Paulus streitet für den Frieden im Land der Kelten

Mitten in Anatolien haben sich seit 300 v. Chr. Kelten angesiedelt. Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. kann in der römischen Provinz der Kelten die Predigt des Paulus vom friedlichen Zusammenleben zwischen Juden und Heiden im Leib des Messias Jesus Fuß fassen. Als Fanatiker diesen Frieden in Galatien bedrohen, schreibt Paulus in einer heftigen Streitschrift beiden Seiten ins Gewissen.

Landkarte von Kleinasien zur Zeit des Paulus mit einer Skizze der Gemeinden Galatiens (das Land der anatolischen Kelten!)#predigtAbendmahlsgottesdienst am 15. Sonntag nach Trinitatis, den 9. September 2018, um 10.00 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Grundgedanken für diesen Gottesdienst und insbesondere die Predigt verdanke ich der Auslegung des Galaterbriefs von Gerhard Jankowski in der exegetischen Zeitschrift „Texte & Kontexte“ Nr. 47/48: „Friede über Gottes Israel. Paulus an die Galater. Eine Auslegung“, Berlin 1990.

Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich begrüße alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort aus dem Brief des Paulus an die Galater 5, 14:

Das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

In der Predigt wird es heute genau um diesen Brief des Apostels Paulus gehen. Er hat ihn in den 50er Jahren des 1. Jahrhunderts – kaum zu glauben! – ins Land der Kelten geschrieben. Einige Stämme der Kelten, die vor Christi Geburt auch hier in der Nähe auf dem Dünsberg wohnten, hatten sich nämlich 300 Jahre vor Christus mitten in der heutigen Türkei angesiedelt, und zwar trug die dortige römische Provinz damals nach eben diesen Kelten den Namen „Galatien“. Es ist eine Streitschrift, die Paulus dorthin versendet, aber es geht ihm darum, Streit zu überwinden und Frieden aufzubauen. Auf welche Weise, das wird uns Herr Pfarrer Schütz in der Predigt erzählen. Er vertritt heute unseren Gemeindepfarrer, und wir heißen auch ihn bei uns willkommen.

Wir singen zu Beginn ein lateinisches Lied, das wohl vielen bekannt ist, Nr. 435: „Dona nobis pacem“. Der Text heißt auf Deutsch einfach: „Gib uns Frieden!“

Dona nobis pacem
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Worum ging es dem Apostel Paulus, als er auch in Galatien Gemeinden gründete, die an Jesus als den Messias, den Christus Israels und Sohn Gottes glaubten? Wie überall im Römischen Reich hatte Paulus ein Experiment im Sinn, zu dem er sich persönlich durch Jesus Christus berufen wusste. Juden und Heiden waren gemeinsam schuld gewesen an Jesu Tod. Doch am Kreuz hatte Jesus gebetet (Lukas 23, 34):

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Paulus glaubte an diese Vergebung für Juden und Heiden und an diese scheinbar unmögliche Möglichkeit: Juden und Heiden überwinden ihre Trennung und leben im Vertrauen auf Jesus friedlich zusammen. Rufen wir zum Gott des Friedens:

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Schon damals wurde Paulus von vielen nicht verstanden. Juden, die Jesus als Messias bekannten, warfen ihm vor: Du hältst dich nicht an die Tora! Wie kannst du Unbeschnittene ins Volk Gottes aufnehmen? Dagegen sagt Paulus: Der Messias Jesus nimmt auch Heiden einfach an, weil sie auf ihn vertrauen (Galater 2, 16),

denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht.

Als frommer Jude weiß Paulus: Die Wegweisung Gottes, die gute Tora, wird sogar zu einem Fluch, wenn man denkt, man könne sie ohne Vergebung befolgen, ja, wenn man sie als Waffe gegen andere verwendet. Darum sagt er (Galater 3, 10):

Die aus des Gesetzes Werken leben, die sind unter dem Fluch.

Solche Sätze des Paulus haben viele spätere Christen noch weniger verstanden. Sie meinten: Paulus schafft die ganze Tora der Juden ab! Aber das tut Paulus gar nicht. Er bleibt zeitlebens Jude und hält sich an das, was die Tora einem Juden vorschreibt.

So wird Paulus auf doppelte Weise zum Opfer von Fanatismus. Damals von judenchristlichen Fanatikern, die Heidenchristen zur Beschneidung zwingen. Später von christlichen Fanatikern, die aus seiner Friedensbotschaft für Juden und Heiden eine Hassbotschaft gegen Juden machen.

Wir bekennen, dass wir Unfrieden stiften, wo wir unseren eigenen Glauben gegen eine andere Religion definieren. Wenn wir sagen: Wir sind Christen, weil wir besser sind als andere, als Juden, als Muslime, als Atheisten. Wir rufen zu dir und bitten um Vergebung und immer wieder Mut zum Umdenken und neuem Handeln:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Wir beten im Wechsel mit Worten aus dem Psalm 119, einem Lobpreis der „Wegweisung“ Gottes, auf Hebräisch der Tora. Er steht im Gesangbuch unter Nr. 748:

1 Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln!

2 Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen suchen,

3 die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.

6 Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden.

7 Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.

8 Deine Gebote will ich halten; verlass mich nimmermehr!

18 Öffne mir die Augen, dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.

33 Zeige mir, HERR, den Weg deiner Gebote, dass ich sie bewahre bis ans Ende.

81 Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort.

82 Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich?

92 Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend.

105 Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege.

116 Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe, und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.

117 Stärke mich, dass ich gerettet werde, so will ich stets Freude haben an deinen Geboten.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, der du den Namen der Befreiung und der Liebe trägst, hilf uns, durch Jesus Christus, in dessen Leben und Leiden du deinen heiligen Namen verherrlicht hast, die Tora deines Volkes Israel als Weg des Friedens zu begreifen. Darum bitten wir dich, Gott Vater, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören die Lesung ausnahmsweise einmal nicht aus der Bibel, sondern aus dem jüdischen Talmud. Es ist ein Abschnitt aus den „Sprüchen der Väter“ über die „Erwerbung der Tora“, der Wegweisung Gottes. Im Talmud ist dieser Abschnitt erst einige Hundert Jahre nach Paulus aufgeschrieben worden, aber Paulus als jüdischer Gelehrter, als Schüler des Rabbiners und Patriarchen Gamaliel, hat diese Überlieferung, die von alten Zeiten her mündlich weitergetragen worden war, sicherlich gekannt:

Größer als das Priestertum und als das Königtum ist die Weisung, denn das Königtum wird durch dreißig Vorrechte erworben und das Priestertum durch vierundzwanzig, die Weisung aber wird durch achtundvierzig Dinge erworben. Und diese sind es:

Durch Studium,

durch Horchen mit dem Ohr,
durch Formung mit den Lippen,

durch Einsicht des Herzens,
durch Verstand des Herzens,

durch Scheu,
durch Ehrfurcht,
durch Sanftmut,
durch Freude,

durch Dienst an Weisen,
durch Erörterung mit Kollegen,
durch Disputationen der Schüler,

durch Überlegung,
durch Bibellesen,
durch Lernen der mündlichen Tora,

durch Mäßigung im Handel,
durch Mäßigung im Schlaf,
durch Mäßigung im Vergnügen,
durch Mäßigung im Scherz;
durch Mäßigung in Berufsdingen,

durch Langmut,
durch ein gütiges Herz,
durch Vertrauen in die Weisen,
durch das Ertragen von Leiden;

wer seinen Platz kennt,
wer sich an seinem Teil freut,
wer einen Zaun für seine Worte macht,
wer sich selbst nichts zugute hält,

wer geliebt ist,
wer den Allgegenwärtigen liebt,
wer die Mitgeschöpfe liebt,

wer die Gerechtigkeit liebt,
wer die Zurechtweisungen liebt,
wer die Aufrichtigkeit liebt,

wer sich fernhält von der Ehrung,
wer nicht auf sein Wissen stolz ist,
wer sich nicht an der reinen Gelehrsamkeit freut,

wer seinem Nächsten seine Last tragen hilft,
wer Menschen nach ihren guten Seiten beurteilt,
wer sie zur Wahrheit führt
und sie zum Frieden leitet,

wer beim Lernen bedächtig vorgeht,
wer fragt und antwortet, hört und hinzufügt,
wer lernt mit der Absicht, es zu lehren,
wer lernt mit der Absicht, es zu tun,

wer seinen Lehrer weise macht,
wer das Gehörte genau wiedergibt
und immer den Urheber nennt, wenn er einen Ausspruch tut.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Vorhin haben wir lateinisch gesungen, jetzt singen wir ein hebräisches Friedenslied aus Israel, Nr. 434:

Schalom chaverim
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde!

Wir haben schon gehört: Es geht um harte Konflikte in diesem Brief, den Paulus an die Galater schreibt, an Gemeinden in Mittelanatolien, wo heute Ankara liegt und wo damals auch Kelten wohnten. Es soll in dieser Predigt heute aber nicht um die krassen Streitpunkte gehen, nicht um die Frage, wieso Paulus meint, dass die Tora, obwohl sie doch gut ist, trotzdem die Menschen nicht retten kann. Darüber spricht Paulus in den ersten vier Kapiteln des Galaterbriefs. In Kapitel 5 und 6 geht es ihm dann um die Frage: Wie können Juden und Heiden in einer Gemeinde friedlich miteinander zusammenleben? Beide vertrauen auf Jesus, aber die einen wollen dabei Juden bleiben, und die anderen haben zwar ihre heidnischen Götter verlassen, wollen aber trotzdem nicht Juden werden. Für Paulus ist beides völlig in Ordnung. Aber in der Praxis gibt es immer wieder Streit. Darum redet Paulus beiden ins Gewissen. In Kapitel 5 spricht er Leute an, die vorher Heiden waren, in Kapitel 6 wendet er sich an seine Mitjuden. Fangen wir mit Kapitel 5 an – hier richtet sich Paulus an Heiden, also auch an uns, an Menschen aus den Völkern, für die nicht das ganze jüdische Gesetz gilt:

13 Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern.

Freiheit, das ist das große Thema der hellenisch gebildeten Gemeindemitglieder. Politisch frei sein bedeutet für einen Griechen: kein Sklave sein. Für einen Heidenchristen heißt frei sein: Sie sind frei von der Tora, müssen sich nicht beschneiden lassen. Aber wer dann auf die Juden herabblickt, weil die nicht so frei oder rückständig sind, der lässt sich vom „Fleisch“ bestimmen, wie Paulus meint. Denn „Fleisch“ ist für Paulus ein Leben, das um sich selber kreist, um die eigene Gruppe, in Ichsucht, in Missgunst, im Unfrieden mit denen, die anders und fremd und seltsam sind. Wer Freiheit so versteht, versteht sie falsch. Es gibt keine Freiheit ohne Liebe. Ja, wer wirklich frei ist, ist so sehr für den anderen da, dass er ihm sogar „ein Sklave wird“. Das klingt für gebildete Hellenen ziemlich provozierend. Wer frei ist, ist ja definitionsgemäß „kein Sklave“. Aber Paulus, der Jude, versteht Freiheit von der Bibel her. Als Gott Mose beauftragt, das Volk Israel in die Freiheit zu führen, da sagt er ihm zugleich (Exodus 3, 12):

Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott dienen auf diesem Berge.

Weiter geht es im Galaterbrief:

14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

So steht das Gebot der Liebe im 3. Buch Mose 19, 18. Paulus folgt hier dem, was für jüdische Gelehrte wie Rabbi Akiba und Rabbi Hillel und sicher auch den Lehrmeister des Paulus, Gamaliel, selbstverständlich ist: Alle Einzelgebote der Tora ordnen sich dem Gebot der Liebe unter. Die Heiden müssen also nicht alle Einzelgebote der Tora einhalten. Aber sie sind verpflichtet, diejenigen zu lieben, die ihre Nächsten geworden sind – und das sind in der Gemeinde Jesu jetzt auch und zuallererst die Juden.

15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

So weit scheint also das Verhältnis zwischen Juden und Heiden in den Gemeinden Galatiens von Liebe entfernt zu sein. Beißen und fressen, so sieht der Gemeindealltag dort eher aus. Heidenchristen werfen Judenchristen Engstirnigkeit vor, manche Juden sitzen bei Tisch nicht neben Heiden. Aber wer religiöse Streitigkeiten bis hin zum beißenden Spott und zur vernichtenden Verdammung auslebt, ja, am Ende nicht einmal vor gewaltsamer Verfolgung des Ketzers oder Ungläubigen zurückschreckt, der erntet Hass und Religionskrieg, Fressen und Gefressenwerden.

16 Ich sage aber: Wandelt im Geist, so werdet ihr das Begehren des Fleisches nicht erfüllen.

Wandeln, mit diesem Wort wird das hebräische Wort Halacha übersetzt. Die Halacha, das sind für Juden die Regeln für das konkrete alltägliche Leben nach der Tora, ein Zaun um die Tora, damit man sie nicht unachtsam übertritt. Hier geht es darum, ob auch wir Heidenchristen eine Halacha brauchen. Oder ist für uns das einfache Gebot der Nächstenliebe genug, um das alltägliche Leben zu regeln? Paulus meint: Doch, auch ihr braucht eine Halacha! Nicht eine Halacha, die euch von den Juden trennt, sondern eine, die euch beide gerade im Frieden verbindet. Darum sagt er feierlich: „Ich sage aber“ und setzt zu etwas an, was in der jüdischen Tradition so noch nicht gesagt worden ist. Denn bisher hat sich noch kein jüdischer Rabbi wie er an Heiden gewendet, die in so enger Gemeinschaft mit Juden leben. Die Halacha des Paulus besteht nun im Kern nur aus diesem kurzen Satz: „Wandelt im Geist!“ Lasst euch von Jesus leiten durch seinen Heiligen Geist. Wenn ihr das tut, dann hat das „Fleisch“ mit seiner Eigensucht und seinem zwanghaften Selbstbehauptungswillen keine Macht über euch.

17 Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt.

Paulus macht die Streithähne in Galatien darauf aufmerksam, was sich unter der Oberfläche ihres Streits abspielt: Nur scheinbar kämpft ihr als Gruppen verschiedener Menschen gegeneinander. In Wirklichkeit kämpft ihr gegen euch selbst! Mit Hilfe des Geistes müsst ihr das eigene „Fleisch“ besiegen, die eigene Neigung zur Rechthaberei, die eigene Streitsucht, sonst hat der Friede keine Chance.

18 Regiert euch aber der Geist, so seid ihr nicht unter dem Gesetz.

Wieder ist das einer der Sätze, die später so verstanden werden, als ob Paulus die jüdische Tora für Christen vollständig ablehnt. „Geleitet vom Geist seid ihr nicht unter Tora.“ Paulus greift hier auf, was er in vorherigen Kapiteln über den Fluch der Tora gesagt hat. Menschen, die aus eigener Kraft nicht fähig sind, die guten Gebote der Tora zu erfüllen, müssten der Strafe Gottes verfallen und verzweifeln. So stehen sie unter dem Fluch der Tora. Das gilt aus der Sicht der Juden vor allem für Heiden, die die Tora gar nicht kennen. Paulus sagt: Nein, wer auf Jesus vertraut und sich durch seinen Geist leiten lässt, der steht nicht unter dem Fluch der Tora. Trotzdem gibt Paulus den Heidenchristen Hilfsmittel an die Hand, um sich vom Geist regieren zu lassen. Geeignet findet er dazu die Kataloge böser oder guter Werke, die jüdische Lehrer damals im Unterricht für Heiden benutzen, die zum Judentum übertreten wollen.

19 Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind:

Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaft,
Hader, Eifersucht, Zorn,
Zank, Zwietracht, Spaltungen,
21 Neid, Saufen, Fressen und dergleichen.

Davon habe ich euch vorausgesagt und sage noch einmal voraus: Die solches tun, werden das Reich Gottes nicht erben.

So redet Paulus Heidenchristen ernsthaft ins Gewissen: Wer nicht die ganze jüdische Tora zu erfüllen verpflichtet ist, der muss sich doch vor vielem hüten, womit er sich selbst oder anderen schadet und das Zusammenleben miteinander vergiftet. Und wenn Christen später dachten, dass sie durch den Glauben an Jesus den Himmel für sich gepachtet hätten, während Juden, Heiden und Ketzer nicht hineinkommen, spricht Paulus genau dagegen hier ein Machtwort: Feindschaft und Zank und Neid und zwölf weitere Werke der Eigensucht schließen von Gottes Himmel aus, machen schon die Erde zur Hölle, gerade und vor allem, wenn wir denen, die anders glauben oder denken, den Himmel nicht gönnen.

22 Die Frucht aber des Geistes ist

Liebe, Freude, Friede,
Geduld, Freundlichkeit, Güte,
Treue, 23 Sanftmut, Keuschheit;

gegen all dies steht kein Gesetz.

Fünfzehn schlimme Dinge hatte Paulus aufgezählt, die zu vermeiden sind. Bei den guten Dingen, die man suchen soll, sind es nur neun. An der Spitze stehen Liebe und Freude, am Ende Sanftmut und Keuschheit. „Im Geist wandeln“, eine Halacha des Geistes befolgen, das erfordert einen sanften, behutsamen Umgang mit sich und anderen, eine Lebensfreude, bei der die Würde des anderen bewahrt bleibt und niemand zum Gegenstand einer rein ichsüchtigen Befriedigung wird. Vielleicht kannten die Heidenchristen solche Tugendkataloge von ihren Philosophen. Das würde erklären, warum Paulus wörtlich sagt: „gegen all dies ist die Tora nicht“. Mit dem Besten, was im Sittengesetz der Heiden zu finden ist, stimmt die gute Tora der Juden überein.

24 Die aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Begierden.

Das klingt krass! Wer auf Jesus vertraut, kreuzigt sein eigenes Fleisch, tötet seine selbstsüchtigen Begierden ab, wirft rechthaberische und missgünstige Leidenschaften auf den Müllhaufen seiner Lebensgeschichte. Als Jude ist Paulus absolut nicht weltfremd. Er redet definitiv nicht von einem Abtöten jeder Freude, jeder Lust an Geschlechtlichkeit, jeden harmlosen Vergnügens. Abgetötet gehört das, was er eben im Sündenkatalog des Fleisches aufgeführt hatte, vom Missbrauch anderer Menschen zur Befriedigung eigener Bedürfnisse bis hin zur Streitsucht mit am Ende vielleicht tödlichen Folgen.

25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.

26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden.

Abschließend ermahnt Paulus uns Heidenchristen: Ihr lebt doch im Geist, im Vertrauen auf Jesus. Dann haltet euch auch an die Halacha des Geistes! Und den für ihn wichtigsten Punkt greift er noch einmal heraus, nämlich den Kern der gestörten Beziehung zwischen rivalisierenden Gruppen. Muss ich krampfhaft darauf achten, dass ich in meiner Ehre nicht herabgewürdigt werde? Habe ich es nötig, die anderen zu provozieren? Bin ich im Grunde neidisch und eifersüchtig, und kommt es aus all diesen Gründen zum Streit? Nein, sagt Paulus kurz und knackig: „Prahlt nicht! Provoziert nicht! Nur kein Neid!“

Bevor wir zur zweiten Mahnrede kommen, die an Judenchristen gerichtet ist, singen wir aus dem Lied 404 die Strophen 1 bis 2 und 5 bis 8:

1. Herr Jesu, Gnadensonne, wahrhaftes Lebenslicht: Mit Leben, Licht und Wonne wollst du mein Angesicht nach deiner Gnad erfreuen und meinen Geist erneuen, mein Gott, versag mir’s nicht.

2. Vergib mir meine Sünden und wirf sie hinter dich; lass allen Zorn verschwinden und hilf mir gnädiglich; lass deine Friedensgaben mein armes Herze laben. Ach, Herr, erhöre mich!

5. Mit deiner Kraft mich rüste, zu kreuz’gen mein Begier und alle bösen Lüste, auf dass ich für und für der Sündenwelt absterbe und nach dem Fleisch verderbe, hingegen leb in dir.

6. Ach zünde deine Liebe in meiner Seele an, dass ich aus innerm Triebe dich ewig lieben kann und dir zum Wohlgefallen beständig möge wallen auf rechter Lebensbahn.

7. Nun, Herr, verleih mir Stärke, verleih mir Kraft und Mut; denn das sind Gnadenwerke, die dein Geist schafft und tut; hingegen meine Sinnen, mein Lassen und Beginnen ist böse und nicht gut.

8. Darum, du Gott der Gnaden, du Vater aller Treu, wend allen Seelenschaden und mach mich täglich neu; gib, dass ich deinen Willen gedenke zu erfüllen, und steh mir kräftig bei.

Liebe Gemeinde, ein zweites Mal redet Paulus die Geschwister im Land der Kelten in Mittelanatolien an:

1 Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest.

Die Freiheit war das Thema der Heiden gewesen. Jetzt spricht Paulus speziell die Judenchristen an. Wie sollen sie mit einer Verfehlung gegen die Tora umgehen? Einer, den er einen „Menschen“ nennt, ein Nichtjude, hat vielleicht unachtsam eins der vielen Speisegebote übertreten. Soll man ihn für unrein erklären und zeitweise aus der Tischgemeinschaft ausschließen? Paulus sagt: Nein! Denkt doch daran: Was haben unsere Rabbiner in den „Sprüchen der Väter“ über das richtige Lernen der Tora gelehrt? Das geht nur „durch Sanftmut“ und indem man „Menschen zur Wahrheit führt und sie zum Frieden leitet.“ Wollt ihr im Geist wandeln, dann helft ihr dem, der einen Fehltritt begangen hat, mit Sanftmut zurecht. Und ihr kehrt zuerst vor der eigenen Tür: Wie leicht könntet ihr selber die Tora verletzen!

2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Diesen Vers hören wir meist aus dem Zusammenhang gerissen, zum Beispiel als Trauspruch. Aber auch er ist ein Zitat aus den jüdischen „Sprüchen der Väter“: „wer seinem Nächsten seine Last tragen hilft.“ Und Paulus fügt hinzu: Genau das ist die Tora des Messias, das Gesetz Christi: Einander die Lasten zu tragen. So wie Simon von Cyrene das Kreuz für Jesus trug. So wie Jesus für alle gestorben ist. Sicher passt der Vers auch gut auf Ehepartner, aber ursprünglich bezieht Paulus ihn auf kulturell und religiös miteinander in Spannung lebende Gemeindemitglieder. So wie Paulus den Heiden zugemutet hat, sich im Geist der Liebe zum Sklaven der Juden zu machen, redet er nun den Juden ins Gewissen: „Versetz dich in die Lage des Heiden, der versteht die Speisegebote nicht; wenn dir die Schuld, die er auf sich lädt, und die Unreinheit, mit der er dich belastet, unerträglich scheint, gerade dann trage diese Last deines Nächsten!

3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.

4 Ein jeder aber prüfe sein eigenes Werk; und dann wird er seinen Ruhm bei sich selbst haben und nicht gegenüber einem andern.

5 Denn ein jeder wird seine eigene Last tragen.

Seltsam: Hier ist noch einmal vom Tragen der Lasten die Rede. Aber dieses Mal in umgekehrtem Sinn: „Jeder wird seine eigene Last tragen.“ Das Wort, das Paulus hier für „Last“ gebraucht, kommt auch in Psalm 38, 5 vor. Dort heißt es:

Meine Sünden…, wie eine schwere Last sind sie mir zu schwer geworden.

Welche Sünde ist es denn, die so schwer ist, dass sie einem keiner abnehmen kann? Es geht hier wieder um Gedanken aus den „Sprüchen der Väter“: „Wer sich fernhält von der Ehrung, wer nicht auf sein Wissen stolz ist“. Die Juden empfanden den Besitz der Tora als ihr Vorrecht, aber das gilt nur, wenn man sie bescheiden und selbstlos befolgt. Wer sich für besser hält als andere, legt anderen eine Last auf und muss die Last dieser eigenen Sünde tragen.

6 Wer aber unterrichtet wird im Wort, der gebe dem, der ihn unterrichtet, Anteil an allen Gütern.

Auch diese Ermahnung erinnert an die mündliche Tora der Juden: „durch Dienst an Weisen, durch Vertrauen in die Weisen, wer seinen Lehrer weise macht“. Wer einem hilft, Gottes Wort besser zu verstehen, verdient Wertschätzung. Paulus selbst hat zwar darauf verzichtet, von seinen Gemeinden Geld für seinen Lebensunterhalt zu bekommen. Aber den Galatern gegenüber hält er es wohl für angebracht, darauf hinzuweisen, dass sie in ihrem Streit, der den Frieden in der Gemeinde kaputtmacht, auch ihn als ihren Lehrer verletzen und ihm die Dankbarkeit verweigern.

7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten.

So leitet Paulus den Schluss seiner Mahnrede in scharfem Ton ein. Wollt ihr mit eurem Streit über die Religion Gott lächerlich machen?

Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.

8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten.

Die Judenchristen in der Gemeinde kennen das Bild vom Säen und Ernten aus dem Buch der Sprüche 22, 8:

Wer Unrecht sät, der wird Unglück ernten.

Und gerade wer sich stolz auf seine jüdische Auserwählung beruft, sagt Paulus, der sät auf „sein Fleisch“, auf einen angeblichen Vorzug vor den Heiden. Aber Auserwählung ist immer ein Geschenk, und im Vertrauen auf den Geist Jesu sollten sie gelernt haben, dass nun auch die Heiden hinzuerwählt sind. Auf den Geist säen heißt also, sich mit ihnen von Gott beschenkt wissen. Juden und Heiden bekommen von Gott Leben, das ewig ist: sinnvoll, erfüllt von Liebe und Frieden, unzerstörbar, was auch immer kommen wird.

9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen.

10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Am Ende ermahnt Paulus sich und seine Mitjuden: Tun wir Gutes! Sich auf gute Taten nichts einbilden zu dürfen, soll nicht zur Folge haben, dass man die guten Taten einfach weglässt. Gott schenkt uns die begrenzte Zeit unseres Lebens, um erfülltes Leben zu ernten, um, so Paulus wörtlich, „das Schöne“ und „das Gute“ zu tun, und zwar an jedermann.

Aber wen meint Paulus mit den Glaubensgenossen, denen man zuerst helfen soll? Es sind gerade nicht die, mit denen sie sich sowieso am meisten verbunden fühlen. Die „Hausgenossen“ des Glaubens, wie es hier wörtlich heißt, sind nach jüdischer Tradition nämlich gerade heidnische Menschen, die sich auf den Weg machen, Juden zu werden, angehende Proselyten. Paulus verwendet dieses Wort in seinen Gemeinden für die Heidenchristen, die für die Judenchristen zu Glaubensgenossen geworden sind. Damit beendet Paulus seine Ermahnung auch an den jüdischen Teil der Gemeinde in Galatien mit einem Aufruf zum Frieden: „Tut Gutes – besonders den neu Hinzugekommenen in der Gemeinde, auch wenn es mit ihnen nicht immer einfach ist und mancher Streit zu überwinden ist!“ Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen zur Vorbereitung auf die Feier des Heiligen Abendmahls aus dem Lied 226 die Strophen 1 bis 4:

Seht, das Brot, das wir hier teilen

Im Abendmahl sind wir nun eingeladen, die Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi, wie sie Paulus gepredigt hat, konkret zu erfahren: im Essen des Brotes und im Trinken des Kelches. Jesus fügt auch in dieser Pauluskirche aus ganz verschiedenen Menschen seinen Leib des Friedens, den Leib der Kirche Christi zusammen.

Gott, nimm von uns, was uns von dir trennt: Unglauben, Lieblosigkeit, Verzagtheit. Hochmut, Trägheit, Lebenslügen. In der Stille bringen wir vor dich, was unsere Seele belastet:

Beichtstille

Wollt Ihr Gottes Treue und Vergebung annehmen, so sagt laut oder leise oder auch still im Herzen: Ja!

Auf euer aufrichtiges Bekenntnis spreche ich euch die Vergebung eurer Sünden zu – im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Der Herr sei mit euch. „Und mit deinem Geiste.“

Erhebet eure Herzen! „Wir erheben sie zum Herren.“

Lasset uns Dank sagen dem Herrn, unserem Gott. „Das ist würdig und recht.“

Würdig und recht ist es, Gott ernst zu nehmen als den der groß ist in seiner Güte und Freundlichkeit zu uns Menschen. Würdig und recht ist es, uns selber anzunehmen als Menschen mit aufrechtem Gang, von Gott geliebt und verantwortlich für unser Leben. Zu dir rufen wir und preisen dich, Heiliger Gott:

Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll. Hosianna in der Höhe. Gelobet sei, der da kommt im Namen des Herrn. Hosianna in der Höhe.

Vater unser und Abendmahl

Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich. In dem jüdischen Menschen Jesus lebt die Liebe des Einen Gottes der Welt, der sich zuerst als der Gott Israels offenbart hat. Nehmt das Brot und gebt weiter, was euch gegeben ist – den lebendigen Leib der Liebe Gottes.

Herumreichen des Korbs

Jesu Blut wurde am Kreuz vergossen, durch die gemeinsame Schuld von Heiden und Juden, sogar durch Verrat und Verleugnung derer, die ihm nahestanden. Doch Jesus vergibt. So sehr liebt uns Gottes Sohn, dass er sein Leben für uns hingibt. Nehmt den Kelch der Barmherzigkeit und Versöhnung.

Austeilen der Kelche

Paulus sagte den Heiden: „Durch die Liebe diene einer dem andern.“ Paulus sagte den Juden: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Lasst auch uns diese Ermutigung beherzigen. Geht hin im Frieden! Amen.

Fürbitten:

Gott, unser Vater! Wir danken dir, dass du dein Wort der Liebe und des Friedens nicht nur dem Volk Israel, sondern durch deinen Sohn Jesus Christus auch uns, den Menschen aller Völker, geschenkt hast!

Wir bitten dich, dass wir dein Wort nur als Waffe verwenden gegen Unrecht und Unbarmherzigkeit, niemals als Waffe gegen andere Menschen, und schon gar nicht, um angeblich den Glauben an dich zu beschützen.

Wir beten für den Frieden innerhalb der Christenheit, für Fortschritte der Ökumene, für weitere Schritte auf dem Weg einer versöhnten Vielfast unter den christlichen Gemeinschaften.

Wir beten für die Christen, die unter Verfolgung leiden, weil Fanatiker anderer Religionen oder des Atheismus sie zur Zielscheibe ihres Hasses gemacht haben. Schenke ihnen Kraft, um an ihrem Glauben treu festzuhalten und lass ihnen notwendige Hilfe zukommen.

Wir beten für den Frieden zwischen den Religionen bei uns und in aller Welt. Hilf uns, einen fruchtbaren Dialog auf Augenhöhe mit Menschen zu führen, die anders glauben und denken, mit Juden und Muslimen, mit Aleviten und Jeziden, mit Buddhisten und Atheisten. Mache Menschen so selbstbewusst im eigenen Glauben, dass sie es nicht nötig haben, Menschen anderen Glaubens abzuwerten oder zu verfolgen. Gott, schenke uns Frieden. Amen!

Wir singen das Lied 221:

1. Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen: Wir sind, die wir von einem Brote essen, aus einem Kelche trinken, Jesu Glieder, Schwestern und Brüder.

2. Wenn wir in Frieden beieinander wohnten, Gebeugte stärkten und die Schwachen schonten, dann würden wir den letzten heilgen Willen des Herrn erfüllen.

3. Ach dazu müsse deine Lieb uns dringen! Du wollest, Herr, dies große Werk vollbringen, dass unter einem Hirten eine Herde aus allen werde.

Abkündigungen

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Orgelnachspiel

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