Ein Mensch: unendlich kostbar!

Was uns die Geschichte von der Salbung Jesu in Betanien sagen kann.

Wer behauptet, dass die Güte in dieser Welt erfolglos bleiben werde, ist schwer zu widerlegen. Aber Jesus setzt dagegen: Nie wird diese unbekannte Frau von Betanien und ihre Tat vergessen werden. Wir alle sind wertvolle Menschen, dürfen mit Gutem, das wir tun, aus dem Schatten des Bösen heraustreten.

Eine auf der Seite liegende (zerbrochene?) Parfümflasche, die ausgelaufen ist, es scheinen Scherben oder Eiswürfel daneben zu lieben

Wie sah wohl die Flasche mit dem kostbaren Öl aus, mit dem eine Frau Jesus salbte? (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtAbendmahlsgottesdienst am Sonntag Palmarum, den 4. April 1993, um 9.30 Uhr in der Kapelle der Landesnervenklinik Alzey

Im Gottesdienst am Palmsonntag begrüße ich Sie herzlich in unserer Klinikkapelle! Am sechsten und letzten Sonntag in der Passionszeit, fünf Tage vor Karfreitag, eine Woche vor Ostern, hören wir in der Predigt eine tröstliche Geschichte, die am Anfang der Leidensgeschichte Jesu steht und inmitten von düsteren Gedanken und Gefühlen neue Hoffnung und die Ahnung von erfülltem Leben aufscheinen lässt. Wir werden es hören!

Jetzt singen wir zuerst einmal ein Loblied der heutigen Zeit aus dem roten Liederheft – 233, 1-3:
Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Wir hören Worte aus dem Brief des Paulus an die Philipper 2, 5-11:

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:

6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,

10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,

11 und alle Zeugen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, du bist nicht ein Gott, der nur oben sitzt auf einem goldenen Thron. Nein, du bist ein Gott, der unten ist, unten auf der Erde, unten bei den Menschen, denen es dreckig geht. Du kehrst die Verhältnisse um, Mächtige gelten bei dir nichts, und die Verstoßenen nimmst du in Liebe auf. Nicht nach Leistung und Erfolg bewertest du die Menschen, sondern wir alle sind von dir geliebt. Lass dieses Vertrauen immer mehr in uns wachsen: dass wir deine lieben Kinder sind. Hilf uns, dass wir auf dich hören und dir folgen – auf dem Weg zu einem erfüllten Leben! Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung am Palmsonntag aus dem Evangelium nach Johannes 12, 12-19:

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme,

13 nahmen die Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!

14 Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9, 9):

15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

17 Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat.

18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hört, er habe dieses Zeichen getan.

19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir singen aus dem Passionslied 58 die Strophen 2 bis 3 und 9:

2) Jesus, wahrer Gottessohn auf Erden erschienen, fing bald in der Jugend an, als ein Knecht zu dienen. Äußert sich der göttlich‘ Gwalt und verbarg ihr Wesen, lebt in menschlicher Gestalt, daher wir genesen.

3) Jesus richtet aus sein Amt an den Menschenkindern, eh er ward zum Tod verdammt für uns arme Sünder. Lehrt und rüst‘ die Jünger sein, wusch ihn‘ ihre Füße, setzt das heilig Nachtmahl ein, macht ihn‘ das Kreuz süße.

9) Jesus ist das Weizenkorn, das im Tod erstorben und uns, die wir warn verlorn, das Leben erworben. Bringt viel Frücht zu Gottes Preis, der‘ wir stets genießen, gibt sein‘ Leib zu einer Speis, sein Blut zum Trank süße.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

wenn man in den letzten Monaten und Jahren Nachrichten hört, dann fragt man sich: hört das denn nie auf mit dem Krieg in Jugoslawien, mit den Skandalen in der Politik, mit den Unfällen in der Chemiefirma Hoechst, mit den Tankerunglücken überall auf den Meeren der Welt, mit den Millionen Menschen, die auf der Flucht sind? Wir hören und lesen so viele Schreckensmeldungen, und manches kriegen wir noch nicht einmal mehr richtig mit, z. B. dass viele Menschen in den armen Ländern der Dritten Welt immer noch an Unterernährung sterben. Und wir fühlen uns machtlos, wir können nichts oder nicht viel tun. Wir sind unsicher, ob die Politiker, die wir gewählt oder auch nicht gewählt haben, das Richtige tun; und wir wissen, dass Spenden für Hilfsorganisationen immer nur eine notdürftige Hilfe darstellen. Manchmal hat man den Eindruck, man kann ja doch nichts ändern, es hat alles keinen Sinn.

Ähnlich geht es uns manchmal auch, wenn wir unser persönliches Leben betrachten. Wenn wir uns überfordert fühlen, wenn Verzweiflung uns überfällt, wenn wir an die Grenzen unserer körperlichen oder seelischen Kräfte stoßen und einfach nichts mehr geht. Was hat das Leben noch für einen Sinn, wenn man nicht mehr arbeiten kann? Bin ich noch etwas wert, wenn ich mich vor Erschöpfung am liebsten den ganzen Tag ins Bett legen würde, wenn ich behindert bin, wenn ich nicht so viel leiste wie andere Menschen?

Ich glaube, wenn ich in dieser Weise noch weiter reden würde, dann brächte ich Sie alle und mich selbst wahrscheinlich in eine ganz depressive Stimmung hinein. Aber das will ich nicht. Ich möchte nur daran erinnern: so fühlen wir manchmal, und manche Menschen fühlen sich über lange Zeiträume so, als ob alles keinen Sinn hätte, als ob ihr Leben nutzlos wäre, als ob man sich über nichts mehr freuen könnte.

In diese Stimmung hinein hören wir eine kurze Geschichte aus dem Leben Jesu. Sie steht im Evangelium nach Markus 14, 3-9, direkt am Beginn der Erzählungen vom Leiden Jesu. Drohend steht der Schatten von Gefangenschaft und Tod über diesem Jesus, der auf dem Weg nach Jerusalem noch einmal in dem kleinen Dorf Betanien eingekehrt ist. Und die Frage steht im Raum: Wie wird jetzt alles ausgehen, ist all das, was Jesus für die armen und kranken Menschen getan hat, nutzlos gewesen? Was wird aus seinem Vertrauen zum Vater im Himmel, wenn man jetzt ihn selber quälen und töten wird, weil er den mächtigen Menschen in Politik und Religion im Weg steht? Ist der menschenfreundliche Gott, von dem Jesus erzählt hat, im Grunde doch machtlos gegen Hass und Gewalt, gegen Sinnlosigkeit und Tod? Hören wir, was Jesus widerfährt, bevor all das Schreckliche passiert, das Menschen ihm antun wollen:

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.

4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll die Vergeudung des Salböls?

5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.

7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.

8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.

9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Ja, liebe Gemeinde, als Jesus zwei Tage vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern bei einem Abendessen zu Gast ist, da tritt eine Frau zu ihm und salbt sein Haupt mit kostbarem Öl. Das war zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich, aber nur bei feierlichen Anlässen gebräuchlich, nicht bei einem normalen Gastmahl. Der Wert des vergossenen Öls wird als ungeheuer groß angegeben, fast den Jahresverdienst eines Arbeiters mag es gekostet haben, nach heutigem Geld etwa 20 000 bis 30 000 Mark. Die Jünger fragen mit Recht nach dem Nutzen, den dieser Aufwand haben soll. Ist es nicht Verschwendung, was diese Frau treibt? Gibt es nicht genug arme Menschen, denen man mit diesem Geld hätte Gutes tun können? Und doch, meint Jesus, war diese Verschwendung nicht falsch. Er weist die Jünger zurecht, die die Frau kritisieren, und verteidigt die scheinbar unsinnige Handlungsweise der Frau. Es habe sich gelohnt, sagt Jesus, seinen Körper zu salben, der bald schon dem Tode übergeben werde.

Ist das nicht ein erschreckender Gegensatz: hier auf der einen Seite die sanften Hände einer Frau, die streicheln, pflegen und zärtlich sein möchten; dort auf der anderen Seite die rohe Gewalt, die schon in wenigen Tagen eben diesen Leib furchtbar quälen und zerstören wird.

Auf der einen Seite die fürsorgliche Güte einer Frau, die diesen Mann liebhat; auf der anderen Seite die abgestumpfte, ungehemmte Grausamkeit, die scheinbar alles zerstört und sinnlos werden lässt, was diese Frau getan hat.

Die biblische Erzählung behauptet jedoch, dass es nicht sinnlos und nicht falsch ist, alles an einen Menschen zu verschwenden, den man liebt, auch wenn über ihm schon das Todesurteil schwebt. Die zärtliche Gebärde der Liebe wird nicht entwertet durch den erbarmungslosen Zugriff der Gewalt. Im Gegenteil: Auf dem Hintergrund der Zerstörung leuchtet der Wert der absichtslosen Güte nur um so klarer auf.

Und demgegenüber erscheint umgekehrt ein Denken als falsch und unangemessen, das nur danach fragt, ob sich etwas rentiert oder auszahlt, ob ein Mensch etwas leisten kann und erfolgreich ist.

An dieser Stelle unterbrechen wir die Predigt und singen aus dem Liederheft das Lied 212, 1-3:
Hilf, Herr meines Lebens, dass ich nicht vergebens

Jesu Worte über das, was die Frau getan hat, nehmen uns eine Last von den Schultern. Ist es nicht verblüffend, wie er einfach selbstverständlich davon ausgeht, dass sich manche Probleme nicht endgültig werden lösen lassen? „Arme habt ihr allezeit bei euch“, sagt er. Egal was ihr tut, alle Probleme dieser Welt werdet ihr nicht lösen können; eine endgültige Gerechtigkeit werdet ihr nicht herbeiführen können; eine Rettung dieser Welt sieht nicht so aus, dass man mit einem Schlage eindeutig zwischen Guten und Bösen unterscheiden könnte, die Bösen vernichten, die Guten belohnen, und dass dann alles Unrecht beseitigt wäre. Nein, die Welt ist komplizierter, und Jesus nimmt das als gegeben hin. Aber das führt bei ihm nicht nur Resignation, nicht zur Verzweiflung über diese Welt. Man kann vieles nicht ändern, schon gar nicht mit Gewalt. Aber um das, was man nicht ändern kann, muss man sich auch nicht unnötige Sorgen machen. Man kann sich vielmehr auf die Dinge konzentrieren, die man wirklich tun und verändern kann, und das sind manchmal kleine Dinge, manchmal ist es aber auch eine einzige großartige Tat, wie bei dieser Frau in der Geschichte.

Diese Frau gibt ein gutes Beispiel dafür, worauf es wirklich ankommt. Sie möchte einfach einem Menschen etwas Gutes tun, von dem sie spürt, dass er es besonders braucht. Sie weiß, Jesus schwebt in Lebensgefahr, wenn er jetzt nach Jerusalem einzieht, auch wenn ihm dort viele Menschen zujubeln. Sie hat ein Gespür für die Gefahr, mehr als all die Männer in der Jüngerrunde, die immer noch glauben, Jesus würde vielleicht in Jerusalem die Herrschaft als Messias antreten, die Römer verjagen und ein Weltreich des Friedens errichten. Und neben der Gefahr spürt die Frau zugleich, wie sie diesen Jesus liebhat – mag sein, dass es Jesus war, der auch dieser Frau geholfen hatte, den Mut zum Leben wiederzufinden – und sie möchte ihm zeigen: Dieser Mensch bedeutet alles für mich.

Und Jesus kann das akzeptieren. „Sie hat mich gesalbt für mein Begräbnis“, sagt er. Die Frau kann nichts daran ändern, dass es mit Jesus diesen Weg nehmen wird. Aber dennoch ist es nicht sinnlos, was sie tut.

Es gibt in der Welt wohl immer wieder diesen zerreißenden Kontrast von Helfen und Ohnmacht, von Güte und Vernichtung, von Zärtlichkeit und Roheit. Wer behauptet, dass die Güte in dieser Welt immer erfolglos bleiben werde, ist schwer zu widerlegen. Aber Jesus setzt dagegen: Es kommt, wenn es um Güte und Liebe geht, überhaupt nicht auf den Erfolg an. Nie wird diese unbekannte Frau von Betanien und ihre Tat vergessen werden, meint Jesus, ihrer wird man in alle Ewigkeit gedenken. Auch wenn wir nicht die Not der Welt beseitigen können, lohnt es sich vor Gott, einfach zu tun, was uns gut erscheint. Auch wenn nicht jeder seelisch kranke Mensch völlig geheilt werden kann, lohnt sich doch jedes Gespräch mit ihm, in dem man ihm zeigt, dass man ihn ernstnimmt und zu verstehen versucht. Auch wenn mancher alte Mensch gar nichts mehr tun kann und vielleicht auf der Pflegestation liegt, ohne sprechen zu können, ist es doch nicht umsonst, wenn Schwestern und Pfleger sich um ihn sorgen und zu ihm reden und ihm manchmal lieb über die Wange streicheln.

Was diese Frau in Betanien tut, das steht am Anfang der Geschichte von Jesu Tod und Auferstehung. Nur wenn man weiß: Taten der Güte sind nicht sinnlos, dann kann man auch an Auferstehung glauben. Und nur wenn man an Auferstehung glaubt, ist man fähig zu dieser Art der Güte, die gar kein besonderes Ziel verfolgt. Würde der Körper, den die Frau salbt, nur zerstört und nur vernichtet, so wäre in der Tat nicht einzusehen, was an ihrem Tun noch sinnvoll wäre; die Vernichtung hätte dann das letzte Wort, und es wäre nur ein schwacher Trost, der von der Zärtlichkeit der Frau ausgehen könnte. Aber der Glaube an die Auferstehung ist wahr, und so wird das, was die Frau tut, selbst durch den Tod nicht zerstört, denn der, dem sie ihr Geschenk macht, wird niemals ausgelöscht; und das, was sie tut und gemeint hat, bleibt bestehen für immer. Die Ewigkeit des Lebens kann nur glauben, wer die Liebe selbst für ewig hält. Und Jesus ist für uns der Mensch, dem wir glauben, dass die Liebe, die Gott ist, niemals vergeht.

Wir singen aus dem Lied 254 die Strophen 1 und 5 bis 7:

1) Ich will dich lieben, meine Stärke, ich will dich lieben, meine Zier; ich will dich lieben mit dem Werke und immerwährender Begier. Ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

5) Ich danke dir, du wahre Sonne, dass mir dein Glanz hat Licht gebracht; ich danke dir, du Himmelswonne, dass du mich froh und frei gemacht; ich danke dir, du güldner Mund, dass du mich machst gesund.

6) Erhalte mich auf deinen Stegen und lass mich nicht mehr irre gehn; lass meinen Fuß in deinen Wegen nicht straucheln oder stille stehn; erleucht mir Leib und Seele ganz, du starker Himmelsglanz.

7) Ich will dich lieben, meine Krone, ich will dich lieben, meinen Gott; ich will dich lieben sonder Lohne auch in der allergrößter Not; ich will dich lieben, schönstes Licht, bis mir das Herze bricht.

Noch etwas, liebe Gemeinde, finde ich an unserer Geschichte bemerkenswert: Wie kann Jesus es einfach so zulassen, dass man ihm ein so kostbares Geschenk macht? Viele von uns würden doch abwehren und sagen: Das wäre doch nicht nötig gewesen! Womit habe ich das verdient?

Nun mag es sein, dass wir denken: Jesus hat es ja auch wirklich verdient, dass man ihm solche Geschenke macht. Er hat vielen Menschen geholfen, also ist ein solches Dankgeschenk nur angemessen. Aber so hat Jesus selbst bestimmt nicht gedacht. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Jesus gemeint hätte: Ja, das ist mein angemessener Lohn, aber wenn die Frau einen anderen gesalbt hätte, dann stünde ihm das nicht zu. Nein, das würde nicht zu Jesus passen. So war er nicht.

Nein, Jesus sieht einfach: Diese Frau hat mich lieb. Sie will mir ein letztes großes Zeichen ihrer Liebe geben. Und diese Liebe achtet er. Und zugleich nimmt er es an, dass ihn diese Frau für einen einmaligen, liebenswerten, kostbaren Menschen hält, so kostbar, dass selbst das teuerste Salböl nicht zu teuer ist, um an ihn verschwendet zu werden.

Ich bin davon überzeugt, dass Jesus auch damit ein Beispiel geben will für uns alle. Nicht nur Jesus ist so viel wert, dass man ihn so sehr lieb haben kann, sondern jeder einzelne Mensch unter Gottes Himmel. Gott hat uns zwar nicht mit kostbarer Salbe übergossen, aber er hat uns viel mehr gegeben: sich selbst! Er liebt diese Welt, Gott liebt uns alle. Auch mich und dich und Sie alle hat Gott lieb! Und das, obwohl wir nicht vollkommen sind, nicht immer gut handeln. Wir sind Gott so kostbar und wertvoll, dass er in seinem Sohn selber zu uns auf die Welt gekommen ist. Und Jesus war bereit, sein Leben hinzugeben für Menschen, die er über alles liebte, obwohl sie Sünder waren – auch für uns.

Vielen von uns fällt es schwer, das zu akzeptieren: Ich soll ein wertvoller Mensch sein? Mir macht Gott ein so großes Geschenk, mir gibt er seine Liebe? Ich soll leben dürfen, soll aus dem Schatten des Bösen heraustreten dürfen, soll mehr und mehr lernen, Gutes zu tun und ein sinnvolles Leben zu führen?

Ja, das alles ist wahr. Auch wenn wir unvollkommen sind, auch wenn wir nicht viel tun können, auch wenn wir vor den Problemen dieser Welt manchmal beinahe verzweifeln: für Gott sind wir unendlich wichtig, wir sind seine geliebten Kinder, er will nicht, dass wir verloren gehen, und er hat mit uns etwas vor. Die Wege, die er uns führt, sind nicht immer einfach zu gehen, aber wenn wir ihm folgen, führt er uns nicht in die Irre. Gott will uns ein erfülltes Leben schenken, auch wenn es nur ein bescheidenes Glück ist, eingebettet in große Schmerzen und viele Tränen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Vor dem Abendmahl, das wir heute wie gewohnt am ersten Sonntag im Monat feiern, singen wir Lied 157, 1-4:

1) Schmücke dich, o liebe Seele, lass die dunkle Sündenhöhle, komm ans helle Licht gegangen, fange herrlich an zu prangen; denn der Herr voll Heil und Gnaden will dich jetzt zu Gaste laden; der den Himmel kann verwalten, will jetzt Herberg in dir halten.

2) Ach wie hungert mein Gemüte, Menschenfreund, nach deiner Güte! Ach wie pfleg ich oft mit Tränen mich nach dieser Kost zu sehnen! Ach wie pflegt mich zu dürsten nach dem Trank des Lebensfürsten, dass in diesem Brot und Weine Christus sich mit mir vereine!

3) Heilge Lust und tiefes Bangen nimmt mein Herze jetzt gefangen. Das Geheimnis dieser Speise und die unerforschte Weise machet, dass ich früh vermerke, Herr, die Größe deiner Stärke. Ist auch wohl ein Mensch zu finden, der dein Allmacht sollt ergründen?

4) Nein, Vernunft, die muss hier weichen, kann dies Wunder nicht erreichen, dass dies Brot nie wird verzehret, ob es gleich viel Tausend nähret, und dass mit dem Saft der Reben uns wird Christi Blut gegeben. O der großen Heimlichkeiten, die nur Gottes Geist kann deuten!

Nun feiern wir mit Brot und Traubensaft das heilige Abendmahl miteinander. Wer kommen will, mag gleich nach vorn kommen, wer nicht mitmachen will, mag auf seinem Platz bleiben.

Christus spricht: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben!“

Gott, schenke uns mit deinem Abendmahl die Gewissheit, dass du uns liebhast, dass du uns festhältst, dass du uns niemals allein lassen wirst. Stärke uns für unsere Wege, die wir vor uns haben. Amen.

Einsetzungsworte und Abendmahl

Und nun lasst uns beten.

Wir sagen Dank für Brot und Wein, für unsern gestillten Hunger und unsere gestillte Sehnsucht, für Nähe und Geborgenheit, für Liebe und Vertrauen, für Verständnis und Vergebung von Gott und unter uns Menschen. Unendlich wertvoll sind wir in deinen Augen, lass uns darum auch behutsam und fürsorglich umgehen mit anderen Menschen und mit uns selbst. Lass uns an Liebe glauben, auch wenn sie inmitten von Hass und Gewalt leicht zu übersehen ist. Amen.

Alles, was uns heute bewegt, schließen wir im Gebet Jesu zusammen:

Vater unser

Zum Schluss singen wir aus dem roten Liederheft das Lied 216, 1-3:

Ins Wasser fällt ein Stein ganz heimlich, still und leise

Und nun lasst uns mit Gottes Segen in den Sonntag und in die neue Woche gehen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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