nicht nur Menschen auswählt, die dann zu ihm gehören, sondern dass er andere Menschen zu einem anderen Zweck auswählt: sie sollen ihr hartes Herz behalten, sollen verstockt bleiben, damit Gott an ihnen seine Macht beweisen kann.

An dieser Stelle würde ich gerne mit Paulus streiten. Ich würde ihm sagen: Das kann doch nicht sein! Der Gott der Liebe kann doch nicht mit Menschen einfach so spielen, nicht einfach mit ihnen so umspringen wie mit Püppchen auf einem Mensch-ärgere-dich-nicht- Brett! Und es ist, als ob Paulus solche und ähnliche Einwände schon damals zu hören bekommen hat, denn er schreibt:

19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?

Paulus hat es schon gut erkannt: man muss diesen Einwand ernstnehmen. Wenn Gott den einen Menschen für die Erlösung erschaffen würde und den anderen für die Verdammnis und wir könnten daran überhaupt nichts ändern, egal was wir täten, dann wäre es doch völlig gleich, wie wir uns verhielten. Dürfte Gott uns dann überhaupt noch beschuldigen, wenn wir uns gegen ihn wendeten? Er wäre es ja dann selber, der unser Herz verstockt hätte.

Darauf antwortet nun Paulus mit einem Bildwort. Er vergleicht uns Menschen in der Hand Gottes mit dem Werkstück in der Hand eines Handwerkers, mit dem Ton in der Hand eines Töpfers:

20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?

21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?

Was für ein Bild stellt Paulus uns hier vor Augen? Da ist ein Töpfer, also ein Handwerker oder ein Künstler, der aus Lehm oder Ton Gefäße macht. Wenn er einen Lehmklumpen hat, dann entscheidet er selbst, was er daraus macht: einen Teller oder einen Spucknapf, einen Krug für Getränke oder einen Nachttopf. Der Ton wird nicht gefragt, was er werden will, das fertige Gefäß kann sich auch nicht beschweren.

Hier malt Paulus ein Bild von der Beziehung zwischen Töpfer und Ton, zwischen Gott und Mensch, das ganz unter dem Zeichen von Macht und Ohnmacht steht. Der Töpfer hat die Macht, der Ton ist ohne jede Macht. Genauso ist der Mensch dem himmlischen Befehlshaber willenlos ausgeliefert. Gott hat immer Recht, der Mensch hat nichts zu sagen. So gesehen ist Gott ein Richter, der den Menschen auf jeden Fall schuldig sprechen kann, egal was er tut.

Lieber Paulus, möchte ich sagen, dieses Bild gefällt mir nicht. Ein bisschen erinnert es mich an das, was die Schlange der Versuchung im Paradies der Eva ins Ohr flüstert: Gönnt Gott euch denn überhaupt nichts? Hat er wirklich gesagt: Ihr dürft von den Bäumen im Garten nichts essen? Der will doch bloß seine Macht behalten und hat Angst vor euch! Jedenfalls kann man vor einem solchen Gott doch nur Angst haben.

Oder hat Paulus es gar nicht ganz so gemeint, wenn er Gott und den Menschen mit einem Töpfer und seinem Ton vergleicht? Ich denke, dieses Bild kann man auch ganz anders verstehen. Wenn ein Künstler oder auch ein Handwerker von ihrem Beruf etwas verstehen und ihn gerne ausüben, dann hat er doch auch eine Beziehung zu dem Material, das er gestaltet. Der Schreiner geht mit dem Holz sorgsam um, der Bildhauer weiß genau um die Eigenarten von Granit oder Marmor, der Töpfer streichelt ja auch sozusagen seinen Werkstoff, indem er ihn formt. Und wenn man wirklich Gott mit einem Töpfer vergleichen will, dann sehe ich ihn als einen ausdrucksstarken Künstler, der aus dem Ton in seiner Hand das herausgestaltet, was in diesem Material drinsteckt.

Und dann sieht unsere Beziehung zu Gott ganz anders aus. Wir sind dann zwar wie Ton in der Hand eines Künstlers, wir haben nicht die Macht, die er hat, aber das ist nicht schlimm, denn er tut uns nichts Böses. Gemessen an seiner Macht sind wir machtlos, aber nicht hilflos. Angewiesen auf Hilfe sind wir, aber wir bekommen auch Hilfe. Wir dürfen da sein, wir dürfen Bedürfnisse und Wünsche haben. Wir dürfen wissen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Gott liebt uns ja. Seine Hand umhüllt uns und schützt uns, in ihr sind wir geborgen, wie ein Kind in den Armen von Mutter oder Vater.

Lied 573: Lobt den Herrn, lobt den Herrn

Liebe Gemeinde, dieses Bild von Gott als dem Töpfer und von uns Menschen als dem Ton, man kann es also auch verstehen – wie die Beziehung guter Eltern zu ihrem Kind. Unmenschlich und auch unangemessen für Gott wird dieses Bild dann, wenn wir so tun, als würde uns Gott nur wie eine Sache behandeln, als würde er ein missratenes Stück Ton einfach wieder zusammenkneten oder wegschmeißen. Unmenschlich wird es ja auch, wenn Eltern ihre Kinder nur annehmen, wenn sie bestimmten Anforderungen entsprechen.

Und ich kann dem Paulus den Vorwurf nicht ersparen, dass er das Bild vom Töpfer und dem Ton wirklich auch in diesem unmenschlichen Sinn gebraucht. Er bleibt auch weiterhin der Ansicht, der himmlische Töpfer habe sozusagen nicht nur ehrenhafte Gefäße in menschlicher Gestalt geschaffen, sondern auch unehrenhafte. Und wenn ich Paulus richtig verstehe, dann sind diese unehrenhaften Geschöpfe von vornherein zum Verderben bestimmt; sie sind nur dazu da, dass Gott sie spüren lässt, wie zornig er auf sie ist und welche Macht er hat:

22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren,

23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.

24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.

Wie gesagt, mit sehr gemischten Gefühlen lese ich diese Sätze des Paulus. Wir können uns sehr darüber freuen, wenn er abschließend schreibt, dass nicht nur Menschen aus dem ursprünglichen Gottesvolk der Juden, sondern Menschen aus allen Völkern der Welt, also von den sogenannten Heiden von Gott auserwählt und geliebt sind. Das ist ja sein wichtigstes Anliegen, dass man sich Gottes Liebe nicht verdienen kann, nur weil man besonders fromm ist oder zu einer besonderen Gemeinschaft gehört oder besonders gute Werke tut. Ich stimme dem Paulus außerdem auch darin zu, dass wir so in Gottes Hand sind wie der Ton in den Händen des Töpfers. Aber ich kann nicht glauben, dass Gott es von vornherein gewollt hat, dass manche von seinen menschlichen Werkstücken misslingen. Ein Künstler macht doch nicht absichtlich ein schlechtes Kunstwerk, gute Eltern werden doch nicht absichtlich eins ihrer Kinder falsch erziehen, nur damit es einem anderen ihrer Kinder besser ergeht. Ich denke, dass Gott eher traurig darüber ist, wenn unter seinen Geschöpfen auch welche sind, die sich von ihm abwenden. Mag sein, er ist auch zornig, wenn Menschen so tun, als seien sie selbst an Gottes Stelle und zerstören das Leben anderer Menschen und auch ihr eigenes Leben. Aber zornig ist Gott auf Menschen immer nur aus Liebe. Er möchte, dass auch der schlechteste Mensch sich noch ändert und umkehrt! Und deshalb widerspreche ich dem Paulus noch einmal in diesem einem Punkt: Ich glaube nicht, dass Gott diese Menschen von vornherein für die Verdammnis geschaffen hat.

Ich glaube, Paulus versucht, ein unlösbares Rätsel zu lösen. Das Rätsel, warum es Menschen gibt, die Gottes Liebe nicht annehmen, die nach unseren menschlichen Maßstäben verloren sind. Er gibt die Antwort: Gott wollte, dass es diese Menschen gibt. Denn sie spielen eine Rolle für die anderen, die gerettet werden. Aber ist es wirklich so sicher, dass diese Menschen tatsächlich endgültig verloren sind? Immerhin sagt Paulus ja selbst, dass Gott diese Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren, mit großer Geduld ertragen hat. Könnte es dann nicht sein, dass es auch für diese Menschen doch noch eine Hoffnung gibt?

Wissen Sie, liebe Gemeinde, wenn man über Gott so nachdenkt, wie es Paulus getan hat und wie wir es jetzt tun, dann kommt man an eine Grenze. Und zwar deswegen, weil wir eben nicht aus unserem menschlichen Leben aussteigen können und uns sozusagen von außerhalb der Welt betrachten können. Wenn wir hören, dass Gott selbst uns den Glauben schenkt und wir aus unserer freien Entscheidung heraus gar nicht glauben könnten, dann denken wir gern logisch weiter (und das tut auch Paulus): es muss dann ja auch Menschen geben, denen Gott den Glauben nicht schenkt und die er darum zum Verderben bestimmt hat. Aber wenn wir so denken, überschreiten wir unsere Grenzen als Menschen. Denn wir können ja gar nicht von außen wissen, wozu wir bestimmt sind, und wenn wir uns das so theoretisch fragen: gehöre ich zu den von Gott gewollten oder verdammten Menschen, dann laufen wir in die Irre.

Aber es gibt auch klare und einfache Antworten auf bestimmte Fragen: Auf die Frage: bin ich von Gott gewollt?, gibt es nur eine Antwort: Ja!, denn wer diese Frage stellt, sucht ja bereits nach Gott, und Gott stößt niemanden zurück, der ihn sucht. Und auf die Frage: Kann ich mich auch gegen Gott entscheiden, gibt es auch nur die Antwort: Ja!, denn in unserer eigenen Erfahrung haben wir ja Freiheit. Von außen gesehen mag unser Schicksal vorherbestimmt sein, ich weiß es nicht, aber in dem Augenblick, in dem wir Entscheidungen treffen, ist das für uns völlig egal, denn wir sind verantwortlich für das, was wir tun, und für das, was wir nicht tun. Wir haben Freiheit, wir erleben sie, und Gott wollte es so. Noch einmal: Wenn Gott wie ein Töpfer ist und wir wie der Ton, den er formt, dann gestaltet Gott uns so, dass wir wirklich Menschen werden, dass wir uns entfalten mit allem, was zu einem Menschen gehört. Auch unsere Freiheit gehört dazu, die Freiheit, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, zu lieben oder zu hassen, zu hoffen oder zu verzweifeln, zu vertrauen oder in Bitterkeit zu versinken. Nur weil Gott auch unsere Freiheit geschaffen hat, können wir auch schuldig werden. Aber er lässt uns mit unserer Freiheit nicht allein. Wir bleiben in seiner Hand geborgen, auch wenn wir eigene Wege gehen. Und wenn wir schuldig werden, dann vergibt er uns und lässt uns einen neuen Anfang finden. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir singen ein Lied von der Freiheit, die Gott uns geschenkt hat, Nr. 360 – und zwar nach der zweiten Melodie:

Die ganze Welt hast du uns überlassen

Und nun feiern wir das heilige Abendmahl miteinander, wie immer mit Brot und Traubensaft. Wer daran teilnehmen will, kommt nach vorn, wenn es so weit ist, die anderen bleiben auf ihrem Platz und gehören auch zu uns dazu. Nach den Einsetzungsworten singen wir Lied 190.2.

Guter Gott, wer dich sucht, der wird dich finden. Wer zu dir kommt, den stößt du nicht zurück. Du vergibst uns unsere Schuld und nimmst uns an mit unseren Schwächen und mit unseren starken Seiten. Du schenkst uns Freiheit und hilfst uns, dass wir unsere Verantwortung auch tragen können. Im Abendmahl dürfen wir schmecken und spüren, wie freundlich du uns annimmst. Amen.

Abendmahl

Gott, hab Dank für alles, was du uns gibst. Hab Dank für deine Liebe und für deine Vergebung, für deinen Trost und deine Ermutigung. Hab Dank dafür, dass wir zuversichtlich leben dürfen, auch wenn wir nicht alle Rätsel der Welt und des Glaubens lösen können. Begleite uns nun weiter auf unserem Lebensweg und lass uns dich nicht aus den Augen verlieren. Amen.

Wir beten gemeinsam mit den Worten Jesu:

Vater unser

Wir singen nun das Lied 324, aber nicht alle achtzehn Strophen, sondern nur sechs. Und zwar die ersten drei und dann noch die Strophen 13 bis 15:

1) Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr, meines Herzens Lust; ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.

2) Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.

3) Was sind wir doch? Was haben wir auf dieser ganzen Erd, das uns, o Vater, nicht von dir allein gegeben werd?

13) Wohlauf, mein Herze, sing und spring und habe gutn Mut! Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut.

14) Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil, dein Glanz und Freudenlicht, dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil, schafft Rat und lässt dich nicht.

15) Was kränkst du dich in deinem Sinn und grämst dich Tag und Nacht? Nimm deine Sorg und wirf sie hin auf den, der dich gemacht.

Abkündigungen

Gott, der Herr, segne euch, und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

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