Am Ostermorgen: Verstummen oder Jubeln?

Vielleicht wollte Markus nicht vorschnell jubeln. In unserer Welt wird der Sohn Gottes bis heute getötet in jedem Menschen, der verhungert, und Jesus leidet mit in jedem Kind, das gequält wird. Wenn dieser Gequälte, Gekreuzigte, Begrabene auferstanden ist und vor uns hergeht nach Galiläa, also dorthin, wo unser Alltag stattfindet, dann erwartet er dort unseren Aufstand gegen alle Todesmächte.

Das große Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof am Rodtberg in Gießen

Das große Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof am Rodtberg in Gießen

Osterandacht am 12. April 2009 um 8.00 Uhr am Steinkreuz auf dem Friedhof Gießen
Vorspiel des Bläserkreises

Früh am Ostermorgen sind wir aufgestanden, um die Auferstehung Jesu Christi zu feiern. Früh am Ostermorgen versammeln wir uns am Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof in Gießen, weil wir auf die Überwindung aller Kreuze hoffen. Früh am Ostermorgen rufen wir einander den Ostergruß zu: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Früh am Ostermorgen feiern wir eine Andacht unter freiem Himmel im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Schön, dass Sie alle gekommen sind, um mitzufeiern. Besonders herzlich danke ich den Posaunenbläserinnen und -bläsern um Herrn Alfred Joswig, die diese Feier wie in jedem Jahr musikalisch begleiten!

Bläserkreis bei der Osterandacht 2009 am Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof in Gießen

Bläserkreis bei der Osterandacht 2009 am Steinkreuz auf dem Neuen Friedhof in Gießen

Wir singen aus dem Lied 101 die Strophen 1 bis 3:

1. Christ lag in Todesbanden, für unsre Sünd gegeben, der ist wieder erstanden und hat uns bracht das Leben. Des wir sollen fröhlich sein, Gott loben und dankbar sein und singen Halleluja. Halleluja.

2. Den Tod niemand zwingen konnt bei allen Menschenkindern; das macht alles unsre Sünd, kein Unschuld war zu finden. Davon kam der Tod so bald und nahm über uns Gewalt, hielt uns in seim Reich gefangen. Halleluja.

3. Jesus Christus, Gottes Sohn, an unser Statt ist kommen und hat die Sünd abgetan, damit dem Tod genommen all sein Recht und sein Gewalt; da bleibt nichts denn Tods Gestalt, den Stachel hat er verloren. Halleluja.

Mit einem in dunklen Tönen gehaltenen Osterlied haben wir begonnen, einem Lied von Martin Luther. Mit gro­ßem Ernst beschreibt er die Gewalt des Todes, die uns gefangen hält. Er meint nicht einfach die Endlichkeit des Lebens, die man akzeptieren kann, wenn das Leben erfüllt ist. Er meint den Tod, der schon mitten im Leben das Leben zerstört, und er nennt diesen Tod: Sünde. Die Zerrissenheit unserer Seelen, unserer Gesellschaft, unseres menschlichen und allzu oft unmenschlichen Miteinanders.

Aber Christus „hat uns bracht das Leben! Des wir sollen fröhlich sein…“ Geht das einfach so? Können wir fröhlich sein auf Kommando? Können wir uns einlassen auf die Osterfreude, einfach so? Wann wird es Ostern für uns?

Teilnehmende an der Osterandacht 2009 auf dem Neuen Friedhof GießenAntwort auf diese Frage suchen wir in der Bibel. Lasst uns heute das Osterevangelium nach Markus 16, 1-8 hören:

1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.

2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.

3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?

4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.

5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.

6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.

7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.

8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.

Manche Osterlieder sind schlichte Nacherzählungen dieser Osterbotschaft. Zum Beispiel das Lied 103. Wir singen die Strophen 1 bis 4:

1. Gelobt sei Gott im höch­sten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

2. Des Morgens früh am dritten Tag, da noch der Stein am Grabe lag, erstand er frei ohn alle Klag. Halleluja, Halleluja, Halleluja.

3. Der Engel sprach: »Nun fürcht‘ euch nicht; denn ich weiß wohl, was euch gebricht. Ihr sucht Jesus, den find’t ihr nicht.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

4. »Er ist erstanden von dem Tod, hat überwunden alle Not; kommt, seht, wo er gelegen hat.« Halleluja, Halleluja, Halleluja.

Alle unsere Osterlieder enthalten den Jubel, das Halleluja. Aber wir singen auch diese Zeile: „Nun fürcht euch nicht!“ Gibt es denn etwas zu fürchten am Ostermorgen? Wenn wir dem Evangelisten Markus richtig zuhören, dann kommen die Frauen, die er beschreibt, aus ihrer Furcht an diesem Ostermorgen nicht einmal heraus. Sie fliehen, voller Zittern und Entsetzen. Sie sollen reden, jubeln, die frohe Botschaft des Engels weitersagen. Aber sie verstummen.

Das SteinkreuzIch weiß nicht, ob Sie den umstrittenen Film „Die Passion Christi“ von Mel Gibson gesehen haben. Ich selber habe ihn mir nicht angetan. Aber ich las, dass dieser Film noch weniger Ostern enthielt als das Markusevangelium. Nach zwei Stunden blutiger und brutaler Szenen des Leidens Jesu folgte eine Osterszene, die keine Minute dauerte: Jesus steht in der Grabhöhle auf und geht aus dem Bild. Letzte Szene des Films. Ende. Nachspann. Soll das ein Happy End sein, nach dem Motto: „Es ist noch einmal gut gegangen“? Eine solche Darstellung von Ostern lässt uns ratlos zurück.

Ähnlich das Verstummen der Frauen im Markusevangelium. Sie sind ja nicht einmal Augenzeuginnen der Auferstehung Jesu; die wird in der Bibel nirgends direkt beschrieben; vielmehr sind sie Ohrenzeuginnen einer Botschaft, die sie von einem Engel hören. Aber sie hören die Osterbotschaft nicht voller Vertrauen, nehmen sie weder an noch sagen sie sie weiter. Nein: „Sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“ Sie verstummen, statt zu jubeln.

Kein Wunder, dass dem Markusevangelium später noch zwölf Verse hinzugefügt wurden; da hört das Verstummen auf (Markus 16, 20): „Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten.“ Aber selbst im angehängten neuen Schluss des Markus­evangeliums dauert es, bis die Jünger endlich glauben. Den Frauen glauben sie nicht. Den Jüngern von Emmaus glauben sie nicht. Erst als der Auferstandene selbst ihnen als lebendig erscheint, fassen sie neues Vertrauen.

Jubel ist also nicht die natürliche erste Reaktion auf die Osterbotschaft. Normal ist menschliches Erschrecken, Verstummen und sogar Flucht, wenn jemand uns erzählen will, es gebe angesichts von unsagbarem Leid, von Trauer, Sinnlosigkeit und Tod noch Hoffnung und Trost. Wir hören in unserem alltäglichen Leben auch eher Geschichten von Schmerz und Krankheit. Berichte von Tod und Terror füllen viele Seiten des Lebens. Geschichten der Auferstehung, des glücklichen Lebens dagegen sind rar gesät und fallen eher knapp aus.

Teilnehmende und Bläserkreis an der Osterandacht 2009 auf dem Neuen Friedhof GießenTrotzdem sehnen wir uns nach einem Happy End, wenigstens nach dem guten Ausgang auch der traurig­sten Geschichte, egal ob im Film oder Roman oder einer wirklichen Lebensgeschichte. Und nun darf ich sagen: Das Markusevangelium hat auch nicht einfach nur ein böses Ende. Es ist ein offenes Ende, und gerade das kann ein sehr guter Schluss sein. Ein guter Schluss, gerade ein überraschender, kann ja der Anfang einer neuen Geschichte sein.

Vielleicht war es die Absicht des Markus, nicht vorschnell zu jubeln, wo es zunächst darum geht, realistisch einzuschätzen, in welcher Welt wir tatsächlich leben. In unserer Welt töten Menschen den Sohn Gottes, und er wird bis heute getötet in jedem Menschen, der verhungert, und Jesus leidet mit in jedem Kind, das gequält wird. Wenn dieser Gequälte, Gekreuzigte, Begrabene nicht mehr im Grab liegt, wenn er auferstanden ist und vor uns hergeht nach Galiläa, also dorthin, wo unser Alltag stattfindet, dann erwartet er dort unseren Einsatz, unseren Aufstand gegen alle Todesmächte. Wir können uns nicht zurücklehnen und Ostern als Happy End genießen, sondern wir sind selber herausgefordert zu einem neuen Anfang, den wir selber mitgestalten.

Teilnehmende an der Osterandacht 2009Wir singen das Lied 551:

Seht, der Stein ist weggerückt

Ostern ist kein Happy End. Ostern ist kein Sahnehäubchen auf Frühlingsgefühlen. Ostern ist mehr als das Blühen der Kirschbäume oder morgendliches Vogelgezwitscher. Ostern ist die Antwort auf die Frage: Wie können wir leben, obwohl so viele große Erwartungen und Hoffnungen für diese Welt sich nicht erfüllen? Ostern ist die Antwort auf die Erfahrung, dass sich Zuversicht aus meinem Leben und dieser Welt allzu oft nicht mehr ableiten lässt. Ostern heißt: das Unmögliche wird möglich. Jeder, der an das Wunder glaubt, dass der Tod überwunden werden kann, jeder, der aus dieser alten Geschichte lebt, wird die Hoffnung nie aufgeben, dass diese Welt und das eigene Leben veränderbar sind. Ja, dass sie durch Gott verändert worden sind.

Gerade ein solcher starker Osterglaube kann mit dem Verstummen beginnen. Mit einer Erschütterung, die zunächst einmal haltlos macht. Mit einer Flucht vor dem Unglaublichen. Wer das Erschrecken vor der Auferstehung zu schnell in lautem Jubel auflöst, macht sich vielleicht nicht klar, wie groß das Wunder der Auferstehung eigentlich ist.

Erst dann kann die Furcht abfallen, die Freude ausbrechen, die Zunge gelöst werden, wenn ich im eigenen Leben Wunderbares erfahre. Das kann die Geburt unserer Kinder sein, die Erfahrung von Bewahrung in größter Gefahr, aber auch der Trost, der uns davon abgehalten hat, in einer Zeit äußerster Bedrängnis eine Verzweiflungstat zu begehen. Es kann, weniger dramatisch, die Entscheidung sein, sich taufen zu lassen oder sich für die Kirche zu engagieren oder einfach im Alltag in der Familie und im Beruf das Richtige zu tun.

Gott hat zu Ostern damit begonnen, das Unmögliche möglich zu machen. Das Motto heißt nicht länger: „Da kannst du nichts mehr machen, so ist es eben“, das Motto heißt: „Nichts ist unmöglich dem, der glaubt.“ Ostern fängt an, wenn wir selbst die Ostergeschichte als Wahrheit im eigenen Leben begreifen.

Die Frauen müssen damals irgendwann doch noch aus ihrem Verstummen herausgekommen sein und viele zum Jubeln gebracht haben. Sonst hätte sich, was damals begann, nicht fortgesetzt durch zwanzig Jahrhunderte hindurch. Ostern verändert die Welt bis heute, kann auch für uns der Beginn einer neuen Geschichte sein: unserer Menschengesellschaft, unserer Gemeinde, unseres eigenen Lebens. Amen.

Teilnehmende an der Osterandacht im Gegenlicht

Die morgendliche Ostersonne bricht durch die Wolken

Wir singen das Lied 553:

Besiegt hat Jesus Tod und Nacht

Vater im Himmel, lass uns am Ostermorgen die Spannung aushalten zwischen dem Verstummen und dem Jubeln. Wir werden stumm vor Trauer, vor unsagbarem Leid, vor menschlicher Bosheit, vor tausendfachem Unrecht, gegen das wir machtlos sind. Aber du lässt uns jubeln über Jesu Auferstehung, darüber, dass er den Todesmächten getrotzt hat, dass du, Gott, zu deinem Sohn Ja gesagt hast, ihn aus dem Tod erweckt hast.

Bewahre uns vor dem Verstummen, weil wir nicht wirklich glauben können, dass der Tod besiegt ist. Lass in uns das Vertrauen wachsen und sich durchsetzen, dass dein Leben den Sieg über den Tod behält, dass deine Liebe den Hass und das Böse besiegt.

Lass es Ostern werden in uns, bei uns, mitten unter uns. Ostern wurde es nicht schon, als Jesus aus dem Grab auferstand. Ostern begann erst, als deine Jüngerinnen und Jünger anfangen konnten, deine Auferstehung zu preisen. Schenke uns Osterglauben, lass uns anfangen zu jubeln!

Wir beten mit Jesu Worten:

Vater unser

Bläserkreis am SteinkreuzWir singen das Lied 107:

1. Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du vom Tod erstanden bist und hast dem Tod zerstört sein Macht und uns zum Leben wiederbracht. Halleluja.

2. Wir bitten dich durch deine Gnad: nimm von uns unsre Missetat und hilf uns durch die Güte dein, dass wir dein treuen Diener sein. Halleluja.

3. Gott Vater in dem höch­sten Thron samt seinem eingebornen Sohn, dem Heilgen Geist in gleicher Weis in Ewigkeit sei Lob und Preis! Halleluja.

Geht mit Gottes Segen:

Der Herr segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden. Amen.

Nachspiel des Bläserkreises

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