„Der Geist ist Leben“

Ich unterbrach die Vorbereitung für die Predigt und wartete auf Eingebungen. Inspirationen. Inspiration heißt wörtlich „Eingeistung“. Nun hoffe ich, dass bei dieser Pfingstpredigt der Heilige Geist doch mit mir kooperiert hat, damit meine Predigt bei Ihnen ankommt – und zwar nicht in einem vordergründigen Sinn, sondern so, dass Gottes Geist selber uns hier in der Kirche anspricht und verwandelt.

Ein Mann sitzt in einer Kirche vor sonnendurchfluteten Kirchenfenstern

Ein Mann sitzt in einer Kirche vor sonnendurchfluteten Fenstern (Foto: pixabay.com)

direkt-predigtPfingstgottesdienst am Pfingstsonntag, den 11. Mai 2008, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am Pfingstsonntag begrüße ich Sie in der Pauluskirche mit einem Stichwort aus dem heutigen Predigttext: „Der Geist ist Leben.“ Vom Geist Gottes, der lebendig macht, werden wir zuerst die Pfingstgeschichte und dann einen komplizierten Text des Apostels Paulus hören. Wir denken nach über Gottes Wort. Wir hoffen, dass uns der Heilige Geist berührt und bewegt. Wir feiern gemeinsam das Geburtstagsfest der Kirche von Jesus Christus: Pfingsten.

Aus dem Pfingstlied 133 singen wir die Strophen 7, 8 und 13:

7. Du bist ein Geist der Liebe, ein Freund der Freundlichkeit, willst nicht, dass uns betrübe Zorn, Zank, Hass, Neid und Streit. Der Feindschaft bist du feind, willst, dass durch Liebesflammen sich wieder tun zusammen, die voller Zwietracht seind.

8. Du, Herr, hast selbst in Händen die ganze weite Welt, kannst Menschenherzen wenden, wie dir es wohlgefällt; so gib doch deine Gnad zu Fried und Liebesbanden, verknüpf in allen Landen, was sich getrennet hat.

13. Richt unser ganzes Leben allzeit nach deinem Sinn; und wenn wir’s sollen geben ins Todes Rachen hin, wenn’s mit uns hier wird aus, so hilf uns fröhlich sterben und nach dem Tod ererben des ewgen Lebens Haus.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir feiern Pfingsten. Von diesem Fest erzählt Lukas in seiner Apostelgeschichte 2:

1 Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander.

2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen,

4 und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Weiter erzählt Lukas:

6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.

12 Sie entsetzten sich aber alle und wurden ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?

13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll von süßem Wein.

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, liebe Männer und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, lasst meine Worte zu euren Ohren eingehen!

15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde am Tage;

16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:

17 „Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;

18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.“

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gott, heiliger Geist, wir bitten dich, komm zu uns. Komm in unseren Geist und erneuere unser Denken, Fühlen und Wollen. Komm in unsere Hände und Füße und erneuere unseren Lebenswandel und unser Handeln. Komm in unsere Kirche und schließe uns als deine Gemeinde zusammen, über Grenzen und Unterschiede hinweg. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den Text zur Predigt am Pfingstsonntag aus dem Brief des Paulus an die Römer 8, 1-11:

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch,

4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

5 Denn die da fleischlich sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt.

6 Aber fleischlich gesinnt sein ist der Tod, und geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.

7 Denn fleischlich gesinnt sein ist Feindschaft gegen Gott, weil das Fleisch dem Gesetz Gottes nicht untertan ist; denn es vermag’s auch nicht.

8 Die aber fleischlich sind, können Gott nicht gefallen.

9 Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, wenn denn Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein.

10 Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen.

11 Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Wir bekennen den Glauben an den dreieinigen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist:
Glaubensbekenntnis

Wir singen das Lied 124:

1. Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

2. Du wertes Licht, gib uns deinen Schein, lehr uns Jesus Christ kennen allein, dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland. Kyrieleis.

3. Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst, lass uns empfinden der Lieb Inbrunst, dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.

4. Du höchster Tröster in aller Not, hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod, dass in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die heutige Schriftlesung denken? Hand aufs Herz – könnten Sie nach einmaligem Hören den Sinn dieses Textes wiedergeben? Ich gebe zu, ich könnte es nicht. Vielleicht sind Ihnen einige Wörter in Erinnerung: Geist und Fleisch, Gesetz und Sünde zum Beispiel.

Auf den ersten, zweiten, dritten Blick war dieser Text für mich nur anstrengend. Ich habe ihn schon vor Wochen angeschaut, die Predigt angefangen, beiseitegelegt, gemerkt, dass ich mich schon vor sechs Jahren beim gleichen Text sehr schwer getan habe. Dann hatte ich neue Einsichten, verhedderte mich aber wieder in Definitionen und Erläuterungen. Wieder unterbrach ich die Vorbereitung für die Predigt und wartete auf Eingebungen. Inspirationen. Inspiration heißt wörtlich „Eingeistung“. Und nun hoffe ich, dass bei dieser Pfingstpredigt der Heilige Geist nun doch mit mir kooperiert hat, damit meine Predigt bei Ihnen ankommt – und zwar nicht in einem vordergründigen Sinn, sondern so, dass Gottes Geist selber uns hier in der Kirche anspricht und verwandelt.

Mal sehen. Meine Predigt hat drei Teile, zwei Mal unterbrochen von einem Lied.

Teil 1 handelt davon, an wen Paulus eigentlich seinen Römerbrief schreibt. Oben drüber steht: „An die Römer“, das heißt, er schreibt an die Multi-Kulti-Gemeinde in der Hauptstadt des Römischen Weltreichs, die aus Menschen aller Herren Länder zusammengewürfelt ist. Römische Legionäre hatten Sklaven aus Afrika und Germanien, aus Spanien und Kleinasien herbeigeschafft, für die Arbeit im Bergwerk und in der Schreibstube, aber auch für Gladiatorenkämpfe. Es gab in der römischen Gemeinde Arme und Reiche, freie Bürger und Sklaven, Juden und Unbeschnittene.

Dieser Gemeinde schreibt Paulus ins Gewissen: Er redet die jüdischen Mitglieder an: Ihr kennt und liebt die Tora, Gottes Weisung, wie sie in der Heiligen Schrift steht. Aber wenn ihr herabblickt auf die nichtjüdischen Römer, die auch auf Jesus vertrauen, und euch nicht mit ihnen an einem Tisch setzen wollt aus Angst vor Verunreinigung, dann achtet ihr Gottes Willen nicht. Aber ihr Griechen mit eurer philosophischen Vorbildung, denkt nicht, dass die Juden hinterwäldlerisch und abergläubisch sind; missachtet ihre Tora nicht, denn sie ist in Wahrheit Gottes Wort an das Volk, das Gott nie aufhören wird zu lieben, und nur durch den Messias aus diesem Volk könnt auch ihr den Willen Gottes erkennen und tun.

Paulus liebt die Tora wie jeder Jude, und zugleich verzweifelt er an ihr, weil er erkennt: In dieser Welt, so wie die Menschen sie geordnet haben, ist eine Unordnung entstanden, aus der keiner herauskommt.

„Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer“,

sagt Paulus Römer 3, 10 – und er zitiert dabei ein Wort aus dem Buch Hiob 4, 17:

17 Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat?

So weit, so schlecht.

Mit dieser Einschätzung könnte Paulus in den Chor derer einstimmen, die auch heute denken, dass alles den Bach runtergeht. Die Jungen haben keine Respekt mehr vor den Alten, immer weniger Menschen engagieren sich für Kirchen und Vereine, Sozialschmarotzer gibt es überall, in den Chefetagen und bei Hartz-IV-Empfängern, und die wirklich Armen geraten immer tiefer ins Elend.

Aber mit dem 8. Kapitel des Römerbriefs hört Paulus zu klagen auf. Er fängt an, ein anderes Lied zu singen.

„So gibt es nun keine Verdammnis!“ Das ist ein Jubelruf! Wer innere Stimmen kennt, die einen verurteilen, vor denen man sich ständig rechtfertigen muss wie vor einem inneren Gerichtshof, der wünscht sich vielleicht: Wenn das doch wahr wäre! „Keine Verdammnis!“ Damit lässt Paulus die „Verdammten dieser Erde“ aufhorchen, die missbrauchten und entwürdigten Kellerkinder in Amstetten ebenso wie die vielen, die weltweit zu einem Leben in Armut und Hunger verurteilt sind.

Was ist mit den anderen? Nicht jeder von uns hat Schuldgefühle, nicht jeder fühlt sich nutzlos in dieser Gesellschaft, nicht jeder hat Probleme mit dem Sinn seines Lebens. Schön für euch, würde Paulus sagen, aber zieht daraus nicht den Schluss, dass ihr mit den anderen, den Verdammten, nichts zu tun habt. Wenn ihr die aus dem Boot, in dem ihr sitzt, rausschubst, oder sie gar nicht erst reinlasst in eure Kirche, in eure Gesellschaft, in eure Nähe, dann wundert euch nicht, wenn Jesus plötzlich nicht mehr bei euch, sondern nur noch bei ihnen ist. Ich erinnere an die Multi-Kulti-Gemeinde in Rom: Was Paulus denen ins Gewissen geredet hat, gilt entsprechend auf für uns. Wir sind nur dann Gemeinde Jesu Christi, wenn wir gerade auf die achten, die am Rand stehen, ja, draußen zu sein scheinen, weil sie denken: Mein Glaube ist zu klein, ich habe viel zu viele Zweifel, ich bin kein guter Mensch, wie könnte ich es wagen, einen Platz in der Gemeinde zu beanspruchen? Gerade ihnen sagt Paulus:

1 So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.

Aber was bedeutet das: „In“ Christus sein? „In“ Christus sind wir, wenn wir zu seinem Leib dazugehören, und dieser Leib ist damals eine bunte Gemeinschaft von Juden und Nichtjuden aus aller Welt. Heute ist der Leib Christi nicht weniger bunt zusammengesetzt. Deutsche aus vielen Bundesländern und Deutsche aus Russland und Kasachstan gehören dazu, aber auch Menschen anderer Nationen, weiße und dunkelhäutige Menschen, Alte und Junge, Gesunde und Kranke, Traurige und Fröhliche. In dieser Kirche gibt es Menschen mit starkem Glauben und Menschen mit starken Zweifeln.

Was uns verbindet in dieser Gemeinschaft, ist Christus selber. Er kann das tun, weil er der eine Mensch ist, der wie Gott selber ist, als wahrer Mensch zugleich wahres Ebenbild Gottes. Er war es nicht nur, er ist es noch heute, weil seine Kraft vom Himmel her bei uns ist, unsichtbar, im Geiste, und doch real wirksam, indem er uns berührt, bewegt, verändert. Jeder, der will, kann dazu gehören, kann „in“ Christus sein. Wer auf Jesus vertraut, gehört dazu.

Das ist sogar etwas für Menschen, die es erst noch lernen müssen zu vertrauen, die nur schwer vertrauen können, weil sie von Menschen verletzt und enttäuscht wurden. Jesus ist der Mensch, der uns Gottes Nähe spüren lässt, bevor wir uns trauen, diese Nähe zu dicht an uns heranzulassen, er lässt Raum, um sich ihm langsam anzunähern. Er nimmt mich an, wie ich bin, und gibt mir Mut und Kraft, mich zu ändern. So wirkt Heiliger Geist.

Wir hier sind nur ein Teil des Leibes Christi; die Menschen in anderen Kirchen gehören auch dazu, manchmal spüren wir das, wenn wir bei unserem Abendmahl auch Christen anderer Konfessionen willkommen heißen. Niemand ist ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit Jesus, es sei denn, er stößt andere hinaus. Zur Gemeinschaft des Leibes Christi gehören gerade die dazu, die sonst ausgestoßen werden. Im Leib Christi sein, auf Jesus vertrauen, zu seiner Gemeinde dazugehören, dafür gibt es in der Bibel auch das hebräische Wort „Schalom“: Das heißt auf Deutsch „Frieden“ und meint nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern eine Menschengesellschaft, wo einer für den andern Verantwortung übernimmt. Paulus sagt:

6 Geistlich gesinnt sein ist Leben und Friede.

Vor dem zweiten Teil der Predigt singen wir davon das Lied 627. Alle gemeinsam singen wir den Kehrvers, ich singe dazwischen die Strophen:
Schalom, Schalom! Wo die Liebe wohnt, da wohnt auch Gott

Liebe Gemeinde, denken wir nun darüber nach, wie Jesus das schafft, uns von jedem Verdammungsurteil freizusprechen und zu einer Gemeinde des Friedens zusammenzuschließen. Paulus sagt: Der Geist, mit dem Jesus uns ausrüstet, ist ein Geist, der lebendig macht:

2 Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.

Der Jude Paulus liebt das Gesetz Gottes, die von Gott zuerst den Juden gegebene Tora. Aber er sieht zugleich: Weder Juden noch anderen Menschen ist es möglich, aus eigener Kraft diesen Willen Gottes zu tun:

3 Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott: er sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündigen Fleisches und um der Sünde willen und verdammte die Sünde im Fleisch,

4 damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist.

Hier wird‘s nun kompliziert, weil Paulus zum Beispiel mit dem Wort Fleisch etwas ganz anderes meint als wir. „Fleisch“ ist für ihn nicht der Körper, nicht die nackte Haut. Erst der Kirchenvater Augustin hat das Wort „Fleisch“ so eng mit der sogenannten „Fleischeslust“ verknüpft und damit die menschliche Sexualität total abgewertet.

Paulus meint mit „Fleisch“ erstens eine Gemeinschaft von Menschen, die in einem äußerlichen Sinn zusammengehören. Er selber ist Jude „nach dem Fleisch“, weil er wie alle jüdischen Männer am Fleisch seiner Vorhaut beschnitten ist.

Zweitens denkt Paulus bei „Fleisch“ an die Sterblichkeit des Menschen.

„Alles Fleisch ist Gras“,

heißt es beim Propheten Jesaja 40, 6 – und damit ist der vergängliche Mensch gemeint, der ohne den lebendigen Geist Gottes keine Sekunde leben kann.

In unserem Text benutzt Paulus das Wort „Fleisch“ in einem dritten Sinn. Wenn der sterbliche Mensch vergisst, dass er ohne Gott nicht leben kann, dann ist er „fleischlich“ gesinnt. Der Mensch, wie Gott ihn als Ebenbild seiner Liebe geschaffen hat und den Paulus in Jesus kennengelernt hat, der ist vom Geist Gottes erfüllt, der ist „geistlich“. Der Mensch ohne Gott, der nur für vergängliche Dinge lebt, der wird dadurch unmenschlich, ein Mensch ohne Menschlichkeit. Genau das bezeichnet Paulus mit dem Wort „fleischlich“. Den Extremfall eines solchen Menschen, der „fleischlich“ im Sinne von „unmenschlich“ ist, haben uns die Nachrichten der letzten Wochen aus dem österreichischen Amstetten vor Augen gestellt.

Vor diesem Hintergrund wird auch erklärbar, was Paulus mit dem Wort „Sünde“ meint. Es stammt im Urtext der Bibel aus der Sprache der Bogenschützen und heißt wörtlich: „Zielverfehlung“. Sünde ist also die Lebenshaltung des „fleischlichen“, des unmenschlichen Menschen. Als Sünder verfehlen wir das Ziel, um dessentwillen uns Gott geschaffen hat. Wer Mensch ist ohne Menschlichkeit, der trifft voll daneben.

Noch komplizierter wird alles dadurch, dass die Sünde für Paulus eine Art Eigenleben führt, fast mit einer eigene Persönlichkeit. Wer sich von Gott löst, wer nicht auf Gott vertraut, der kann gar nicht anders, er ist in Sünde verstrickt; das hat etwas Zwanghaftes, Suchtartiges.

Umgekehrt, wer auf Gott sein Vertrauen setzt, der hat das Ziel der Menschlichkeit wieder vor Augen und kann es auch erreichen. Das geht darum, weil Gott selber in Jesus unser Fleisch und Blut annahm, sogar unser „sündiges Fleisch“, das heißt, er lebte unter den gleichen Bedingungen wie wir, aber er heulte nicht mit den Wölfen, er wurde nicht selber ein Sünder. Die Sünde blieb verdammt, die Kreuzigung Jesu war keine Heldentat derer, die sie verübten, sondern sie wurde zum endgültigen Verdammungsurteil für die Sünde. Aber den Sündern vergab Jesus: Er öffnete ihnen den Weg, im Vertrauen auf Gott ein neues Leben anzufangen.

„Gott vergibt doch jedem“, sagte mir ein Schüler letzte Woche im Reli-Unterricht. Da habe ich der Klasse ein Wort aus der Bibel gesagt, das sie noch nicht kannten (Psalm 130, 4):

„Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“

Ja, jedem wird Vergebung angeboten. Aber Vergebung kommt nur zu ihrem Ziel, wenn sie auch angenommen wird, wenn man sie mit Reue erbittet und den Heiligen Geist an sich arbeiten lässt, um sich zu ändern.

Wir unterbrechen noch einmal die Predigt und singen das Lied 235:
O Herr, nimm unsre Schuld, mit der wir uns belasten

Liebe Gemeinde, ich habe vom Geist gesprochen, den wir im Leib Christi, in der Gemeinde erfahren. Ich habe vom Geist gesprochen, den wir als Vergebung erfahren, als Befreiung von einem fleischlichen, unmenschlichen, zu einem geistlichen, menschlichen Leben. Zum Schluss möchte ich noch ein paar Erlebnisse mit Ihnen teilen, die ich in der vergangenen Woche hatte und bei denen mir aufgegangen ist, was Paulus auch noch meinen könnte, wenn er sagt: „Der Geist ist Leben“ (Vers 10):

9 Ihr seid geistlich, wenn Gottes Geist in euch wohnt.

11 Gott wird eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Als ich in einem Altenheim mit einem demenzkranken Herrn draußen die blühenden Bäume betrachtete, da fing er auf einmal an zu singen: „Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus.“ Zwei Strophen haben wir gemeinsam hingekriegt, und ich muss zugeben, er wusste sie besser auswendig als ich. Als ich dann mit ihm über seine Familie sprach, fragte ich mehrmals genau nach, weil ich den Eindruck hatte, dass er Orte und Daten verwechselte. Am Ende meinte er: „So intensiv hat noch keiner nachgefragt“ und strahlte dabei vor Freude. Offenbar war es für ihn wichtig, ernst genommen zu werden auch in seinen nachlassenden geistigen Kräften. „Der Geist ist Leben“, da habe ich das gespürt.

Dann fragte ich eine russlanddeutsche Frau, die einen Schlaganfall erlitten hatte und von ihrem Mann, der fast nur russisch spricht, liebevoll gepflegt wird: „Sind Sie ursprünglich aus Wolgadeutschland?“ Sie sagt traurig und mit viel Anstrengung: „Wolgadeutschland gibt‘s nicht mehr.“ Als ich nachfrage: „Sind Sie von da nach Sibirien umgesiedelt worden?“, meint sie: „Der Stalin hat uns weggetan.“ Ich frage weiter: „Wo haben Sie denn Ihren Mann kennengelernt?“ Da fängt sie an zu lachen und sagt dann: „Das weiß ich doch nicht mehr.“ Aber das ist für sie kein trauriger Gedanke, sie ist froh, dass heute ihr Mann für sie da ist. Auch da habe ich den Geist gespürt, der Leben ist.

Dann sitze ich im Bus auf dem Weg zu einer von drei Trauerfeiern in dieser Woche, und eine Frau aus der Gemeinde meint: „Das ist aber nicht schön, eine Beerdigung bei dem schönen Wetter!“ Da dreht sich eine andere Frau um, die vor uns sitzt; sie hat in den letzten Monaten insgesamt fünf Todesfälle in der Verwandtschaft verkraften müssen. Sie meint: „Manchmal wird einem erst auf dem Friedhof bewusst, wie kostbar das Leben ist.“ Und dann erkundigt sie sich, ob ich Menschen kenne, die sie ehrenamtlich betreuen könnte. Sie möchte etwas Sinnvolles in ihrer Freizeit tun.

So wird es bei uns Pfingsten, denn der Geist ist Leben und er verwandelt manchmal ganz unerwartet unseren Tag. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 555 die erste Strophe:

Unser Leben sei ein Fest

Lasst uns beten.

Gott, du Heiliger Geist, sei du die Kraft in unserem Denken, in unseren Worten, in unserem Handeln. Schenke uns Ruhe mitten in der Hektik, Klarheit mitten in der Verwirrung, Wahrheit mitten in der Verunsicherung.

Gott, du Heiliger Geist, lass du in uns deine guten Gaben wachsen. Den Glauben, der sich ganz auf dich verlässt, die Hoffnung, die dich auch in der Zukunft nicht aus den Augen verliert, die Liebe, die den Egoismus überwindet.

Du Heiliger Geist des Vaters, der Jesus von den Toten auferweckt hat, wir bitten dich heute besonders für drei Verstorbene aus unserer Gemeinde: … . In der Trauer rufen wir zu dir, bis du uns hörst. Wir hoffen für die Menschen, die wir loslassen müssen, auf ein Leben im Frieden in deiner Ewigkeit, und wir bitten dich für uns um neuen Mut für unser Leben hier auf Erden unter deinem Himmel. Befreie unser Herz aus der Enge und Angst, in der wir leben, und stelle unsere Füße auf weiten Raum.

Gott, du Heiliger Geist, begleite uns als Tröster, wenn wir traurig oder verzweifelt sind. Du bist da, auch wenn wir dich nicht spüren, du hörst uns, auch wenn wir nur stumm zu dir schreien, du verwandelst unsere Seufzer in Gebete, wenn wir zum Beten nicht in der Lage sind. Amen.

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen aus dem Lied 131 die Strophen 1 bis 3 und 6:

1. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, du Tröster wert in aller Not, du bist gesandt vons Himmels Thron von Gott dem Vater und dem Sohn. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

2. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, gib uns die Lieb zu deinem Wort; zünd an in uns der Liebe Flamm, danach zu lieben allesamt. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

3. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, mehr‘ unsern Glauben immerfort; an Christus niemand glauben kann, es sei denn durch dein Hilf getan. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

6. O Heiliger Geist, o heiliger Gott, verlass uns nicht in Not und Tod. Wir sagen dir Lob, Ehr und Dank allzeit und unser Leben lang. O Heiliger Geist, o heiliger Gott!

Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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