Die Reue des Judas und der Töpferacker

Mitten in die Leidensgeschichte Jesu schiebt der Evangelist Matthäus eine knappe Erzählung von Verrat und Reue und ihren Folgen ein und lässt erahnen, in welche Welt von Unrecht, Gewalt, Schuld und Verzweiflung Jesus als Befreier hereingekommen ist. Dabei verweist er zwischen den Zeilen auf Worte der Propheten Israels, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen zur Umkehr fähig sind.

Ein Fensterbild mit Judas, der die Silberlinge mit der linken Hand wegwirft, während er in der rechten Hand den Strick hält, mit dem er sich erhängen will

Was geschieht mit dem Blutgeld des Judas – warum erfährt er trotz seiner Reue von den Priestern keine Vergebung? (Bild: falcoPixabay)

#predigtNachdenken über den Volkstrauertag im Gottesdienst am Sonntag, 17. November 2019, um 9.30 Uhr in der evangelischen Pauluskirche und um 11.00 Uhr im Gemeindezentrum der Thomasgemeinde Gießen
Orgelvorspiel

Guten Morgen, liebe Gemeinde!

Am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr begrüße ich alle herzlich mit dem Wort zur Woche aus 2. Korinther 5, 10:

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.

Im hessischen Feiertagsgesetz ist der heutige Sonntag auch „als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege“ festgelegt, als Volkstrauertag. Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus sollen nicht vergessen werden, auch wird an diesem Tag der bei Auslandseinsätzen gefallenen Bundeswehrsoldaten gedacht.

Herr Pfarrer Helmut Schütz, der diesen Gottesdienst mit uns feiert, nimmt den Volkstrauertag zum Anlass, von der Bibel her darüber nachzudenken, wie das überhaupt gehen kann, dass ein Volk trauert. Was ist überhaupt mit diesem Wort „Volk“ gemeint? Und was bedeutet „Trauer“ in diesem Zusammenhang?

Aus dem Lied 248 singen wir die Stropen 1, 6 und 7:

1. Treuer Wächter Israel’, des sich freuet meine Seel, der du weißt um alles Leid deiner armen Christenheit, o du Wächter, der du nicht schläfst noch schlummerst, zu uns richt dein hilfreiches Angesicht.

6. Du bist ja der Held und Mann, der den Kriegen steuern kann, der da Spieß und Schwert zerbricht, der die Bogen macht zunicht, der die Wagen gar verbrennt und der Menschen Herzen wend’t, dass der Krieg gewinnt ein End.

7. Jesu, wahrer Friedefürst, der du Frieden bringen wirst, weil du hast durch deinen Tod wiederbracht den Fried bei Gott: Gib uns Frieden gnädiglich! So wird dein Volk freuen sich, dafür ewig preisen dich.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. „Amen.“

Wenn wir den Volkstrauertag begehen, müssen wir auch über das Wort „Volk“ nachdenken. „Volk“ ist ein schwieriger Begriff. „Wir sind das Volk“, haben Bürger der DDR gerufen, um eine Diktatur zu überwinden. „Völkisch“, ein Wort aus dem Nationalsozialismus, wird in manchen Kreisen wieder benutzt, um das eigene Volk reinzuhalten von Menschen, die da angeblich nicht hineinpassen. Die Mehrheit der Menschen unseres deutschen Volkes findet inzwischen, dass dieses Volk durchaus eine bunte Mischung von Menschen verschiedener Herkunft sein darf und soll, die im gegenseitigen Respekt voreinander ihr Zusammenleben im Frieden regeln. Wir Christen dürfen noch viel selbstbewusster vom Volk Gottes reden, zu dem wir über alle Grenzen hinweg gehören, einfach weil alle Menschen auf der Welt Kinder des einen Vaters im Himmel sind. Darum:

Kommt, lasst uns Gott anbeten! „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

Aber auch für uns Christen ist es nicht ganz so einfach, vom Volk Gottes zu reden. War denn nicht eigentlich Israel das erwählte Gottesvolk? Leider müssen wir Christen bekennen: Jahrhunderte lang haben wir sogar die Schuld auf uns geladen zu meinen: Nur wir sind das Volk, und Israel ist von Gott verstoßen!

Das Verhältnis von Israel zur Kirche ist ein gutes Beispiel dafür, wie kompliziert es ist mit Zugehörigkeiten zu einem Volk. Und sowohl im Israel der Bibel als auch in der Kirchengeschichte sehen wir, wie zerrissen sogar das Volk Gottes sein kann, wie bedroht nicht nur von außen, sondern auch von inneren Gegensätzen.

Volkstrauertag – wie nötig scheint ein solcher Anlass, wenn wir an diese Zerrissenheiten denken, an Feindseligkeit in der Politik, an Hass und Gewalt, an konfessionelle und religiöse Unduldsamkeit. Wäre manches davon leichter zu bewältigen, wenn wir fähig wären, gemeinsam zu trauern? Loszulassen, was verloren ist, was wir nicht ändern können? Uns zu konzentrieren auf das, was du, Gott uns schenken willst? Ja, Gott, wir sind angewiesen auf dein Erbarmen:

Herr, erbarme dich! „Herr, erbarme dich, Christe, erbarme dich, Herr, erbarm dich über uns!“

Nein, nicht nur wir Christen sind das Gottesvolk – auch die Juden. Und auch wir als Gottesvolk sind nicht besser als Menschen ohne Religion oder als Menschen anderer Religionen, denn wir sollen ein Segen für alle Menschen sein. Wo das nicht gelingt, wo Hass und Zerrissenheit herrschen, da dürfen wir klagen und trauern. Und wir dürfen gewiss sein, dass du, Gott, unsere Klage und Trauer wahrnimmst und unsere Tränen abwischen wirst und uns neuen Mut und neue Lebenschancen schenkst. Darum:

Lasst uns Gott lobsingen! „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen. Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade, darum dass nun und nimmermehr uns rühren kann kein Schade. Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass, all Fehd hat nun ein Ende“.

Der Herr sei mit euch „und mit deinem Geist.“

Du Gott Israels, der du durch Jesus Christus auch unser Gott bist, schenke uns neue Einsichten durch das Wort deiner Bibel. Lass uns heute etwas lernen aus Worten über Verrat und Reue, über Gewalt und Verzweiflung. Mach uns fähig, Trauer zuzulassen in einer Welt, in der viele sich zwischen den Mühlsteinen der Selbstbehauptung und der Resignation zerrieben fühlen. Richte uns auf aus Unsicherheit und Angst, hilf uns, Trauer zuzulassen und zu überwinden! Darum bitten wir dich, Gott, unser Vater, im Namen deines Sohnes Jesu Christi, unseres Herrn. „Amen.“

Als Text zur Predigt hören wir einen Abschnitt aus der Passionsgeschichte Jesu im Matthäusevangelium, Kapitel 27, Verse 3 bis 10:

3 Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass [Jesus] zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück

4 und sprach: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich verraten. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu!

5 Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging davon und erhängte sich.

6 Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Tempelschatz legen; denn es ist Blutgeld.

7 Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für die Fremden.

8 Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag.

9 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis, der geschätzt worden war – den hatten einige von den Israeliten geschätzt –,

10 und gaben sie für den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hat.«

Herr, dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Halleluja. „Halleluja, Halleluja, Halleluja!“

Glaubensbekenntnis

Wir singen zum Volkstrauertag das Bußlied 235, denn die Trauer eines Volkes hat auch mit der Einsicht in schuldhafte Verstrickungen zu tun:

O Herr, nimm unsre Schuld
Gott gebe uns ein Herz für sein Wort und Worte für unser Herz. Amen.

Liebe Gemeinde, vielleicht haben Sie sich gefragt, warum ich uns zum Nachdenken am Volkstrauertag einen Text über Judas ausgesucht habe. Es gibt wohl niemand, der den Judas besonders sympathisch finden würde. Immerhin hat er Jesus verraten. Und nach der Geschichte, die wir gehört haben, wurde er offenbar sogar von seinen Auftraggebern zutiefst verachtet und keiner besonderen Aufmerksamkeit für würdig gehalten.

Judas ist ein kleines Puzzleteil in der Zerrissenheit des Volkes Israel und seiner Führung. Noch vor Jesus, den er verraten hat, fällt er der Sünde zum Opfer, unter der das ganze Volk Israel leidet: Es ist verstrickt ins damalige weltweite Unrechtssystem, das sich allerdings pax Romana nennt, „Römische Friedensordnung“. Mit Hilfe eines starken Militärs beutet es die unterdrückten Provinzen aus. Und die einheimischen Mächtigen dort profitieren von der Weltlage. Diese korrupte Schicht im Volk Israel nennt Matthäus hier beim Namen: „Hohepriester und Älteste“. Wir werden sehen: Der Evangelist Matthäus schreibt den Verräter Judas und seine Auftraggeber in die Geschichte des Gottesvolkes ein. Eine Erzählung von Unrecht und Verrat spiegelt Probleme einer ungerechten und friedlosen Gesellschaft wider – und sie enthält, obwohl wir es nicht erwarten würden, auch ein Stück Evangelium – Frohe Botschaft. Schauen wir uns also noch einmal Vers für Vers den Text zur Predigt an (alle folgenden Zitate in Zitatboxen aus Matthäus 27):

3 Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass [Jesus] zum Tode verurteilt war, reute es ihn.

In diesem Vers steckt das wichtigste Wort des ganzen Abschnitts: „Reue“. Judas bereut, was er getan hat. Und zwar genau in dem Augenblick, in dem er sieht, was er angerichtet hat. Was auch immer die Motive für den Verrat gewesen sind, jetzt sieht er, wie Jesus, den er offenbar nicht zu lieben aufgehört hat, dem Tode preisgegeben wird. Offenbar ist ihm vorher nicht bewusst gewesen, was sein Tun bewirken würde. Um bereuen zu können, muss man sehen, braucht man Ein-sicht.

Wie ist das heute? Sind wir auch verstrickt in Schuld, die uns nicht bewusst ist? Etwa wenn wir über andere Menschen reden, über die Schüler, die im Bus nicht für Gehbehinderte aufstehen, oder über die Asylbewerber, die Straftaten begehen, oder über die alten Leute, die nur über die Jugend von heute schimpfen? Ist uns immer bewusst, dass wir mit solchen allgemeinen Redensarten Menschen Unrecht tun, die nichts dafür können, was andere tun, die zu ihrer Gruppe gehören?

Oder: Wissen wir bei allem, was wir kaufen, woher es kommt, ob Kinder es unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert haben, ob die Hersteller angessene Löhne erhalten, ob unser Klima beim Transport der Produkte zu uns Schaden leidet? Wir können nicht alles überblicken, aber neuerdings schauen viele unter uns etwas genauer hin, um einigermaßen zu wissen, was wir anrichten mit dem, was wir essen und trinken, womit wir Handel treiben.

Judas damals sieht und bereut. Und was tut er?

Und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück.

Hat Judas aus Geldgier den Verrat begangen – er will seinen Judaslohn nicht behalten. 30 Silberlinge – 30 Schekel Silber waren übrigens nach der Wegweisung Gottes (Levitikus 27, 4) „für eine Frau“ zu zahlen, wenn jemand (27, 2) „ein Gelübde für den HERRN … nach dem Wert eines Menschen abgelegt hat“. Für einen Mann hätte man 50 Silberstücke zahlen müssen. Noch einmal kommen in der Tora 30 Silberlinge vor, wenn nämlich (Exodus 21, 28) zum wiederholten Mal „ein Rind einen Mann oder eine Frau stößt, dass sie sterben“ und es sich dabei um (21, 32) „einen Sklaven oder eine Sklavin“ handelt: Dann „soll der Besitzer ihrem Herrn 30 Schekel Silber geben“. Judas hat für seinen Verrat den Gegenwert einer Frau oder eines Sklaven bekommen – so deutet der Evangelist an, dass Jesus für jeden Menschen stirbt und besonders denen zur Seite steht, die in der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle spielen.

4 Und [Judas] sprach: Ich habe gesündigt, unschuldiges Blut habe ich verraten.

Das wichtigste Amt eines Priesters ist die Sündenvergebung. Vor den Hohepriestern bekennt Judas seine Sünde. Er hat unschuldiges Blut verraten. Hatte Judas seinen Verrat als politischen Schachzug geplant, als Nötigung Jesu zur Revolution, dann hat er jetzt eingesehen: Jesus will tatsächlich nicht mit Gewalt losschlagen, er wehrt sich nicht gegen Gewalt. Da wird ein Unschuldiger am Kreuz sterben!

Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu!

Hier sieht man, wie diese Priester nur noch Machtpolitiker sind und ihre eigentliche Aufgabe mit Füßen treten. Nachdem Judas seine Schuldigkeit als Verräter getan hat und sie Jesus nach kurzem Prozess Pilatus zur Kreuzigung übergeben haben, sind ihnen die Gewissensqualen des Judas egal. Aber ihre zynischen Bemerkungen zeigen deutlich: In Wirklichkeit bleiben sie für den Tod Jesu und für die schlimme Lage des Volkes Israel verantwortlich, jedenfalls viel mehr als Judas. Sie verstehen es jedoch, ihre ganze Verantwortung auf Judas abzuwälzen – ja, bis heute ist für uns der Verräter Judas ein Inbegriff des Bösen geblieben.

Warnt Matthäus uns hier vielleicht sogar davor, alle Juden für den Tod Christi verantwortlich zu machen? Denn Judas, hebräisch „Jehuda“, trägt ja den Namen eines der zwölf Stammväter des Volkes Israel und scheint damit die Juden zu repräsentieren, denen viele Christen später vorwarfen: „Ihr habt Christus getötet!“

Was wäre eigentlich gewesen, wenn Judas seine Reue vor Jesus hätte aussprechen können? Ich denke, Jesus hätte ihm vergeben. Entgegen aller Verunglimpfung des Judas auch schon in der Bibel – ich bin überzeugt: Jesus hat dem Judas vergeben! Denn Matthäus hält fest, dass Judas seine Tat bereut. Und Jesus vergibt jedem, der bereut.

5 Und [Judas] warf die Silberlinge in den Tempel, ging davon und erhängte sich.

Über den Tod des Judas gibt es verschiedene Geschichten. Matthäus erzählt sie ganz knapp so, dass Judas nicht zurechtkommt mit seiner von den Priestern nicht vergebenen Schuld. Er setzt seinem Leben ein Ende. Da mag Mitleid mit Judas mitschwingen: Warum konnte er nicht wie später Petrus Vergebung erfahren und annehmen? Denn Petrus hat ja ganz ähnlich wie Judas seinen Herrn Jesus verleugnet, und auch er wäre fast darüber verzweifelt!

Die 30 Silberlinge hat Judas vor seinem Tod in den Tempel geworfen. Mit dieser Bemerkung greift Matthäus eine Szene aus dem Buch des Propheten Sacharja auf. Der hatte in einer Zukunftsvision gesehen, wie in einer sehr verfahrenen politischen Lage ein Hirte, also ein Führer Israels, im Auftrag Gottes das Volk hüten sollte. Am Ende wollen die Schafe sich aber nicht mehr von diesem Hirten hüten lassen. Da sagt dieser Hirte der Zukunft (Sacharja 11, 12-13): „Und ich sprach zu ihnen: Gefällt‘s euch, so gebt her meinen Lohn; wenn nicht, so lasst‘s bleiben. Und sie wogen mir meinen Lohn dar, dreißig Silberstücke. Und der HERR sprach zu mir: Wirf‘s hin dem Schmelzer! Was für eine treffliche Summe, deren ich wert geachtet bin von ihnen! Und ich nahm die dreißig Silberstücke und warf sie ins Haus des HERRN, dem Schmelzer hin.“ Die 30 Silberlinge sind für diesen Hirten ein so unanmessener Lohn, dass sich Gott selbst, der diesen Führer Israels beauftragt hat, dadurch beleidigt fühlt: „so wenig bin ich ihnen wert!“ Darum soll er das Silber in den Tempel werfen, zum Einschmelzen im Tempelschatz, für die Kollekte. „Wirf sie dem Schmelzer hin“, übersetzt Luther, wörtlich steht da im Hebräischen: „Wirf sie dem Töpfer hin“ – dieses Wort sollten wir im Ohr behalten. Will Matthäus andeuten: Hat nicht schon der Prophet Sacharja vorausgesehen, dass der Gute Hirte Jesus den Verantwortlichen seines Volkes nur 30 Silberlinge wert sein wird?

Wie geht die Geschichte nun ohne Judas weiter?

6 Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Tempelschatz legen; denn es ist Blutgeld.

Den Menschen Judas behandeln sie unbarmherzig, aber beim Geld bekommen die Priester Gewissensbisse. Fände Gott wirklich mit Blut besudeltes Geld im Tempelschatz schlimmer, als dass ein Unschuldiger hingerichtet wird und ein Schuldiger sich erhängt?

7 Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für die Fremden.

8 Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag.

Bei Sacharja sollte der Hirte seine 30 Silberlinge dem Töpfer hinwerfen. Hier kaufen die Hohenpriester vom Töpfer einen Acker, der Blutacker genannt wird. Matthäus will wohl sagen: Diese dunklen Worte des Propheten Sacharja damals mit dem Tempel und dem Töpfer – erst jetzt kann man sie richtig verstehen: Mit dem Blutgeld für den Verrat an Jesus, das in den Tempel geworfen wird, tun die Verantwortlichen des Tempels wenigstens etwas Gutes – es wird dem Töpfer gegeben für einen Acker, der den Fremden als Friedhof dienen soll. So unterstützen die Hohenpriester, ohne es zu wissen und zu wollen, sogar die Mission Jesu: Er stirbt auch für Fremde, wird Jünger aussenden, um allen Völkern der Welt die Frohe Botschaft zu verkünden!

9 Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie nahmen die dreißig Silberlinge, den Preis, der geschätzt worden war – den hatten einige von den Israeliten geschätzt –,

10 und gaben sie für den Töpferacker, wie mir der Herr befohlen hat.«

Hier bestätigt der Evangelist selbst, dass er tatsächlich ins Alte Testament zurückblickt. Aber er nennt nicht den Propheten Sacharja, sondern Jeremia. Irrt sich Matthäus? Hat er versehentlich den falschen Namen im Kopf? Denn nur Sacharja spricht von 30 Silberlingen, die dem Töpfer im Tempel hingeworfen werden. Und auch die mangelnde Wertschätzung des von Gott eingesetzten Hirten greift Matthäus auf, indem er die 30 Silberlinge sehr umständlich umschreibt, nämlich – wörtlich übersetzt – als „Schätzpreis für den Eingeschätzten, der eingeschätzt wurde durch einige von den Israeliten“. Nicht das ganze Volk Israel wird pauschal verurteilt, aber einige von den Israeliten behandeln Jesus so, als sei er nichts wert.

Nun kommt es im Matthäusevangelium oft vor, dass der Evangelist sich auf komplizierte Weise an Voraussagen des Alten Testaments erinnert. Manchmal genügen ihm Anklänge an hebräische Worte, die ein bestimmtes Bibelbuch ins Gedächtnis rufen sollen, so dass der, der sich in seiner Bibel auskennt, noch mehr über Jesus erfährt, als Matthäus buchstäblich zu sagen weiß. Ich denke, auch hier ist das so. In unserem Text des Matthäus klingen nämlich Stellen aus sogar drei Kapiteln im Buch Jeremia an.

Nach Jeremia 18 geht der Prophet in das Haus des Töpfers und empfängt dort von Gott das Wort (V. 6): „Kann ich nicht ebenso mit euch umgehen, ihr vom Hause Israel, wie dieser Töpfer? … Siehe, wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr in meiner Hand, Haus Israel.“ Und wenn das Volk Gottes nicht bereit ist, umzukehren (V. 11), „ein jeder von seinem bösen Wege“, kann Gott sein Volk auch strafen. Im Blick auf Menschen, die nicht umkehren und bereuen wie Judas, sondern am Unrecht festhalten wie die Hohenpriester, mag Matthäus das Wort aus Jeremia 18, 12 im Sinn haben: „Aber sie werden sprechen: Daraus wird nichts! Wir wollen unsern eigenen Plänen folgen und jeder nach dem Starrsinn seines bösen Herzens handeln.“

Interessant ist weiter: In Jeremia 32 wird der einzige Kaufvertrag für einen Acker im Alten Testament bezeugt. Als im Jahr 587 v. Chr. der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem belagert, kriegt der Prophet Jeremia von Gott den Auftrag, von seinem Cousin einen Acker zu kaufen. Das tut er auch (32, 9-10) „und wog ihm das Geld dar, siebzehn Schekel Silber.“ Auch wenn es damals nicht 30 Silberlinge sind, mag Matthäus doch daran denken, worauf der ausführlich geschilderte Kaufvertrag hinausläuft (32, 14-15), dass nämlich der „versiegelte Kaufbrief samt einer offenen Abschrift in ein Tongefäß gelegt werden soll, dass sie lange erhalten bleiben. Denn so spricht … der Gott Israels: Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge kaufen in diesem Lande.“ Auch dieses Wort mag Matthäus seinen Lesern im Hintergrund ans Herz legen wollen: Trotz der Strafen, die Gottes Volk immer wieder treffen, gibt es Hoffnung; Gott gibt sein Volk Israel niemals auf!

Aber nicht genug damit. In Jeremia 19 soll der Prophet (19, 1-2) im Auftrag Gottes „einen irdenen Krug vom Töpfer“ kaufen und „etliche von den Ältesten des Volks und von den Ältesten der Priester“ ins „Tal Ben-Hinnom“ in Jerusalem mitnehmen. Dieses Tal heißt auf Hebräisch GeJˀ HiNNoM – und nicht zufällig kommt daher das griechische Wort gehenna, zu Deutsch: „Hölle“. Das Tal GeJˀ HiNNoM war nämlich berüchtigt für Kinderopfer, die man Gott früher hier dargebracht hatte.

Hier hält Jeremia den politisch Verantwortlichen eine Strafpredigt (19, 4), weil, wie Gott selber sagt, „sie mich verlassen und diese Stätte missbraucht und dort andern Göttern geopfert haben … und weil sie die Stätte voll unschuldigen Blutes gemacht … (V.5) haben, um ihre Kinder dem Baal als Brandopfer zu verbrennen, was ich weder geboten noch geredet habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist. … (V.8) Und ich will diese Stadt zum Entsetzen und zum Spott machen, dass alle, die vorübergehen, sich entsetzen und spotten über alle ihre Plagen. … (V.10) Und du sollst den Krug zerbrechen vor den Augen der Männer, die mit dir gegangen sind, (11) und zu ihnen sagen: So spricht der HERR Zebaoth: Wie man eines Töpfers Gefäß zerbricht, dass es nicht wieder ganz werden kann, so will ich dies Volk und diese Stadt zerbrechen.“

Ich denke, Matthäus spielt, indem er auf Jeremia hindeutet, besonders auch auf dieses Wort vom zerbrochenen Krug des Töpfers im Tal der Hölle Jerusalems an. Matthäus schreibt sein Evangelium ja nach dem Jüdischen Krieg und weiß, dass im Jahr 70 n. Chr. Jerusalem und sein Tempel genau wie damals zur Zeit Jeremias wieder zerstört worden ist.

Wahrscheinlich sieht er in Judas einen Gesinnungsgenossen der Revolutionäre, die im Aufstand gegen die Römer das Reich des Messias mit Gewalt herbeiführen wollten und gerade so für den Untergang Jerusalems mitverantwortlich wurden. Immerhin trägt Judas den Beinamen „Iskariot“, was an die Sicarier erinnert, die sich mit dem Dolch im Gewand im Stadtgewühl an Menschen heranmachten, die sie für Feinde des jüdischen Volkes hielten und sie erstachen. Matthäus mag sagen wollen: Verblendete Menschen wie Judas mögen aus Liebe zu ihrem Volk gehandelt haben, Judas mag aus Liebe zu Jesus den Weg der Gewalt beschritten haben, aber es war ein falscher Weg, der Jesus den Tod und Israel die Zerstörung Jerusalems einbrachte.

Und wenn Matthäus an das unschuldige Blut der im Tal GeJˀ HiNNoM geopferten Kinder erinnert, denkt er wohl auch an die Kinder, die in jedem Krieg zu Opfern werden.

Matthäus schiebt in die Geschichte vom Leiden Jesu Christi nur ganz knapp die Erzählung von Judas ein, als Zwischenspiel. Mit wenigen Andeutungen zeigt er, wie die Welt aussieht, in die Jesus als Befreier und Retter hereingekommen ist.

In Jesus leidet Gott unter der Gewalt von Menschen wie den hier geschilderten priesterlichen Machtpolitikern. In Jesus teilt Gott das Schicksal seines Volkes Israel und aller Menschenkinder, deren Blut unschuldig vergossen wird. In Jesus nimmt Gott sogar die Schuld aller Menschen auf sich, seiner Feinde, seines eigenes Volkes, seiner Freunde und sogar des Judas. Mit seinem Verzicht auf Gewalt, seiner Vergebung für Reumütige, mit seinem Tod am Kreuz ist Jesus die Hoffnung für alle, die zur Umkehr bereit sind.

Matthäus schafft es sogar, wir haben es gesehen, Zeichen der Hoffnung in einem so traurigen Text über Judas unterzubringen: Der Verräter kann bereuen. Skrupellose Machthaber kaufen einen Acker zur Bestattung für Fremde. Und als letztes Wort Gottes über sein Volk Israel hört Matthäus das Wort aus dem Buch Jeremia (32, 15): „Man wird wieder Häuser, Äcker und Weinberge kaufen in diesem Lande.“ Ein Volk, das wahrhaft trauern und bereuen kann, ist nicht verloren. Und sein Volk Israel wird Gott niemals aufgeben. Amen.

Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben. Amen.

Wir singen das Lied 247:

1. Herr, unser Gott, lass nicht zuschanden werden die, so in ihren Nöten und Beschwerden bei Tag und Nacht auf deine Güte hoffen und zu dir rufen, und zu dir rufen.

2. Mache zuschanden alle, die dich hassen, die sich allein auf ihre Macht verlassen. Ach kehre dich mit Gnaden zu uns Armen, lass dich’s erbarmen, lass dich’s erbarmen,

3. und schaff uns Beistand wider unsre Feinde! Wenn du ein Wort sprichst, werden sie bald Freunde. Herr, wehre der Gewalt auf dieser Erde, dass Friede werde, dass Friede werde.

4. Wir haben niemand, dem wir uns vertrauen, vergebens ist’s, auf Menschenhilfe bauen. Wir traun auf dich, wir schrein in Jesu Namen: Hilf, Helfer! Amen. Hilf, Helfer! Amen.

Fürbitten und Gebetsstille
Vater unser

Zum Schluss singen wir das Lied 415:

1. Liebe, du ans Kreuz für uns erhöhte, Liebe, die für ihre Mörder flehte, durch deine Flammen schmelz in Liebe Herz und Herz zusammen.

2. Du Versöhner, mach auch uns versöhnlich. Dulder, mach uns dir im Dulden ähnlich, dass Wort und Taten wahren Dank für deine Huld verraten.

3. Du Erbarmer, lehr auch uns Erbarmen. Lehr uns milde sein, du Freund der Armen. O lehr uns eilen, liebevoll der Nächsten Not zu teilen.

4. Lehr uns auch der Feinde Bestes suchen; lehr uns segnen, die uns schmähn und fluchen, mit deiner Milde. O gestalt uns dir zum Ebenbilde.

Abkündigungen

Empfangt Gottes Segen:

Gott segne euch und behüte euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden. Amen.

Orgelnachspiel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.