Die andere Seite der Marta

Die fleißige, pflichtbewusste Marta steht in christlichen Kreisen zu Unrecht ganz im Schatten ihrer Schwester Maria, die von Jesus gelobt wird, weil sie ihm trotz vieler Arbeit einfach zuhört. Aber auch Marta hat eine andere Seite.

Die andere Seite der Marta: Der Ausschnitt eines Kirchenfensters mit der Darstellung von Jesus, wie er Lazarus aus dem Grab ruft (der aber nicht auf dem Bild ist); mit einer Hand zeigt Jesus zurück zu einer Frau, die neben ihm steht; es muss Marta sein, die zu ihm gesagt hat: "Herr, er stinkt schon, denn er liegt seit vier Tagen."

Vor der Auferweckung des Lazarus hatte Marta Gespräche mit Jesus (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir versammeln uns heute, um Abschied zu nehmen von Frau W., die im Alter von [über 60] Jahren nach schwerer Krankheit gestorben ist. Wir tun dies im Vertrauen auf Gott, der uns durch unser Leben begleitet und der uns auch im Tode nicht verloren gehen lässt.

Zu diesem Gott beten wir mit Worten aus Psalm 139:

1 HERR, du erforschest mich und kennest mich.

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.

4 Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest.

5 Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

6 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.

7 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

8 Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.

9 Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer.

10 so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.

11 Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -,

12 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.

13 Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Stimme so groß!

18 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand: Am Ende bin ich noch immer bei dir.

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich‘s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

EG 372, 1+5+6:

1) Was Gott tut, das ist wohlgetan es bleibt gerecht sein Wille; wie er fängt seine Sachen an, will ich ihm halten stille. Er ist mein Gott, der in der Not mich wohl weiß zu erhalten; drum lass ich ihn nur walten.

5) Was Gott tut, das ist wohlgetan; muss ich den Kelch gleich schmecken, der bitter ist nach meinem Wahn, lass ich mich doch nicht schrecken, weil doch zuletzt ich werd ergötzt mit süßem Trost im Herzen; da weichen alle Schmerzen.

6) Was Gott tut, das ist wohlgetan, dabei will ich verbleiben. Es mag mich auf die rauhe Bahn Not, Tod und Elend treiben, so wird Gott mich ganz väterlich in seinen Armen halten; drum lass ich ihn nur walten.

Liebe Trauergemeinde,

wir vertrauen Frau W. unserem Vater im Himmel an, betten ihren toten Leib in die Erde zur letzten Ruhe. Zuvor halten wir inne und blicken zurück, erinnern uns an ihr Leben, nehmen wahr, was uns mit ihr verloren gegangen ist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Im Gespräch mit den Angehörigen und auch schon in meinen persönlichen Gesprächen mit ihr selbst wurde überdeutlich: Frau W.s Alltag war immer von einem ausgeprägten Pflichtgefühl durchdrungen. Sie stand früh auf, ging spät ins Bett. Immer verlangte sie von sich selber mehr als von den anderen.

In ihrer lebenslangen Sorge für andere erinnert mich Frau W. an eine Jüngerin von Jesus, an Marta. Der Evangelist Lukas erzählt von ihr (Lukas 10, 38.40):

[Jesus] kam … in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. … Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen.

Und nach einer Erzählung des Evangelisten Johannes über die Einkehr Jesu in Betanien (Johannes 12, 2)

machten sie ihm ein Mahl, und Marta diente ihm.

Die Erinnerung an Marta ist in der Christenheit zuweilen etwas in den Hintergrund gedrängt worden, weil ihre Schwester Maria von Jesus scheinbar bevorzugt wurde. Maria konnte im Gegensatz zu Marta auch einmal Arbeit Arbeit sein lassen, sich zu Jesu Füßen setzen und ihm zuhören; und Jesus tadelte sie dafür nicht (Lukas 10, 39-42). Das heißt aber nicht, dass Jesus die arbeitsame Marta nicht zu schätzen wusste. Im Evangelium nach Johannes 11, 5 heißt es einmal ausdrücklich:

Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.

Da wird Marta an erster Stelle erwähnt.

Und es gibt im Wesen der Marta – und auch von Frau W., wie ich annehme – noch eine andere Seite.

In einer Geschichte führt Johannes sehr schön aus, wie die zupackende Marta, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit steht, von Jesus in ein spannendes Gespräch über den Glauben verwickelt wird. Das war damals, als Lazarus, der Bruder von Marta und Maria, gestorben war. Jesus war zu Hilfe gerufen worden, als es Lazarus schlecht ging, doch er hatte sich Zeit gelassen und kam erst in Betanien an, als es zu spät war – jedenfalls nach menschlichem Ermessen. Lazarus war schon tot, aber Marta begegnet in Jesus dem, der mächtiger ist als der Tod (Johannes 11):

20 Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, geht sie ihm entgegen; Maria aber blieb daheim sitzen.

21 Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben.

22 Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben.

23 Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.

24 Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.

25 Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt;

26 und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das?

27 Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.

Hier zeigt sich: Arbeit, Realismus, Pflichtgefühl, Sorgen für andere, das ist eine Sache, das ist wichtig, das hat seine Bedeutung und seine Zeit. Jesus erkennt das an.

Aber wenn es um die Ewigkeit geht, um Tod und Leben, dann ist mit Pflichterfüllung nichts mehr auszurichten. Dann fängt die Zeit der menschlichen Machtlosigkeit an, die Zeit des Abschiednehmens von den eigenen Kräften, die Zeit von Schmerzen, Trauer und Tränen. Nur eins bleibt stark in dieser Zeit: die Liebe. Liebe stemmt sich gegen den Abschied, will den geliebten Menschen, das, was vertraut war, nicht hergeben. Doch Liebe hilft auch, den Schmerz zu überwinden – gemeinsam, einfach dadurch, dass man einander nicht allein lässt.

Als Frau W. krank wurde, hätte sie am liebsten von Ärzten und Pflegekräften Unmögliches erwartet, nur damit sie bald wieder ihre Aufgaben erfüllen konnte, so wie früher. Es fiel ihr äußerst schwer, damit fertigzuwerden, dass ihre Kräfte nachließen, dass sie selber auf Pflege angewiesen war. Schließlich musste sie sich sogar damit abfinden, sterben zu müssen. Das ist wohl ein schwerer innerer Kampf für sie gewesen, aber sie hat ihn durchgestanden. Sie konnte sich einverstanden erklären mit dem Abschied vom irdischen Leben.

Dabei hat ihr sicher ihr Glaube an Gott geholfen. Vielleicht auch manche Gespräche, oder einfach, dass ihr jemand in schweren Stunden nahe war. Im Glauben an Gott hatte ihr Pflichtgefühl gewurzelt; im Vertrauen zu Gott konnte sie schließlich auch alles Irdische loslassen. Der Kirchenvater Augustin hatte gesagt:

Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet, o Gott, in dir.

So konnten wir feststellen, dass Frau W. an ihren letzten Lebenstagen im Gebet Frieden finden konnte für ihre Seele.

Die Liebe Gottes kann sich niemand verdienen, aber das ist auch nicht nötig, Gott liebt uns doch von sich aus, ganz ohne Vorbedingungen. Die Ewigkeit können wir uns auch mit noch so großer Anstrengung nicht erarbeiten. Er schenkt sie uns, sie ist umsonst. Es ist einfach so, wie es in Psalm 139, 5 heißt:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.

Jetzt ist für die, die Frau W. geliebt haben, die Zeit des Abschiednehmens gekommen. Wir mussten sie hergeben, die Partnerin, die Tochter, die Mutter, die Oma, die Schwester, die Nachbarin, die Freundin, sie, die wir besucht haben im Krankenhaus. Auch uns hilft nur die Liebe, mit der wir uns in der Trauer gegenseitig tragen, und der Glaube, mit dem wir uns Gott anvertrauen.

Mit einem Lied von Arno Pötzsch (EG 533) , aus dem Sie eine Strophe für die Todesanzeige ausgewählt haben, will ich abschließend deutlich machen, wie Frau W. im Tode in Gott geborgen bleibt und wie auch unser Leben in ihm ruht:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand

Amen.

EG 526, 1-3:

1) Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben. Dieses weiß ich; soll ich nicht darum mich zufrieden geben, was die lange Todesnacht mir auch für Gedanken macht?

2) Jesus, er mein Heiland, lebt; ich werd auch das Leben schauen, sein, wo mein Erlöser schwebt; warum sollte mir denn grauen? Lässet auch ein Haupt sein Glied, welches es nicht nach sich zieht?

3) Ich bin durch der Hoffnung Band zu genau mit ihm verbunden, meine starke Glaubenshand wird ihm gelegt befunden, dass mich auch kein Todesbann ewig von ihm trennen kann.

Gebet
EG 374, 1+2+5:

1) Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben; nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihm und wen er hält, wird wohlbehalten bleiben.

2) Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen, die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen. Er hats gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt und lässt sich gar nicht grauen.

5) Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen, dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen. Was er verspricht, das bricht er nicht, er bleibet meine Zuversicht; ich will ihn ewig preisen.

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