Infusion für unser Herz: Gottes Liebe

Paulus lässt sich auf eine Hoffnung ein, die niemals stirbt. Mit Liebe von Gott im Herzen kann Paulus geduldig sein, für den Glauben eine Haft absitzen, sogar für den Glauben sterben. Ob er noch weiteren Völkern von Jesus erzählen konnte, vielleicht bis hin nach Spanien? Liebe trägt uns hier im Leben, und sie geht nicht verloren, wenn wir sterben.

Ein riesiges transparentes Herz, in dem sich ein Mann für Lichtstrahlen öffnet, vor einer Landschaft unter blauem Himmel

Frieden haben wir mit Gott durch die Liebe, die er uns schenkt (Bild: pixabay.com)

#predigtTaufgottesdienst mit einer Erwachsenenkonfirmation am Sonntag Reminiscere, den 21. Februar 2016, um 10 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Im Namen des Kirchenvorstandes begrüße ich alle herzlich in der Pauluskirche mit dem Wort zur Woche aus dem Brief des Paulus an die Römer 5, 8:

Gott … erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.

In diesem Gottesdienst findet eine Taufe und eine Konfirmation statt. Taufen werden wir ein kleines Mädchen, …, sie begrüßen wir herzlich mit ihren Eltern und Paten! Konfirmiert wird ein junger Mann, Herr …; auch Sie heißen wir in der Pauluskirche mit Ihrer Familie und Ihren Freunden herzlich willkommen!

Aber nicht alle Männer, die heute in die Pauluskirche gekommen sind, gehören zu Ihrem Freundeskreis. Die Fünfziger-Freunde unseres Pfarrers Helmut Schütz haben sich entschlossen, heute gemeinsam seinen Gottesdienst zu besuchen, und wir begrüßen auch Sie sehr herzlich in unseren Reihen!

In der evangelischen Kirche wird viel gesungen. Vor allem Lieder aus dem Gesangbuch, aber auch einige Wechselgesänge in der Liturgie. Diese finden Sie in der Gottesdienstordnung vorn im Gesangbuch auf den gelben Seiten.

Lied 289, 1+3+5:

1. Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett’ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich.

3. Wie sich ein Mann erbarmet ob seiner jungen Kindlein klein, so tut der Herr uns Armen, wenn wir ihn kindlich fürchten rein. Er kennt das arm Gemächte und weiß, wir sind nur Staub, ein bald verwelkt Geschlechte, ein Blum und fallend Laub: Der Wind nur drüber wehet, so ist es nimmer da, also der Mensch vergehet, sein End, das ist ihm nah.

5. Sei Lob und Preis mit Ehren Gott Vater, Sohn und Heilgem Geist! Der wolle in uns mehren, was er aus Gnaden uns verheißt, dass wir ihm fest vertrauen, uns gründen ganz auf ihn, von Herzen auf ihn bauen, dass unser Mut und Sinn ihm allezeit anhangen. Drauf singen wir zur Stund: Amen, wir werden’s erlangen, glaubn wir von Herzensgrund.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wir beten gemeinsam im Wechsel den Psalm 103. Er steht im Gesangbuch unter der Nr. 742. Die Männer lesen mit mir gemeinsam die linksbündigen Verse, das müsste heute richtig powermäßig rüberkommen, und die Frauen antworten mit den eingerückten Versen:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

9 Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben.

10 Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.

11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

12 So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, und sein Reich herrscht über alles.

20 Lobet den HERRN, ihr seine Engel, ihr starken Helden, die ihr seinen Befehl ausrichtet, dass man höre auf die Stimme seines Wortes!

21 Lobet den HERRN, alle seine Heerscharen, seine Diener, die ihr seinen Willen tut!

22 Lobet den HERRN, alle seine Werke, an allen Orten seiner Herrschaft! Lobe den HERRN, meine Seele!

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Gott, wir kommen zu dir, um dich zu loben. Um zu danken, dass es uns überhaupt gibt. Dass unser Leben in dieser Welt einen Sinn hat.

Gott, wir kommen zu dir aber auch mit Zweifeln. Mit der Frage, ob du allmächtig und gütig zugleich sein kannst, ob es nicht besser für dich wäre, wenn es dich gar nicht gäbe, denn dann müsstest du uns nicht erklären, warum es so viel Böses gibt in der Welt.

Und Gott, wir kommen zu dir, um uns zu beklagen. Über das, was wir unerträglich finden in unserem Leben, in unserer Welt. In der Bibel steht, dass du barmherzig und gerecht bist. Wir fragen dich, warum lässt du Unrecht und Unbarmherzigkeit zu, sogar Gewalt, die in deinem Namen geschieht?

Gott, wir dürfen dich anklagen. Und wir dürfen auch ehrlich sein mit uns selbst: Worauf wir stolz sein können und was wir verbockt haben. Vergib uns, wenn wir anderen etwas schuldig geblieben sind, das sie von uns erwarten konnten. Vergib uns, wenn wir gedankenlos über Menschen urteilen, ohne sie genau zu kennen. Vergib uns, wenn wir Liebe, die du uns schenkst, nicht weitergeben. Wir rufen zu dir, Gott:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Großer Gott, wir haben Stärken, wir haben Schwächen. So, wie wir sind, nimmst du uns an. Du machst uns nicht kleiner, als wir sind. Wir müssen uns aber auch nicht größer machen, nur weil wir uns insgeheim klein und unbedeutend fühlen. So wie wir sind, mit unseren guten Entfaltungsmöglichkeiten, passen wir in den Plan, den du für uns hast. Denn zu deinem Ebenbild hast du uns geschaffen, zum Ebenbild deiner Liebe.

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende.

Der Herr sei mit euch! „Und mit deinem Geist!“

Gottesdienst feiern wir, weil du, Gott, uns dienen willst. Schenke uns Worte, die uns gut tun. Schenke uns neue Einsichten, Kraft für unser Leben. Darum bitten wir dich im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören das Taufevangelium nach Matthäus 28, 16-20

16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie beschieden hatte.

17 Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.

18 Und Jesus trat herzu und sprach zu ihnen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.

19 Darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes

20 und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Liebe Gemeinde, liebe Familie …,

jetzt treten zunächst einmal Sie in den Mittelpunkt dieser Gottesdienstfeier mit Ihrer kleinen Tochter und Patentochter … . Sie soll zu Gott gehören, unter seinen Segen gestellt werden, in die Gemeinde Jesu aufgenommen werden. Als Taufspruch haben Sie für … einen Vers aus dem Buch Jesaja 40, 31 ausgesucht:

Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.

Dieses Wort regt meine Phantasie an. Gott selber wird ja manchmal mit einer Adlermutter verglichen, die ihre Flügel über ihre Kinder breitet. Und es heißt auch, dass Gott sein Volk Israel wie ein Adler auf seinen Flügeln trägt. Adler machen das tatsächlich, das hat man in den Rocky Mountains oder im Sinai-Gebirge beobachtet. Wo Adler sehr hoch in den Felsen nisten, wäre es gefährlich, ein Adlerkind einfach zur ersten Flugstunde in die Tiefe fallen zu lassen – ohne einen Plan B. Wenn die Adlereltern sehen, dass ihr Kleines abstürzt, statt die Kurve zum Weiterflug zu kriegen, gleiten sie wirklich unter den Jungvogel und tragen ihn auf ihren Flügeln wieder hinauf ins Nest. So wird in der Bibel das Vertrauen auf Gott umschrieben: Gott behütet uns, Gott ist unsichtbar bei uns, aber nicht, um uns auf Dauer abhängig zu machen. Er macht uns Mut, aufrecht zu gehen, auf eigenen Füßen zu gehen, und bildlich gesprochen, die Flügel unserer Phantasie und unseres Mutes zu entwickeln und zu gebrauchen, um unser Leben in Selbstvertrauen und Liebe zu gestalten.

Ich wünsche der kleinen …, dass sie genug Urvertrauen entwickelt, um auch wie mit Adlerflügeln ihre Welt zu erobern. Sie als Eltern und als Paten übernehmen ein Stück Verantwortung dafür, dass sie beides bekommt: Wurzeln und Flügel.

Sie braucht die feste Verwurzelung in der Liebe ihrer Eltern und Paten, ihrer Familie und Freunde und letzten Endes in Gott, von dem alle Liebe herkommt. Und sie braucht die Freiheit, sich so entfalten zu können, wie es ihr selber entspricht. Dabei darf sie lernen, dass Freiheit immer auch mit der Freiheit der anderen zu tun hat, auch mit ganz fremden Menschen, denen wir Respekt schulden, weil ausnahmslos alle Menschen von Gott geschaffen sind – zum Ebenbild seiner Liebe.

Im christlichen Glaubensbekenntnis kommt das Wort Liebe nicht vor. Aber in ihm bekennen wir uns zum dreieinigen Gott, der definitionsgemäß ein Gott der Liebe ist. Der eine Gott kommt in Jesus zur Welt, im liebevollsten Menschen der Weltgeschichte, und die Liebe dieses einen Gottes will im Heiligen Geist auch uns erfüllen und uns mit anderen zusammenschließen. Ich lade dazu ein, in diesem Sinne das Glaubensbekenntnis als Bitte um Gottes Liebe mitzusprechen, stellevertretend auch für unser Taufkind …:

Glaubensbekenntnis und Taufe
Lied 574: Segne dieses Kind

Ich gehe noch nicht auf die Kanzel, stehe noch einmal hier vorne, denn nun werden wir hier mitten in diesem Gottesdienst eine Konfirmation feiern. Normalerweise findet die Konfirmation in der evangelischen Kirche ja im Übergang von der Kindheit zum Jugendalter statt. Sie, lieber Herr …, haben sich damals, als sie 13, 14 Jahre alt waren, aber bewusst dagegen entschieden. Sie hatten von der Grundschule her Bilder vom lieben Gott im Kopf, von einer heilen Bibelwelt, wo alles schön und liebevoll ist, und das schien Ihnen mit Ihrem eigenen Leben nicht zusammenzupassen. Was das konkret bedeutet, das muss ich hier nicht ausbreiten, ich denke, wir alle wissen, dass man schon als Kind und Jugendlicher manches erleben kann, was man sich nicht unbedingt wünscht.

Im Lauf der Jahre hat sich dann aber Ihre Einstellung zu Gott verändert. Manchmal kommt es ja auch darauf an, ob man sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt, mit welchen Menschen man darüber spricht, welche Predigten man hört und ob man vielleicht doch mal in der Bibel liest. Sie haben nachgedacht über Gott und über sich selbst und sind zu der Überzeugung gekommen: Der hat doch mit mir zu tun. Schon der Gott der Bibel war nicht nur ein Heile-Welt-Gott. Der hat den Stotterer Mose zu seinem größten Propheten gemacht und als Hiob Gott vorwarf, er würde ihn grundlos quälen, da nahm Gott Hiob gegen seine frommen Freunde in Schutz.

Am Ende haben Sie den Wunsch in sich gespürt, nun doch noch als Erwachsener konfirmiert zu werden, also ganz bewusst in der Kirche Ja dazu sagen zu können, dass Sie als Kind getauft worden sind. Wir haben einige Konfirmationsgespräche miteinander geführt, die ich sehr spannend fand und über die ich mich sehr gefreut habe, und heute sind Sie nun hier mit Ihrer Familie und Ihren Freunden, und wir wollen Sie konfirmieren.

Als Konfirmationsspruch haben Sie sich ausgesucht Psalm 23, 4:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Dieser Vers stammt aus dem Psalm vom Guten Hirten, der uns begleitet. „Du bist bei mir“, das spüren Sie jetzt, und im Nachhinein ist Ihnen klar geworden, das stimmte auch schon in der Zeit, in der Sie dachten, Gott sei nur ein Märchen für Menschen, denen es immer gut geht oder die sich etwas vormachen. Gerade wenn es in unserem Leben finster aussieht, wenn wir Angst haben, Trauer tragen, wenn Schuld oder Zweifel uns plagen, wenn uns Leid, Schmerz und Missachtung widerfährt, in all diesen Fällen steht Gott uns zur Seite. Zum Bild vom Guten Hirten gehört auch der Hirtenstab, der manchmal auch als Knüppel verwendet wurde, um wilde Tiere oder Räuber zu vertreiben; Gott ist also nicht in dem Sinne ein „lieber Gott“, dass er dem Bösen in der Welt ein wenig hilflos und und nachsichtig gegenübersteht, nein, er ist ein Gott der Liebe, indem er dem Zorn gegen alles Böse Recht und Raum gibt. Gottes Zorn ist die Kehrseite der Liebe, die Menschen dazu bringen will, wieder auf den rechten Weg zurückzukehren.

Sie, lieber Herr …, haben erfahren, dass diese Aussage über Gott für Sie wahr ist: „Du bist bei mir“. Ich frage Sie nun vor Gott und dieser Gemeinde: Wollen Sie Ja dazu sagen, dass Sie auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft worden sind, indem Sie heute in dieser Pauluskirche konfirmiert werden? Dann antworten Sie: JA!

Lieber …, nachdem Sie sich von mir über den christlichen Glauben haben unterrichten lassen, darf ich Sie in diesem Gottesdienst konfirmieren, das heißt „fest machen“ im Glauben. Ich tue das, indem ich Sie einsegne, also durch den Segen Gottes als erwachsenes Mitglied der evangelischen Kirche anspreche:

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

…, Gott ist für Sie da als der Gute Hirte, der Sie begleitet durch helle und dunkle Zeiten Ihres Lebens. Gott stärke Ihre Liebe und gebe Ihnen Kraft, um alle Herausforderungen zu bestehen. Er segne und behüte Sie: Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Zur Konfirmation bekommen Sie eine Urkunde und diese Bibel, die Sie ja gerne ganz lesen möchten! Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Einsegnung!

Und nun singen wir das Lied 552, das Sie sich gewünscht haben. Es handelt von Jesus, der uns in seiner ganzen Liebe vorgelebt hat, wie Gott bei uns ist:

Einer ist unser Leben
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde,

nach einer Taufe mit Taufansprache und einer Konfirmation mit Konfirmationsansprache folgt jetzt noch eine Predigt. Das ist ganz schön viel Stoff zum Nachdenken.

Auf jeden Fall weiß ich von Ihnen, lieber Herr …, dass Sie darauf gespannt sind, wie ich den heutigen Predigttext auslegen werde. Ein bisschen haben wir ja schon darüber gesprochen. Und – nun ja – das ist nun mal das Markenzeichen unserer evangelischen Kirche, dass die Predigt, die Auslegung von Gottes Wort, einen hohen Stellenwert hat. In anderen Kirchen, in anderen Religionen, da spielen Rituale und Rezitationen, die man nicht unbedingt verstehen muss, in denen man sich einfach mitgetragen fühlen kann, eine größere Rolle. Das sage ich nicht wertend; das hat auch sein gutes Recht. Wir Evangelischen nehmen, neben dem Gesang, neben ein paar liturgischen Elementen, neben Tauf- und Segenshandlungen, die Predigt im Gottesdienst einfach sehr wichtig. Denn wer bewusst evangelisch ist, will nicht nur blind glauben, sondern auch ein wenig verstehen, was er da glaubt.

Heute hören wir zur Predigt aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer 5, 1-6. Und da ich weiß, dass Paulus beim einfachen Hören nicht immer leicht zu verstehen ist, wird Herr Ganter mehrmals Verse vorlesen und ich werde sie nach und nach auslegen.

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.

Dieser Satz ist eigentlich der wichtigste Satz für die evangelische Kirche: „Wir sind gerecht geworden durch den Glauben.“ Damit fing vor 500 Jahren die Reformation an. Martin Luther hatte sich abgequält mit der Gerechtigkeit Gottes. Er war ja Mönch gewesen, wollte gute Werke für Gott tun, wollte Sünden abbüßen, vor Gott gerecht sein. Irgendwann las er beim Propheten Habakuk 2, 4 den Satz:

Der Gerechte … wird durch seinen Glauben leben.

Und bei Paulus (Römer 5, 1):

Wir [sind] gerecht geworden … durch den Glauben.

Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Gerechtigkeit, das ist gar keine verdienstvolle Tat für Gott. Gerechtigkeit ist ein Geschenk von Gott an uns. Wir sind Gott recht, einfach weil er uns liebt. Er macht uns gerecht, indem er uns vergibt, was wir Böses tun oder was wir Gutes unterlassen. Und indem er die Lasten von Sünde und Schuld von unseren Schultern nimmt, die sich auf ihnen angehäuft haben, können wir aufatmen, wieder aufrecht gehen, neu durchstarten mit einem Leben, wie es Gott gefällt. Nicht die Frau betrügen, der man die Treue versprochen hat. Nicht krumme Geschäfte machen oder seine Angestellten ausbeuten. Nicht über ganze Gruppen von Menschen in Bausch und Bogen ablästern, nur weil einige von ihnen kriminell sind. Stattdessen Frieden suchen, wo immer und wie immer es möglich ist. Indem man auf faire Weise streitet. Indem man den Finger auf wunde Punkte legt – aber um zu heilen, nicht um niederzumachen.

Wir sind gerecht durch den Glauben. Auf Deutsch: Gottvertrauen genügt, um ein guter Mensch zu sein. Um uns ändern zu können, wenn wir uns wie ein Arschloch verhalten haben; ich sag‘s mal so, wie wir‘s auch am Stammtisch sagen würden.

Ich sage auch klar: Gottvertrauen ist kein krummer Deal mit Gott. „Ich weiß ja, du vergibst mir alles, also kann es mir und dir auch egal sein, was ich mache“ – so funktioniert das nicht. Das ist „billige Gnade“, so hat das Dietrich Bonhoeffer genannt; der bezahlte seinen Glauben, aus dem heraus er damals Widerstand gegen Adolf Hitler leistete, mit dem Leben.

Als ich vor 20 Jahren noch Seelsorger in einer psychiatrischen Klinik war, da kam einmal ein Mann auf der Suchtstation auf mich zu und fragte: „Herr Pfarrer, kann Gott mir alles vergeben?“ Ich fragte ihn, was er denn getan hatte. Er erzählte, er hätte vor Jahren seine Stieftochter missbraucht. Aber nur ein paar Mal. Und sie hätte es ihm ja verziehen. Es sei doch nicht so schlimm gewesen. Da habe ich ihm so ungefähr gesagt: „Fragen Sie sich nicht zu schnell, ob Gott Ihnen vergeben kann. Fragen Sie sich erst einmal, ob Sie eigentlich verstanden haben, was Sie dem Mädchen angetan haben.“ Vergebung heißt nicht: Es war alles halb so schlimm. Vergebung kann nur der erwarten, der sich erst einmal klar macht: Ich kann das nie wieder gut machen! Ich habe vielleicht etwas zerstört in diesem Menschen, was nie wieder heilen kann! Was ich getan habe, ist nach menschlichen Maßstäben unverzeihlich! Und erst dann, bei echter Einsicht und Reue, ist die Frage am Platz, ob Gott vielleicht auch einem Menschen einen Neuanfang ermöglichen kann, der eine unverzeihliche Schuld auf sich geladen hat. Der Mann ist damals übrigens gleich weggegangen und nicht noch einmal zu mir gekommen.

Weiter hören wir von Paulus:

2 [Wir] rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

Auf einmal fängt Paulus an, anzugeben. Er rühmt sich. Seht her: Wir haben eine Hoffnung, die sonst niemand hat. Was Gott uns in Zukunft gibt, ist so toll, so herrlich, darauf kann doch keiner verzichten wollen.

OK. Ich ahne schon, was ihr vielleicht denkt. Ja, ja, der Paulus denkt an den Himmel. Wer hier im Diesseits an Gott glaubt, darf später im Jenseits mit den Engeln Halleluja singen. So stellen sich doch viele die Hoffnung der Christen vor. Aber ganz so einfach ist es nicht. Es stimmt schon, Paulus hat eine Hoffnung über den Tod hinaus. Aber was die Engel im Himmel an Musik drauf haben, weiß keiner so genau. Die haben inzwischen bestimmt nicht nur Mozart und Bach unter Vertrag, sondern auch Janis Joplin, John Lennon oder Freddy Mercury, das könnte mir zum Beispiel gefallen.

So schön es sein mag, über den Himmel zu spekulieren, eigentlich geht es Paulus gar nicht um das Leben im Jenseits. Seine Hoffnung ist hier schon lebendig. Aber wie meint er das? Wir kennen das Sprichwort: „Hoffen und Harren hält manchen zum Narren.“ Oder wir sagen: „Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber dann stirbt sie eben doch.“ Paulus kennt eine Hoffnung, die niemals stirbt. Aber es ist eine Hoffnung, die Zeit zum Wachsen braucht, auf die man sich einlassen muss.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,

4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung,

5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden.

Das klingt ja erst einmal verrückt. Paulus rühmt sich der Bedrängnisse. Er gibt damit an, dass es ihm dreckig geht, dass er am Ende ist: bedrängt von Leuten, die ihn aus mancher Stadt mit Steinen verjagen, anderswo ins Gefängnis stecken. Wir sehen ihn als den großen Völkerapostel, aber als er in Athen predigte, wie wir es hier auf dem Fensterbild dargestellt sehen, da konnte er nur drei, vier Leute wirklich überzeugen. Er hatte eine Krankheit, die wie ein „Pfahl in seinem Fleisch“ war; was genau er hatte, wissen wir gar nicht, aber es war mit Sicherheit eine schmerzhafte körperliche oder seelische Krankheit, die vielleicht auch eklig oder peinlich für ihn war. Und bei all dem sagt Paulus: Wenn ich mit irgendwas angeben soll, dann damit! Warum denn das?

Paulus sagt: Wenn es so sein soll, dann nehme ich all das als Chance an: denn Bedrängnis bringt Geduld. „Gott, gib mir Geduld, aber bitte schnell!“, wie oft mag Paulus, dieser Energiebolzen, das gebetet haben. Am Ende hat er immer wieder erfahren, es kam Hilfe, er konnte durchhalten, er schaffte es, sich zu bewähren.

Wenn wir Bewährung hören, denken wir meist an Straftäter, die „auf Bewährung“ draußen sind. Paulus musste seine Bewährungszeit oft innerhalb von Gefängnismauern absitzen, und um dort Geduld zu üben, hat er dort sogar manchmal Lieder gesungen. Ob er am Ende überhaupt aus dem Gefängnis heraus gekommen ist, wissen wir gar nicht. Vielleicht ist er im Gefängnis in Rom auch hingerichtet worden. Paulus spricht trotzdem davon, dass die Hoffnung in ihm nie stirbt. Sie lässt nicht zuschanden werden, er geht nicht vor die Hunde. Warum?

Paulus nennt diesen Grund:

Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Paulus kennt eine Infusion für unser Herz, die Wunder wirkt: Gottes Liebe. Mit Liebe von Gott im Herzen kann er geduldig sein, für den Glauben eine Haft absitzen, sogar für den Glauben sterben. Vielleicht aber hat Paulus es auch noch erlebt, dass er wieder raus kam aus dem Knast. Was wünschte er sich mehr, als dass er noch weiteren Völkern von Jesus erzählen konnte, vielleicht bis hin nach Spanien! Liebe ist jedenfalls nicht nur etwas Jenseitiges. Liebe trägt uns hier im Leben, und sie geht nicht verloren, wenn wir sterben. Liebe heißt, dass wir getragen sind von Gott, wie auf Adlerflügeln, egal was passiert, auch in finsteren Tälern, und dass wir niemals verbittert und hart werden müssen gegen uns selbst und irgendwelche anderen Menschen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen aus dem Lied 495 die Strophen 1 bis 5:

1. O Gott, du frommer Gott, du Brunnquell guter Gaben, ohn den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben: Gesunden Leib gib mir und dass in solchem Leib ein unverletzte Seel und rein Gewissen bleib.

2. Gib, dass ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret, wozu mich dein Befehl in meinem Stande führet. Gib, dass ich’s tue bald, zu der Zeit, da ich soll, und wenn ich’s tu, so gib, dass es gerate wohl.

3. Hilf, dass ich rede stets, womit ich kann bestehen; lass kein unnützlich Wort aus meinem Munde gehen; und wenn in meinem Amt ich reden soll und muss, so gib den Worten Kraft und Nachdruck ohn Verdruss.

4. Find’t sich Gefährlichkeit, so lass mich nicht verzagen, gib einen Heldenmut, das Kreuz hilf selber tragen. Gib, dass ich meinen Feind mit Sanftmut überwind und, wenn ich Rat bedarf, auch guten Rat erfind.

5. Lass mich mit jedermann in Fried und Freundschaft leben, so weit es christlich ist. Willst du mir etwas geben an Reichtum, Gut und Geld, so gib auch dies dabei, dass von unrechtem Gut nichts untermenget sei.

Lasst uns beten und jede Fürbitte mit dem Ruf beenden: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Gott, wir beten für …, die wir getauft haben, und für alle Kinder, die uns anvertraut sind: Hilf uns, in Liebe für sie da zu sein und ihnen hilfreiche Grenzen zu setzen. Du, Gott der Liebe: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Gott, wir beten für Herrn …, den wir konfirmiert haben: Schenke ihm deine Nähe und Kraft und auch den Rückhalt deiner christlichen Gemeinde. Du, Gott der Hoffnung: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Gott, wir beten für Frau …, die nach einem gesegneten und erfüllten Leben in Familie, Beruf und Ruhestand im Alter von … Jahren gestorben ist. Schenke ihr Frieden in deinem ewigen Reich, und lass ihre Familie getrost und in Dankbarkeit Abschied von ihr nehmen. Du, Gott des Trostes: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Gott, wir bitten dich für alle, die in Europa und in der ganzen Welt nach Wegen zum Frieden suchen. Für alle, die sich sperren und den Frieden verhindern, und für die vielen, die sich trotzdem nicht entmutigen lassen. Du, Gott des Friedens: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

Gott, wir bitten dich für alle, die mit ihrem Glauben schöne Erfahrungen verbinden können, und auch für die, die Schwierigkeiten mit dem Glauben haben. Mach den Gläubigen klar, dass nicht jeder auf dieselbe Art und Weise selig werden muss, und zeige jedem Zweifler seinen eigenen, persönlichen Weg, um auf seine Weise ein glückliches, sinnvolles Leben zu führen. Du, Gott der Barmherzigkeit: „Wir bitten dich, erhöre uns!“

In der Stille bringen wir vor Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser
Lied 614: Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen Schritte tun
Abkündigungen

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

Klaviernachspiel

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