Erlösung vom Fluch der Vergänglichkeit

Aus welcher Hoffnung heraus führen wir unser Leben, das unter dem Fluch der Vergänglichkeit steht? Welche Hoffnung ermöglicht es uns, auch unser Sterben getrost auf uns zu nehmen?

Fluch der Vergänglichkeit: Das skeptisch blickende Gesicht einer Frau inmitten von Ziffernblättern verschiedenster Uhren

Wir haben alles auf Zeit, um verantwortlich damit umzugehen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir halten die Trauerfeier aus Anlass des Todes von Herrn L. Uns, die wir deshalb hier zusammen sind, gilt die christliche Botschaft (Römer 14, 8):

Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.

Eingangsgebet

Wir hören Worte des Apostels Paulus (Römer 8, 18-26 – GNB):

18 Ich bin überzeugt: Die künftige Herrlichkeit, die Gott für uns bereithält, ist so groß, dass alles, was wir jetzt leiden müssen, in gar keinem Verhältnis dazu steht.

19 Alle Geschöpfe warten sehnsüchtig darauf, dass Gott seine Kinder vor aller Welt mit dieser Herrlichkeit ausstattet.

20 Er hat ja die ganze Schöpfung der Vergänglichkeit preisgegeben, nicht weil sie selbst schuldig geworden war, sondern weil er sie in das Strafgericht über den Menschen miteinbezogen hat. Er hat aber seinen Geschöpfen die Hoffnung gegeben,

21 dass sie eines Tages vom Fluch der Vergänglichkeit erlöst werden. Sie sollen dann nicht mehr Sklaven des Todes sein, sondern am befreiten Leben der Kinder Gottes teilhaben.

22 Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis jetzt noch vor Schmerzen stöhnt wie eine Frau bei der Geburt.

23 Aber auch wir, denen Gott doch schon als Anfang des neuen Lebens – gleichsam als Anzahlung – seinen Geist geschenkt hat, warten sehnsüchtig darauf, dass Gott uns als seine Kinder bei sich aufnimmt und uns vom Fluch der Vergänglichkeit befreit.

24 ln der Hoffnung ist unsere Rettung schon vollendet – aber nur in der Hoffnung. Wenn wir schon hätten, worauf wir warten, brauchten wir nicht mehr zu hoffen. Wer hofft denn auf etwas, das schon da ist?

25 Also hoffen wir auf das, was wir noch nicht sehen, und warten geduldig darauf.

26 Der Geist Gottes kommt uns dabei zu Hilfe. Wir sind schwach und wissen nicht einmal, wie wir angemessen zu Gott beten sollen. Darum tritt der Geist bei Gott für uns ein mit einem Flehen, das sich nicht in Menschenworten ausdrücken lässt.

27 Aber Gott weiß auch, was der Geist ihm sagen will. Denn der Geist tritt so für das Volk Gottes ein, wie es Gott gefällt.

Liebe Familie L., lieber Trauergäste!

Ein erfülltes Leben ist Vergangenheit geworden. Herr L. ist nach einem langen Jahr der Krankheit und nach schweren Wochen im Krankenhaus – immer zwischen Bangen und Hoffen – gestorben. Er war gefasst darauf gewesen; schon bei meinem ersten Besuch bei ihm hatte er davon gesprochen, dass er sich in seinem letzten Lebensabschnitt auf das Ende einrichte, dass man jeden Tag mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustands rechnen müsse; er war aber nicht missmutig dabei, sondern wirkte sehr gelassen und zuversichtlich.

In Gedanken zieht heute an Ihnen vorbei, was das Leben von Herrn L. ausgemacht hat, was ihm Freude bereitet und was ihn erschüttert hat, was Sie mit ihm erfahren und von ihm gelernt haben, was ihm in seinem Leben widerfahren ist und wie er es gemeistert hat.

Ich habe vor diese Ansprache einen Text von Paulus über die Vergänglichkeit gestellt. Wir wissen alle, dass alles einmal vergeht in der Welt, aber manche Menschen erfahren diese Tatsache besonders hart. Herr L. musste vielfältige Verluste verschmerzen in seinem Leben. Die Vergänglichkeit ist wie ein Fluch – davon spricht Paulus – unter dem die Menschen und alle Geschöpfe leiden. Ein Fluch, den Paulus darauf zurückführt, dass alle Menschen schuldig werden, ein Fluch, dem mit den Menschen auch die Tiere unterworfen sind.

Aber wenn wir uns erinnern an Herrn L., wie er war in seinem Leben, dann müssen wir sagen, dass Vergänglichkeit nicht das einzige Wort ist, das wir über unser Leben schreiben können. Die Welt ist nicht nur ein ständiges Werden und Vergehen, Planen, Ausführen und Preisgeben, Erinnern und Vergessen. Das Glück ist dem Tod, der Trauer, der Verzweiflung nicht hoffnungslos unterlegen. Paulus spricht in seinen Worten von Hoffnung angesichts der Vergänglichkeit (Römer 8, 20-21 – GNB):

[Gott] hat … seinen Geschöpfen die Hoffnung gegeben, dass sie eines Tages vom Fluch der Vergänglichkeit erlöst werden.

Gottes Geschöpfe können leben, weill diese Hoffnung da ist, die Menschen und auch die Tiere. Menschen können sich einsetzen für das Leben, ihre Lebenszeit sinnvoll ausfüllen, sich in allem vom Schöpfer getragen fühlen, was ihnen geschieht. Ich habe diesen Text auch deshalb für diese Ansprache ausgewählt, weil er ausdrückt, dass es Gott neben der Erlösung für die Menschen auch um die Rettung der anderen Geschöpfe geht, und ich denke dabei daran, dass Herr L. ein großes Interesse an der Natur und der Tierwelt und am Schutz der Tiere gehabt hat.

Gottes Geschöpfe können leben – aber uns fällt es so schwer, dem Paulus abzunehmen, dass es ewiges Leben für uns Menschen geben soll. Leben, in dem es kein Scheitern, keine Trennung, keine Tränen, keine Vergänglichkeit mehr gibt. Die Vergänglichkeit soll vergehen können? – für uns Menschen ein Widerspruch in sich selbst.

Für Paulus war dieser Widerspruch in dem Menschen Jesus Wirklichkeit geworden. In dem Menschen, der mit Gott eins war, der so lebte, wie Gott sich uns vorgestellt hatte, der von der Hand derer starb, die diese Art von Leben für bedrohlich hielten. In dem Jesus, den er nach seinem Tode als auferweckt erlebt hatte – auferweckt zu einem unvorstellbaren Leben, das wir uns nur in Sinnbildern vor Augen führen können: im Bild des leeren Grabes, in den Erscheinungen des Auferstandenen, in der Gemeinschaft mit Jesus im Abendmahl. Und von dieser Wirklichkeit in dem Menschen Jesus her macht Paulus allen Menschen Mut und Hoffnung: ein neues Leben in der Geborgenheit der Liebe Gottes – das ist die Zukunft eines jeden von uns.

So unvorstellbar ist dieser Gedanke, dass Vergänglichkeit einmal ein Ende haben soll, auch für Paulus, dass er nicht einmal annimmt, wir Menschen könnten selbstverständlich um das neue Leben bitten (Römer 8, 26 – GNB):

Wir sind schwach und wissen nicht einmal, wie wir angemessen zu Gott beten sollen.

Deshalb tritt Gottes Geist selbst für uns im Gebet ein, auch wenn wir selber nicht beten können – in jedem Seufzer, jeder stummen oder ausgesprochenen Klage.

Wir haben noch nicht, was wir erhoffen dürfen. Aber trotzdem können wir schon aus der Hoffnung leben, ein Stück neues Leben schon in diesem Leben leben. Nicht nur in dem Sinne, dass wir gelassen und geduldig ein bitteres und scheinbar gnadenloses Schicksal annehmen, sondern dass wir Ja sagen können zu unserer Endlichkeit, dass wir unser Leben als uns anvertraute Gabe Gottes entgegennehmen.

Wir haben alles auf Zeit, damit wir in dem Augenblick, in dem wir darüber verfügen, verantwortlich handeln und offen und liebevoll miteinander umgehen. Dann brauchen wir kein Versteckspiel und kein Buhlen um Anerkennung um jeden Preis, sondern wir werden zur Ehrlichkeit, Geradheit und Aufrichtigkeit fähig, die um die eigenen Grenzen weiß und gerade darum von innerer Stärke erfüllt ist.

Ich meine, in diesem Sinn hat Herr L. sein Leben von Hoffnung her geführt, und zwar trotz vieler Schicksalsschläge, die seinen Lebensmut hätten brechen können, mit aufrechtem Gang. Auch uns kann diese Erfahrung geschenkt werden, auch wir können diese Hoffnung die unsere werden lassen – eine Hoffnung, die uns trägt, auch wenn wir in unserer Ohnmacht und Trauer und Schwäche unendlich tief zu fallen meinen – und neues Leben wird für uns beginnen – nicht erst am Ende unseres Lebens, sondern in den Tagen uns Stunden, die uns hier auf Erden anvertraut sind. Amen.

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