Tod und Leben sind mehr Biographie als Biologie

Trauerfeier für eine erfolgreiche Frau, deren Familie genaue Vorstellungen darüber hatte, über welche Texte ich predigen sollte. Ich habe mich gern danach gerichtet. Mein Fazit: Unser Leben ist unsere Biographie, die Liebe, die wir empfangen und geben, besteht aus den Geschichten, die wir erleben und mitgestalten.

Tod und Leben sind mehr Biographie als Biologie: Ein Ausschnitt aus einem Grabstein mit der Inschrift: "Born" und "Died" = "Geboren" und "Gestorben"

Zwischen Geburt und Tod geht es um die Geschichten unseres Lebens (Bild: aitoff – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Frau D. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Viele sind hier, die ihr in unterschiedlichster Weise begegnet sind, ihren Lebensweg ein Stück weit geteilt haben. Viele sind gekommen, um den letzten Weg mit ihr zu gehen, ihr die letzte Ehre zu erweisen. Wir tun das, indem wir uns auf den heiligen Gott besinnen, in dessen Namen wir hier versammelt sind. Hören wir aus der Deutschen Messe von Franz Schubert das „Heilig, heilig, heilig“:

1. Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr! Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er, er, der nie begonnen, er der immer war, ewig ist und waltet, sein wird immerdar.

2. Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr! Heilig, heilig, heilig, heilig ist nur er. Allmacht, Wunder, Liebe, alles rings umher! Heilig, heilig, heilig, heilig ist der Herr!

Den heiligen Gott Israels, den auch wir durch Jesus Christus als den Vater aller Menschen anbeten dürfen, den Herrn über Leben und Tod, ihn preisen wir mit Worten aus dem Psalm 33:

4 Des HERRN Wort ist wahrhaftig, und was er zusagt, das hält er gewiss.

5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht; die Erde ist voll der Güte des HERRN.

8 Alle Welt fürchte den HERRN, und vor ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet.

9 Denn wenn er spricht, so geschieht‘s; wenn er gebietet, so steht‘s da.

11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewiglich, seines Herzens Gedanken für und für.

13 Der HERR schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder.

14 Von seinem festen Thron sieht er auf alle, die auf Erden wohnen.

15 Er lenkt ihnen allen das Herz, er gibt acht auf alle ihre Werke.

16 Einem König hilft nicht seine große Macht; ein Held kann sich nicht retten durch seine große Kraft.

18 Siehe, des HERRN Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen,

19 dass er sie errette vom Tode und sie am Leben erhalte in Hungersnot.

20 Unsre Seele harrt auf den HERRN; er ist uns Hilfe und Schild.

21 Denn unser Herz freut sich seiner, und wir trauen auf seinen heiligen Namen.

22 Deine Güte, HERR, sei über uns, wie wir auf dich hoffen.

Wir singen aus dem Lied 361 die Strophen 1 und 6:

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

Liebe Gemeinde!

Eine Trauerfeier zu halten, ist einer der ersten Schritte auf dem Weg der Trauer. Trauer bedeutet: Abschied zu nehmen von einem Menschen, mit dem man eng verbunden war, umzugehen mit all den Gefühlen und Gedanken, die in der Erinnerung an diesen Menschen wachgerufen werden. Sich zu erinnern, gehört also als wesentlicher Teil zur Trauer dazu. Wir führen uns vor Augen, wer da gelebt hat und gestorben ist, wer uns in diesem Sterben genommen worden ist.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Es waren zwei Ziele, die sich Frau D. für ihr Leben setzte: Sie wollte erfolgreich in ihrem Beruf arbeiten, und sie wünschte sich Kinder, die es besser haben sollten als sie selber. Wie schwer es ist, diese Ziele zu vereinbaren, kann man sich vorstellen. Jedenfalls ging sie oft Wege, die für manche nicht erklärbar waren und trotzdem zum Ziel führten.

Nun ist ihr Leben mit einem dann doch unerwartet plötzlichen Tod zu Ende gegangen.

Wir hören das von Johann Sebastian Bach vertonte Lied „Komm, süßer Tod“:

Komm, süßer Tod, komm, selge Ruh! Komm, führe mich in Friede, weil ich der Welt bin müde, komm, ich wart auf dich, komm bald und führe mich, drück mir die Augen zu. Komm, selge Ruh!

Liebe Trauergemeinde! Wir haben den Lebenslauf von Frau D. von der Geburt bis zum Tod nachgezeichnet, und nun wende ich mich den beiden Texten zu, die Sie mir vorgeschlagen haben, um sie für diese Trauerfeier auszulegen.

Der eine steht im Buch Jesaja 43, 1. Da spricht Gott:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Der andere ist ein Satz, der nicht genau so, aber doch dem Sinne nach in der Bibel steht:

Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Beide Sätze haben etwas gemeinsam: Sie stellen unsere gewohnte Realität auf den Kopf. Wir sind es nicht gewohnt, Gott zu uns rufen zu hören. Bestenfalls, wenn wir uns dazu die Zeit nehmen, beten und rufen WIR zu Gott und fragen uns, ob er uns denn auch hört. Aber durch den Mund des biblischen Propheten sagt Gott zu uns und auch zur jetzt Verstorbenen: „Ich rufe dich heraus aus den Schmerzen, die du niemandem zeigst, ich habe dich erlöst aus dem, was dir zu schaffen macht und was niemand weiß, ich rufe dich bei deinem Namen und zeige dir, du bist nicht allein, ich zeige dir einen Ort, wo du hingehörst und sein darfst, wie du bist, mit allen starken und schwachen Seiten deines Selbst, wo nicht mehr nur Arbeit dein Leben sein muss.“

Der andere Satz vom Tod, der ein neuer Anfang ist, widerspricht der uns vertrauten Wirklichkeit noch mehr. Er steht und fällt mit dem ersten, denn wenn es keinen Gott gibt, der zu uns reden und uns nach dem Tod zu sich rufen kann, dann bleibt der Tod das Ende ohne neuen Anfang. Aber wir dürfen an Gott glauben. Nur, wie sollen wir das verstehen: Inwiefern kann der Tod ein neuer Anfang sein?

Lassen Sie mich das verdeutlichen, indem ich noch auf ein anderes Wort aus der Bibel eingehe, nämlich aus dem Brief 1. Johannes 3, 14:

Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben gekommen sind; denn wir lieben[, die mit uns sind]. Wer nicht liebt, der bleibt im Tod.

Tod und Leben haben nicht einfach nur mit dem Aufhören oder dem Fortbestand von biologischen Lebensfunktionen zu tun, sondern mit dem ganzen Geflecht von Beziehungen, in dem wir als Menschen leben. Tod und Leben sind viel mehr Biographie als Biologie. Wir sind mehr die Geschichten, die unser Leben schreibt, als das, was medizinische Instrumente über unseren körperlichen Zustand aufzeichnen können.

Wenn wir diejenigen lieben, die mit uns sind, die uns begegnen, mit denen wir arbeiten und leben, von denen wir geprägt sind und mit denen wir uns manchmal abmühen, dann leben wir im wahren Sinn des Wortes. Wenn wir nicht lieben, sind wir tot, bleiben wir im Tod, sagt Johannes sogar, denn ein Leben ohne Liebe ist kein Leben.

Mit dem Wort „Liebe“ meint Johannes übrigens nicht ein Gefühl, sondern eine Lebenshaltung: ein Füreinander-da-Sein, eine Treue, die sich an Versprechen hält, durchaus auch ein Zutrauen und Zumuten von Verantwortung. Jesus selbst sagt ja auch: „Du sollst lieben!“ und meint damit nicht verkrampfte, geheuchelte Gefühlsduselei, sondern praktische Solidarität der Tat.

Ich sage immer wieder: Wo wir von einem Menschen Abschied nehmen, ist letzten Endes nur dieses Eine wichtig: Hat dieser Mensch in seinem Leben Liebe erfahren können? Und umgekehrt: Wir, die wir Abschied nehmen, haben wir von diesem Menschen Liebe erfahren? Das kann jeder nur für sich selber beantworten, und manchmal braucht man mehr Zeit als eine solche Trauerfeier, um sich über alle gemischten Gefühle klarzuwerden, die man vielleicht schon seit vielen Jahren mit sich herumschleppt.

Frau D. ist ein Mensch mit Ecken und Kanten gewesen. Als eine Frau von ihrem Format konnte das nicht anders sein. Sie wurde in einer Zeit und unter Umständen groß, in denen sie lernen musste, mit vielem allein fertig zu werden, indem sie die Zähne zusammenbiss, vielleicht so sehr, dass der weiche Kern in ihr manchmal zu sehr verborgen blieb.

Sie hat ja nie aufgehört, sich Lasten an Verantwortung aufzubürden, die sie bis an die Grenzen ihrer Kräfte beanspruchten. Wenn sie nun das, was sie sich selbst abverlangte, auch von anderen erwartete, dann hat sie sicher nicht immer den richtigen Ton getroffen; darüber hat sie besonders in der letzten Zeit nachgedacht, und es tat ihr leid. Sie hat niemanden verletzen wollen, sie konnte, wenn es ihr bewusst wurde, jemandem Unrecht getan zu haben, sich entschuldigen. Sich treu zu bleiben, kann auch heißen, sich verändern zu können.

Ein Herz für Menschen, denen es nicht so gut ging, hatte sie schon immer. Sie wollte für jeden das Beste erreichen. Sie gab gern zurück, wenn ihr jemand etwas Gutes tat, sie war da, wenn Not am Mann war. Viele, die Probleme hatten, fanden bei ihr Hilfe. Und es scheint, dass sie in der letzten Zeit mehr Nähe zulassen konnte als früher.

Als ich von Ihnen das Wort hörte: „Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang“, da musste ich an einen Mann denken, der etwas ähnliches gesagt hat.

Dietrich Bonhoeffer, der als Widerstandskämpfer gegen das Hitler-Regime hingerichtet wurde, sagte kurz vor seinem Tod:

Das ist das Ende. Für mich ist es der Anfang eines neuen Lebens.

Er meinte, dass ein Leben im Vertrauen auf Gott, gelebt in Liebe, nicht umsonst gelebt ist. Er wusste in seinem Gottvertrauen, dass er in die Ewigkeit Gottes ging, in einen Frieden, den ihm niemand nehmen konnte.

Dieser Mann schrieb in Hitlers Gefängnis ein Gedicht, aus dem ich Ihnen nun noch einige Gedanken ans Herz legen möchte. Diese Gedanken mögen Ihnen helfen, zu klären: Was denken wir über einen Menschen? Wie sind wir von ihm geprägt? Was geht uns nach? Wo sind wir dankbar, wo sind wir nachtragend, welche Seiten eines Menschen stehen für mich im Vordergrund und was habe ich vielleicht niemals erkannt? Das Gedicht trägt den Titel:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Wir wissen nicht, wer und wie Frau D. wirklich war. Das weiß nur Gott. In seine Obhut legen wir sie heute im Vertrauen darauf, dass er sie bei sich aufnimmt und zu ihr spricht (Jesaja 43, 1):

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Amen.

Wir singen aus dem Lied 376 die Strophen 1 und 3:

1. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht: so nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!

Barmherziger Gott, nimm Frau D. gnädig auf in deine Ewigkeit und lass sie Frieden finden.

Tröste uns in unserer Trauer, lass uns Ruhe finden in unseren ruhelosen Gedanken, hilf uns, mit den Belastungen fertig zu werden, die auf unserer Seele liegen.

Wir bitten um genug Kraft, füreinander da zu sein, wo wir gebraucht werden. Hilf uns, Gott, Wege zu finden, um fremde Lasten tragen zu helfen und eigene Lasten abladen zu können.

Gib der Dankbarkeit in uns Raum – für alles, was uns mit der Verstorbenen geschenkt war und was wir ihr geben konnten, für Wege, die wir gemeinsam gegangen sind, Probleme, die wir überwunden haben.

Und Gott: vergib uns, was wir einander schuldig geblieben sind. Mach auch uns fähig zum Vergeben, zum Versöhnen, zum Loslassen von Lasten, unter denen wir sonst zerbrechen. Amen.

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