„Jugend und schwarzes Haar sind flüchtig“

In einer Trauerfeier gehe ich auf Worte aus dem Buch des Prediger Salomo ein, in denen es um die Flüchtigkeit der Jugend geht und um die Wechselhaftigkeit des Lebens zwischen Erfolg und Elend.

Jugend und schwarzes Haar sind flüchtig - Silhouette eines jungen Mannes mit vollen fransigen Haaren im Profil

Jugend und schwarzes Haar sind flüchtig (Bild: ArtsyBee – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind auf dem Friedhof versammelt, um von Herrn O. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir denken an sein Leben, auch wenn wir ganz viel aus seinem Leben nicht wissen. Wir erweisen ihm die letzte Ehre. Wir besinnen uns auf Gott, der uns alle und auch ihn durch unser Leben führt und uns mit seiner Liebe beschenkt.

Ich habe lange überlegt, mit welchem Bibeltext ich diese Feier beginnen soll. Schließlich fand ich Verse aus dem Buch des Predigers Salomo am passendsten (Prediger 11 und 12 – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

5 Wie du den Weg des Windes ebenso wenig wie das Werden des Kindes im Leib der Schwangeren erkennen kannst, so kannst du auch das Tun Gottes nicht erkennen, der alles tut.

6 Am Morgen beginne zu säen, auch gegen Abend lass deine Hand noch nicht ruhen; denn du kannst nicht im voraus erkennen, was Erfolg haben wird, das eine oder das andere, oder ob sogar beide zugleich zu guten Ergebnissen führen.

7 Dann wird das Licht süß sein, und den Augen wird es wohltun, die Sonne zu sehen.

8 Denn selbst wenn der Mensch viele Jahre zu leben hat, freue er sich in dieser ganzen Zeit, und er denke zugleich an die dunklen Tage: Auch sie werden viele sein. Alles, was kommt, ist Windhauch.

9 Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, zu dem, was deine Augen vor dir sehen. Aber sei dir bewusst, dass Gott dich für all das vor Gericht ziehen wird.

10 Halte deinen Sinn von Ärger frei, und schütz deinen Leib vor Krankheit; denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch.

1 Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!

4 Wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch die Töne des Lieds verklingen;

5 selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus, und die Klagenden ziehen durch die Straßen –

6 ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt,

7 der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.

13 Hast du alles gehört, so lautet der Schluss: Fürchte Gott, und achte auf seine Gebote! Das allein hat jeder Mensch nötig.

14 Denn Gott wird jedes Tun vor das Gericht bringen, das über alles Verborgene urteilt, es sei gut oder böse.

Liebe Trauergemeinde,

nur wenige sind hier versammelt, um von Herrn O. Abschied zu nehmen. Dabei gab es Jahre, in denen er es durchaus zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat, und auf den Straßen der Stadt hat ihn vor Jahren fast jeder schon einmal gesehen. Schon zuvor hatte sein Leben harte und schlechte Seiten gekannt. Zeitweise war er ganz unten, aber dann schaffte er es wieder, aus dem Elend herauszukommen. Seine Karriere verschaffte ihm eine Bekanntheit weit über das persönliche Umfeld hinaus. Aber als er krank wurde und es ihm schlecht ging, war von seinem großen Bekannten- und Freundeskreis nichts mehr zu merken.

Insgesamt war Herr O. sicher kein im landläufigen Sinn des Wortes „frommer“ Mensch. Aber es gab durchaus schon früher Kontakte zu seiner Kirchengemeinde, und diese Kontakte haben sich vertieft, als er sich hilfesuchend an uns wandte. So gut es ging, sind ihm Gemeindemitglieder tatkräftig zur Seite gestanden. Und auch, als er zum Schluss in ein Pflegeheim ziehen musste, freute er sich über Besuche aus der Gemeinde.

Ich habe ihn zum letzten Mal an seinem letzten Geburtstag gesehen. Ihm ging es gar nicht gut, es schien ihm alles wehzutun und einmal schrie er laut: „Ich glaube!“ Als ich ihn fragte: „Was glauben Sie?“, da sagte er laut: „Ich glaube an Gott!“ Mit wie viel Bewusstsein er das sagte, weiß ich nicht. Aber ich habe mit ihm das Glaubensbekenntnis gesprochen und ihn gesegnet.

Zum Schluss meiner Ansprache komme ich noch einmal auf einen Spruch des Predigers Salomo zurück (Prediger 11, 10 – dieses Mal nach der Zürcher Bibel, 2. Auflage © 2007, 2008 Verlag der Zürcher Bibel beim Theologischen Verlag Zürich AG):

Lass dein Herz frei sein von Verdruss, und halte deinem Leib das Übel fern. Denn Jugend und schwarzes Haar sind flüchtig.

Sein Leben lang hat Herr O. darum gekämpft, sein Leben auf seine Art und Weise führen zu können, ohne Verdruss und Übel. Manchmal mochte er die Realität nicht und hat sich ein Bild von der Wirklichkeit gemacht, das ihm besser gefiel, um über die Runden zu kommen und Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Das konnte nicht immer gut gehen. Auch sein Markenzeichen, der schwarze Lockenkopf, war schon lange auf Haarfärbemittel angewiesen gewesen. Ja, „Jugend und schwarzes Haar sind flüchtig“, aber es fiel Herrn O. unendlich schwer, von seinem jugendlichen Elan und seinen Ambitionen, wieder einmal voller Energie auf der Bühne des Lebens zu stehen, Abschied zu nehmen.

Heute sind wir gemeinsam hier und vertrauen Herrn O. in seinem Tode dem Herrn über Leben und Tod an. Gott kennt alle seine Wege und alle seine Gedanken und wird ihn in der Ewigkeit liebevoll in seine Arme schließen; mag sein, dass er ihn auch nach manchem fragen wird, was er gemacht hat, auch danach, warum er sich zum Schluss doch wohl ziemlich aufgegeben hat. Das alles müssen wir Gott überlassen, der barmherzig mit ihm und uns allen umgeht. Amen.

Gnädiger Gott, ob wir leben oder sterben, wir stehen in Deiner Hand. Nichts ist stärker als Deine Macht, nicht unsere Sünde, nicht das Böse in der Welt und nicht der Tod. Nimm Herrn O. mit Ehren im Himmel an und schenke ihm die Erfüllung aller Sehnsucht seines Lebens!

Und wir bitten dich, Gott, für unser Leben: Gib uns den Mut, zu ändern, was wir ändern können. Gib uns die Kraft zu ertragen, was nicht zu ändern ist. Und gib uns die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.

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