Der einsame Vogel auf dem Dach

Trauerfeier für einen alten Mann, der nach einem erfüllten Leben mehr in der Vergangenheit lebte und sich von den Menschen zurückzog.

Der einsame Vogel auf dem Dach - eine Amsel sitzt auf einem Dach und blickt in die Weite unter einem blauen Himmel

Ein Vogel auf dem Dach (PIRO4D – pixabay.com)

Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Liebe Trauergemeinde, wir sind hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Herrn P., der im Alter von [über 70] Jahren gestorben ist.

Angesichts des Todes besinnen wir uns auf Gott, den Herrn über Leben und Tod. Wir hören Worte von Gott, die der Prophet Jesaja im 40. Kapitel seines Buches aufgezeichnet hat:

1 Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott.

2 Redet mit [den Menschen in der Stadt] freundlich und prediget [ihnen]…, dass ihre Schuld vergeben ist.

6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk!

8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

10 Siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen.

11 Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte. Er wird die Lämmer in seinen Arm sammeln und im Bausch seines Gewandes tragen und die Mutterschafe führen.

Liebe Gemeinde!

Die Bibel ist realistisch, wenn sie von den Menschen sagt: „Alles Fleisch ist wie Gras oder wie eine Blume.“ Wir wachsen und blühen für kurze Zeit, und dann ist unser Leben vorbei. Damit hört der Realismus der Bibel aber nicht auf. „Aber das Wort unseres Herrn bleibt ewig.“ Zwar ist unser Leben vergänglich, aber es gibt etwas, das bleibt. Das Wort Gottes bleibt.

Dieses Wort Gottes ist kein leeres Wort. Es besteht aus Trost für Menschen, die leiden und trauern, und aus Vergebung für Menschen, die sich schämen, weil sie nicht das Richtige getan haben. Das Wort Gottes kann als hart empfunden werden, weil es die Dinge beim Namen nennt, in Wahrheit ist das Wort Gottes jedoch freundlich, weil es das Böse durch Gutes überwindet.

Der gewaltige Gott wird herrschen, heißt es bei Jesaja, er kommt mit gewaltigem Arm, aber nicht um mit diesem Arm zu verletzen oder zu töten, sondern um die Menschen wie eine Schafherde auf den richtigen Weg zu führen, und die Kleinen und Schwachen dabei regelrecht in den Arm zu nehmen und durch schwere Zeiten hindurchzutragen.

Mit dem Blick auf diesen Gott betrachten wir nun das Leben eines Menschen, das zu Ende gegangen ist. Es war kein einfacher Lebensweg, aber es war kein Leben ohne Trost und ohne Sinn.

Erinnerungen an das Leben des Verstorbenen

Viele Jahre spielte sich das Leben von Herrn P. zwischen seiner Wohnung, dem Arbeitsplatz und dem Grundstück ab, wo das Ehepaar einen Wohnwagen stehen hatte und gern die Wochenenden im Sommer verbrachte. Als Rentner war er noch viel öfter dort draußen; er konnte stundenlang stehen, schauen und schweigen. Überhaupt war er ein ziemlich ruhiger Mensch, er war zurückhaltend und lebte ein eher zurückgezogenes Leben.

Als seine Frau schwer krank wurde, hat Herr P. sie lange gepflegt, bis sie gestorben ist. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, im Grab seiner Ehefrau beigesetzt zu werden.

Zuletzt ging es Herrn P. gesundheitlich immer schlechter, er konnte sich zu Hause nicht mehr allein versorgen. Er nahm die Gegenwart nicht mehr richtig wahr, sondern lebte mehr in der Vergangenheit. So war es ihm wichtig, sich um den Kater zu kümmern, obwohl der schon gar nicht mehr lebte. Kurze Zeit nach dem Umzug ins Pflegeheim ist er recht schnell und unerwartet gestorben.

Ich weiß nicht, wie viele an ihn zurückdenken und um ihn trauern, aus seiner gar nicht so kleinen Verwandtschaft, aus dem Bekannten- und Freundeskreis, aus der Nachbarschaft und von den früheren Arbeitskollegen.

War Herr P. ein glücklicher Mensch? Hat er seine Lebenserfüllung gefunden? Da war seine glückliche Ehe und seine große Familie. Da war seine Arbeit, die Zeit im Wohnwagen, sein Kater. In den letzten Jahren allerdings zog sich Herr P. ziemlich zurück. Selbst bei seinem Geburtstag wollte er lieber allein bleiben, sagte er, als ich ihn einmal besuchte. Ich musste an Psalm 102, 8 denken (nach der Lutherbibel 1912):

Ich wache und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache.

Der einsame Vogel auf dem Dach – er ist allein, aber mit dem Blick von oben in die Ferne, er sieht von weitem, was sich abspielt, er hält sich zurück, aber das heißt nicht, dass er sich nicht für die anderen interessiert. Er will die Ruhe bewahren, will keinen Streit verursachen, fühlt sich da oben in Sicherheit.

Diese Gedanken kamen mir so, als ich über den Bibelvers nachdachte; ob das Ganze etwas mit Herrn P. zu tun hat, müssen Sie selbst entscheiden.

Im Psalm der Bibel muss der einsame Vogel übrigens nicht allein bleiben, denn es heißt zehn Verse weiter (Psalm 102, 18):

Er wendet sich zum Gebet der Verlassenen und verschmäht ihr Gebet nicht.

Gebete muss man sich nicht immer mit gefalteten Händen und frommen Worten vorstellen. Gebete sind manchmal schlicht Seufzer, die aus einem verzweifelten Herzen kommen, und Gott hört gerade solche Gebete.

Ich glaube fest daran, dass Gott im Tode gerade diejenigen mit besonders großer Ehre und Liebe annimmt, die auf dieser Erde nicht immer mit Glück gesegnet waren. Gott will nicht, dass irgendjemand verloren geht, dem er einmal das Leben geschenkt hat.

Lassen Sie mich am Ende dieser Ansprache mit Worten aus Psalm 139 beten:

13 [Gott,] du hast [mein Inneres geschaffen] und hast mich gebildet im Mutterleibe.

14 Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.

15 Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde.

16 Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

17 Aber wie schwer sind für mich deine Gedanken!

23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine.

24 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege. Amen.

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