Zeit zum Loslassen

Im Buch des Predigers in der Bibel heißt es, dass alles Vorhaben unter dem Himmel seine Zeit habe. So auch das Sterben, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

Zeit zum Loslassen: Eine Parkbank, auf der Herbstlaub liegt, umgeben von noch mehr Herbstlaub

Eine Parkbank inmitten von Herbstlaub – Zeit zum Loslassen (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wir sind hier versammelt, um von Frau C. Abschied zu nehmen, die im Alter von [über 80] Jahren gestorben ist. Wir tun dies im Vertrauen auf Gott, von dem der Psalmbeter der Bibel sagt (Psalm 130, 6-7):

Meine Seele wartet auf den HERRN mehr als die Wächter auf den Morgen…! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.

Eingangsgebet

In Psalmen der Bibel finden wir Möglichkeiten, um ausdrücken, was uns bewegt, wenn wir trauern und zurückblicken auf das Leben der Verstorbenen. Lasst uns beten mit Worten aus Psalm 71:

1 HERR, ich traue auf dich, lass mich nimmermehr zuschanden werden.

3 Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein Fels und meine Burg.

5 Du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an.

6 Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Dich rühme ich immerdar.

9 Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.

12 Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen!

16 Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein.

17 Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder.

18 Auch im Alter, Gott, verlass mich nicht, und wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen.

19 Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich?

20 Du lässest mich erfahren viele und große Angst und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde.

21 Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.

Liebe Familie C., liebe Trauergemeinde!

Als ich gestern diesen Friedhof schon einmal aufgesucht habe, um mich mit dem Ort vertraut zu machen, da bin ich auch am Nachbarhaus vorbeigekommen. Dort hat Frau C. gelebt, die wir heute hier zu Grabe tragen. Ihr Mann war bereits vor einigen Jahren gestorben, er, der immer lebensfroh und optimistisch auf die Welt zugegangen ist. Seine Frau war da anders, wie Sie mir erzählt haben, zurückhaltender und häuslicher, und hat gerade so ihren Mann ergänzt. Nun ist auch sie gestorben. Ihre irdische Zeit ist abgelaufen.

„Alles hat seine Zeit“, so heißt es auch in der Bibel, und den Text, in dem dieser Gedanke entfaltet wird, haben Sie für diese Traueransprache vorgeschlagen. Ich lese ihn aus dem Buch des Predigers 3, 1-8:

1 Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

2 geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

3 töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

4 weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

5 Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;

6 suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

7 zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;

8 lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Diese fast monotone Aufzählung verschiedener sich gegenüberstehender Realitäten mutet beinahe so an, als wolle hier jemand alles, was es gibt, in den Griff bekommen. Gleichsam auf eine fatalistische, schicksalsgläubige Weise: Es kommt alles, wie es kommen muss; wir können daran nichts ändern. So gesehen, könnte aus diesem Text der Glaube an eine sinnentleerte Welt sprechen.

Aber da gibt es diese kleine Redewendung „unter dem Himmel“ (Prediger 3, 1):

Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Hier deutet der Dichter dieser Verse an, in welchem Zusammenhang er sein Gedicht über die Zeit verstanden wissen will: Zeit ist für ihn keine absolute Größe, ist nicht losgelöst zu sehen von dem ewigen Gott, der sie den Menschen schenkt.

Und das wiederum bedeutet: Für den Dichter des Predigerbuches ist Zeit nicht einfach die lineare Aneinanderreihung von einzelnen Zeitpunkten, die aus dem Unendlichen kommend ins Unendliche weiterlaufen, sondern für ihn ist Zeit „erfüllte Zeit“. Auch was scheinbar sinnlos nebeneinander steht: Arm und reich, krank und gesund, Trauer und Freude, Bauen und Niederreißen, Krieg und Frieden, das gewinnt einen Sinn, wenn es im Zusammenhang gesehen wird. Manchmal schafft eins die Voraussetzung für ein anderes, wenn zum Beispiel niedergerissen werden muss, um neu bauen zu können. Manchmal wird die Verantwortung des jeweils Stärkeren für das Schwache herausgefordert, etwa wenn manche Menschen nur noch auf der Schattenseite des Lebens stehen. In jedem Fall gilt: Für sich selbst genommen ist nichts, was in der Zeit geschieht oder getan wird, von Dauer, alles findet sein Ende, seine Grenze von seinem Gegenstück oder Gegensatz her. Nur in der Vorstellung von der Ewigkeit ist alles miteinander eins, in Gott findet alles seinen Frieden. So hatte schon der Kirchenvater Augustin in seinen Bekenntnissen geschrieben:

Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis dass es Ruhe findet in Dir.

Wie gesagt – all das deutet der Dichter des Prediger-Buches nur an, indem er seine Litanei über die Zeit mit den Worten beginnt (Prediger 3, 1):

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde.

Im weiteren Text wird weder der Himmel noch der Name Gottes noch einmal erwähnt. Es ist, als ob der Dichter sagen will: schon allein die Gegenüber- und Zusammenstellung dessen, was sich an Gegensätzlichem in der Zeit reibt und stößt, weist hin auf die Ewigkeit, in der alle Gegensätze versöhnt sein werden, in der alle Tränen abgewischt, alle Kriege überwunden sein werden.

Aber wir sind heute nicht hier, um diesen biblischen Text nur allgemein zu betrachten. Wir wollen ihn beziehen auf den Abschied von Frau C. Sie hat ihr Leben gelebt, sie ist gestorben. Und allem Anschein nach war es für sie nun auch Zeit zum Sterben, so wie sie zuvor auch immer wieder Ja zum Leben gesagt hatte.

In der Todesanzeige haben Sie auf das „erfüllte Leben“ der Verstorbenen hingewiesen. Ich denke, dass das nicht nur eine abgegriffene Formel ist, sondern dass Sie in der Erinnerung ein ganz konkretes Bild von ihr vor Augen haben, unverwechselbar und einmalig, so wie sie Ihnen begegnet ist und ihre Spuren in Ihrem Leben hinterlassen hat. Ein Bild aus verschiedensten Mosaiksteinen, durchaus im Sinne unseres Bibeltextes, die zwar unterschiedliche Motive zeigen, aber doch in einem verborgenen Zusammenhang miteinander stehen.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Vor einem Monat veränderte sich für Frau C. offensichtlich etwas Entscheidendes. Sie fühlte sich aufgrund ihrer Krankheit nunmehr so schwach, dass sie immer weniger auf Genesung zu hoffen wagte. Und möglicherweise spürte sie nun intuitiv, dass es nun nicht mehr auf das Festhalten und Bewahren ankam, sondern dass „eine Zeit zum Loslassen“ gekommen war. Sie hatte keine Angst mehr vor dem Sterben, und sie stellte sich auf einen langsamen, friedlichen Abschied vom Leben ein. In dem einzigen Gespräch, das ich mit ihr geführt habe, genau eine Woche vor ihrem Tod, da schien es noch offen, welcher Weg vor ihr liegen mochte: ein Weg der langsamen Besserung der Gesundheit, den sie, wiewohl mit vielen Einschränkungen ihrer bisherigen selbständigen Lebensweise, vielleicht hätte gehen können, oder eben der Weg hinaus aus der uns bekannten, erfahrbaren, irdischen Welt, der Weg des Sterbens. Manchmal hilft es nicht viel, zu sagen: „Es wird schon wieder!“ oder „Sie müssen unbedingt wieder zu Kräften kommen!“ Manchmal müssen wir, als Angehörige eines Kranken, als Ärzte oder Pfleger oder Seelsorger auch offen lassen, welche Zeit für den Patienten nun gekommen ist: noch „eine Zeit zum Leben“ oder eben doch seine „Zeit zum Sterben“. Als Begleiter eines Kranken haben wir manchmal mehr Angst davor als der Patient selbst.

Und was kann uns helfen, mit solcher Angst vor dem Tod fertigzuwerden, oder jetzt mit all den Gefühlen der Trauer und was uns sonst umtreibt? Für Frau C. war es eine große Hilfe, sich im Abschiednehmen von der Welt dem Gott anvertrauen zu können, an den sie glaubte. Denn der große Gott, der das Universum geschaffen hat, ist sich nicht zu schade dafür gewesen, uns kleinen Erdenmenschen so nahe zu kommen, wie es nur ging – in der Gestalt von einem unter uns, in dem Mann Jesus von Nazareth. In ihm hat er der Welt ein für allemal gezeigt, wie der Urgrund der ganzen Schöpfung seinen Geschöpfen gegenüber steht: nicht als ein grausames und blindes oder unpersönliches Schicksal, sondern so wie ein Mensch, der uns liebevoll begegnet. Und es ist meine Überzeugung, dass wir uns deshalb Zeit nehmen können für die Bewältigung all der Dinge, die uns aufgetragen oder auferlegt werden, weil wir in all dem von Gott nicht allein gelassen sind.

Hilfe durch Gott geschieht in den seltensten Fällen so, dass Gott uns aus Problemen herausreißt, uns vordergründig Wunder entdecken lässt. Hilfe durch Gott ist vielmehr eine unsichtbare Begleitung, die uns die Liebe Gottes erfahren lässt in allem, was uns widerfährt. Dann werden wir in Zeiten des Sterbens und des Loslassens und der Schwäche spüren, wie Gott zu uns sagt (2. Korinther 12, 9):

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Und in Zeiten des Aufbauens und der Freude werden wir dankbar für das Leben, für Gesundheit und Begabungen, so dankbar, dass wir nicht anders können, als diese Freude auch mit denen zu teilen, die unglücklicher sind als wir.

Welchen Weg uns Gott führt, durch welche Zeiten er uns geleitet, vor welche Herausforderungen er uns stellt, das wissen wir im allgemeinen allerdings nicht im voraus. Getrost und zuversichtlich können wir gehen, wenn wir wissen: wir können uns im Leben und im Sterben auf den Gott verlassen, der das menschliche Angesicht Jesu trägt. Amen.

Wir beten mit den Worten eines alten Kirchenliedes (361, 1+4+12):

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

4. Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dirs nicht; dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht; dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.

12. Mach End, o Herr, mach Ende mit aller unsrer Not; stärk unsre Füß und Hände und lass bis in den Tod uns allzeit deiner Pflege und Treu empfohlen sein, so gehen unsre Wege gewiss zum Himmel ein.

Amen.

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