Mamma mia – Muttertag!

Markus hatte von Maria erzählt, dass sie draußen vor der Tür stehen bleibt, weil sie ihren Sohn Jesus nicht loslassen will. Johannes zeichnet das Bild einer Mutter, die ihren Sohn seinen eigenen Weg gehen lässt, mit mütterlichem Stolz und mütterlicher Wehmut. Viel lieber würde sie den Sohn vor allen Gefahren bewahren, aber dazu hat sie kein Recht und keine Macht.

Russische Ikone der Mutter Maria mit ihrem Sohn Jesus

Russische Ikone der Mutter Maria mit ihrem Sohn Jesus (Foto: pixabay.com)

Gottesdienst um halb 6 in Paulus am Sonntag Jubilate, den 11. Mai 2003, um 17.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche Gießen

Guten Abend, liebe Gemeinde!

Das „Team halb 6“, in dem vier erfahrene Mütter mitarbeiten, hat diesen Gottesdienst zum Thema „Mamma mia – Muttertag!“ vorbereitet. Es geht um Mütter und Kinder. Es geht um das Loslassen und die Dankbarkeit in manchmal auch schwierigen Beziehungen. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen Geschichten von Jesus und seiner Mutter.

Wir beginnen mit dem Lied 243 und singen daraus die Strophen 1, 3 und 6:

1) Lob Gott getrost mit Singen, frohlock, du christlich Schar! Dir soll es nicht misslingen, Gott hilft dir immerdar. Ob du gleich hier musst tragen viel Widerwärtigkeit, sollst du doch nicht verzagen; er hilft aus allem Leid.

3) Kann und mag auch verlassen ein Mutter je ihr Kind und also gar verstoßen, dass es kein Gnad mehr find’t? Und ob sich’s möcht begeben, dass sie so gar abfiel: Gott schwört bei seinem Leben, er dich nicht lassen will.

6) Gott solln wir fröhlich loben, der sich aus großer Gnad durch seine milden Gaben uns kundgegeben hat. Er wird uns auch erhalten in Lieb und Einigkeit und unser freundlich walten hier und in Ewigkeit.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Kann eine Mutter ihr Kind verlassen oder verstoßen? So fragt das Lied der Böhmischen Brüder aus dem Jahr 1544, das wir gesungen haben, und geht davon aus: Das kommt nur in extremen Fällen vor. Im Normalfall kann sich ein Kind auf die Mutter verlassen – das gilt so sehr, dass sich Gott in der Bibel mit einer Mutter vergleicht (Jesaja 66, 13):

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Kommt, lasst uns anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Aber auch normale Beziehungen zwischen Müttern und ihren Kindern können schwierig sein. Das fängt in den Trotzphasen und in der Pubertät an. Das geht weiter, wenn die Ablösung voneinander gelingt oder nicht gelingt. Es kann neu aufbrechen, wenn sich die Rollen umkehren und die Mutter auf die Pflege durch die Kinder angewiesen ist.

Gott, bevor wir uns besinnen auf das, was uns dankbar sein lässt, wollen wir ins Auge fassen, was unser Miteinander schwierig macht. Vergib uns lieblose Anspruchshaltungen und unerfüllbare Erwartungen. Vergib uns, dass wir selbstverständlich hinnehmen, was nicht selbstverständlich ist, und vergib uns, wenn wir Druck aufeinander ausüben.

Herr, erbarme dich. „Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.“

Was uns unserer Mutter gegenüber dankbar sein lässt, drückt Carmen Böhm in ihrem Buch „Mein Herz schlägt Purzelbäume“ im Gedicht „Mutter“ aus:

Mutter, gib mir Liebe mit und viel Zärtlichkeit…

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Gott, wir nennen dich Vater – doch wie Vater und Mutter bist du für uns da. Du schenkst Orientierung und Geborgenheit, von allen Seiten umgibst du uns mit deiner Liebe, wie eine Mutter tröstest du uns.

Gott, wir kennen Maria als die Mutter deines Sohnes. Ihre Bedeutung tritt entweder zurück hinter den Gottessohn, oder sie wird als Mutter Gottes in den Himmel erhoben. Schenke uns Einsichten über die Beziehung von Müttern und ihren Kindern, indem wir Maria neu begreifen – als menschliche Mutter eines menschlichen Sohnes. Das erbitten wir von dir im Namen dessen, der Gottes Sohn war, indem er zugleich ganz Mensch war, im Namen Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Wir singen aus dem Lied 326 die Strophen 1, 4 und 5 von dem Gott, der uns mit Mutterhänden leitet:

1) Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut, dem Vater aller Güte, dem Gott, der alle Wunder tut, dem Gott, der mein Gemüte mit seinem reichen Trost erfüllt, dem Gott, der allen Jammer stillt. gebt unserm Gott die Ehre!

4) Ich rief zum Herrn in meiner Not: „Ach Gott, vernimm mein Schreien!“ Da half mein Helfer mir vom Tod und ließ mir Trost gedeihen. Drum dank, ach Gott, drum dank ich dir; ach danket, danket Gott mit mir! Gebt unserm Gott die Ehre!

5) Der Herr ist noch und nimmer nicht von seinem Volk geschieden; er bleibet ihre Zuversicht, ihr Segen, Heil und Frieden. Mit Mutterhänden leitet er die Seinen stetig hin und her. Gebt unserm Gott die Ehre!

Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, wir hören heute vier Geschichten aus der Bibel über die Beziehung von Jesus zu seiner Mutter. Die erste steht im Evangelium nach Lukas 2, 41-51:

41 Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest.

42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes.

43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht.

44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten.

45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.

46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte.

47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten.

48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.

49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?

50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte.

51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.

52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Liebe Gemeinde, lassen wir einmal beiseite, dass die Geschichte vom 12-jährigen Jesus darstellen will, wie Jesus sich schon als Kind dessen bewusst ist, dass er der Sohn des himmlischen Vaters ist. Dann fällt auf, wie normal es hier zugeht: Da machen sich Eltern Sorgen um ihren halbwüchsigen Sohn, und zwar mit vollem Recht. Drei Tage lang suchen sie ihn vergeblich, bis er ihnen zu verstehen gibt, dass er die Sorgen absolut nicht versteht, die sie sich gemacht haben.

Wenn bei Günther Jauch gefragt würde, welcher berühmten Person gegenüber der Vorwurf geäußert wurde: „Kind, wie konntest du uns das antun?“ – dann würden nicht viele auf Jesus tippen – denn sollte der Gottessohn nicht dem Gebot Gottes folgen und seine Eltern vorbildlich ehren? Umgekehrt – welcher Sohn und welche Tochter hat nicht schon ähnliche Worte von der eigenen Mutter gehört?

Die einzige Geschichte, die uns aus der Jugend Jesu überliefert ist, sozusagen aus seiner Konfirmandenzeit, zeigt ihn als normalen Jungen: er beginnt seinen eigenen Weg zu gehen, den die Eltern nicht begreifen und steht den Sorgen der Mutter mit Unverständnis gegenüber. Auch der Sohn Gottes muss die Pubertät durchlaufen, wenn er denn wirklich ein wahrer Mensch ist. Auch der Sohn Gottes geht trotz seines jugendlichen Willens zur Freiheit ganz normal gehorsam mit ihnen nach Nazareth zurück. Er bleibt nicht als göttliches Wunderkind im Tempel, wird nicht von Priestern oder Rabbinern in klösterlicher Abgeschiedenheit erzogen, sondern wächst ganz normal in einer Familie auf.

Die Mutter bewahrt, was hier geschieht, in ihrem Herzen auf. Vielleicht will nicht alles in ihren Kopf, läuft manches quer zum Begreifen. Doch viel später wird sich die Mutter erinnern: Ja, damals schon! es war zu ahnen, was aus ihm werden würde. Das bleibt nicht im Kopf, sondern im Herzen aufbewahrt.

Bevor wir die zweite Geschichte hören, singen wir aus dem Lied 322 die ersten drei Strophen:

1) Nun danket all und bringet Ehr, ihr Menschen in der Welt, dem, dessen Lob der Engel Heer im Himmel stets vermeld’t.

2) Ermuntert euch und singt mit Schall Gott, unserm höchsten Gut, der seine Wunder überall und große Dinge tut;

3) der uns von Mutterleibe an frisch und gesund erhält und, wo kein Mensch nicht helfen kann, sich selbst zum Helfer stellt.

Liebe Gemeinde, über die folgenden 18 Jahre im Leben Jesu und seiner Mutter erfahren wir absolut nichts.

Erst aus der Zeit, als Jesus seinen Beruf als Zimmermann an den Nagel hängt und Wanderprediger wird, berichten einige wenige Geschichten von der Beziehung des nun erwachsenen Sohnes zu seiner Mutter.

Im Evangelium nach Markus 3 wird erzählt:

20 Und er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, so daß sie nicht einmal essen konnten.

21 Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen.

Ein Konflikt ist zwischen Jesus und seiner Familie entstanden, und zwar dadurch, dass er dem gefolgt ist, was er als seine Berufung erkannt hat: den Menschen Gottes Nähe zu verkünden und sie zur Umkehr zu rufen. Seine Familie hält ihn für verrückt und will ihn mit Gewalt nach Hause holen. Offenbar ist sein Adoptivvater Josef bereits tot, und Jesus als der älteste Sohn wird gebraucht, um die Zimmermannswerkstatt seines Vaters weiterzuführen. Viele Eltern wünschen sich noch heute, dass ihre Kinder ihr Lebenswerk fortsetzen, dass sie etwas erreichen, was sie selbst nicht geschafft haben, – oder wenigstens: „Dir soll es einmal besser gehen!“ Aber muss der Respekt eines Sohnes vor seiner Mutter soweit gehen, dass er ihr zuliebe aufgibt, was er für sein Leben als richtig erkannt hat?

31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen.

32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir.

33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder?

34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!

35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Jesus verhält sich nicht nett seiner Mutter und seinen Brüdern gegenüber. In der Vorbereitungsgruppe gab es Unmut über diese Haltung Jesu zur Familie. Kann er seine Mutter einfach vor der Tür stehen lassen? Kann er einfach sagen: meine Freunde zählen für mich mehr als meine Brüder und meine Mutter?

Ob wir es nun gut finden oder nicht – für Jesus sind reine Blutsbande nicht so wichtig wie die Verbindung zwischen Menschen, die als Gottes Kinder füreinander einstehen. Wenn seine Mutter ihn für verrückt hält und ihn mit Hilfe seiner Brüder mit Gewalt nach Hause holen will, dann sagt er dazu ein klares „Nein!“ Wenn Männer und Frauen in der Nähe Jesu aufatmen und heil werden von Krankheit und Schuld, wenn sie es lernen zu vertrauen und zu lieben – dann entsteht zwischen ihnen eine enge Vertrautheit, die man mit dem Einklang von Menschen in einer Familie vergleichen kann. Bei Jesus erfahren einsame Menschen Geschwisterlichkeit und Menschen ohne elterliche Liebe erfahren Väterlichkeit und Mütterlichkeit.

Wir singen das mitten im Satz unterbrochene Lied weiter, 322, 4 und 5, als Loblied auf den Gott, der uns vergibt und der unsere Sorgen ins Meer wirft:

4) Der, ob wir ihn gleich hoch betrübt, doch bleibet guten Muts, die Straf erlässt, die Schuld vergibt und tut uns alles Guts.

5) Er gebe uns ein fröhlich Herz, erfrische Geist und Sinn und werf all Angst, Furcht, Sorg und Schmerz ins Meeres Tiefe hin.

Der Evangelist Markus erzählt allerdings nicht die ganze Wahrheit über die Beziehung des erwachsenen Jesus zu seiner Familie.

Etwas mehr erzählt der Evangelist Johannes 2, 1-12, nämlich wie Maria bei einer Hochzeit zu Gast ist und dort zufällig ihrem Sohn begegnet, der mit seinen Jüngern ebenfalls eingeladen ist:

1 Und am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da.

2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen.

3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr.

4 Jesus spricht zu ihr: Was geht’s dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.

5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut.

Wir überspringen den Rest der Geschichte, wie Jesus ein Fest rettet, das peinlich zu werden droht, indem er Wasser zu Wein werden lässt, und hören nur noch den Schluss:

11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

12 Danach ging Jesus hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder und seine Jünger.

Johannes geht also davon aus, dass die Familie Jesu ihn zumindest zeitweise auf seinem Weg begleitet hat. Doch auch hier ist das Verhältnis Jesu zu seiner Mutter nicht ungetrübt. „Was willst du von mir, Frau?“ Gehört es sich für Jesus, seine Mutter so anzureden? Martin Luther übersetzt noch heftiger: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?“ Jesus tritt seiner Mutter gegenüber nicht demütig oder unterwürfig auf. Nein, er redet selbstbewusst mit ihr und lässt sich von ihr in seine eigenen Entscheidungen nicht hineinreden.

Maria stellt sich ihrem Sohn nicht in den Weg und lässt sich gefallen, wie ihr Sohn mit ihr umgeht. Sie macht ihn zwar aufmerksam auf ein Problem, aber hält sich bescheiden im Hintergrund. Sie will nicht dem im Wege stehen, was ihr Sohn vorhat. „Was er euch sagt, das tut!“ So redet eine Mutter, die von ihrem Sohn überzeugt ist und ihm volle Rückendeckung gibt.

Markus hatte von Maria erzählt, dass sie draußen vor der Tür stehen bleibt, weil sie ihren Sohn nicht loslassen will.

Johannes zeichnet das Bild einer Mutter, die ihren Sohn seinen eigenen Weg gehen lässt, mit mütterlichem Stolz und mit mütterlicher Wehmut. Viel lieber würde sie den Sohn vor allen Gefahren bewahren, aber dazu hat sie kein Recht und keine Macht.

Wir singen aus dem Lied 322 die folgenden Strophen 6 und 7:

6) Er lasse seinen Frieden ruhn auf unserm Volk und Land; er gebe Glück zu unserm Tun und Heil zu allem Stand.

7) Er lasse seine Lieb und Güt um, bei und mit uns gehn, was aber ängstet und bemüht, gar ferne von uns stehn.

Maria musste ihren Sohn noch in anderem Sinne loslassen. Sie erlebte den Tod ihres Sohnes, und sie hatte ihn lange vorausgeahnt. Als Maria und Josef mit dem neugeborenen Jesus im Tempel zu Jerusalem gewesen waren, so erzählt der Evangelist Lukas, hatte der alte Prophet Simeon der Maria etwas vorausgesagt, was sie auch in ihrem Herzen bewahrt hatte:

34 Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird

35 – und auch durch deine Seele wird ein Schwert dringen -, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

Simeon deutet das Leid einer Mutter an, die ihr Kind verliert. Man kann und will es sich nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst erlitten hat. Ein Schwert dringt durch die Seele, schlimmer als ein Schwert, das den Körper trifft.

Doch gerade in der Stunde des Abschieds von ihrem Sohn erfährt Jesu Mutter, dass er sich ihrer Verantwortung für sie bewusst ist. Ein anderer Evangelist erzählt – Johannes 19, 25-27:

25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.

26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn!

27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Unter dem Kreuz wird klar, dass Jesu Wort über die wahren Geschwister und seine wahre Mutter nicht im Gegensatz zu verwandtschaftlichen Verpflichtungen steht. Er übernimmt als ältester leiblicher Sohn die Verantwortung für seine Mutter, überträgt sie allerdings nicht einem seiner Brüder, sondern seinem Lieblingsjünger. Die Mutter zu ehren kann auch heißen, dass man die Pflege für sie vertrauenswürdigen Händen überträgt. Kein Wort wird davon erzählt, dass Jesus seiner Mutter gedankt hätte; aber Maria beklagt sich auch nicht über Undankbarkeit. Alles geht sehr nüchtern zu.

Wir singen die beiden letzten Strophen 8 und 9 aus dem Lied 322:

8) Solange dieses Leben währt, sei er stets unser Heil, und wenn wir scheiden von der Erd, verbleib er unser Teil.

9) Er drücke, wenn das Herze bricht, uns unsre Augen zu und zeig uns drauf sein Angesicht dort in der ewgen Ruh.

Wir beenden die Predigt mit einer Erzählung der Neuseeländerin Tutj Hinekahukura Arenui mit dem Thema: „Schöne Frau“:

Ein kleiner Junge fragte seine Mutter: „Warum weinst du?“ „Weil ich eine Frau bin“, erzählte sie ihm. „Das versteh ich nicht“, sagte er. Seine Mama umarmte ihn nur und sagte: „Und das wirst du auch niemals.“

Später fragte der kleine Junge seinen Vater: „Warum weint Mutter scheinbar ohne einen Grund?“ „Alle Frauen weinen ohne Grund“, war alles, was sein Vater sagen konnte.

Der kleine Junge wuchs heran, wurde ein Mann und fragte sich immer noch, warum Frauen weinen.

Endlich rief er Gott an, und als Gott ans Telefon kam, fragte er: „Gott, warum weinen Frauen so leicht?“ Gott sagte: „Als ich die Frau machte, musste sie etwas Besonderes sein. Ich machte ihre Schultern stark genug, um die Last dieser Welt zu tragen, doch sanft genug, um Trost zu spenden. Ich gab ihr eine innere Kraft, um sowohl Geburten zu ertragen wie die Zurückweisungen, die sie von ihren Kindern erfährt. Ich gab ihr eine Härte, die ihr erlaubt weiterzumachen, wenn alle anderen aufgeben, und ihre Familie in Zeiten von Krankheit und Erschöpfung zu versorgen, ohne sich zu beklagen. Ich gab ihr Gefühlstiefe, mit der sie ihre Kinder immer und unter allen Umständen liebt, sogar wenn ihr Kind sie sehr schlimm verletzt hat. Ich gab ihr Kraft, ihren Mann mit seinen Fehlern zu ertragen und machte sie aus seiner Rippe, damit sie sein Herz beschützt. Ich gab ihr Weisheit, damit sie weiß, dass ein guter Ehemann niemals seine Frau verletzt, aber manchmal ihre Stärke und Entschlossenheit testet, unerschütterlich zu ihm zu stehen. Und zum Schluss gab ich ihr eine Träne zum Vergießen. Die ist ausschließlich für sie, damit sie davon Gebrauch macht, wann immer es nötig ist.

Siehst du: Die Schönheit der Frau ist nicht in der Kleidung, die sie trägt, in der Figur, die sie hat, oder in der Art, wie sie ihre Haare trägt. Die Schönheit einer Frau muss in ihren Augen erkannt werden, weil sie das Tor zu ihrem Herzen sind – der Ort, an dem Liebe wohnt.“

Ich lasse am Muttertag einfach stehen, was Gott in dieser neuseeländischen Erzählung über die Frauen und die Mütter sagt, und spreche dazu: Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahe unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Wir haben heute nicht nur Muttertag, sondern auch den zweiten Monat im Mai, darum singen wir heute aus dem Lied 501 die Strophen 1 und 3 und zusätzlich eine von Frau Edeltraut Marquard gedichtete Strophe, die auf dem Liederzettel steht:

1) Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt, des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid, die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

3) Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein, damit sich’s möge schicken, fröhlich im Geist zu sein, die größte Lust zu haben allein an deinem Wort, das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

5) Lass auch die Sonne dringen in meines Nächsten Herz, dass er dir möge singen und danken himmelwärts für allen Trost auf Erden, der uns hier wird zuteil, und lass uns selig werden in einem ewgen Heil.

Nun lasst uns beten.

Gott, du bist für uns da wie ein guter Vater und wie eine gute Mutter. Wir danken dir, dass du uns Geborgenheit und Orientierung schenkst.

Hilf uns, unseren eigenen Weg im Leben zu gehen und auch unsere Kinder loszulassen, dass sie ihr Leben selber meistern können. Lass uns zugleich füreinander da sein, in der Familie und unter Freunden, in der Nachbarschaft und überall, wo Menschen unsere Hilfe brauchen.

Mach uns bewusst, was wir einander zu verdanken haben: Kinder den Müttern, Eltern ihren Kindern, ein Mensch dem andern. Hilf uns, dass wir unsere Dankbarkeit nicht nur an einem besonderen Feiertag im Jahr zeigen, sondern dass gerade im Alltag unsere Aufmerksamkeit aufeinander nicht nachlässt.

Und wenn wir Probleme mit Dankbarkeit oder Undank haben, dann hilf uns, offen über Konflikte zu reden und Spannungen aus dem Weg zu räumen, soweit das möglich ist.

Wir bitten um Frieden in den Familien, in der Kirche, in der Welt. Wir bitten dich für den Aufbau des Friedens im Nachkriegsirak, um die Beendigung der Kriege in vielen Ländern. Gott, wir begreifen manchmal deine Wege Menschen nicht. Wir bringen auch vor dich, was uns belastet. Wir bitten dich auch für die Opfer des Busunglücks am Plattensee.

In der Stille bringen wir vor dich, Gott, was wir außerdem auf dem Herzen haben:

Gebetsstille und Vater unser (gesungen nach Peter Janssens 1972)
Abkündigungen

Nach dem Segen und dem Orgelnachspiel gehen wir durch den Saal nach draußen – doch wer noch im Saal verweilen will, ist heute herzlich zu einem Glas Maibowle eingeladen, man kann sich aber auch mit Mineralwasser zufriedengeben.

Der Herr segne euch und er behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. „Amen, Amen, Amen!“

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