Rätselhafter Gott

In einer Trauerfeier für eine Frau, die sich in ihrer Verzweiflung das Leben genommen hat, denke ich über Worte aus Psalm 139 und aus dem Johannesevangelium nach, über den rätselhaften Gott und die Hoffnung, die darin liegt, dass auch die Toten Jesu Stimme hören und dass es für alle Menschen eine Auferstehung des Lebens und des Gerichtes gibt.

Rätselhafter Gott: Puzzleteile liegen unverbunden auf einem Tisch herum

Wo bleibt Gott, wenn die Puzzleteile eines Lebens nicht mehr zusammenpassen? (Bild: pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir sind vom Tod betroffen. Wir müssen Frau K. begraben, die im Alter von [über 60] Jahren aus dem Leben gegangen ist. Es ist kein leichter Weg, den wir zu gehen haben. Wir sind hier mit Trauer und Unruhe im Herzen. Fragen, auf die es keine Antwort gibt, treiben uns um. Gut ist es, wenn wir einander heute und in Zukunft nicht alleinlassen, wenn wir wissen, was gesagt werden muss, und wo das Schweigen am Platz ist, wenn wir nach dem Gott fragen, von dem der Prophet Jeremia sagt (Jeremia 17, 9-10.14):

9 Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding; wer kann es ergründen?

10 Ich, der HERR, kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen.

14 Heile du mich, HERR, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.

Worte der Bibel können uns auch helfen, zu Gott zu beten. So lasst uns beten mit Worten aus dem Psalm 139 (GNB):

1 Herr, du durchschaust mich, du kennst mich durch und durch.

2 Ob ich sitze oder stehe, du weißt es, du kennst meine Pläne von ferne.

3 Ob ich tätig bin oder ausruhe, du siehst mich; jeder Schritt, den ich mache, ist dir bekannt.

4 Noch ehe ein Wort mir auf die Zunge kommt, hast du, Herr, es schon gehört.

5 Von allen Seiten umgibst du mich, ich bin ganz in deiner Hand.

6 Dass du mich so vollständig kennst, das übersteigt meinen Verstand; es ist mir zu hoch, ich kann es nicht fassen.

7 Wohin kann ich gehen, um dir zu entrinnen, wohin fliehen, damit du mich nicht siehst?

8 Steige ich hinauf in den Himmel – du bist da. Verstecke ich mich in der Totenwelt – dort bist du auch.

9 Fliege ich dorthin, wo die Sonne aufgeht, oder zum Ende des Meeres, wo sie versinkt:

10 auch dort wird deine Hand nach mir greifen, auch dort lässt du mich nicht los.

11 Sage ich: »Finsternis soll mich bedecken, rings um mich werde es Nacht« –

12 für dich ist auch die Finsternis nicht dunkel, und die Nacht ist so hell wie der Tag.

13 Du hast mich geschaffen mit Leib und Geist, mich zusammengefügt im Schoß meiner Mutter.

14 Dafür danke ich dir, es erfüllt mich mit Ehrfurcht. An mir selber erkenne ich: alle deine Taten sind Wunder!

15 Ich war dir nicht verborgen, als ich im Dunkeln Gestalt annahm.

16 Du sahst mich schon fertig, als ich noch ungeformt war. Im voraus hast du alles aufgeschrieben; jeder meiner Tage war schon vorgezeichnet, noch ehe der erste begann.

17 Wie rätselhaft sind mir deine Gedanken, Gott, und wie unermesslich ist ihre Fülle!

18 Sie sind zahlreicher als den Sand am Meer. Nächstelang denke ich über dich nach und komme an kein Ende.

23 Durchforsche mich, Gott, sieh mir ins Herz, prüfe meine Wünsche und Gedanken!

24 Und wenn ich in Gefahr bin, mich von dir zu entfernen, dann bring mich zurück auf den Weg zur dir!

Liebe Trauernde!

Dieser Tod hat uns bestürzt und erschreckt. Frau K.s Tod war die Folge ihrer langen und schweren Krankheit. Doch wir stellen uns die hilflose Frage, ob es nicht doch noch einen Ausweg für sie gegeben hätte. Sie hat einen solchen Ausweg nicht mehr gesehen. Verzweiflung trieb sie dazu, in völlig einsamem Entschluss ihrem Leben selbst das Ende zu setzen.

Fragen über Fragen tun sich vor uns auf. Hätten wir verhindern können, was geschehen ist? Und wenn wir alles getan haben, was uns möglich war: Wie werden wir fertig mit diesem Gefühl, trotzdem machtlos gewesen zu sein? Wieso konnte sie niemand mehr in ihrer Verschlossenheit erreichen? Wieso fand sie keine Hoffnung und keinen Lebensmut mehr?

Ein Teil unserer Fragen muss schon deshalb unbeantwortet bleiben, weil wir einem anderen Menschen nicht ins Herz sehen können und weil uns Frau K. keine Antwort mehr geben kann. Wir tun gut daran, diese Fragen vor Gott zu bringen und stehen zu lassen, denn nur er sieht unser Herz an, und seiner Gnade vertrauen wir auch Frau K. an.

Ein anderer Teil unserer Fragen dreht sich um unsere Beziehung zu Frau K., was wir ihr gegenüber fühlen und gefühlt haben, wie wir mit diesen Gefühlen fertig werden und wie wir über ihr Leben und ihren Tod denken. Hier müssen wir versuchen, Antworten zu finden, denn wenn wir diese Fragen verdrängen, belasten sie uns ärger, als wenn wir uns ihnen offen stellen.

Und schließlich fragen wir uns: Was wird aus uns? Wer hilft uns in Verzweiflung? Woher schöpfen wir unseren Lebensmut? Und wer braucht möglicherweise von uns heute oder morgen ein ermutigendes Wort oder unsere tröstende Begleitung?

Eine erste Antwort auf manche dieser Fragen ist in dem Psalm enthalten, den wir vorhin gehört haben. Da hieß es, dass wir ganz in Gottes Hand sind, von allen Seiten von ihm umgeben sind, dass er alle unsere Pläne kennt und dass für ihn auch die Finsternisse unseres Lebens nicht undurchdringlich sind. Selbst wenn wir aus dem Leben in die Totenwelt fliehen wollen, sind wir dort nicht von Gott verlassen. Ich bin davon überzeugt: Mut zum Leben, Trost in Trauer, Hoffnung in Verzweiflung finden wir nur, wenn wir zugleich Vertrauen zu Gott fassen. Sinnlos fühlt sich unser Leben an, wenn wir von Gott nichts spüren oder vor ihm davonlaufen.

Allerdings wirft der Psalm 139 auch neue Fragen auf. Wenn Gott uns nicht loslässt, wenn er all unsere Pläne kennt, wenn jeder unserer Tage schon vorgezeichnet ist, wo bleibt dann unsere Freiheit? Sind wir denn nicht verantwortlich für das, was wir tun und lassen? Und wenn doch – warum lässt Gott uns in unser Unglück rennen? Weshalb bewahrt er uns nicht davor, den Sinn unseres Lebens zu verfehlen? Hier weiß der Psalm zwei vorläufige Antworten – die erste: dass Gottes Gedanken für uns Menschen rätselhaft sind, und die zweite: dass Gott aufgefordert wird, uns zu erforschen: „sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege!“

Gott bleibt auch für uns rätselhaft. Vor Gott sind wir für unser Verhalten verantwortlich, und zugleich sind wir auf seine Führung angewiesen. Ohne Gott können wir nichts Gutes tun, und zugleich sind wir von ihm frei geschaffen. Unser Verstand bringt das nicht zusammen. Für ihn gibt es nur ein Entweder – Oder. Entweder sind wir frei – dann sind wir allein verantwortlich für uns selber, dann entscheiden wir selbst mit unseren Taten, was einmal aus uns werden wird. Oder wir werden von Gott geführt – dann tragen wir keine Verantwortung für uns selbst, dann ist Gott schuld an dem Bösen, das wir Menschen tun, denn er hätte uns ja davon abhalten können. Noch einmal: dieses Entweder – Oder gibt es vor Gott nicht. Wir sind verantwortlich UND von Gott geführt. Und da wir an kein Ende kommen, wenn wir darüber nachgrübeln, ist es gut, wenn wir uns von der Rätselhaftigkeit Gottes unserer eigenen Rätselhaftigkeit zuwenden, wenn wir wie der Psalmdichter beten: „Gott, erforsche MICH!“ An uns selber erfahren wir es bedrängend, dass beides nebeneinander und durcheinander da sein kann: dass wir uns verantwortlich fühlen für das, was wir tun, und dann aber auch wieder verstrickt in vielerlei Umstände, die uns dazu verführen, das Gute nicht zu tun. Oder: wir spüren, dass Gott uns begleitet und uns hilft, das Rechte zu tun. Oder es kann auch sein, dass wir uns von Gott alleingelassen fühlen, dass wir nicht gelernt haben, ihm zu vertrauen, dass wir in unserem Leben nicht herauskommen aus unserer Verzweiflung über die Sinnlosigkeit und aus der Verstrickung in Schuld. „Erforsche mich, Gott“ – jeder von uns muss selber sehen, wie es in dieser Hinsicht um ihn steht; wir sind verantwortlich für unser Verhalten, und wir sind angewiesen auf Gottes Führung.

Im Neuen Testament heißt Gottes Führung auch Gottes Vergebung. Wir könnten unsere Verantwortung vor Gott gar nicht aushalten, wenn wir nicht Gottes Vergebung in Jesus Christus kennengelernt hätten. Niemand von uns könnte vor Gott bestehen, wenn Gott nicht unsere Schuld durchstreichen würde, wenn Gott nicht Gnade vor Recht ergehen ließe, wenn Jesus nicht über seine Mörder und auch über seine treulosen Jünger, auch dem Petrus und dem Judas sagen würde (Lukas 23, 34):

Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!

Wer diese Vergebung erfährt, der weiß, dass er ein begnadigter Sünder ist, dass er neuen Lebensmut schöpfen kann, dass er seine Lebensaufgaben nun in voller Verantwortung anpacken kann.

Doch was ist, wenn in unserer Lebenszeit hier auf der Erde dieser Lebensmut nicht mehr zum Durchbruch kommt? Wenn Verzweiflung oder Krankheit uns so sehr abschneiden vom Vertrauen zu anderen Menschen und zu Gott, dass wir keinen Ausweg mehr sehen? So hat Frau K. keine Hoffnung mehr gesehen für ihr Leben, und sie hat sich nun auch jede Möglichkeit genommen, hier auf der Erde andere Erfahrungen zu machen. Ist damit nun für sie alle Hoffnung am Ende?

Ich möchte eine Antwort auch auf diese Frage wagen, indem ich einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Johannes 5, 24-25.28-29, lese. Jesus Christus spricht:

24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

25 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.

28 Wundert euch darüber nicht. Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden,

29 und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Dieser Abschnitt geht davon aus, dass Gottes Vergebung auch an der Grenze des Todes nicht zu Ende ist. Auch die Toten können noch die Stimme Jesu Christi hören und können zum Vertrauen zu Gott fähig werden, können zum Leben gelangen. Von dieser Zuversicht ist dieser Bibelabschnitt getragen, aber auch von tiefem Ernst. Denn hier wird noch einmal ganz deutlich, dass es trotzdem nicht gleichgültig ist, was wir auf der Erde tun. Da wir alle sowohl Gutes als auch Böses getan haben, gibt es für uns alle eine Auferstehung des Lebens UND des Gerichts. Ich stelle mir das so vor, dass wir uns im Licht der Liebe Gottes erst einmal so richtig bewusst werden, wo wir uns verfehlt haben, wo wir anderen Menschen Liebe schuldig geblieben sind, wo wir eigene und fremde Chancen zum Leben weggeworfen haben. „Gericht“, das bedeutet ein äußerst schmerzhaftes Bewusstwerden, dass wir eigentlich unser Leben verspielt haben und keinen Anspruch auf ewiges Leben haben. Nur dadurch, dass Gottes Liebe größer ist als unsere Schuld, brauchen wir nicht zu verzweifeln. Er lässt uns auch nicht verloren gehen. Und damit ist auch all das Gute, das wir in unserem Leben auch zustande gebracht haben, nicht vergeblich gewesen.

In diesem Lichte können wir nun das Leben von Frau K. betrachten: all das Gute, das ihr in ihrem Leben geschenkt war, und auch all das Gute, das sie anderen Menschen erwiesen hat. Wir brauchen aber auch nicht das übersehen, was ihr Leben überschattet hat und was wir einander schuldig geblieben sind. Wir können ihr unsere Liebe über den Tod hinaus bewahren, wir können Gott für das Gute danken, wir können Gott das Belastende anvertrauen und ihn um Vergebung bitten.

Erinnerungen an das Leben der Verstorbenen

Sie bleiben zurück, mit widersprüchlichen Gefühlen im Herzen. Dankbarkeit ist da und auch Enttäuschung, Traurigkeit und die Frage nach der eigenen Verantwortung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht meinen, alles wegdrängen zu müssen, sondern dass Sie da hindurchgehen können im Vertrauen auf die Vergebung und den Trost von Gott. Im Vertrauen auf Gott halten wir alles aus und werden neue Wege finden für unser Leben, wenn sie auch manchmal von Schmerzen und Anstrengungen geprägt sind. Amen.

Wir beten mit den Worten eines alten Gesangbuchliedes (EKG 286 – nicht im EG):

1. Ach Gott, wie manches Herzeleid begegnet mir zu dieser Zeit; der schmale Weg ist trübsalvoll, den ich zum Himmel wandeln soll; wie schwer doch lässet Fleisch und Blut sich zwingen zu dem ewgen Gut!

2. Wo soll ich mich denn wenden hin? Zu dir, Herr Jesu, steht mein Sinn; bei dir mein Herz Trost, Hilf und Rat allzeit gewiss gefunden hat; niemand jemals verlassen ist, der hat getraut auf Jesum Christ.

5. Kein bessre Treu auf Erden ist denn nur bei dir, Herr Jesu Christ; ich weiß, dass du mich nicht verlässt, dein Wahrheit bleibt mir ewig fest, du bist mein rechter treuer Hirt, der ewig mich behüten wird.

Amen.

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