Wer ist schon gerne draußen?

Als Jesus stirbt, ist der heilige Gott nicht im Tempel anzutreffen, sondern draußen vor dem Tor, auf dem Hügel Golgatha. Das Heiligtum ist wieder draußen vor dem Lager, wie zur Zeit Moses. Sind wir mit Jesus draußen – mit den Verlierern des Lebens, die gehänselt und ausgelacht werden? Oder sind wir drin – und zum Beispiel die Juden draußen?

Ein Tic-Tac-Toe-Spielfeld mit roten und schwarzen Kreisen auf schwarzen und roten Feldern.

Wer ist draußen, wer ist drinnen? (Bild: pixabay.com)

direkt-predigtGottesdienst mit Gaudete-Chor am Sonntag Judika, 9. März 2008, um 10.00 Uhr in der Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Zwei Wochen vor Ostern, am fünften Sonntag in der Passionszeit, begrüße ich Sie und euch alle herzlich zum Gottesdienst in der Pauluskirche. Es geht um Jesus, der draußen vor den Toren von Jerusalem am Kreuz sterben musste, und es geht um die Frage: „Wer ist schon gerne draußen?“

Von unserer Organistin Evelina Alles müssen wir heute leider Abschied nehmen; sie hat aus persönlichen Gründen um die Auflösung ihres Vertrages gebeten und begleitet heute zum letzten Mal unseren Gemeindegesang. Wir danken ihr herzlich für ihren Dienst an der Orgel und auch am Klavier!

Der Gaudete-Chor der beiden Kirchengemeinden Paulus und Thomas gestaltet heute den Gottesdienst musikalisch mit. Dafür sagen wir den Sängerinnen und Sängern und Chorleiter Werner Boeck herzlichen Dank.

Vor dem ersten Lied 586, das wir gemeinsam singen, hören wir vom Chor eine Motette von Johannes Matthias Michel zum Wort für die kommende Woche. Es steht im Evangelium nach Matthäus 20, 28 und lautet:

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“

Motette von J. M. Michel zu Matthäus 20, 28
Lied 586:

1. Herr, der du einst gekommen bist, in Knechtsgestalt zu gehn, des Weise nie gewesen ist, sich selber zu erhöhn:

2. Komm, führe unsre stolze Art in deine Demut ein! Nur wo sich Demut offenbart, kann Gottes Gnade sein.

3. Der du noch in der letzten Nacht, eh dich der Feind gefasst, den Deinen von der Liebe Macht so treu gezeuget hast:

4. Erinnre deine kleine Schar, die sich so leicht entzweit, dass deine letzte Sorge war der Glieder Einigkeit.

5. Drum leit auf deiner Leidensbahn uns selber an der Hand, weil dort nur mit regieren kann, wer hier mit überwand.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“
Psalm 43 – EG 724 – gregorianisch gesungen vom Gaudete-Chor:

1 Gott, schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

2 Denn du bist der Gott meiner Stärke: Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget?

3 Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

4 dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

5 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Antiphon Hesekiel 36, 27:

27 Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

Niemand möchte gern ein Außenseiter sein. Niemand möchte gerne ausgestoßen sein. OK, selber auf Abstand bleiben, sich zurückziehen, wenn‘s brenzlig wird, das ist was anderes. Aber nicht dazu gehören, das tut weh. Keine Familie, keine Freunde haben, wo man weiß: man hört mir zu, man nimmt mich ernst, man versteht meine Probleme – das ist hart, nicht zum Aushalten.

Und wenn Gott mich verstößt? Wenn es ihn vielleicht gar nicht gibt? Wo soll ich dann hin mit meiner Einsamkeit? Wo gehe ich hin, wenn ich sterbe? Würde mich das Universum vermissen, wenn es mich nicht gäbe? Gott, ich will nicht draußen sein. Ich will dazu gehören. Gib meinem Leben einen Sinn!

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Jesus Christus spricht (Johannes 6, 37):

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, mit dir denke ich nach über mein Leben. Zeige mir einen Ort, wo ich sicher wohnen kann, Menschen, wo ich hingehöre, Wege, die ich gehen kann, Zeit, die ich mit Sinn erfüllen kann. Darum bitten wir dich durch deinen Sohn, Jesus Christus, unseren Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung aus dem Evangelium nach Markus 10, 35-45:

35 Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

36 Jesus sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue?

37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

38 Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

39 Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;

40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

41 Und als das die Zehn anderen Jünger hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes.

42 Da rief Jesus alle zwölf Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

43 Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;

44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll der Knecht von allen sein.

45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Motette v. J. M. Michel zu Matthäus 20, 28:

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“

„Amen“.

Wir bekennen gemeinsam den Glauben an Gott, unseren Schöpfer, Erlöser und Versöhner:

Glaubensbekenntnis

Wir singen aus dem Lied 245 die Strophen 1, 3, und 5. Danach das Gesangbuch bitte noch nicht zuklappen, am Anfang der Predigt werde ich auf das Lied noch einmal zurückkommen.

1. Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren, der seiner Menschen Jammer wehrt und sammelt draus zu seinen Ehren sich eine ewge Kirch auf Erd, die er von Anfang schön erbauet als seine auserwählte Stadt, die allezeit auf ihn vertrauet und tröst‘ sich solcher großen Gnad.

3. Die recht in dieser Kirche wohnen, die werden in Gott selig sein; des Todes Flut wird sie verschonen, denn Gottes Arche schließt sie ein. Für sie ist Christi Blut vergossen, das sie im Glauben nehmen an, und werden Gottes Hausgenossen, sind ihm auch willig untertan.

5. Also wird nun Gottes Gemeine gepflegt, erhalten in der Zeit; Gott, unser Hort, schützt sie alleine und segnet sie in Ewigkeit. Auch nach dem Tod will er ihr geben aus Christi Wohltat, Füll und Gnad das freudenreiche ewge Leben. Das gib auch uns, Herr unser Gott!

Gott, gib uns ein Herz für dein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, das Lied, das wir eben gesungen haben, ist das einzige in unserem evangelischen Gesangbuch, in dem das Wort „draußen“ vorkommt. Darum habe ich es, passend zum Predigttext, den wir gleich hören werden, ausgesucht. Ausgerechnet die Strophe, die das Wort „draußen“ enthält, habe ich dann aber doch nicht singen lassen. Aber ich lese sie vor. Wer möchte, kann sie mitlesen, es ist die vierte Strophe aus dem Lied 245:

4. Obwohl die Pforten offen stehen und hell das Licht des Tages scheint, kann doch hinein nicht jeder gehen, zu sein mit Gott dem Herrn vereint. Es ist kein Weg, denn nur der Glaube an Jesus Christus, unsern Herrn; wer den nicht geht, muss draußen bleiben, solang er sich nicht will bekehrn.

Menschen, die mit dem Glauben Schwierigkeiten haben, sagen manchmal spöttisch: „Wer‘s glaubt, wird selig.“ Hier heißt es über die, die nicht an Jesus glauben können, sehr hart: die müssen draußen bleiben – draußen vor der Kirchentür. Sie gehören nicht zur Gemeinde, sie sind „out“ für Christus und für Gott.

Ich habe kein gutes Gefühl dabei, eine solche Liedstrophe zu singen und habe das auch Ihnen und euch heute nicht zumuten wollen. Manche mögen diese Zurückhaltung falsch finden und wünschen sich vielleicht sogar, dass ich mich mit einem solchen Text klar zu Christus bekenne. Aber ich werde noch begründen, warum mir der Ton nicht gefällt, in dem hier von der Bekehrung zum Glauben und vom Glauben an Christus gesungen wird. Denn mitten drin in unserem heutigen Text zur Predigt steht das Wort „draußen“, und wir werden sehen, was es mit diesem „Draußen“ auf sich hat und wer nun wirklich draußen steht. Ich lese den Predigttext im Brief an die Hebräer 13, 10-14:

10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen.

11 Die Leiber der Tiere, deren Blut durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt.

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten, ist er gestorben, wie ein Außenseiter, ein Loser, ein gescheiterter Mensch. Draußen vor den Stadttoren von Jerusalem lag die Anhöhe Golgatha, auf der die Römer Hinrichtungen durchführten. Wer hinausging, sah sie von weitem, die Gekreuzigten, die an den Holzpfählen hingen, draußen vor dem Tor.

Der Hebräerbrief vergleicht dieses „Draußen vor dem Tor“ mit einem anderen „Draußen“. Als die Priester des Volkes Israel am Altar Gottes für Gott Opfer darbrachten, da stand nur ein Räucheraltar drinnen im Heiligtum selbst, auf dem wohlriechende Spezereien wie Weihrauch verbrannt wurden. Der Brandopferaltar, auf dem Tiere geopfert wurden, stand vor der Tür des Heiligtums, und nur von dem Blut der dort geopferten Tiere wurde etwas in das Heiligtum gebracht. Die toten Körper der Tiere wurden aber noch weiter draußen, nämlich ganz außerhalb des Lagers des Israeliten verbrannt (Leviticus 16):

27 Und den jungen Stier und den Bock vom Sündopfer, deren Blut in das Heiligtum zur Entsühnung gebracht wurde, soll man hinausschaffen vor das Lager und mit Feuer verbrennen samt Fell, Fleisch und Mist.

Warum diese Unterscheidung: das Blut der Tiere darf ins Innere des Heiligtums, die Tierkörper müssen draußen bleiben? Das hatte gute Gründe: Im Blut war für die Israeliten das Leben. Wenn man es in das Heiligtum hineintrug, zum Beispiel einmal im Jahr am Großen Versöhnungstag, dann verzichtete man darauf, die Lebenskraft des Blutes in sich aufzunehmen, sondern gab das Leben der toten Tiere Gott zurück; zugleich besiegelte man mit dem Blut den Bund mit Gott, denn man wusste: nur von ihm kommt alles Leben, ohne Gott gibt es nur Tod. Stünde Gott nicht auf unserer Seite, wären wir absolut draußen, raus aus dem Leben, im Abgrund des Nichts.

Weil Gott ein Gott des Lebens ist, wird in Israel alles vermieden, was mit einem Totenkult verwechselt werden könnte, wie die Israeliten im Pharaonenreich der Ägypter zur Genüge kennengelernt hatten. Darum bringt man die toten Leiber der Opfertiere nach draußen vors Lager und verbrennt sie dort.

Ausgerechnet mit diesen toten Opfertieren vergleicht nun der Hebräerbrief den gekreuzigten Jesus. Draußen vor der Stadt wird er hingerichtet, draußen verliert er sein Leben. Jesus ist absolut „out“, er selber schreit am Kreuz laut auf, weil er am Ort dieses Todes nicht einmal mehr die Nähe seines Vaters im Himmel spürt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Ort, an dem Jesus stirbt, ist weit außerhalb des Heiligtums, hat nichts Heiliges an sich, denn von einem Erhängten sagt die Heilige Schrift im 5. Buch Mose – Deuteronomium 21:

22 Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz,

23 so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott…

Diesen Fluch, diese Schande und Schmach erleidet Jesus aber nicht als einer, der die Todesstrafe verdient hätte, sondern als Schuldloser. Und zwar als der eine, der wirklich ohne Schuld war, weil ihn Gottes Heiliger Geist vollkommen erfüllte. Er gab sein Leben selber in Liebe hin für die Menschen, erfüllte die Wegweisung Gottes, wie sie von Gott gemeint war, lebte als wahrer Menschensohn, als Ebenbild Gottes, so wie Gott uns alle in der Schöpfung geplant hatte: Menschen, die ihr Leben in Liebe füreinander einsetzen, notfalls bis zum Opfer des Lebens.

Der eine Heilige Gottes wird draußen vor dem Tor getötet, wo sonst der Ort des Todes ist. Gott wandelt den Fluch, der auf diesem Ort liegt, in Segen um: er erweckt diesen Toten zum Leben. Wer nun Gott finden will, muss ihn hier suchen, am scheinbar unheiligen Ort – und der Hebräerbrief zieht diese harte Konsequenz mit den Worten:

13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

Draußen sein mit Jesus? Draußen sein mit den Verlierern des Lebens, mit denen, die gehänselt und ausgelacht werden? Draußen sein mit denen, über die man blöde Witze macht? Wir müssen mal darauf achten, wohin wir nicht gehören wollen, wenn wir gedankenlos reden: „Bist du behindert?“, „Ich bin nicht schwul“, „Lass dich doch in die Klapse einweisen“. Jesus ist draußen, damit die, die draußen sind, nicht draußen bleiben müssen.

Wie ist das nun mit der Liedstrophe, die ich vorhin nicht singen wollte? Da hieß es: Es „kann … hinein nicht jeder gehen, zu sein mit Gott dem Herrn vereint. Es ist kein Weg, denn nur der Glaube an Jesus Christus, unsern Herrn; wer den nicht geht, muss draußen bleiben, solang er sich nicht will bekehrn.“ Wird hier aus dem „Draußen“, wo Jesus seinen Tod erleidet, doch wieder ein neues „Drinnen“ gemacht, aus dem nun wir Christen alle ausschließen, die nicht korrekt an Jesus glauben?

Die Sache ist sogar noch komplizierter, denn schon im Hebräerbrief steht gleich am Anfang unseres Predigttextes der Satz:

10 Wir haben einen Altar, von dem zu essen kein Recht haben, die der Stiftshütte dienen.

Schon hier werden Leute ausgeschlossen. Wer der Stiftshütte dient, darf nicht vom unserem Altar essen, an dem wir das Abendmahl mit Jesus Christus feiern. Im Klartext: Hier zieht der Hebräerbrief einen Trennungsstrich zwischen den Juden, die Jesus nicht als Messias anerkennen, und der Gemeinde aus Juden und Heiden, die auf Jesus als den Messias und Sohn Gottes vertrauen. Als der Hebräerbrief geschrieben wurde, hatte man sich schon stark voneinander entfremdet und sogar verfeindet, man unterstellte sich gegenseitig den Mord am Gottessohn oder Götzendienst durch die Anbetung von Jesus als Gott. Die Juden, die nicht an Jesus glaubten, dienten auch nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem weiter der Stiftshütte, indem sie die Vorschriften über die Opfer geistlich auslegten: Wahre Opfer bestehen darin, die Tora Gottes zu erfüllen und nach seiner Wegweisung zu leben. Die Christen waren überzeugt, dass Tieropfer grundsätzlich unnötig geworden sind, seit Gott sich selbst damals in Jesus Christus für uns Menschen am Kreuz opferte. Gott selber hat uns mit sich versöhnt, ein für alle Mal. Darum werden auf unserem Altar hier in der Kirche niemals Tieropfer dargebracht. Das Kreuz auf dem Altar erinnert an den Tod Jesu damals draußen vor dem Tor der Stadt Jerusalem. Vom Abendmahl an diesem Altar kann natürlich ein Jude, für den Jesus nicht der Messias und erst recht nicht der Sohn Gottes ist, nicht essen.

Die Frage ist aber: Sind damit alle Juden, die Jesus nicht als ihren Messias anerkennen, auch für Gott draußen, raus aus der Gemeinschaft des Bundes mit Gott, den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hatte? Nein, Gott ist treu, er kann sein Volk nicht verstoßen.

Interessant ist, dass schon das Zeltheiligtum des Volkes Israel von Anfang an draußen vor dem Lager gestanden hatte. Warum stand es schon damals draußen? Weil das Volk Israel nicht besser und nicht schlechter war als alle anderen Völker, sondern es verhielt sich so, wie auch wir uns verhalten hätten. Von Anfang an haben sie Schwierigkeiten damit, Gottes Gebote zu befolgen. Sie haben die Zehn Gebote noch nicht mal in Händen, da übertreten sie schon krass das Bilderverbot und bauen sich ein Götterbild: ein Kalb aus Gold beten sie an. Mose tritt vor Gott für das Volk ein, damit es eine zweite Chance bekommt und Gott erhört ihn. Aber Gott trifft Vorkehrungen, damit das Volk geschützt bleibt vor den Folgen weiterer Verstöße gegen die Gebote des Lebens. Im 2. Buch Mose – Exodus 33, spricht er zu Mose:

2 Ich will vor dir her senden einen Engel …

3 und will dich bringen in das Land, darin Milch und Honig fließt. Ich selbst will nicht mit dir hinaufziehen, denn du bist ein halsstarriges Volk; ich würde dich unterwegs vertilgen.

7 Mose aber nahm das Zelt und schlug es draußen auf, fern von dem Lager, und nannte es Stiftshütte. Und wer den HERRN befragen wollte, musste herausgehen zur Stiftshütte vor das Lager.

Indem Mose das Tempelzelt draußen vor dem Lager aufschlug, erinnerte er sein Volk daran, wie gefährlich es ist, das Vertrauen auf Gott zu verlieren und seine Gebote zu übertreten.

Zur Zeit Jesu gab es die Stiftshütte draußen vor dem Lager schon lange nicht mehr. Es gab einen Tempel, der mitten in der Haupstadt Jerusalem lag, sozusagen am meisten drinnen im Lager. Drinnener ging‘s nicht. Der Tempel bildete die Mitte Israels, den Wallfahrtsort, den jedes Jahr zum Passahfest viele Juden aus aller Welt aufsuchten, er sollte der Ort sein, an dem Gott am besten zu finden war. Zugleich war er aber auch das Machtzentrum derer, die damals das Land beherrschten. Hier floss viel Geld zusammen: Der Tempel war die Schatzkammer und die Bank der Oberen Zehntausend. Äußerlich war er ein großartiges Bauwerk, Herodes der Große ließ ihn mit Hilfe von Sklavenarbeit in beeindruckender Weise ausbauen. Jesus nannte den Tempel eine Räuberhöhle. Er fraß die Einkünfte vor allem der armen Leute, den letzten Pfennig armer Witwen. Und am Ende war die Tempelreinigung durch Jesus wohl der Anlass, dass ihn die Tempelherren bei Pilatus anschwärzten und der ihn zum Tode verurteilte.

Als Jesus starb, so erzählen es die drei ersten Evangelisten, da zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel. Drinnen im Tempel ist der heilige Gott zu dieser Stunde nicht anzutreffen, sondern draußen vor dem Tor, auf dem Hügel Golgatha. Das Heiligtum ist wieder draußen vor dem Lager, wie damals zur Zeit des Mose.

Wir Christen müssen achtgeben, dass wir nicht aus unseren Kirchen wieder ein „Drinnen“ machen, aus dem wir Gott nach draußen ausquartieren, ohne es zu merken. Als man in Deutschland unter Hitler das Alte Testament zu lesen aufhörte und Juden in die Gaskammern getrieben wurden, ist das geschehen. Vertreiben wir Gott heute aus unseren Kirchen, wenn wir Bedingungen für den Eintritt aufstellen? Ihr dürft nur hier rein, wenn ihr auf entschiedene Weise an Christus glaubt, die richtige Religion habt, wenn ihr richtig getauft und wiedergeboren seid?

Ich denke, es muss umgekehrt sein: Christus bleibt bei uns, auch hier drinnen in der Kirche, so lange wir nicht vergessen, dass wir ihn nicht allein für uns haben. Christus ist immer vor allem dort, wo seine geringsten Geschwister leiden. Wenn die nicht hierher in die Kirche kommen, wenn sie das Vertrauen zu Jesus, warum auch immer verloren oder noch nicht gefunden haben, dann müssen wir Wege suchen, um zu ihnen hinzugehen, dahin, wo wir gebraucht werden. Wenn Juden den Weg zu Christus nicht finden, weil die Kirche ihnen gegenüber nicht die Feindesliebe Jesu, sondern blinden Hass praktiziert hat, dann können wir dafür nur in Demut um Vergebung bitten und alles tun, um sie zum Vertrauen auf Jesus einzuladen, statt sie von Gottes Liebe ausschließen zu wollen.

13 So lasst uns nun zu Jesus hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.

14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Auch unsere Städte sind nicht für die Ewigkeit gebaut, auch unsere Kirchen sind nur Bauwerke für eine bestimmte Zeit. Alle Orte, in denen wir uns heimisch fühlen, auch Orte der Religion, in denen wir uns eingerichtet haben, können zu einer Gefahr für uns und andere werden, wenn wir aus ihnen ein Bollwerk machen, in dem wir drinnen sind und meinen, andere ausschließen zu können. Auch wir gehören zu Gott nicht, weil wir darauf einen Anspruch hätten, sondern aus Gnade: weil Gott uns liebt. Wenn es nach unseren guten Taten und der Stärke unseres Glaubens ginge, wären wohl auch wir eigentlich draußen. Aber Jesus ist draußen vor dem Tor für uns gestorben. Wenn wir uns an ihn halten, müssen wir niemals und muss niemand sonst herausfallen aus der Liebe Gottes. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Gaudete-Chor (Bach’sche Vertonung: „Lobe den Herren“):
Wer sich dem Heiland mit brennendem Herzen ergeben

Herr Jesus Christus, draußen vor der Tür bist du für die Sünden aller Menschen gestorben. Du ließest dich ausstoßen aus dem Heiligtum und aus dem Leben und machtest dadurch den Ort der Verstoßung zum Ort neuer Hoffnung. Wir danken dir, dass uns niemand zu absoluten Außenseitern machen kann und dass wir es nicht nötig haben, andere zu Außenseitern zu machen. Wir danken dir, dass wir zu dir gehören dürfen, so wie wir sind, und dass du uns verwandelst durch deine Liebe, so dass wir dir gerne nachfolgen auf den guten Wegen deiner Gebote. Wir danken dir, dass du uns nicht verlässt, wo wir uns einsam und verlassen fühlen, dass du uns einen neuen Anfang schenkst, wo wir am Ende sind. Wir danken dir, dass der Tod für uns nicht das Letzte ist, sondern der Durchgang in das ewige Leben. Herr, wir danken dir, dass du für uns dein Leben eingesetzt hast, damit wir leben können.

Insbesondere beten wir heute für ein Mitglied unserer Paulusgemeinde, für Frau …, die im Alter von … Jahren gestorben ist. Gott, du bist der Herr über Leben und Tod, deinen barmherzigen Händen vertrauen wir die Menschen an, die wir geliebt haben. Und wir bitten dich auch für die Angehörigen, dass sie den Weg der Trauer nicht allein gehen müssen. Begleite sie, auch wenn ihr Weg durch finstere Täler führt, und gib ihnen Kraft für die Aufgaben, die in der Zukunft zu bewältigen sind. Amen.

Was wir außerdem auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor dich, unser Gott.

Stille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 91 die Strophen 8 bis 10:

8. Ich will nicht Hass mit gleichem Hass vergelten, wenn man mich schilt, nicht rächend wiederschelten, du Heiliger, du Herr und Haupt der Glieder, schaltst auch nicht wieder.

9. Unendlich Glück! Du littest uns zugute. Ich bin versöhnt in deinem teuren Blute. Du hast mein Heil, da du für mich gestorben, am Kreuz erworben.

10. Wenn endlich, Herr, mich meine Sünden kränken, so lass dein Kreuz mir wieder Ruhe schenken. Dein Kreuz, dies sei, wenn ich den Tod einst leide, mir Fried und Freude.

Abkündigungen

Vielen Dank noch einmal an den Chor unter der Leitung von Herrn Werner Boeck für den Gesang, und vielen Dank an Frau Evelina Alles für das Orgelspiel. Wir wünschen uns vom Chor viele weitere Auftritte im Gottesdienst, und wir wünschen Frau Alles, die uns als Organistin verlässt, Gottes Segen für die Zukunft.

Geht alle mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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