Drei Söhne von Eva, der Mutter aller Lebenden

Ist Eva doppelt gescheitert? Erst als verführte Frau, die ihren Mann verführt? Dann als Mutter, deren Hoffnungen auf ihre Söhne enttäuscht werden? Durch ihren dritten Sohn Set wird Eva wirklich die Mutter aller Lebenden. Männlichkeit kann – anders als bei Kain und Lamech – auch mit Brüderlichkeit einhergehen, die Abel nicht vergisst und das zarte Pflänzchen Set geborgen aufwachsen lässt.

Eva als junge Frau mit türkisen Haaren zwischen grünen Blättern

Eva ist mehr als eine Verführerin – sie ist Mutter dreier Söhne – Mutter aller Lebenden (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst am 3. Sonntag nach Trinitatis, den 8. Juni 2008, in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Taufgottesdienst in der Pauluskirche taufen wir heute eine erwachsene Frau. Besonders herzlich heißen wir daher Sie willkommen, liebe Frau …!

Dies ist erst unser zweiter Taufgottesdienst in diesem Jahr, nachdem wir im Februar zwei Konfirmanden getauft haben. Das ist sehr ungewöhnlich für unsere Gemeinde, weil wir sonst im Frühling und Sommer fast jeden Monat mehrere Kinder taufen. Das Kind, das heute mit seiner Mutter hier vorn sitzt, ist vor zwei Jahren getauft worden. Der kleine … kriegt einen neuen Paten, den wir heute auf seine Aufgabe verpflichten. Seien auch Sie herzlich begrüßt, liebe Frau … und lieber Herr …!

Im Taufgespräch kamen Frau … und Pfarrer Schütz unter anderem auf Eva in der Bibel zu sprechen. Das hat unseren Pfarrer dazu angeregt, heute nicht über den vorgeschlagenen Predigttext, sondern über „Eva, die Mutter aller Lebendigen“ zu predigen.

Wir singen aus dem Lied 331 die Strophen 1 und 9 bis 11:

1. Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke. Vor dir neigt die Erde sich und bewundert deine Werke. Wie du warst vor aller Zeit, so bleibst du in Ewigkeit.

9. Sieh dein Volk in Gnaden an. Hilf uns, segne, Herr, dein Erbe; leit es auf der rechten Bahn, dass der Feind es nicht verderbe. Führe es durch diese Zeit, nimm es auf in Ewigkeit.

10. Alle Tage wollen wir dich und deinen Namen preisen und zu allen Zeiten dir Ehre, Lob und Dank erweisen. Rett aus Sünden, rett aus Tod, sei uns gnädig, Herre Gott!

11. Herr, erbarm, erbarme dich. Lass uns deine Güte schauen; deine Treue zeige sich, wie wir fest auf dich vertrauen. Auf dich hoffen wir allein: lass uns nicht verloren sein.

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Als Gott den Menschen geschaffen hatte, sprach er (1. Buch Mose – Genesis 2 – Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 1980 by Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart):

18 Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht.

Eine Hilfe will er dem Menschen schaffen, so wie Gott dem Menschen eine Hilfe ist. Anders und doch ihm ebenbürtig soll dieses Wesen sein, es soll ihm gegenüberstehen in gleicher Menschenwürde. Unter den Tieren, die Gott schafft, kann der Mensch ein solches Gegenüber nicht finden, das ihm entspricht. So schafft Gott einen zweiten Menschen, dem ersten gleichrangig, gleichwertig, gleichverantwortlich vor Gott (ebenfalls nach der Einheitsübersetzung):

21 Da ließ Gott, der Herr, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.

22 Gott, der Herr, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.

23 Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau [Ischa] soll sie heißen; denn vom Mann [Isch] ist sie genommen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Was haben wir in der Kirche durch die Jahrtausende hindurch aus der Gestalt der Eva gemacht? Nicht gleichwertig neben Adam wie in der Schöpfungsgeschichte steht sie in unserer Vorstellung, sondern bereits ein Schüler des Apostels Paulus schreibt in 1. Timotheus 2:

13 Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva.

14 Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber hat sich zur Übertretung verführen lassen.

Gott, unser Schöpfer, wir bekennen dir unsere männliche Schuld, dass wir unsinnige Argumente suchten, um Frauen abzuwerten, als ob „später geschaffen“ bedeuten würde: „weniger wert“, als ob Weiblichkeit gefährlicher wäre als Männlichkeit, als ob nur Eva und nicht auch Adam sich hätte verführen lassen. Gott, wir bitten dich um Vergebung, wenn wir, egal ob als Mann oder Frau, eigene Schuld von uns weg auf andere abschieben, wie es schon in der Bibel beide tun, Adam und Eva (1. Buch Mose – Genesis 3 – Einheitsübersetzung):

12 Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben, und so habe ich gegessen.

13 Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt, und so habe ich gegessen.

Wir rufen zu dir, Gott, dass du mit uns barmherziger bist als wir miteinander:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wie barmherzig Gott ist, zeigt sich schon in der Geschichte von der ersten Sünde. Als Mann und Frau in ihrer gleichen Verantwortung vor Gott beide gleichermaßen versagen, da wird zum ersten Mal in der Bibel der Name der Frau genannt, und es ist ein verheißungsvoller Name, ein Name voller Hoffnung für uns alle, für Männer, Frauen und Kinder (1. Buch Mose – Genesis 3 – Einheitsübersetzung):

20 Adam nannte seine Frau Eva (Leben), denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist gross Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, mach uns offen für das Wort deiner Heiligen Schrift, dass wir es neu hören, dass wir lernen, was uns die alten Worte heute ganz neu sagen wollen. Das erbitten wir von dir im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Schriftlesung aus der Apostelgeschichte 16, 9-15:

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!

10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiß, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis

12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.

13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

14 Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, so dass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.

15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Halleluja! „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Lied 584: Meine engen Grenzen

Liebe Frau …, liebe Gemeinde, von zwei Frauengestalten in der Bibel haben wir gehört. Von Eva, in der sich nach dem Zeugnis der Bibel die gesamte weibliche Hälfte der Menschheit sinnbildlich wiederfinden kann. Und von Lydia, einer konkreten historischen Person, die sich als erster Mensch in Europa überhaupt taufen lässt. Von ihr lässt sich der Apostel Paulus „nötigen“, in ihrem Haus einzukehren, ja, er erkennt sie damit als Gastgeberin und als Leiterin ihrer Hausgemeinde an.

Heute sind Sie hier in der Pauluskirche, liebe Frau …, weil Sie sich dazu entschieden haben, zu dieser Kirche dazu zugehören, in der die Bibel gelesen wird und in der man einen Gott anbetet, der für uns da ist. Sie sind ja in der DDR aufgewachsen und haben es nicht in die Wiege gelegt bekommen, sich für Gott und den Glauben zu interessieren. Trotzdem fühlten sie sich immer zu Kirchen hingezogen und haben besonders im letzten Jahr Erfahrungen gemacht, die Sie darin bestärkt haben, sich nun taufen zu lassen.

Als Taufspruch haben Sie sich ein starkes Wort aus dem Evangelium nach Markus 9, 23b ausgesucht:

Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Das klingt übertrieben: aber Sie haben ja selber schon viel erfahren von der Kraft, die im Gottvertrauen steckt. Manchmal denkt man, dass es im Leben nicht weitergeht, und dann öffnet sich wie von selbst eine Tür mit neuen Möglichkeiten für unser Leben.

Ihr Taufspruch steht in einer Geschichte, die von Jesus erzählt wird. Da fleht ein Vater Jesus an, er soll doch seinem Sohn helfen. Der hat epileptische Anfälle, so würden wir heute sein Krankheitsbild beschreiben, für den Vater ist es ein böser Dämon, der seinen Sohn in der Gewalt hat:

22 Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

23 Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst – alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Interessant ist, dass Jesus sich nicht selber als der große Wundertäter profilieren will; er traut es jedem Menschen zu, im Vertrauen auf Gott wunderbare Dinge zu tun. Aber was ist, wenn wir nicht vertrauen können, wenn wir Angst haben, unser Vertrauen ist nicht groß genug? Das denkt auch der Vater des Jungen:

24 Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Ich finde diesen Satz sehr tröstlich, weil er uns Mut macht, uns auch mit einem kleinen Glauben an Gott zu wenden. Wir müssen nicht einen besonders starken oder großen Glauben haben, damit Gott uns hilft. Sogar wenn ich große Angst habe zu vertrauen, stößt Jesus mich nicht zurück, sondern er hilft mir, mich ihm anzuvertrauen.

In der Geschichte wirft Jesus dann den bösen Geist aus dem Jungen hinaus. Er benutzt dazu keine besonderen exorzistischen Rituale. Das Gebet zu Gott genügt. Einfach der Wunsch: Gott hilf mir. Sei bei mir. Lass mich nicht allein. Zeig mir einen Weg in die Zukunft.

Liebe Frau …, ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder diese Erfahrung machen: „Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich.“

Glaubensbekenntnis und Taufe
Verpflichtung eines Paten
Lied: Einmal wurd es am Himmel hell, hier und da
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde! Es könnte so schön sein auf der Erde, wenn wir alle, die ganze Menschheit, im Vertrauen auf Gott leben würden. Die Geschichte von der Schöpfung malt es uns vor Augen: Gott wollte den Einklang zwischen Mann und Frau und in anderer Weise zwischen Mensch und Tier, der Mensch sollte ein Bebauer und Bewahrer der guten Schöpfung Gottes sein. Doch dann versagt der Mensch in beiderlei Gestalt, die Frau und der Mann, und die Folgen malt die Bibel so aus: Wo Menschen aus dem Gottvertrauen herauswollen und herausfallen, da wird das Kinderkriegen für die Frau mehr eine Last als eine Freude, da erfährt sie den Mann mehr als Unterdrücker statt als Partner. Und dem Adam wird die Arbeit zum Fluch; er fristet auf dem Acker, von dem er genommen ist, mit schweißtreibender Mühe sein Leben, bis er wieder zu Erde wird. Doch Gott gibt die Hoffnung für die von ihm geschaffenen Menschen nicht auf. Die Geschichte des Lebens der Menschheit auf der Erde beginnt, indem Adam seiner Frau ihren Namen gibt (1. Buch Mose – Genesis 3):

20 Und Adam nannte [seine Frau] Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.

Aber was wird das für ein Leben sein? Ist das nicht von vornherein ein Leben unter einem Fluch: Unterdrückung und Schmerzen, mühselige Maloche und oft allzu früher Tod? Die Bibel ist realistisch in ihrem Blick auf die Art, wie Menschen es schaffen, sich selber ins Unglück zu stürzen. Das zeigt auch die Geschichte der beiden erstgeborenen Söhne der Eva (Genesis 4):

1 Und Adam erkannte [seine Frau] Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel, seinen Bruder.

Zwei Söhne bekommt also Eva, die Mutter aller Lebendigen. Den ersten bezeichnet Eva als „Mann“, auf ihn ist Eva stolz: „Ich habe einen Mann gewonnen mit dem Herrn“, sie nennt ihn Kain von qaniti, das heißt wörtlich: „Ich habe geschaffen, wie Gott habe ich ein Kind geschaffen.“ Es ist, als ob die Frau ihre Chance nutzen will in einer Situation, in der Männer anfangen, über Frauen zu herrschen; mindestens in einer Hinsicht ist sie dem Mann überlegen: sie kann aus ihrem Leib neues Leben hervorbringen. So präsentiert sich Eva, die Mutter aller Lebendigen, sogar stolz als die Mitschöpferin Gottes.

Der zweite Sohn scheint neben dem Erstgeborenen schlecht wegzukommen. Er heißt Abel, das heißt auf Hebräisch: Hauch oder Nichts. Gar nichts Starkes und Männliches ist an diesem Namen, nur Schwäche und Verletzbarkeit. Abel wird nirgends Mann genannt, er wird als Bruder bezeichnet. Liegt das daran, dass er der ewige Zweite ist und im Schatten des Mannes Kain leben muss? Ist er besonders auf Hilfe angewiesen, während Kain allein mit dem Leben klar kommt? Von Abel wird auch nicht gesagt, dass seine Mutter auf ihn stolz ist.

Aber was ist Kain für ein Mann, auf den Eva so stolz ist? Er wird kein einziges Mal Bruder genannt, Abel dagegen sieben Mal. Kain ist eifersüchtig auf den Bruder, fühlt sich von Gott zurückgesetzt, als Gott das Opfer Abels annimmt. Gott scheint den unscheinbaren Abel zu bevorzugen. Dabei lehnt Gott Kain nicht ab, er ringt ja gerade um ihn, spricht zu ihm, will den Kain zur Brüderlichkeit bekehren. Doch Kain sperrt sich gegen den Bruder-Gott und den Bruder; er weigert sich, seines Bruders Hüter zu sein, und bei nächster Gelegenheit bringt er Abel um.

Was ist nun mit Eva? Trauert sie um Abel? Zunächst ist von ihr nichts zu hören, nichts zu sehen. Nicht Eva, sondern die Erde schreit auf, als das Blut des Bruders in den Acker fließt. Gott nimmt Kain ins Gebet, verschont ihn vom Tod, verurteilt ihn zu einem Leben als schuldig gewordener Mensch, der unstet und flüchtig ist auf Erden. Und Eva? Wenn wir der Logik der Geschichte vertrauen, dann muss sie untätig mit ansehen, was aus ihren Kindern und Kindeskindern wird: der Mann Kain, auf den sie stolz war, wird zum Mörder, der Bruder Abel wird zum Opfer. Sieben Generationen werden geschildert, vor den Augen der Mutter aller Lebendigen entwickeln sich Glanz und Elend der menschlichen Zivilisation:

17 Und Kain erkannte [seine Frau]; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.

18 Henoch aber zeugte Irad, Irad zeugte Mehujaël, Mehujaël zeugte Metuschaël, Metuschaël zeugte Lamech.

19 Lamech aber nahm zwei Frauen, eine hieß Ada, die andere Zilla.

20 Und Ada gebar Jabal; von dem sind hergekommen, die in Zelten wohnen und Vieh halten.

21 Und sein Bruder hieß Jubal; von dem sind hergekommen alle Zither- und Flötenspieler.

22 Zilla aber gebar auch, nämlich den Tubal-Kain; von dem sind hergekommen alle Erz- und Eisenschmiede. Und die Schwester des Tubal-Kain war Naama.

23 Und Lamech sprach zu seinen Frauen: Ada und Zilla, höret meine Rede, ihr Weiber Lamechs, merkt auf, was ich sage: Einen Mann erschlug ich für meine Wunde und einen Jüngling für meine Beule.

24 Kain soll siebenmal gerächt werden, aber Lamech siebenundsiebzigmal.

Das sind die Nachkommen Evas und ihres erstgeborenen Sohnes Kain. Kann sie wirklich stolz sein auf diese Entwicklung? Ihr Sohn wird ein Städtebauer, fünf Generationen weiter gibt es Viehhirten und Musikanten und Handwerker, die Eisen verarbeiten.

Die Kehrseite der Medaille zeigt sich im Verhalten ihres Ururururenkels Lamech. Der leistet sich zwei Frauen und benutzt sie, um sich als Supermann aufzubauen. Während Eva, die Frau, stolz darauf war, ein Kind zu gebären, einen Mann zu schaffen mit Gottes Hilfe, ist Lamech, der Mann, stolz darauf, einen Mann zu töten und selbst ein Kind zu erschlagen aus nichtigem Anlass. Rambo lässt grüßen. Ob Eva sich die Männlichkeit ihres Sohnes Kain und seiner Nachkommen so vorgestellt hatte? Ist ein Mann wirklich erst dann ein richtiger Mann, wenn er tötet, was die Frau an Leben hervorbringt?

Stellen wir uns vor, dass Eva das alles mit ansieht, dann können wir sie uns nicht mehr länger nur so vorstellen, wie sie dasteht mit dem Apfel in der Hand oder wie sie die Geburt ihres „kleinen Mannes“ Kain bejubelt. Inzwischen ist sie weiser geworden; alles was sie für gut gehalten hat, ist ins Böse gewendet.

Aber ist unser Bild von Eva damit besser geworden? Jetzt scheint sie doppelt gescheitert zu sein: Erst aktiv, als Frau, die sich verführen lässt und durch eine verbotene Tat ihren Mann verführt. Dann passiv, zur Untätigkeit verurteilt, als Mutter, die in den großen Hoffnungen auf ihre Söhne enttäuscht wird, die mit ansehen muss, wie die Welt zwar reich wird an zivilisatorischen Errungenschaften, aber arm an Brüderlichkeit. Die Nachkommen Kains lernen aus Kains Vorbild nicht, den Mord zu vermeiden, sie machen aus dem Töten eine Tugend wahrer Männlichkeit. Doch bevor die ach so männlichen Männer es schaffen, das Leben auszurotten, auf das Eva so stolz gewesen ist, hat die Mutter aller Lebendigen einen dritten entscheidenden Auftritt, der oft übersehen wird. Ein letztes Mal erhebt sie selber ihre Stimme, als sie nach sieben Generationen noch einmal ein eigenes, drittes Kind bekommt.

Nach der Logik der Erzählung geht das, denn hier werden nicht historische Persönlichkeiten und Ereignisse geschildert, sondern an beispielhaften Gestalten führt uns die Bibel vor Augen, wie Gott die Menschheit trotz aller ihrer Fehler überleben lässt und wie im Laufe der Generationen inmitten der Völker das Volk Gottes groß wird, das den Namen des befreienden Gottes preist. Weil Eva die „Mutter aller Lebenden“ ist, darum muss die Bibel noch eine dritte Geschichte von ihr erzählen, nachdem die Nachkommenschaft ihres Erstgeborenen dermaßen in die falsche Richtung abgedriftet ist.

25 Adam erkannte abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Set [das heißt Setzling]; denn Gott hat mir, sprach sie, einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat.

Wieder gibt Eva ihrem dritten Sohn seinen Namen. Dieses Mal betont sie nicht ihre eigene Rolle als Mitschöpferin, sondern sie dankt Gott für ihr Kind. Sie nennt ihren Sohn „Setzling“, wie ein zartes Pflänzchen, das verletzbar ist und behütet werden muss, damit es aufwachsen kann.

Und zum ersten Mal nennt sie den Namen ihres zweiten Sohnes Abel. Sie reißt ihn aus der Vergessenheit, indem sie ihrem dritten Sohn das Vermächtnis mit auf den Weg gibt: Er ist ein „Sohn für Abel“, mit ihm soll der Mensch als Bruder eine neue Chance bekommen, der Mann, der den Bruder nicht tötet, sondern hütet.

Zugleich nennt sie auch die Schuld ihres Sohnes Kain beim Namen. Sie ist der erste Mensch, die das in der Bibel tut. Von Adam, von Kain, von keinem anderen Menschen, die in der biblischen Urgeschichte erwähnt werden, wird Derartiges berichtet. Insofern ist Eva die erste Prophetin der Bibel.

Eva lernt dazu, bekehrt sich zu Recht und Gerechtigkeit. Sie lernt nach der Zerstörung ihrer nichtigen Hoffnungen und ihres fehlgeleiteten Stolzes neu zu hoffen auf eine Menschheit, in der man nicht in ständiger Angst voreinander, sondern wie Geschwister zusammenlebt.

26 Und Set zeugte auch einen Sohn und nannte ihn Enosch, Menschlein. Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.

Nur durch Set wurde Eva wirklich die Mutter aller Lebendigen. Sie verbindet die Vorstellung von Gott nicht mehr mit einer Männlichkeit vom Schlage Kains und Lamechs, sondern mit einer Brüderlichkeit, die Abel nicht vergisst und das zarte Pflänzchen Set in Geborgenheit aufwachsen lässt. So können auch Freiheit und Gerechtigkeit, Liebe und Hoffnung in der Menschheit wachsen. Ich bin lieber ein Menschlein wie Evas Enkel, als ein Mann, der seine Männlichkeit wie Kain und Lamech beweisen muss. Übrigens: Bar Enosch, Menschensohn, nannte sich später Jesus. Gottes Sohn wurde unser Bruder, kein Herrschertyp, sondern ein brüderlicher, verletzbarer Mann. Wie Abel wurde er getötet, doch Gott hielt nicht zu seinen Mördern, sondern weckte Jesus vom Tode auf, damit wir „Menschlein“ werden: Menschen, die aufeinander achten. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.
Lied 410: Christus, das Licht der Welt

Lasst uns beten, indem wir zu Gott rufen und zwischen den Fürbitten die Liedstrophe 572 singen:

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

Gott, wir bitten dich für die Frau, die wir getauft haben. Lass ihr durch das Vertrauen auf dich alles möglich werden, was zur Erfüllung ihres Lebens dient.

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

Gott, wir bitten dich für das Kind mit seiner Familie, das einen neuen Paten bekommen hat. Lass es behütet sein durch deine Engel, und lass uns selber ein wenig ein Engel sein für unsere Kinder:

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

Gott, wir bitten dich für Menschen, die am Glauben verzweifeln, weil sie verletzt wurden von Menschen wie Kain oder Lamech. Lass sie ihr Gottvertrauen wiederfinden und stelle ihre Menschenwürde wieder her!

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

Gott, lass uns Menschen werden nach deinem Bild, indem wir Jesus, deinem Sohn, nachfolgen und ihn erkennen in den geringsten unter unseren Geschwistern, die uns brauchen als Schwestern und Brüder.

Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht

Was wir außerdem auf dem Herzen haben, vertrauen wir dir, Gott, in der Stille an.

Stille und Vater unser
Lied 608: Alles, was wir sind, hat Gott geschenkt
Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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