Verantwortlich auch für den Nachbarn

Trauerfeier für einen Mann, der sich für eine gute Nachbarschaft in seinem Wohnblock verantwortlich gefühlt hat, gerade wenn dort Menschen verschiedener Herkunft auf engem Raum miteinander zusammenleben.

Verantwortlich auch für den Nachbarn: Häuserfront eines Wohnblocks mit vielen kastenförmigen Balkonen

Wo man auf engem Raum zusammenwohnt, ist gute Nachbarschaft besonders notwendig (Bild: robertprax – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Gemeinde, wir sind hier versammelt, um von Herrn G. Abschied zu nehmen, der im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist.

Wir erinnern uns an sein Leben und erweisen ihm die letzte Ehre. Wir lassen einander in der Stunde des Abschieds nicht allein. Wir besinnen uns auf Gott, von dem unser Leben herkommt und zu dem es im Tode zurückkehrt.

Wir beten mit Psalm 103:

1 Lobe den HERRN, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!

2 Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

3 der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen,

4 der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

5 der deinen Mund fröhlich macht, und du wieder jung wirst wie ein Adler.

6 Der HERR schafft Gerechtigkeit und Recht allen, die Unrecht leiden.

7 Er hat seine Wege Mose wissen lassen, die Kinder Israel sein Tun.

8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

14 Denn er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind.

15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;

16 wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.

17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind

18 bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.

Liebe Frau G., liebe Trauerfamilie, liebe Gemeinde!

„Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat!“ So haben wir es eben im Psalm gehört, und mit diesem Gedanken im Herzen wollen wir heute an Herrn G. denken, bevor wir den letzten schweren Weg mit ihm zu seinem Grab gehen. Es gab schöne Jahre, es gab schwere Zeiten, doch Gott hat ihn bewahrt und geführt durch alle Zeiten hindurch bis hin zu seinem Lebensende.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Immer waren Sie auf gute Nachbarschaft bedacht. Als ich Sie einmal besuchte, sagte mir Herr G., dass über die Hälfte der Mietparteien im Haus Ausländer seien und dass sie sich gut mit ihnen verstehen würden. Aber, so meinte er: Man muss aufeinander zugehen, freundlich grüßen, Interesse zeigen.

Ich weiß noch, dass damals einer meiner Konfirmanden im selben Haus wohnte, und Herr G. erzählte mir, wie er ihn dazu brachte, die Haustür für einen Nachbarn aufzuhalten, der hinter ihm ins Haus wollte.

Wichtig war es ihm, hin und wieder in die Kirche zu gehen; das ging einfach nicht anders. Er erzählte mir, dass er sich im Glauben an Gott getragen fühlte; und so konnte er auch seine Krankheit ertragen. Aber irgendwann waren seine Lebenskräfte aufgebraucht, und er ist gestorben.

„Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat!“ Dieser Bibelvers aus Psalm 103 macht Mut zum Danken für so viel Gutes, was das Leben von Herrn G. erfüllt hat. Natürlich war da auch Schweres, die Vertreibung aus der alten Heimat, der frühe Tod eines Kindes, die zunehmende Verschlechterung seines Gesundheitszustandes. Aber wenn wir den Psalm der Bibel genau anschauen, dann verbindet sich mit der Dankbarkeit für das Gute ein sehr realistischer Blick auf das menschliche Leben mit allen Höhen und Tiefen. Dankbar sein kann man auch für Trost in der Trauer, für Vergebung, wenn man Fehler gemacht hat, für Bewahrung in schweren Zeiten.

Aber was meint der Psalm, wenn es da heißt: „Gott heilt alle deine Gebrechen“? Die Krankheit des Verstorbenen ist nicht geheilt worden, die musste er bis zum bitteren Ende ertragen. Ich verstehe den Psalm so: Unsere Gebrechen, das sind Dinge, an denen es uns ge-bricht, wie man in altem Deutsch gesagt hat, das sind Dinge, die uns fehlen.

Und was fehlt uns Menschen manchmal am meisten? Ein gutes Wort, eine tröstliche Umarmung, der gute Wille zum Frieden auch mit einem vielleicht etwas anstrengenden Mitmenschen. Diese Gebrechen, fehlende Liebe, fehlende Geduld, sind es vor allem, die Gott durch seine Liebe heilt, wenn wir ihn an und in und durch uns wirken lassen. Herr G. war so ein Mensch, der sich in seinem Umfeld dafür eingesetzt hat, dass man gut miteinander auskam.

Großartige Dinge werden in dem Psalm 103 gesagt von Menschen, die auf Gott vertrauen: „Er erlöst dein Leben vom Verderben, er krönt dich mit Gnade und Barmherzigkeit. Er macht deinen Mund fröhlich, und du wirst wieder jung wie ein Adler.“ Ich finde, das sind wunderbare Bilder, die helfen können, von Herrn G. Abschied zu nehmen.

Er ist gestorben, aber er geht nicht im Tod verloren. Er ist erlöst, er durfte sterben in der Zuversicht, von Gott im Himmel aufgenommen zu werden, in seiner ewigen Liebe. Gott nimmt ihn so sehr mit Ehren an, dass wir sogar sagen können, dass er eine Krone aufgesetzt bekommt wie ein König. Es ist keine Krone aus Gold, sondern die Krone der Gnade, der Liebe, der Barmherzigkeit, viel wertvoller als Edelmetall.

Wir können traurig sein über den Tod von Herrn G. und zugleich darauf vertrauen, dass unser Mund wieder fröhlich wird. „Lachen oder weinen wird gesegnet sein“, heißt es in einem Kirchenlied. Es gehört dazu, dass unsere Tränen fließen, aber sie dürfen auch wieder getrocknet werden.

Besonders schön, aber auch ein bisschen seltsam finde ich in dem Psalm das Wort: „dass du wieder jung wirst wie ein Adler“. Was ist wohl damit gemeint? Unterstützt die Bibel hier einen Jugendwahn, dass man nicht die vielleicht schon sehr vielen Jahre akzeptieren mag, die einem auf dieser Erde eben schon geschenkt worden sind?

Nein, es ist wichtig, dass hier von den jungen Adlern die Rede ist. Junge Adler sind manchmal sehr hilfebedürftig und würden zum Beispiel gar nicht fliegen lernen, wenn die Adlereltern sie dabei nicht tatkräftig unterstützen würden. Das Adlerjunge lässt sich aus dem Horst in luftiger Höhe fallen, will sich im Aufwind tragen lassen, aber Kräfte oder Geschicklichkeit reichen nicht immer aus, es stürzt in die Tiefe. Sofort ist die Adlermutter da, breitet die Flügel unter dem jungen Adler aus und trägt ihn wieder in den sicheren Adlerhorst. Wieder jung werden wie ein Adler – damit kann gemeint sein, dass man in einer Zeit, in der man alt wird und die Kräfte nachlassen, sich wie ein junger Adler auf die Hilfe anderer ver-lassen und einlassen darf, um nicht zu fallen, nicht abzustürzen, sondern in guter Obhut zu sein und ein weiterhin erfülltes Leben führen zu können, auch wenn man nicht mehr alles allein bewältigen kann.

Realistisch ist der Psalm 103 auch im Blick darauf, dass wir alle sterben müssen. „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“

Das ist aber nicht das letzte Wort über unser Leben. „Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind bei denen, die seinen Bund halten und gedenken an seine Gebote, dass sie danach tun.“

Wir sind vergängliche Menschen. Aber wir kommen von Gott und bleiben mit ihm verbunden und hängen so an Gott und an seiner Liebe fest. Gott hat sich verpflichtet, für uns da zu sein, er schenkt uns seine Liebe, und das einzige, was er von uns erwartet, ist im Gegenzug, dass wir seine Liebe einander weitergeben.

Das ist mit den Geboten gemeint, an die wir denken sollen. Denn das höchste Gebot ist: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Liebe dich selbst, liebe den, der dir anvertraut ist, fühle dich verantwortlich auch für deinen Nachbarn. So hat Herr G. gelebt. Als sein Vermächtnis dürfen wir es annehmen, ihm nachzueifern.

Noch einmal erinnern wir uns an den Anfang des Psalms 103: „Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat!“ In diesem dankbaren Gedenken dürfen wir Herrn G. getrost loslassen und der Liebe des Vaters im Himmel anvertrauen. Für uns selber bitten wir um ein Gottvertrauen, das uns trägt und tröstet auf einem Weg der Trauer und gemischter Gefühle. Amen.

Barmherziger Gott, wir nehmen Abschied von Herrn G. Sein Leben ist zu Ende gegangen – nimm du es jetzt in deine gnädigen Hände. Wir sind dankbar für sein Leben und für alles Gute, das du ihm erwiesen hast und durch ihn auch anderen. Vor allem danken wir für Liebe, die er und wir empfangen und geben durften.

Steh denen bei, die Herrn G. vermissen. Gib ihnen die Kraft zu trauern und auch wieder den Mut, nach vorn zu schauen, sich des Lebens zu freuen und Herausforderungen anzunehmen. Lass niemanden allein, der Hilfe braucht, hilf uns, für die Menschen da zu sein, die uns anvertraut sind, und lass uns niemals vergessen, wie kostbar unser Leben ist. Amen.

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