Gnade

Was soll das heißen: eine Zeit der Gnade? Ist Gott mit seiner Liebe nicht immer für uns da? Manchmal müssen wir warten, bis uns geholfen wird. Paulus sagt: Hier und jetzt kann jeder Gottes Liebe spüren. Jeder kann sie weitergeben, und sei es nur mit ein wenig Freundlichkeit oder einem Gebet für den, dem es schlechter geht als mir selbst.

Schild mit einem Satz von Sebastian Kneipp: Vergesst mir die Seele nicht!

Sebastian Kneipp: Vergesst mir die Seele nicht! (Foto: pixabay.com)

Gottesdienst am 15. Februar 2013 um 10.30 Uhr im Ensemble-Pflegeheim Gießen

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Ich bin Pfarrer Helmut Schütz von der Evangelischen Paulusgemeinde und begrüße Sie herzlich. Am Freitag nach Aschermittwoch feiern wir Gottesdienst miteinander. In den kommenden Wochen vor dem Osterfest denken wir an das Leid Jesu Christi, wir nennen diese Zeit die Passionszeit oder Fastenzeit. Das klingt nicht schön, es klingt nach Verzichten, nach Trauer und Schmerz. Aber für uns Christen sind diese Wochen doch eine kostbare Zeit; sie erinnern uns an die Liebe, mit der Gott uns liebt. In seinem Sohn Jesus nimmt Gott auf sich, was wir Menschen anderen Menschen und Gott selbst antun, und er versöhnt sich mit uns allen.

Davon werden wir heute mehrere Lieder singen. Wir beginnen mit dem Lied 94:
Das Kreuz ist aufgerichtet
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. „Amen.“

Jesus sagt: Gerade die Menschen, die wir für unglücklich halten, sind selig:

3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.

4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.

Gott, wir bringen vor dich, was uns belastet: fremdes Unrecht, eigene Schuld, unverdientes Schicksal. All das bringen wir vor dich mit Worten aus Psalm 22, die auch deinem Sohn Jesus wohlvertraut waren:

2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

Aber nur scheinbar hört Gott uns nicht zu. Es kommt die Zeit, da öffnet sich unser Herz für neuen Trost. So ist es auch am Ende von Psalm 22, wo es heißt:

25 [Gott] hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz nicht vor ihm verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er’s.

Gott, wir leben und müssen manches erleiden. Manchmal sehen wir, wie schlecht es anderen neben uns geht, und es kommt auch vor, dass wir selber mit Absicht oder aus Gedankenlosigkeit jemandem wehtun. Dein Sohn Jesus lebte unter uns und litt unter dem, worunter auch wir leiden. Durch ihn hat niemand gelitten, doch wir alle dürfen durch ihn leben. Dafür danken wir Dir, allmächtiger Vater, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Paulus-Brief 2. Korinther 6, 1-10:

1 Als Mitarbeiter [Gottes] ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken,

8 in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Wir singen das Lied 347:

1) Ach bleib mit deiner Gnade bei uns, Herr Jesu Christ, dass uns hinfort nicht schade des bösen Feindes List.

2) Ach bleib mit deinem Worte bei uns, Erlöser wert, dass uns sei hier und dorte dein Güt und Heil beschert.

3) Ach bleib mit deinem Glanze bei uns, du wertes Licht; dein Wahrheit uns umschanze, damit wir irren nicht.

4) Ach bleib mit deinem Segen bei uns, du reicher Herr; dein Gnad und alls Vermögen in uns reichlich vermehr.

5) Ach bleib mit deinem Schutze bei uns, du starker Held, dass uns der Feind nicht trutze noch fäll die böse Welt.

6) Ach bleib mit deiner Treue bei uns, mein Herr und Gott; Beständigkeit verleihe, hilf uns aus aller Not.

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, hören wir noch einmal Vers für Vers, was Paulus uns sagen will:

1 Als Mitarbeiter [Gottes] ermahnen wir euch, dass ihr die Gnade Gottes nicht vergeblich empfangt.

Paulus spricht nicht nur für sich selbst, sondern für alle, die mit ihm zusammen im Dienst für Gott stehen. Er und andere mit ihm werden von Gott gebraucht, dürfen etwas für ihn tun. Und weil sie Gottes Mitarbeiter sind, können sie uns auch einen guten Rat geben.

Was für ein Rat ist das? Empfangt Gottes Gnade nicht vergebens! Also: Aus dem, was ihr von Gott kriegt, könnt und sollt ihr etwas machen! Gott ist da, Gott hat euch lieb, Gott hört zu, er tröstet und vergibt. Es ist gut, wenn ihr das annehmen und von dieser Liebe auch etwas weitergeben könnt. Weiter sagt Paulus:

2 Denn er spricht: »Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!

Was soll das heißen: eine Zeit der Gnade? Was ist damit gemeint: ein Tag des Heils? Ist Gott mit seiner Liebe nicht immer für uns da? Manchmal müssen wir warten, bis uns geholfen wird. Scheinbar hört Gott dann nicht, scheinbar kümmert er sich nicht um uns. Aber die Zeit der Gnade kommt. Der Tag des Heils kann näher sein, als wir denken. Paulus sagt sogar: Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, denn Jesus hat am Kreuz alles getan, um uns zu zeigen: Gottes Liebe ist unendlich groß, sie kann jeden retten, jeden heilen, niemand muss von ihr ausgeschlossen bleiben. Hier und jetzt kann jeder Gottes Liebe spüren, und jeder kann sie weitergeben, und sei es nur mit ein wenig Freundlichkeit oder einem Gebet für den, dem es schlechter geht als mir selbst.

Wie haben nun Paulus und seine Mitarbeiter Gottes Gnade selber erlebt? Sie schreiben:

3 Und wir geben in nichts irgendeinen Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert werde.

In der Gemeinde in Korinth gab es Christen, die dachten, es ist alles erlaubt. Egal, was du tust, Jesus liebt dich. Paulus sagt: Das stimmt. Aber trotzdem soll sich das Bodenpersonal Gottes nicht schlecht benehmen. Auch wenn Gott bereit ist, alles zu vergeben, ist es nicht egal, was man tut. Jede Sünde ist schlimm. Gerade wenn Christen tun, was sie nicht tun dürfen, erregen sie Anstoß – und das kann dazu führen, dass manche sich über die Kirche und Gott lustig machen und andere ihr Gottvertrauen verlieren.

Aber wie macht man das als Christ: keinen Anstoß zu erregen? Paulus sagt:

4 In allem erweisen wir uns als Diener Gottes.

Als Christen tun wir unsere Pflicht, wenn wir „in allem“ Gott dienen. „In allem“, was wir erleben, ist Gott bei uns mit seiner Liebe. „In allem“ sollen wir seine Liebe auch anderen weiterschenken.

Und dann nennt Paulus viele Beispiele, wo und wie wir Gott dienen können. Wir dienen Gott…

… in großer Geduld.

Geduld haben zu müssen, ist oft sehr schwer. Krank sein, etwas beim besten Willen nicht ändern können, das kann eine Aufgabe sein, die Gott uns auferlegt. Wir dienen Gott…

… in Trübsalen.

Wer Trauer und Enttäuschung aushält, kann Trost erfahren und reifer werden. Wir dienen Gott…

… in Nöten.

Wenn uns Nöte und Sorgen über den Kopf wachsen, sind wir trotzdem nicht von Gott verlassen. Wir können um Kraft bitten, durchzuhalten. Wir dienen Gott…

… in Ängsten.

Manche meinen, wer auf Gott vertraut, darf keine Angst haben. Paulus sagt: Doch, auch wer glaubt, darf zu seiner Angst stehen. Jesus hilft uns mit unseren Ängsten, hilft uns, sie zu tragen und zu überwinden, Mut zu gewinnen. Wir dienen Gott…

5 … in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen.

Das erleben wir heute in Deutschland nicht. Paulus und die Seinen hatten es zu erdulden damals im Römischen Reich in den Christenverfolgungen. Ich weiß nicht, wer von Ihnen so etwas noch erfahren hat, unter Hitler oder in der DDR; da wurden auch in Deutschland standhafte Christen geschlagen, eingesperrt und verfolgt. Und in der weiten Welt gibt es auch heute viele Christen, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Sie wissen, dass ihr Leid ein besonderer Dienst für Gott ist. Wir dienen Gott…

… in Mühen.

Die Last der Arbeit haben Sie hinter sich gelassen. Aber vielleicht leiden manche unter den Folgen zu schwerer Arbeitsbelastung, die ihre Spuren in Ihrer Gesundheit oder in bitteren Erinnerungen hinterlassen haben. Die alltägliche Arbeit, die wir in unserem Leben leisten oder geleistet haben, ist vielleicht auch ein Baustein im großen Plan, für den Gott uns braucht. Wir dienen Gott…

… im Wachen.

Manches, was uns belastet, verfolgt uns bis in den Schlaf. Sorgen um liebe Menschen lassen uns nicht schlafen. Oder unerträgliche Schmerzen. Wo ist Gottes Gnade in solchen Nächten? Wir dürfen beten wie Jesus: „Mein Gott, ich rufe des Nachts zu dir, doch finde ich keine Ruhe.“ Und wir bleiben von ihm getragen und gehalten, sogar wenn wir es nicht spüren. Wir dienen Gott…

… im Fasten.

Fasten muss man zwangsweise in Hungerzeiten, wie sie einige von Ihnen in der Nachkriegszeit erlebt haben. Von meiner Mutter weiß ich, wie Hunger quälen kann, und dass sie nie vergessen hat, wie kostbar das tägliche Brot ist. Manche fasten auch für eine gewisse Zeit, um sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben, und vielleicht auch darauf, was Gott mit uns vorhat. Wir dienen Gott…

6 … in Lauterkeit.

Ein Mensch mit lauterer Gesinnung ist ehrlich und wahrhaftig, frei von Hintergedanken. Auf den kann man sich verlassen. Wir dienen Gott…

… in Erkenntnis.

Wer von Gottes Gnade lebt, kann nachdenken über den Glauben und vieles davon verstehen, auch wenn unser Verstand nicht alles begreifen kann.

… in Langmut, in Freundlichkeit, im Heiligen Geist.

Mitten in seiner langen Aufzählung kommt Paulus darauf, dass der Heilige Geist ihm dabei hilft, Gott zu dienen. Und zwar beim Thema Langmut und Güte. Vielleicht meint er: Um langmütig sein zu können, muss Gott selber in uns wirken. Und niemand außer Gott ist von sich aus gut. Aber Gott will durch uns das Gute wirken, will uns gütig machen. Wir dienen Gott…

7 … in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes.

Der heilige Geist wirkt so, dass wir echte Liebe spüren, Wahrheit erkennen und Kraft erfahren. Dann können wir auch wieder Liebe geben, wahrhaftig sein und andere stärken. Wir dienen Gott…

…mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken.

Was für Waffen haben wir als Christen? Nicht welche, um zu töten. Es sind Waffen der Gerechtigkeit. Wir wissen, dass Gott gerecht und dass wir ihm recht sind. Das genügt, um Unrecht nicht einfach hinzunehmen, egal ob gegen andere oder gegen uns selbst. Wir müssen uns aber auch nicht mit Gewalt wehren. Jesus hat uns das vorgemacht.

Zum Schluss redet Paulus ähnlich wie Jesus in seinen Seligpreisungen. Wir sind Diener für Gott

9 … als die Sterbenden und siehe, wir leben.

Alle Menschen sind auf dem Weg zum Tode. Aber wer sein Leben als kostbares Geschenk aus den Händen Gottes empfängt, dem mag Furchtbares widerfahren, er bleibt trotzdem auf dem Weg des Lebens.

Und wir sind für Gott da

… als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet;

Züchtigen ist ein altes Wort für gute Grenzen, die uns Gott setzt. Grenzen, an die wir stoßen, helfen uns zu reifen, innerlich zu wachsen.

Dann sieht Paulus uns Christen

10 … als die Traurigen, aber allezeit fröhlich.

Auch Jesus hat Trauernde selig gepriesen, nicht weil er Trauer nicht ernst nimmt, sondern: „sie sollen getröstet werden.“ Diese Aussicht auf Trost ist für viele Grund genug, um unter Tränen auch zu lächeln und Dankbarkeit zu empfinden. Andere halten aus, was sie fühlen, in der Zuversicht, später einmal wieder lachen zu können.

Und schließlich können wir uns begreifen

… als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben.

Das hat Jesus so ähnlich gesagt: Selig sind die geistlich Armen – selig, die mit leeren Händen vor Gott stehen. Wer arm ist und aus Gottes Gnade lebt, kann trotz seiner Armut schenken. Wer äußerlich nichts vorzuweisen hat, kann trotzdem mit Recht beten: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!“

Als Jesus am Kreuz starb, lebte er uns das selber vor. In seinem Sohn wird Gott arm und macht uns doch reich. Er schenkt uns Leben, indem er stirbt. Er stirbt den Tod eines gottlosen Verbrechers am Kreuz und genau damit vergibt er uns alle unsere Schuld. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 617:

1. Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus offenbart, ich geb mich hin dem freien Triebe, wodurch auch ich geliebet ward; ich will, anstatt an mich zu denken, ins Meer der Liebe mich versenken.

2. Ehr sei dem hohen Jesusnamen, in dem der Liebe Quell entspringt, von dem hier alle Bächlein kamen, aus dem der Selgen Schar dort trinkt! Wie beugen sie sich ohne Ende! Wie falten sie die frohen Hände!

3. O Jesu, dass dein Name bliebe im Grunde tief gedrücket ein! Möcht deine süße Jesusliebe in Herz und Sinn gepräget sein! Im Wort, im Werk und allem Wesen sei Jesus und sonst nichts zu lesen!

Guter Gott, lass uns deine Liebe annehmen, die du uns schenkst, und hilf uns dabei, deine Liebe in unserem Alltag auch zu üben. Segne unsere Pläne und unsere Taten. Und wo wir Fehler machen und mit unseren Plänen scheitern, da schenke uns Vergebung und den Mut, neue kleine Schritte zu tun. Lass uns nicht zerbrechen an Enttäuschungen und Rückschlägen. Lass uns nicht bitter werden und nicht im Unfrieden mit uns selbst und anderen leben. Danke, Gott, dass du uns nicht aufgibst. Danke, dass du uns deinen Sohn Jesus geschenkt hast. Lass uns wieder neu das Vertrauen fassen zu dir! Halte uns fest in unserer Angst und lass uns nicht allein!

Gebetsstille und Vater unser

Wir singen zum Schluss noch das Lied 618:

1. Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl, das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt das Herz, sei’s spät, sei’s früh.

2. Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit, dein Plan ist fertig schon und liegt bereit. Ich preise dich für deiner Liebe Macht, ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

3. Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug, du weißt den Weg für mich, das ist genug.

Empfangt Gottes Segen:

Gott segne dich und er behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden. Amen.

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